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Im Hackerlabor

Was aussieht wie ein brachliegendes Industriegebäude, ist in Wirklichkeit ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Doch gibt es hier keine Ateliers voller Farbtöpfe und Leinwände, sondern elektronische Bauteile, Computerhandbücher und Rechner, komplett oder auch in Einzelteile zerlegt. Wer hier arbeitet, will auch nicht die eigenen Werke ausstellen, sondern seine Kenntnisse mit anderen teilen und mit anderen zusammenarbeiten, um den „kreativen Gebrauch von Technologie“ weiterzuentwickeln.

Das an einer Eisenbahnlinie in Vitry-sur-Seine in der Pariser Banlieue gelegene /tmp/lab hat zwei bekannte Projekte zum Vorbild: das Wiener Metalab und die c-base in Berlin, zwei Hackerspaces, in denen sich Informatiker, Elektroniker, Forscher und Künstler zusammengefunden haben.

Im Juni 2008 organisierte das /tmp /lab sein erstes Hacker Space Festival. Statt eines Mottos hatten sich die Veranstalter einige Fragen vorgegeben: „Wie würde das Internet ohne Hacker aussehen? Wie die Informationstechnologie ohne freie Software? Wie wäre es um eine Kultur bestellt, die vollständig von geschlossenen Medienkanälen und DRM-Systemen bestimmt wäre?“

Als Digital Rights Management (DRM) oder digitale Rechteverwaltung bezeichnet man Programme, die gewisse Nutzungsformen kontrollieren sollen, vor allem die Speicherung und Weitergabe urheberrechtlich geschützter Dateien.

Zu den Attraktionen des Festivals zählten „Consumer B-Gone“, ein Handyklingelton, mit dem man den Mechanismus an- oder ausschalten kann, der die Rollen von Einkaufswagen beim Verlassen des Supermarktgeländes blockiert. Originell auch „Bricophone“, ein Projekt zur Entwicklung eines unabhängigen Billigmobilfunknetzes, oder eine „Kartoffelorgel“, die die Energie von Kartoffeln in Musik verwandelt, oder „Circuit Bending“-Ateliers, in denen man lernen kann, wie man elektronisches Kinderspielzeug mit einfachen Tricks dazu bringen kann, Musik zu machen.

Nach dem Vorbild der zehn Hacklabs oder Hackerlabore, die es weltweit gibt, wollte das /tmp/lab die Hemmschwelle vor dem Hacken etwas abbauen, aber nicht etwa, um zu willkürlichem „Piratisieren“ aufzufordern, sondern um den Anwendern ihre zentrale Rolle zurückzugeben: Sie sollen die Geräte verstehen können, die sie benutzen, statt von ihnen abhängig zu sein. Wenn die Anwender lernen, wie die Technik funktioniert und wie sie sich verbessern oder austricksen lässt, können sie die auch besser kontrollieren. JMM

Le Monde diplomatique vom 12.09.2008,