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Die Jugend von heute

von Mathias Greffrath

Neulich habe ich Abiturienten im Leistungskurs Politik einer Berliner Gesamtschule die frohe Ankündigung von Visionären der Molekularmedizin vorgetragen, dass sie alle 110 Jahre alt werden, und das sogar alzheimer- und parkinsonfrei. Und wenn das so käme, könnte ihnen ja unter Umständen gegen Ende ihres Lebens die E-Mail eines Urenkels zukommen, mit dem Hilferuf: „Uroma, ich muss da gerade einen Aufsatz schreiben über das 21. Jahrhundert. Wie war das noch mal? Du hast es doch erlebt …“

Die Schüler spielten mit bei dem kleinen Experiment. Was sie aufschrieben, war – abgesehen von der eigenwilligen Orthografie – nicht überraschend: Klimakriege, Ressourcenerschöpfung, globale Verteilungskonflikte; und manches war fast poetisch: „was früher knapp war, wird es nicht mehr geben; und was reich vorhanden war, wird knapp sein“. Holland unter Wasser, die Welternährung in den Händen von zwei, drei Monsantos, Stürme über Deutschland, chronische Arbeitslosigkeit, die Schulen zu hundert Prozent privatisiert.

Sie waren aufgeweckt, witzig, informiert, frech, aber es gab keinen optimistischen Ausreißer unter den sechzehn. Zwei von ihnen, Jungen, teilten die hirnrissige Fantasie Stephen Hawkings, dass der Menschheit nichts anderes übrig bleiben werde, als sich gegen Ende des Jahrhunderts auf den Weg zu anderen Sternen zu machen; zwei oder drei sahen eine Wende zu einem halbwegs sozialstaatlichen Zustand der Welt – nach der Mitte des Jahrhunderts und einigen größeren Kriegen. Aber keiner, kein Einziger und keine Einzige, hatte auch nur ein Gramm Zutrauen, dass Politik vorher eine Wende zum Besseren bewirken könnte. Das schlimmste Resultat der Zukunftsschau – ich hätte es erwarten können, aber angesichts von so viel Jugendlichkeit bestürzte es mich dann doch: Die Wahlbeteiligung in Deutschland wird schon in den 30er-Jahren auf 20 Prozent gesunken sein.

Die nachfolgende Diskussion ergab: kein Fünkchen Lust auf Einmischen. Wie auch? „Alle sagen uns doch, Lehrer, Eltern, Medien, dass harte Zeiten kommen und dass wir uns darauf vorbereiten müssen, dass wir trainieren müssen, hart und stark zu sein, um durchzukommen.“ German Angst? Nein. Läsen sie mehr – was sie nach Aussage ihres Lehrers nicht tun –, dann könnten sie sich auf Harald Welzer berufen, Elmar Altvater, Hartmut Rosa, Eric Hobsbawm, Jacques Attali und ein paar Dutzend andere Großtheoretiker und Zukunftsjournalisten und kämen zu keinem anderen Resultat – das Fernsehen reicht ja auch schon.

Aber in Zeiten des Umbaus oder des Abbaus von Sicherheiten und Institutionen, des Zerfalls von gesellschaftlichen Solidaritäten wird es rational und verantwortungsethisch, an sich – und die Nächsten – zu denken und entsprechend zu handeln.

Kürzlich wetterte der Feuilletonchef der Zeit gegen diese „traurigen Streber“, die kein Gran Rebellion in sich trügen, sich auf Familienglück und Privatkonsum zurückzögen. „Zu viel Intelligenz“, bloggte ein Erstsemester zurück, „verstrickt einen meist in Gedankengebäude, die einen handlungsunfähig machen. Hinzu kommt ein Mangel an Vision, auch wenn alle danach nur so lechzen. Jeder will, doch keiner kann.“

Jugendliche Aufbruchslust braucht erreichbar scheinende Ziele und Identifikationsfiguren, Anstöße zur Antwort auf die großen Fragen: Wohin geht die Welt? Wohin ich, und mit wem? Was will ich sein? Rebellion entsteht aus dem Gefühl, dass etwas fehlt und aus der Erfahrung einer Krise.

Als die Lehrer dieser Generation jung waren, standen sie unter dem Schock der ersten Berichte des Club of Rome, der Nachrüstungsdebatten, von Harrisburg und Tschernobyl. Das waren Schwellenerlebnisse, die tief in die Gesamtgesellschaft eindrangen, die Forderungen nach gesellschaftlicher Technikkontrolle, städtebauliche, verkehrstechnische, medizinische und pädagogische Visionen, Landkommunen und Stadtteilgruppen hervortrieben.

Selbst die CDU veranstaltete Kongresse, in denen Naturwissenschaftler, spirituelle Führer, Politiker und Sozialutopisten zusammentrafen. „Bürgerliche“ Denker wie Carl-Friedrich von Weizsäcker forderten unisono mit radikalen Publizisten wie Robert Jungk eine zivilisatorische Wende. Das führte zur Gründung von Universitätsinstituten und Bürgerbewegungen, förderte den Aufstieg der Grünen Bewegung.

Der Fortgang ist bekannt. Wer heute dreißig ist, erlebte in seiner Schulzeit den Tod des verpatzten Sozialismus und die ersten Warnungen vorm Klimawandel, in seiner Studienzeit den Tod des Reformismus, die Transformation der SPD zur Deregulierungspartei.

Wer heute zwanzig ist, der ist mit Prekarisierung und dem ergebnislosen Anrennen gegen die G-8-Gipfel-Festungen aufgewachsen und der Botschaft, dass die Politik nun mal eben unter dem Diktat der Finanzmärkte stehe. Seine Lehrer oder Eltern gehören vielleicht zu den Hunderttausenden, die aus der SPD ausgetreten und nirgendwo sonst eingetreten sind.

Die Krisen sind dieser Generation nicht die Ausnahme, sondern die Lebensnormalität; nicht die intellektuellen Aufschwünge, nicht die dramatischen Auseinandersetzungen, sondern die stille, schleichende Abwicklung: der Moderne, der Arbeitsgesellschaft, des Sozialstaats. Das individualisiert und führt viele in die Nischen des Bionade-Biedermeier, der asiatischen Religiosität oder der humanitären Hilfe.

Nicht an Wissen fehlt es und nicht an Moral, aber eine graue Verantwortungsethik, die nicht mehr will als verhindern, „dass es noch schlimmer kommt“, ist für junge Menschen nicht attraktiv, eher schon verquaste Baader-Meinhof-Romantik.

Und Attac und Co.? Haben ihre volkspädagogische Arbeit geleistet – heute fordert nicht nur Helmut Schmidt, dass man den Cayman-Islands „die Luft abdrehen“ soll. In diesen kritischen Tagen des finanzkapitalistischen Debakels kommen starke Worte sogar aus dem Mund von Finanzministern – aber alles praktische Handeln richtet sich darauf, die Verluste der Vermögenden zu sozialisieren. Der deutsche Exportmotor ist in Ordnung, der Treibstoff auch, nur ein paar Reparaturen am Getriebe, nur die Eliminierung der „Enthemmten“, der „Gierigen“, der „Kriminellen“ sind fällig.

Wenn Oskar Lafontaine in seiner Gegenrede eine „geistige und moralische Umorientierung der Gesellschaft“ fordert, dann wird er zwar von Bäckermeistern als „Kommunist“ beschimpft, aber er konzediert im selben Satz, dass auch er keine Antwort hat, „die weiter trägt als von hier bis zur nächsten Festveranstaltung“. Auch die Linke ruft nach – gerechtem – Wachstum, und der SPD-Führung ist es wichtiger, die Konkurrenz zu bekämpfen, als das zukunftsweisende Energieprogramm von Ypsilanti/Scheer in Hessen als spektakulären Probelauf für eine umfassende Modernisierung unserer Infrastruktur zu riskieren.

Es herrscht – merkwürdigerweise? – kein Mangel an Engagement, Bürgersinn und Experimentierfreude in unserer Gesellschaft. Fast alles, was man sich ausdenken kann, gibt es irgendwo: Theorielesekreise, Selbsthilfeorganisationen, Suppenküchen, energieautonome Gemeinden, Produktions-, Konsum- und Kulturgenossenschaften, Volksabstimmungsinitiativen, Fahrgemeinschaften, Protestpotenziale aller Art. Um den jungen Blogger zu paraphrasieren: Jeder, der will, kann. Was fehlt, ist ein Ideenhimmel, unter dem das alles seinen politischen Fokus finden kann. Das liege daran, so klagt sich’s oft in graumelierten Runden bei nicht mehr ganz so teurem Rotwein, dass uns die Großintellektuellen fehlen. Ach, die Charismatiker der Frankfurter Schule, ach, der wortmächtige Bloch, ach, der radikale Prediger Jens.

Ich glaube das nicht. In den verstreuten Blogs des Internets, in einigen Akademien wird immer noch schön und gelegentlich feurig geredet – aber die neuen Großdenker haben kein sichtbares Umfeld mehr. Die Gedanken der alten Radikalen waren eingebettet in die Organisationen der Arbeiterbewegung oder den gesicherten Kanon der Aufklärer von Schiller bis Marcuse – erodierte Welten, aus der Zeit, als es noch zwei Fernsehkanäle gab, die Ruinen der letzten Katastrophe noch zu besichtigen waren und ein nationalstaatlich geordneter Kapitalismus und ein Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit die Politik trug; ihr kraftspendender Wortglanz war doch wohl eher der Widerschein einer untergehenden Welt als der Vorschein des 21. Jahrhunderts.

Heute lädt die SPD sich lieber Künstler ein als Soziologen oder Philosophen; in den Gesprächsrunden zählt das flotte Argument, die expertisegestützte Zahl, die Performance.

Die Feuilletons sind dieser Tage voll von Marxismen: wagnerianisch bei Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen, weinerlich bei Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung; und Max-Planck-Direktor Streeck hält ebenfalls in der FAZ eine ratlose Vorlesung darüber, dass Menschen Stabilität brauchen, aber der Kapitalismus „keine Ordnung, sondern institutionalisierte Unordnung“ ist. Und die Quintessenz des überaus klugen und, ja, lustigen Buchs „Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht“ des jüngst verstorbenen Historikers Heinz Dieter Kittsteiner heißt: „Die Linke hat versucht, den Kapitalismus zu überwinden. Es kommt aber drauf an, ihn vor sich selbst zu schützen.“

Selbst eine so reduzierte geschichtsphilosophische Aufgabe – sie wäre identisch mit der Bewältigung der Klimakrise – kommt uns heute schier herkulisch vor. Aber was soll’s? Wie sagte Pierre Bourdieu kurz vor seinem Tod? „Sie fragen nach der Basis. Gut, man könnte sagen, sie ist nicht da. Aber man könnte auch sagen: Die Basis, das sind diejenigen, die es machen.“

Und das wiederum erinnert mich an die Begegnung mit einem der Unterhändler des Kioto-Prozesses, der einen langen Abend lang alle meine skeptischen Einwände mit der immer selben Geste erledigte: Er legte zwei Finger an die Mitte seines Bierglases. Halb voll oder halb leer – mehr ist dazu nicht zu sagen. Oder vielleicht doch noch eines: Wir brauchen, so sagte dieser seiner Aufgabe hingegebene Bürokrat, mehr Druck auf die Parlamente und in ihnen, denn die Politiker reagieren konstitutionell nur auf die Drohung mit Amtsverlust.

Engagierte Staatsdiener und bewegte Bürger, das ist eine „objektive Allianz“ – Carl-Friedrich von Weizsäcker sah das schon so in den 80er-Jahren. Ein Vierteljahrhundert ist seither vergangen, aber es stimmt noch immer. Und die „visionslosen“ Jungen? „Wir haben doch gesehen, wie ihr gescheitert seid“, sagte mir einer von ihnen, „aber wenn ihr es noch mal versucht, würden wir … wahrscheinlich mitmachen.“ Es wäre ja auch, pardon, unnatürlich, wenn eine nachwachsende Generation nicht mehr mit dem Trieb zur Welt ausgestattet wäre, die Zukunft der Welt, die Suche nach Genossen und den Wunsch nach sinnvollem Handeln, das ganz Große und das Eigene zusammenzubringen.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.10.2008,