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Von Ramallah aus gesehen

Das Palästinaproblem ist auf die internationale Bühne zurückgekehrt. Überall auf der Welt – in den arabischen Ländern, in den USA, Europa, Lateinamerika und Australien – sind die Leute auf die Straße gegangen. Aber die Regierungen ließen sich von den aufgebrachten Demonstranten nicht beeindrucken. Nicht einmal die Vereinten Nationen, zeigte den entschiedenen Willen, das Inferno in Gaza zu beenden. 91 Prozent der Israelis standen hinter ihrer Regierung. Dagegen waren die arabischen Staaten nicht in der Lage, eine gemeinsame Stellungnahme zu verabschieden.

Das Schlimmste war die Resignation hier in Ramallah, wo es nicht mehr Demonstranten gab als in Boston. Hamas-Führer Chalid Maschaal in Damaskus hatte zu einer dritten Intifada aufgerufen, aber nichts geschah. Der Zorn im Westjordanland, von dem sich die erste und zweite Intifada genährt hatten, ist abgeflaut oder wurde vielmehr im Keim erstickt. Die palästinensische Polizei passte überall auf, dass kein Aufruhr entsteht. Ich ging davon aus, dass die Anhänger der Hamas im Westjordanland aktiv werden. Aber die sind alle in der Illegalität, in palästinensischen Gefängnissen oder noch in israelischen Haftanstalten.

Palästina droht bald nur noch als Idee zu existieren. Die Menschen sind wütend, aber ohne Führung und ohne Ziele. Ich hatte fest geglaubt, dass sich die fortschrittlichen Kräfte zu Wort melden würden, aber sie haben gerade mal einen Aufruf zur Unterstützung von Gaza zuwege gebracht. Viele forderten erneut die Auflösung der palästinensischen Autonomiebehörde, andere aber warnten vor den schwerwiegenden wirtschaftlichen und politischen Folgen einer solchen Entscheidung. Niemand will riskieren, dass es zu einer Situation wie im Irak kommt, das heißt zu einem verkappten Bürgerkrieg.

Es gibt keine politische Kraft, die imstande oder willens wäre, im Zuge einer solchen Mobilisierung ein klar umrissenes politisches Projekt auf die Beine zu stellen. Die Hamas bleibt die einzige Massenpartei des Widerstands. Doch sie reibt sich nur noch auf in ihrem Zweifrontenkrieg – gegen Israel und gegen die Fatah. Und die anderen Gruppen sind zu schwach und nicht imstande, sich zu organisieren. Wie allen anderen Palästinensern bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihre Wut und Enttäuschung auf die Straße zu tragen.

Inzwischen setzt die Fatah-Regierung in Ramallah ihre Gespräche auf den Ruinen des Friedensprozesses von Oslo fort. Sie hofft, dass die Leute stillhalten, von denen ein Drittel auf die Einkünfte angewiesen ist, die sie von der Regierungbeziehen. Sie setzt auf die Angst vieler Palästinenser vor einer erneuten Invasion der israelischen Armee ins Westjordanland, wie zuletzt im Jahr 2002. Und sie verläßt sich darauf, dass ihre Polizisten die Opposition zum Schweigen bringen.

Die Fatah wartet auf das Ende der Hamas, um anschließend Gaza wieder aufzubauen und neue Wahlen zu organisieren, die von der Europäischen Union finanziert werden. Ihre Führung erschien noch nie so schwach und so wenig legitimiert.

Die ganze Welt wartet, aber worauf? Dass Gott Erbarmen hat? Dass die Machthaber bleiben oder gehen? Dass jemand von außen die Sache in die Hand nimmt? Dass ein neuer Anführer aus dem Nichts auftaucht? Dass Barack Obama eine Lösung findet?

Niemand weiß es. Wie eh und je üben wir uns in Geduld und Ausdauer. Doch diesmal bleibt uns auch nichts anderes übrig. Die Palästinenser wissen, dass dies auf Dauer ihre Heimat bleiben wird: dieses zerstückelte Land von Bantustans, wo die Olivenhaine Widerstand leisten, bis irgendein göttliches Erbarmen auf sie nieder kommt.

Leilah Farsakh

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Leila Farsakh ist Professorin an der Universität von Massachusetts in Boston.

Le Monde diplomatique vom 13.02.2009,