16.01.2009

Als der Orient das Zentrum des weltweiten Kapitalismus war

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Als der Orient das Zentrum des weltweiten Kapitalismus war

Um deutlich zu machen, dass das Problem schon bei den ersten Fragen anfängt, die der Eurozentrismus stellt, genügt ein einfaches Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, wir lebten im 10. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung. Damals war der islamische Raum vom Nahen Osten bis nach Nordafrika die Wiege der Zivilisation. Er war die wirtschaftlich am weitesten entwickelte Region der Welt, stand im Zentrum der globalen Ökonomie und erfreute sich dabei eines beachtlichen Wirtschaftswachstums, vielleicht sogar eines steigenden Pro-Kopf-Einkommens. Damit erfüllte er alle angeblich unverzichtbaren Bedingungen des modernen Kapitalismus.

Hätten wir damals eine Universität gegründet, um den Ursachen des islamischen Wirtschaftsaufschwungs auf den Grund zu gehen, dann hätten wir vielleicht Folgendes herausgefunden: Der Nahe Osten und Nordafrika sind deshalb so erfolgreich, weil es dort unglaublich viele vernünftige und progressive Institutionen gibt.

Erstens war es eine befriedete Region, in der neue Städte entstanden und Kapitalisten globale Handelsbeziehungen mit fernen Ländern aufnahmen. Zweitens waren die islamischen Kaufleute nicht einfach nur Händler, sondern rationale kapitalistische Investoren, die Profitmaximierung anstrebten, in globale kapitalistische Unternehmungen investierten und damit Handel trieben und spekulierten. Drittens waren in den islamischen Ländern viele hinreichend rationale Institutionen eingerichtet worden, zu denen ein Clearingsystem für Schuldverpflichtungen, Devisenbanken, eine Art Zinsen auf Rücklagen und Kredite, ein System der doppelten Buchführung sowie ein Kooperations- und Vertragsrecht gehörten – alles Institutionen, die ein starkes Vertrauensmoment voraussetzten. Viertens hatte das wissenschaftliche Denken seit dem Jahr 800 rasante Fortschritte gemacht. Und fünftens schließlich trug der Islam erheblich zur Stimulierung des globalen Kapitalismus bei.

Statt ein Werk wie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zu verfassen und den Islam als Wachstumshemmnis abzutun, hätte jemand eher das Buch „Die muslimische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ schreiben sollen, um darin ein für allemal zu zeigen, weshalb nur der Islam einen nennenswerten ökonomischen Fortschritt ermögliche und das christliche Europa auf immer im Sumpf seiner agrarischen Produktionsweise stecken bleiben werde. Wir hätten uns aber auch dem seinerzeit berühmten Gelehrten Said al-Andalusí anschließen können, der meinte, die Unwissenheit, die mangelnde wissenschaftliche Neugier und die Rückständigkeit der Menschen in Europa seien letztlich auf sein kaltes Klima zurückzuführen.

Aus: John M. Hobson, „The Eastern Origins of Western Civilization“, Cambridge (Cambridge University Press) 2004, S. 146 f. Aus dem Englischen von Robin Cackett

Le Monde diplomatique vom 16.01.2009