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Brief aus Budapest, Mitteleuropa

von Gábor Papp

Liebe Freundin,

wundere dich nicht über die als Absender fungierende Region. Wenn ich betone, dass ich meinen Brief aus Mitteleuropa schreibe, dann nicht, weil ich irgendeine mitteleuropäische Identität hätte – diesen Daseinszustand nimmt man eher mit Resignation zur Kenntnis, als dass man sich stolz zu ihm bekennen würde –, sondern weil ich auf die Frage, was du bei uns beachten solltest, nur mit einem breiteren Ausblick antworten kann.

Du bist seit unserem EU-Beitritt 2004 nicht mehr hier gewesen. In dieser Region, deren Benennung – „Mitteleuropa“ – höchstens einem Marsbewohner oder einem in Feuerland geborenen Geodäten als eine geografische Bezeichnung erscheinen mag, wirst du seltsamen Dingen begegnen. Seit jeher sind es politische und geschichtliche Begriffe gewesen, unter denen sich manche Länder gern subsumieren ließen, andere haben sich eine solche Zuordnung verbeten.

Während der Epoche der zwei Hemisphären konnte man unter dem Etikett Mitteleuropa aus dem politischen Osten in den Westen hinüberschielen, und die Westlicheren unserer tschechischen Schicksalsgenossen betrachteten sich als dazugehörig, heute sind sie bereits stolze Westeuropäer. In dieser Hinsicht hat sich also nichts geändert.

Würdest du etwas mehr als ein paar Tage in Ungarn und in einem seiner Nachbarländer verbringen, dann hättest du das Gefühl, in ein globales Dorf geraten zu sein, das deinem geliebten Berlin in vielem ähnlich ist. Nur scheinen die Leute, die zwischen den Filialen der gewohnten Handelsketten und den bei all ihrer Unterschiedlichkeit im Einheitsstil erbauten Büropalästen herumlaufen, dem Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud entflohen zu sein, als würde ein ideengeschichtliches Panoptikum die Straßen bevölkern. Mit Fahnen, Emblemen, Porträts – lauter Reliquien, von denen keiner angenommen hätte, dass sie je wieder aus den dumpfen Untiefen auftauchen könnten.

Du kannst hier eine sonderbare Welt in Augenschein nehmen: Die Zeit scheint in zwei verschiedene Richtungen zugleich zu rasen – vorwärts in die Globalisierung des 21. Jahrhunderts und zurück in die schrecklichsten Jahre des grauenvollen zwanzigsten, in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und seines Heranreifens.

Da ich meinen Brief aus Budapest datiere, möchte ich mit hiesigen Beispielen beginnen. Bei gegenwärtigen Massenveranstaltungen wirst du neben den Farben der Nationalfahne am häufigsten – mancherorts in der Überzahl – die Fahne jener Nazipartei sehen, die im Oktober 1944 mit deutscher Hilfe durch einen Putsch die Macht an sich riss und die die jüdische Bevölkerung, eine der größten Europas, internierte und in die Vernichtungslager schickte beziehungsweise die „Endlösung“ an vielen tausend Menschen eigenhändig vollstreckte sowie unter Opferung des Lebens von zehntausenden Soldaten und Zivilisten an Hitlers Seite ausharrte, bis das Land in Trümmern lag.

An deren rot-weiß gestreifter Fahne – zugegeben ohne das damalige Parteiemblem –, unter der das dunkelste und tragischste halbe Jahr seiner Geschichte über das Land hereinbrach, findet weder die Verfassung noch ein bedeutender Teil der ungarischen Gesellschaft etwas auszusetzen, und ihr Gebrauch veranlasst auch die parlamentarische Opposition lediglich zu einer soliden Distanz – aber keinesfalls zu Protesten.

Auf Auto-Aufklebern wirst du die rot-weißen Streifen massenweise sehen können, gemeinsam mit einer Abbildung Ungarns mit den Grenzen, wie sie 1920, das heißt, vor den Friedenschlüssen in den Pariser Vororten verliefen. Über Trianon, wo die siegestrunkenen Entente-Mächte – von deren Hochmut und Gnadenlosigkeit gegenüber den Besiegten auch ihr ein Lied singen könnt – zwei Drittel der Fläche des historischen Ungarn und die Hälfte seiner Bevölkerung den neuen Nachbarn zugeschlagen hatten, wirst du mehr reden hören als über Brüssel und die Europäische Union.

Und ich muss dir auch berichten, dass Politiker, Abgeordnete und zurzeit der Rechtsregierung sogar Minister nach Rumänien, in die Slowakei und in die südslawische Nachbarschaft mit Aufklebern gefahren sind, die das Gebiet des besuchten Landes als ungarisches Territorium zeigen. Stell dir vor, auf den Autos von Ministern und Prominenten des deutschen Bundestags würde bei ihren Polenreisen das D in einem Deutschland prangen, das Danzig, Königsberg und Schlesien und so weiter umfasst! Bei uns ist so was gang und gäbe wie Sonnenschein im Juli.

Doch du kannst in meinem Land auch andere EU-Kuriositäten zu Gesicht bekommen. Wenn du dem Donaustädtchen Nagymaros einen Besuch abstattest, kannst du dir einen schön renovierten Hauptplatz ansehen, den eine Freiplastik ziert, die die Städte des sogenannten historischen Ungarn abbildet. Städte, die sich heute in der Mehrzahl auf dem Gebiet unserer Partner in der Union, der Slowakei und Rumäniens, befinden. Wie eine Tafel dokumentiert, wurde die Renovierung des Platzes größtenteils mit EU-Geldern finanziert.

Wenn du auf das Rasen in die Vergangenheit neugierig bist, sieh dich auch in unseren mitteleuropäischen Nachbarstaaten um – Geschwindigkeitsbegrenzungen lässt man auch dort außer Acht. Bedenke aber zuvor gut, an welcher Stelle du die virtuelle innereuropäische Grenze übertreten möchtest. Du könntest sonst in eine slowakische Ortschaft geraten, die von der lokalen Obrigkeit am Tag des Beitritts zum Schengenraum mit Blumen in massiven Betonkästen geschmückt wurde. Für deren Aufstellung wurde die Fahrbahn der Verbindungsstraße zwischen den beiden Ländern als passend erachtet … (Nebenbei bemerkt gibt es auch bei unseren österreichischen Freunden ähnliche Beispiele.)

Wundere dich zum Beispiel nicht, wenn dir in der Slowakei von den Tausend-Kronen-Banknoten Pater Andrej Hlinka grimmig entgegenblickt. In unserem mitteleuropäischen Geschichtspanoptikum können die extremistischsten Figuren der 1930er-Jahre erhobenen Hauptes herumspazieren, wie eben jener Hlinka, der einstige Verbündete von Konrad Henlein, seines Zeichens Führer der nationalsozialistischen Sudetendeutschen Partei, der Linksparteien nur als „jüdisch-bolschewistisches Gesindel“ bezeichnete und von sich behauptete, er sei der slowakische Hitler und schaffe Ordnung hier, wie Hitler in Deutschland. Josef Tiso, dem nach dem Krieg hingerichteten faschistischen Diktator des Vasallenstaats, wurde die Ehre eines Geldscheins nicht zuteil, aber immerhin betreibt eine unserer Regierungsparteien derzeit eifrig seine Reinwaschung.

Du musst dich daran gewöhnen, dass bei uns nicht Gelehrte das Urteil in historischen Fragen sprechen, sondern Parteiführer, Ministerpräsidenten und Staatsoberhäupter. Auch jetzt konnte die Welt anlässlich des 15. Jahrestags der Gründung der unabhängigen Slowakei von Ministerpräsident Robert Fico erfahren, dass die Slowaken bereits in einer Staatsgemeinschaft lebten, als das Gebiet der gegenwärtigen europäischen Staaten noch ausschließlich von Tieren bevölkert war. Ebenfalls vom Ministerpräsidenten wurde der Räuber Janosik, die sagenumwobene, 1713 brutal hingerichtete Kanaille, zur Größe einer nationalen Legende erhoben.

Du hast gefragt, welchen Reiseführer du mitnehmen sollst. Ich darf dir einen historisch-politischen Guide empfehlen, der vielleicht auch als Erläuterung meines Briefs dienen kann. Sein Autor Lajos Grendel war als ungarischer Schriftsteller in der Slowakei auch Präsident des slowakischen Schriftstellerverbandes. Lass mich ein wenig länger daraus zitieren:

„1. Mitteleuropa ist diejenige Region des Kontinents, die aus allen vier Himmelsrichtungen jederzeit erobert werden kann. 2. Mitteleuropa ist die Heimat des Mitteleuropäers, doch auf seinem Gebiet sind sehr häufig Truppen fremder Armeen stationiert. 3. Der Mitteleuropäer ist hinsichtlich seiner Abstammung und Nationalität in einem die Bedeutung der Sache weit übersteigenden Maße empfindlich. 4. Der Mitteleuropäer wird irgendeinem historischen Algorithmus gemäß in regelmäßigen Abständen okkupiert, man könnte auch sagen, ständig vergewaltigt. 5. Deshalb hat der Mitteleuropäer eine größere Neigung zur Paranoia als der Nichtmitteleuropäer. 6. Seit einiger Zeit besteht Mitteleuropa aus Kleinstaaten, weshalb die Klaustrophobie hier verbreiteter ist als anderswo. 7. Diese Kleinstaaten sind arm. 8. Die Identität der mitteleuropäischen Eingeborenen wurde in den vergangenen siebzig, achtzig Jahren unausgesetzt in Mitleidenschaft gezogen. 9. Der Mitteleuropäer möchte auch erfolgreich, reich, anerkannt und glücklich sein, doch dafür bieten sich ihm gerade in seiner Heimat die wenigsten Chancen.“

Diese Zeilen hat unser Freund Lajos vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Einige Punkte sind überholt, andere seiner Thesen bleiben von den unfassbar dynamischen, technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen, den mächtigsten der Weltgeschichte, vom rasanten Werden der globalen Weltordnung und den Interaktionen der Hauptdarsteller der Weltwirtschaft gänzlich unberührt. Weißt du, gerade zu einer Zeit, in der im westlichen Teil Europas die Bedeutung von Abstammung und Nationalität geringer ist als je zuvor, hat sich die diesbezügliche Empfindlichkeit des Mitteleuropäers nur noch weiter gesteigert, entweder weil sein Land verstümmelt wurde oder weil er es endlich, endlich zu einem eigenen Staat gebracht hat.

Aus alldem folgt, dass die Mythen des Ethnozentrismus in der Zeit der Rede- und Gedankenfreiheit, die sich in Mitteleuropa zu guter Letzt eingestellt hat, unantastbarer sind, als sie es jemals waren. Was die erlittene Ungemach der Nation und die Eckpfeiler des Ethnozentrismus betrifft, ist es für sämtliche politischen Akteure der Region Pflicht, mit einer Stimme zu sprechen.

Du wirst es nicht glauben, liebe Freundin, Ende September vergangenen Jahres, als das slowakische Parlament die Unwiderruflichkeit der Benesch-Dekrete bekräftigte, konnte kein einziger Abgeordneter slowakischer Nationalität – unter ihnen gibt es eine ganze Reihe achtenswerter Politiker bar jeder nationalen Voreingenommenheit – sich erlauben, gegen einen anachronistischen und in praktischer Hinsicht völlig sinnlosen Parlamentsbeschluss zu votieren, dessen einziger Zweck es war, die nationalen Gefühle zu bedienen beziehungsweise die Gemüter der damaligen Geschädigten, der Deutschen und Ungarn, zu erhitzen.

Neben dem zitierten mitteleuropäischen wegweisenden Werk möchte ich dir noch einen Gedanken mitgeben, dessen traurige Gültigkeit auch ihr in Deutschland angesichts des Wiederauflebens der extremen Rechten bestätigen könnt. Die von dem genialen Schriftsteller des amerikanischen Südens, William Faulkner, in ganz anderer Umgebung niedergeschriebene Feststellung hat für mich universellen Charakter: „Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen.“

Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer Gábor Papp leitet die ungarische Ausgabe von Le Monde diplomatique in Budapest. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.07.2008,