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Wie viele Europäer?

Qari Bilal Ahmadi lässt sich nicht gern die Frage stellen: „Wie viele der Kämpfer sind Türken aus europäischen Ländern?“ Aber der Kommandant der Tora-Bora-Gruppe – einer neuen Kampfeinheit, die sich den Taliban im Tora-Bora-Gebirge angeschlossen hat – zeigt stolz ein Video, das ihn als Führer einer Truppe türkischer Kämpfer zeigt. Dass der Einfluss von al-Qaida in der Türkei seit 2006 zugenommen hat, zeigt sich darin, dass die Organisation einige Dutzend neuer Freiwilliger für Afghanistan anwerben konnte, darunter viele Migranten oder Söhne von Migranten, die Staatsbürger eines europäischen Landes sind.

Normalerweise wollen die türkischen Kämpfer mit den Medien nichts zu tun haben. Anders Abu Hanifa, der als Ausbilder mit seinen Rekruten zwischen Südwasiristan und dem Shawal-Tal in Nordwasiristan hin und her zieht. In kargen Lagern in den Bergen lernen die Türken, wie man Sprengkörper aus handelsüblichen Materialien herstellt. Die meisten Kämpfer sind mit dem Flugzeug nach Pakistan gekommen, nur wenige mussten sich von Schleusern über die iranische Grenze bringen lassen.

Die Zahl der Türken, die in Wasiristan und Afghanistan die Kräfte von al-Qaida verstärken, wird auf 300 bis 1 000 geschätzt. Viele von ihnen haben schon in Afghanistan gekämpft, einige haben Selbstmordanschläge verübt. So sprengte sich am 3. März 2008 der Deutschtürke Cüneyt Ciftci, genannt Saad Abu Furkan, in Sabari in der afghanischen Provinz Khost mit seinem Lieferwagen in der Nähe eines US-Militärstützpunkts in die Luft. Zwei Nato-Soldaten und zwei afghanische Arbeiter starben, sechs Menschen wurden verletzt.

Die meisten der Türken bleiben allerdings nicht lange. Nach ihrer Ausbildung und einigen grenzüberschreitenden Einsätzen gegen Nato-Soldaten in Afghanistan kehren sie nach Europa zurück. Die Mehrheit hat eine doppelte Staatsbürgerschaft. Die ideologische Führung von al-Qaida glaubt, in dieser Phase ihres Kampfes könnte eine Aktion im Stil der Anschläge des 11. September die Wende im Irak wie in Afghanistan herbeiführen. Das würde auch die Moral aller radikalen Muslime stärken und die Anwerbung von Dschihadisten aus anderen muslimischen Ländern erleichtern. Für einen solchen Selbstmordeinsatz werden die Türken in Afghanistan ausgebildet. Mit anderen Worten: Sie sollen als „menschliche Geschosse“ missbraucht werden.

Le Monde diplomatique vom 10.10.2008,