Artikel

Artikel drucken zurück

Brief aus New York

von Lena Meier

Um zu meinem Arbeitsplatz im Sekretariatshochhaus bei der UN zu kommen, laufe ich jeden Morgen vom Bahnhof Grand Central durch die Schneise, die die 43. Straße durch die Hochhäuser zum East River schlägt. Nach Feierabend habe ich dann das Bedürfnis, so schnell wie möglich den engen Straßenschluchten und der schwülen Hitze zu entkommen, die sich im Sommer zwischen den Häusern festsetzt, als bliebe sie für immer.

Das letzte Wochenende habe ich deshalb auf einem Dach begonnen, dem des Metropolitan Museums. Freitags ist die sogenannte Rooftop Garden Martini Bar bis nach Sonnenuntergang geöffnet. Schon bevor ich auf dem Dach ankam, freute ich mich an dem Weg, den man zur Bar nimmt. Er beginnt in der Eingangshalle, die mit ihrer hohen gewölbten Decke und ihrer Weitläufigkeit an eine elegante Bahnhofshalle erinnert. Es ist dort auch genauso wuselig, voller Besucher. Zum Rooftop Garden geht es durch Ausstellungsräume mit antiken griechischen Büsten und Torsi, vorbei an der aktuellen Sonderschau zum Einfluss von Superhelden auf die Mode und dann mit dem Aufzug ganz hinauf.

In diesem Sommer steht auf dem Museumsdach die Riesenversion eines Luftballonpudels, wie ihn Straßenkünstler manchmal zurechtknoten. Dieser Pudel ist aus Edelstahl mit einer farbigen Hülle und stammt von Jeff Koons. Dort, wo ich stand, konnte ich in jedem seiner prallen Glieder mich und meine Abendgesellschaft gespiegelt sehen. Der ganze Hund strahlte golden in der Spätnachmittagssonne, und der Cocktail, den ich trank, trug den passenden Namen Balloon Poodle Martini auf Eis.

Ich kam mir vor wie in einem Film über abendliche Beschäftigungen erfolgreicher junger Menschen in New York. Dabei ging es vielen dort auf dem Dach wahrscheinlich wie mir: Der Erfolg besteht darin, in dieser Stadt zu überleben, die überteuerte Wohnung und die anstrengenden Mitbewohner zu ignorieren und sich immer wieder darin zu bestätigen, dass man die beste Zeit seines Lebens hat. Und New York bietet dafür die perfekte Kulisse: Vom Museumsdach sah ich in alle Richtungen am Horizont eine Skyline, die unbedingt zum Fotografieren einlud, und unten wucherte üppig grün einer der berühmtesten Parks der Welt.

Im Sommer ist er übrigens nicht nur Jogging-, Flanier- und Entspannungsort, sondern auch Bühne für Musik und Theater. Vieles findet auf dem Great Lawn, der großen Liegewiese auf halbem Weg zwischen dem Südende und dem großen Central Park Reservoir statt, dem See, in dem noch bis vor fünfzehn Jahren Wasser für Downtown Manhattan gespeichert wurde. Jeden Samstag- und Sonntagnachmittag im Sommer kann man dort Pop-, Hiphop- und Weltmusik live erleben. Außerdem spielte eine Theatertruppe unter dem Titel „Shakespeare in the Park“ von Mai bis August Shakespeare-Dramen. Mitte Juli gaben die New Yorker Philharmoniker ein Konzert mit dem Pianisten Lang Lang. Und alles umsonst.

Der Auftritt der Philharmoniker ist für viele das Highlight der Sommersaison. Diverse Kolleginnen machten mich auf den Termin aufmerksam und sahen zu, dass sie rechtzeitig aus dem Büro kamen. Zehntausende New Yorker finden sich dort zum Picknick mit Freunden ein, und bestimmt ist die Aussicht, illegalerweise eine Flasche Rotwein im Freien zu trinken, für viele noch verlockender als die Musik. Der Abend endet traditionell mit einem Feuerwerk.

Ich bin Klassikfan und konnte mir nicht vorstellen, die Philharmoniker aus hundert Metern Entfernung als Hintergrundmusik zu hören. Deshalb fuhr ich in den Brooklyner Stadtteil Greenpoint, wo es im McCarren Park ein originelles Open-Air-Kino gibt.

Obwohl auch Brooklyn mit Mythen besetzt ist, ist es doch realer als Manhattan. In Greenpoint leben zwar viele Hipster in Jeans, die ihnen wie Strumpfhosen an den Beinen kleben, aber es gibt auch noch die anderen, älteren, polnischen Bewohner. Die Polen haben auf den Hauptstraßen ihre kleinen Bäckereien, Wäschereien und Restaurants, in denen man Pierogi bekommt. In den Seitenstraßen hocken die Hipster auf den Stufen vor den zweigeschossigen Häusern, die für die Gegend typisch sind .

Das Sommerkino passt mit seinem Retrocharme eher zur coolen Fraktion. Es besteht aus einem ehemaligen Schwimmbecken, das man durch den monumentalen Doppelbogen eines rostrot gestrichenen Turmgemäuers betritt. Ich musste an sozialistische Architektur denken. Tatsächlich stammt die Anlage aus der Zeit des New Deal und hat wohl deshalb überdimensionale Ausmaße. Das Becken ist riesig. Hier sollen 6 800 Menschen gleichzeitig gebadet haben.

Die ursprüngliche Funktion erkannte ich nur an den Resten der schwimmbadblauen Wandfarbe, denn in einer Ecke war jetzt ein Stand mit Brooklyner Bier und veganem Essen aufgebaut. In der anderen saßen die Zuschauer auf ihren Decken auf dem Boden. Nach Sonnenuntergang begann ein Film über jugendliche Selbstmörderinnen.

Der McCarren Park soll schon lange saniert werden. Und seit New Yorks Bürgermeister seinen Masterplan für eine grüne Stadt aufgestellt hat, könnte es sogar sein, dass irgendwann wieder Wasser in den Pool gelassen wird.

Von der allgemeinen Parksanierung profitiert dann vielleicht auch der East River Park, direkt am Wasser in der Lower East Side, wo ich das kleine Dance-Out!-Tanzfestival sah. Der Park sieht nur auf Stadtplänen grün aus, in Wirklichkeit ist er eher grau. Sein südlicher Teil besteht aus sehr breiten asphaltierten Wegen und Plätzen, mehreren Baustellen und ein paar grünen Streifen.

Auch die Gegend um den Park herum ist nicht sehr einladend. Breit wie eine Ausfallstraße beginnt einen Block weiter die Rampe der Williamsburg Bridge, ehe sie dann über den Park schwebt. Der mehrspurige Franklin D. Roosevelt Drive führt am Park entlang. Auf der anderen Straßenseite stehen dreckige Sozialbauten aus Backstein. Das Ghetto der Lower East Side.

Was für einen Kontrast bot da der schmale Tänzer, der zwischen wasserspeienden Tieren Pirouetten drehte, sich über den Boden rollte oder durch die Wasserbögen sprang und den ein am Rand der improvisierten Bühne, fast schon im Publikum sitzender Cellist mit barocker Musik begleitete. Oder der portugiesische Akrobat, der kopfunter einen Mast hinunter kletterte.

Die dritte Vorführung aber weckte so große Gefühle, dass ein Dackel, der am Arm der Frau vor mir in seiner Tasche baumelte, laut losjaulte. Die Protagonisten dieser schwierigen Liebesgeschichte waren ein weißhaariger Tänzer in eleganter schwarzer Hose und ein kleiner gelber Bagger. Den Soundtrack lieferte Maria Callas mit Opernarien vom Band. Sofort erkannte ich in dem Bagger ihre Reinkarnation.

Zu Beginn triumphierte der Tänzer auf dem Arm des Baggers, der sich um die eigene Achse drehte. Doch schon bald war der Mann offensichtlich genervt von seiner gelben Geliebten. Er tanzte für sich allein und wich dem suchenden Arm immer wieder aus. Der Bagger blinkte daraufhin wie wild mit seinen Scheinwerfern und fuhr ein Stück weg. Am Ende stand schließlich die Versöhnung, und der Tänzer kauerte in der Baggerschaufel, sein Hemd war nun ebenfalls gelb von dem Sand, in dem er sich einige Male gewälzt hatte.

Zum Publikum gehörten am Ende nicht nur Tanzfans, sondern auch viele zufällige Spaziergänger und Kinder, die im East River Park spielten.

Ich habe auch einen Erholungspark für jeden Tag. Er liegt ganz in der Nähe der UN und gehört zur Häuserzeile der Tudor City an der 1st Avenue in Midtown. Mit ihren neogotischen Backsteinverzierungen aus dem 20. Jahrhundert strahlen die Gebäude eine europäische Geborgenheit aus, die den gradlinigen Hochhäusern in der Umgebung fehlt.

Zum Mittagessen teile ich den Park mit vielen anderen Büromenschen. Genau wie sie hole ich aus einer Plastiktüte eine Plastikgabel und eine volle Plastikbox aus der Salatbar und genieße die kurze Zeit ohne Klimaanlage. Später werfe ich das Plastik in die eigens für die mittägliche Stoßzeit am Parkzaun angebrachte Plastikmülltüte. Nur mittwochs, wenn es auf dem Farmer’s Market an der 47. Straße gefüllte Teigtaschen zu kaufen gibt, bin ich mit meiner braunen Papiertüte dem gesunden, hochhausfreien Landleben etwas näher.

Vielleicht hat mir deshalb ein Projekt in der Dependance des Museum of Modern Art in Queens so imponiert. „Public Farm 1“ wurde von Architekturstudenten konzipiert. In Papptonnen, die auf einer Art Tribüne im Innenhof des Museums installiert sind, gedeihen Zucchini, Karotten, Radieschen, Erdbeeren, Salat und Kräuter. Sie werden vor Ort verkauft, gleich neben einem kleinen Swimmingpool und einer Bar, die das Partyvolk aus Manhattan anlocken soll. Das Selbstversorgerprojekt als Antwort auf die globale Lebensmittelkrise. Die Schlagworte, die ich im Begleitheft dazu las, waren jedenfalls hochaktuell: Postindustrialism, Local, Rurbanization, Mixing, Integration.

Vielleicht löst in Zukunft auch auf dem Dach des Metropolitan Museums ein städtischer Gemüsegarten die Cocktailbar ab. Der im Sonnenuntergang grün schimmernde Riesenpudel könnte als Vogelscheuche dienen.

Lena Meier von Le Monde diplomatique Berlin lebte und arbeitete vorübergehend in New York. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.09.2008,