Gehirn, Gemüt, Genom

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Gehirn, Gemüt, Genom

von Mathias Greffrath

Mein Glaube an die Verbesserbarkeit der Welt durch Wissenschaft hält sich hartnäckig, auch wenn Alarmmeldungen mich periodisch zweifeln lassen. Ende der Achtzigerjahre ging der Alarmimpuls von der EU-Kommission aus. Die sagte voraus, Gentechnik werde schon bald den Sieg über Herzinfarkt, Krebs und Geisteskrankheiten bringen. Dazu freilich müssten „gefährdete Personen identifiziert und gegebenenfalls die Weitergabe der genetischen Disponiertheit an die folgende Generation verhindert werden“. Das klang gefährlich.

Kurz zuvor hatte James Watson in den USA das Human Genome Project eingeweiht: „Herauszufinden, was der Mensch ist, das ist doch das aufregendste Ding der Welt.“ In Cold Spring Harbor, dem Mekka der Molekularbiologen, war er auf der Suche nach den Genen für Autismus, Alkoholismus, Schizophrenie, vor allem aber nach Milliarden, um die Suche zu finanzieren. Sein Schüler Richard Roberts blickte für uns in die Zukunft: „Letztlich wird man herausfinden: Dieses Gen wird zu einem Nasenkarzinom führen. Und dann wird man eben die schlechte Kopie durch eine gute ersetzen. Man wird es im Sperma tun.“ Genetische Berufsberatung werde uns bald sagen können: „Es gibt 95 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass du ein talentierter Mathematiker wirst, 5 Prozent Tischler und 50 Prozent Konzertpianist.“ Er persönlich, fügte Roberts hinzu, hätte so etwas gern vorher gewusst: Die „verplemperten Jahre“ in der Chemie hätte er sich sparen können, jetzt, am Computer, sei er glücklicher. Kurz darauf bekam er den Nobelpreis.

In San Diego wähnte sich Ted Friedmann kurz vorm Durchbruch zur Gentherapie in der Keimbahn, die unsere Gattung von allem vererbbaren Übel befreien werde; in der DNA, die „uns als Menschen definiert“, sah er die Lösung der Rätsel von Gedächtnis und Kreativität. Wir schwankten zwischen Grusel und Skepsis, und erst der Direktor des Genome Project zog in das Versprechens-Poker eine realistische Grundlinie. „Sehen Sie“, vertraute er uns nach drei Caipirinhas an, „wir sagen: In fünfzehn Jahren werden wir bei den Geisteskranken viel erreichen. Fünfzehn Jahre, das ist eine ganz weiche Zahl. Wir hätten auch sagen können: hundert Jahre. Aber fünfzehn, das ist die durchschnittliche parlamentarische Lebenszeit eines Abgeordneten. Und das Einzige, was die verstehen, ist Krankheit, Krankheit, Krankheit – nicht die wirklich spannenden Sachen.“ Ihn persönlich interessiere viel mehr, dass man mit der PCR-Technik alle Menschheitswanderungen rekonstruieren, die Verbindung zwischen Sprachen und Genen finden könne, und die Frage beantworten, woher wir kommen.

Zwanzig Jahre später kennen wir das komplette Genom des Menschen, die FAZ hat es auf ein paar Zeitungsseiten abgedruckt. Um die großen Erwartungen steht es schlecht. Es gibt bessere Diagnosemethoden, etwas präzisere Biochemie – und das ist nicht wenig. Aber die Genetiker stochern in immer größeren Korrelationsdatenmengen.

Und die Identifizierung des menschlichen Wesens? Mit dem genetischen Fingerabdruck sind wir ihm nicht näher gekommen, aber die DNA-Analyse hat uns inzwischen gezeigt, dass schon der Neandertaler sprechen konnte; wie die verschiedenen Sprachen durch die großen Wanderungen der Menschheit entstanden; und schließlich: Das eine Prozent im Erbgut, das uns vom Schimpansen unterscheidet, formt vor allem unser Gehirn.

Die Karawane der Wissenwoller ist weitergezogen, und seit einigen Jahren sehen wir in den Journalen nicht länger die Chromosomenstreifen, sondern die bunten Bilder von Gehirnen – und schon wieder im Ansatz überzogene Ankündigungen. So wie vor zwanzig Jahren das Krebs-, das Schwulen- , das Legasthenie-Gen angepeilt wurden, sind es jetzt die Gehirnregionen für Religiosität, Leseschwäche, Gefühlsarmut, Menschenfreundlichkeit und Empathie.

Die Gehirnforschung, so verkündeten es führende deutsche Vertreter des Faches in einem Manifest vor vier Jahren, werde schon bald Fortschritte in der Behandlung von Alzheimer, Parkinson, Demenz bringen, vor allem aber werde sie unser „Menschenbild“ revolutionieren. Das rief ganz schnell die besorgten Humanisten zum Kampf gegen die „Naturalisierung“ des Menschen.

Die jahrelange Debatte über „Willensfreiheit“ allerdings war nicht sehr erhellend. Sie beruhte vor allem auf Missverständnissen, und an ihrem vorläufigem Ende steht die eher beruhigende Erkenntnis, dass unser „Wille“ sich in einem höchst komplexen, vorbewussten Abstimmungsprozess bildet, in dem sich äußere Reize, erinnerte Lebenserfahrungen, verinnerlichte Normen, Körperzustand und kulturelle Prägungen vermitteln und moderieren. Und was heißt das anderes, als dass unser Wollen eben nicht punktuell und willkürlich ist, sondern geformt – durch die körperlich-sozial-geistige Gesamtheit unserer Person. Aber seit man mit Magnetresonanztomografie hineinsehen kann, grassiert wieder, wie einst bei den Genen, ruchloser Optimismus bei (einigen) Wissenschaftlern – und vielen Journalisten. Wir werden, so das „Manifest“, schon bald „in die Lage versetzt sein, psychische Auffälligkeiten und Fehlentwicklungen, aber auch Verhaltensdispositionen zumindest in ihrer Tendenz vorauszusehen“ – und „Gegenmaßnahmen“ zu ergreifen“. Alarm?

Diesmal musste ich nicht bis nach Amerika reisen. Auf dem Kongress der Neurologen und Psychiater, kürzlich in Berlin, leuchteten allenthalben die brain images: rot für mehr und gelb für weniger Aktivität bei Autismus, Depression, gar unglücklicher vs. glücklicher Liebe. Aber wenn man dann genauer hinsieht und -hört, tun sich hinter jedem Computerbild neue Unendlichkeiten auf. Und auch die Ankündigung der Grundlagenforscher, sie könnten nun „Gedanken lesen“, war eher ein Zeitungscoup: Dass bei Männern das Belohnungszentrum beim Porsche stärker leuchtet als beim Golf, mag die sprießenden Institute für „Neuro-Marketing“ interessieren, aber von der ersten Liebe zum Kauf, geschweige denn zu „Gedanken“ ist es auch im Hirn ein weiter Weg. Immerhin, der Fortschritt könnte, vielleicht in fünfzehn Jahren, bedrohliche Produkte – etwa im CIA-Umfeld – bringen, es gibt auch schon den Arbeitskreis für Neuro-Ethik.

Ethik aber kommt immer zu spät, sprich nach den Produkten. Spannender für die Moral ist, was die relativ einfach gestrickten Experimente in der Röhre des Scanners über die Funktionsweise des Hirns sagen. Denn die wird nicht nur durch Gene, Pillen und Schläge auf den Kopf geformt, sondern durch jede soziale Erfahrung, jede intime Begegnung, jeden Gedanken, den wir denken – auch wenn wir an nichts denken. „Sie müssen sich das Gehirn wie eine Landschaft vorstellen, in der ‚wir‘ herumfahren und mit jeder Fahrt die Straßen und Wege verändern“, sagt mir ein junger Forscher, und nicht nur die Straßen und Wege, sondern auch das (emotionale) „Licht“, die „Niederschläge“ über ganzen Regionen und die Länge der Kanäle. Streng genommen heißt das: Jeder Gedanke, jede Begegnung verändert unsere Biologie, und damit ist sie zugleich ein existenzieller Akt, der „mich“ verändert. Diese Erkenntnis – eine Art Unschärferelation der Gehirnforschung – heißt: Medikamente oder gute Erfahrungen, Pillen oder Psychotherapien führen zu ähnlichen Veränderungen nicht nur des Gehirnzustands, sondern der Gehirnstruktur – und das relativ dauerhaft. Damit wird die knallmaterialistische Wissenschaft vom Denken und Fühlen immer mehr zu einer sehr individuellen, historischen und sozialen. Das setzt sich wie aller Fortschritt allmählich, aber nur langsam durch. Die drei harten Neurologen, die neben mir auf dem Kongress das Gehirnbild eines Londoner Taxifahrers sehen konnten, bei dem nach zwanzig Jahren Herumfahren der Hippocampus, eines der Gedächtniszentren, signifikant größer war als bei Vergleichspersonen, waren echt überrascht.

Und so liege denn unter der „naturalistischen“ Drohung, wir seien wenig mehr als Marionetten unseres Gehirns, doch eine kleine wissenschaftliche Revolution (das heißt: Zurückwendung) unseres Menschen- und Weltbilds. Der Tomografenblick auf die „neuronalen Korrelate“ des Autismus, die Realitätsverzerrungen der Borderliner, landet bei den Erkenntnissen von Entwicklungspsychologen und gibt ihnen „harte Evidenz“. Die Fähigkeit, Realität wahrzunehmen, mitzufühlen, sozial zu sein, entsteht offenbar in Situationen von „joint attention“ zwischen Eltern und Kindern. Indem erwachsene und werdende Individuen ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf ein Drittes richten, entwickeln sich kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten in einem Prozess; wenn der nicht gelingt, sind Spaltungen und Störungen angelegt. In der Röhre messen die Forscher die emotionale Grundierung des Blickkontakts nach und das „Belohnungsgefühl“, wenn Kooperation klappt. So scheinen es nicht die presseweit gefeierten Spiegelneuronen zu sein, die uns zu sozialen Wesen machen, sondern die Situationen, in denen wir lernen, sie zu nutzen.

Wir müssen, aus dem Paradies der Ungeschiedenheit von Leben und Wissen vertrieben (so steht es in Kleists „Marionettentheater“), durch die Welt der Erkenntnis hindurch. Und, diese kleine Hoffnung keimt am Ende meines Rundgangs über die Gedankenmesse der Neurowissenschaftler, so es könnte ja sein, dass wir nach den cartesianischen Fortschrittsjahrhunderten eine neue Einheit finden, weil wir nun auch dem härtesten Positivisten „beweisen“ können: Nicht die Genetik der Aggression und nicht die Biochemie der Bindung erklärt uns, wer wir sind, sondern nur unsere ganze, kollektive und individuelle Geschichte – und der geteilte Blick und die gemeinsame Aufmerksamkeit auf die Gegenwart.

Wäre das ein unnötiger Umweg gewesen? Nun, wir haben auf diesem Weg der Trennung von Welt und Leib und Seele einige Kenntnisse erworben, die unser Leben erleichtern; und überdies die religiösen und metaphysischen Annahmen über eine hinterweltliche Verursachung unseres Lebens destruiert. Und am Ende steht eben nicht eine neue, diesmal materialistische Kausalitätsmetaphysik, sondern etwas, das sehr viel Ähnlichkeit hat mit der 6. Feuerbachthese von Marx: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Das ist kein billiger Triumph, denn andere als Marx haben das auch schon immer gewusst.

Und so lande ich nach meinen Ausschweifungen in die Menschenwissenschaften doch immer wieder in der politischen Ökonomie: denn es ist eine Frage der Ökonomie, wie Eltern die Genese der Gefühle, der Intelligenz, der Gemeinschaftsfähigkeit in den Situationen der „joint attention“ gestalten; und der Zustand der Welt ist der stärkste Einflussfaktor, den wir beeinflussen können. Die meisten Störungen von Gehirn und Gemüt bleiben statistisch konstant, sagte mir eine Psychiaterin; deutlich allerdings sei heute die Zunahme bei Kindern und Jugendlichen. Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Am Ende des naturwissenschaftlichen Fortschritts, so schrieb es Egon Friedell, wird ein Licht von der anderen Seite sichtbar.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.12.2008, von Mathias Greffrath

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