Brotspekulanten

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Brotspekulanten

von Serge Halimi

Der Internationale Währungsfond (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO) versprachen einst, die Ausweitung des internationalen Handels werde dazu beitragen, Armut und Hunger zu beseitigen. Wollten sie den Anbau von Nahrungspflanzen fördern? Waren sie für Nahrungsmittelautarkie? Nein, man hielt sich für schlauer: Die armen Ländern sollten die lokale Landwirtschaft aufgeben und für den Export produzieren. Mexiko oder die Philippinen sollten nicht etwa darauf setzen, dass ihre Natur den Anbau von Tomaten und Ananas begünstigt, sondern auf ihre Produktionskosten, die niedriger sind als in Florida oder Kalifornien.

Der Bauer in Mali sollte sich hinfort darauf verlassen, dass die internationalen Getreidekonzerne für sein täglich Brot sorgen. Er sollte sein Land aufgeben und in die Stadt gehen, um in einer „westlichen“ Fabrik zu arbeiten, die von der Produktion in einem Billiglohnland profitiert. Für die Küstenstaaten Afrikas lautete das Konzept, dass sie ihre Auslandsschulden abtragen können, indem sie ihre Fischereirechte an die reichen Länder mit ihren industriellen Fangflotten veräußern. Anschließend kann der Fischer in Guinea ja dänische oder portugiesische Fischkonserven kaufen. Paradiesische Marktverhältnisse also, vor allem für das Vermittlergewerbe: für Vertriebs- und Exportfirmen, Versicherer und Werbeagenturen.

Doch plötzlich verkündet die Weltbank, die das alte Entwicklungsmodell verordnet hatte, dass in 35 Ländern Hungerrevolten drohen. Und die WTO ist alarmiert über die Gefahr einer Rückkehr zum Protektionismus, denn sie sieht mit Sorge, wie Nahrungsmittelexportländer (wie Indien, Vietnam, Ägypten, Kasachstan) ihre Auslandslieferungen einschränken, um – wie unverschämt! – die Ernährung der eigenen Bevölkerung sicherzustellen.

Jene Staaten, die auf Anraten von Weltbank und IWF ihre Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln geopfert haben, können heute nicht einmal mehr über ihre eigene Ernte verfügen. Immerhin hat ihnen die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bereits ausgerechnet, dass sich ihre Getreideimporte jährlich um 56 Prozent verteuern werden. Die FAO fordert daher für ihr Welternährungsprogramm (WFP), das 73 Millionen Menschen in 78 Ländern unterstützt, eine Aufstockung um 500 Millionen Dollar.

Diese Forderung gilt offenbar als übertrieben. Bislang wurde dem WFP nur die Hälfte der zusätzlichen Mittel bewilligt. Dabei bettelt die WFP-Leitung nur um einen Betrag, den ein paar Stunden Irankrieg verschlingen, oder um ein Promille dessen, was die US-Hypothekenkrise den Bankensektor kostet, dem der Staat übrigens großzügig unter die Arme greift. Oder noch anders gerechnet: Das WFP bittet für sechs Millionen hungernder Menschen um 13,5 Prozent der Summe, die der Hedgefondsmanager John Paulson verdient hat, weil er klugerweise voraussah, dass in den USA hunderttausende Immobilienbesitzer in die Schuldenfalle rasseln würden.

Auch beim Thema Hunger weiß niemand im Voraus, wie profitabel die bevorstehenden Hungersnöte sein werden und für wen. Aber in dieser Welt lässt sich alles zu Geld machen.

Nachdem die US-Zentralbank mit ihrer Geldpolitik schon die IT-Blase aufgepumpt hatte, animierte sie zu noch mehr Schulden. Das Ergebnis war die Immobilienkrise. Nachdem auch diese Blase geplatzt ist, haben die Spekulanten ein altes Eldorado neu entdeckt: die internationalen Getreidemärkte. Die umfangreichen Termingeschäfte auf Weizen und Reis, die derzeit abgeschlossen werden, zeigen, dass die Spekulanten hoffen, ihre Verträge später mit Gewinn verkaufen zu können. Das bedeutet natürlich höhere Preise – und mehr Hunger in der Welt. Und was tut der IWF, der nach Meinung seines Generaldirektor über die „weltbeste Mannschaft von Ökonomen“ verfügt? Er verkündet: „Ein Mittel, um das Probleme des Hungers zu lösen, ist die Ausweitung des internationalen Handels.“

Wie schrieb der Musiker und Anarchist Léo Ferré? „Um selbst mit der Verzweiflung Geschäfte zu machen, muss man nur die richtigen Worte finden.“

Le Monde diplomatique vom 09.05.2008, von Serge Halimi