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Herbst der Patrioten

von Serge Halimi

Wie will sich die republikanische Partei noch auf ihre liberale Philosophie berufen und ihr Handeln als Regierungspartei rechtfertigen, wenn der Staat die abgrundtiefen Verluste der amerikanischen Banken sozialisiert? Die Mehrheit der US-Bürger stellt den Republikanern ein schlechtes Zeugnis aus, nachdem mit den steigenden Energiekosten ihre ohnehin schon durch teure Kredite und stagnierende Einkommen geschmälerte Kaufkraft immer weiter schwindet.

Also reden die Republikaner mit einem Nachdruck, der im Lauf der Jahre nicht an Wirkung verloren hat, von etwas anderem: von ihrem Patriotismus, ihrer Bodenständigkeit, ihrem Glauben an „traditionelle Werte“. Sie setzen – angesichts der Möglichkeit eines symbolischen historischen Durchbruchs, der Freund und Feind gleichermaßen mobilisiert – auf die Sarah-Palin-Story: fünffache Mutter, Gouverneurin von Alaska, verheiratet mit einem mehrfachen Rennchampion auf dem Schneemobil. Um den Kontrast zur multikulturellen Biografie Barack Obamas noch mehr zu betonen, setzen sie – mit dem Slogan: „Country first“ – natürlich auch auf die Geschichte von John McCain, dem amerikanischen Helden, der Bombenangriffe auf Vietnam geflogen und dann fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft verbracht hatte. Das Land aber ist beunruhigt und der Wahlkampf durch das Finanzdebakel völlig durcheinandergeraten.

Vor vier Jahren konnte Präsident George W. Bush schon einmal eine miserable wirtschaftliche und außenpolitische Bilanz überleben: Zwischen 2001 und 2003 herrschte eine schwere Rezession. Er ergatterte sein zweites Mandat, indem er sich auf seinen Glauben, seine schlichten Überzeugungen berief und wild auf der Klaviatur der Ängste spielte. Und dabei nie versäumte, das immer sprungbereite Ressentiment gegen die intellektuelle, künstlerische und technokratische Elite hervorzukitzeln. Denn die unterstützt bekanntlich eher die Demokraten.

Während McCain den Gentleman gibt, haben seine Anhänger das republikanische Wahlkampfrezept dieses Mal um eine bewährte pikante Note ergänzt, von der sie hoffen, dass sie immer noch zieht. So schrieb Michael Redhill in der National Review Anfang September: „Nach dem Studium hat Obama eine wohlhabende weiße Freundin, die ihn liebt und heiraten will. Sie stellt ihn ihrer Familie vor, die ihn liebevoll aufnimmt. Obama hängt an der jungen Frau und hat Respekt vor den tiefen kulturellen Wurzeln ihrer Familie, am Ende aber macht er doch Schluss mit ihr, weil sie keine Schwarze ist. Wenn er sie heiratet, so fürchtet er, wird er sich am Ende einer fremden weißen Kultur assimilieren – ein Schicksal, das er nicht akzeptieren kann.“

Auch in Zeiten einer Wirtschaftskrise ist es nicht sicher, dass solche Art Intrige nicht verfängt. Auf dem Parteitag der Demokraten in Denver im August gestand der Schatzmeister der Gewerkschaft AFL-CIO vor Delegierten aus Michigan: „Viele weiße Wähler – und um offen zu sein, auch eine Anzahl von Gewerkschaftern – glauben, dass Obama die falsche Rasse hat.“

Das soll besagen: Der Senator von Illinois ist zu kalt, zu intellektuell, zu fremd – und zu beliebt im Ausland –, zu links, zu unerfahren, zu schwarz. Barack Obamas Umfragewerte sind angesichts eines so offensichtlichen Bankrotts von Präsident Bush und seiner Partei allenfalls mittelprächtig. Er selbst sagte dazu: „Die Republikaner regieren nicht gut, aber sie wissen, wie man Wahlkampf macht.“ Statt zu jammern, scheint er entschlossen, nun auch etwas härter auszuteilen. Die Finanzkrise böte eine Steilvorlage: John McCain hat sich stets für die Deregulierung eingesetzt; noch im vergangenen Monat empfahl seine Partei, die staatliche Rentenversicherung zu privatisieren und an die Börse zu bringen.

Die Wahlkampfstrategie der Demokraten zielt in eine ganz bestimmte Richtung: Präsidentschaftswahlen gewinnt man Staat für Staat; und viele der großen Bundesstaaten wie Kalifornien, New York, Illinois und Texas gehören schon mit Sicherheit zu dem einen oder dem anderen Lager. Der republikanerfreundliche Mittlere Westen aber scheint zu wackeln. Und genau hier sucht Obama die Entscheidung.

Le Monde diplomatique vom 10.10.2008,