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Das Recht und die Menschen

Kurz vor seinem einundsechzigsten Geburtstag, 1982, erhielt mein Vater von einem Sekretär für Personalangelegenheiten der Universität von Antioquia die knappe Mitteilung, er habe sich im Büro einzufinden, um die Formalitäten für seine sofortige Pensionierung in die Wege zu leiten. Die Nachricht traf ihn völlig unerwartet. Er war fassungslos, dass ihn die Universität, wo er sieben Jahre studiert und fünfundzwanzig Jahre gelehrt hatte, wie einen Hund auf die Straße setzte, nur weil er sechzig war, ohne ein Wort des Dankes für die Arbeit, der er, abgesehen von ein paar kurzen Unterbrechungen im Ausland, sein ganzes Leben gewidmet hatte.

Die erzwungene Pensionierung tat weh, konnte ihm jedoch nicht das Leben vergällen. Fortan verbrachte er drei, vier Tage in der Woche auf der Finca in Rionegro, morgens im Rosengarten, wo er pfropfte, Kreuzungen ausprobierte, Unkraut jätete, Sträucher beschnitt; nachmittags las er, hörte Musik oder schrieb seine Radiosendung „Laut gedacht“ oder einen Zeitungsartikel. (…) „Den rebellischen Geist will ich nicht verlieren“, sagte er in seinem letzten Interview. „Ich war nie jemand, der sich in die Knie zwingen ließ, nur vor meinen Rosen bin ich niedergekniet und nur mit der Erde meines Gartens habe ich mir die Hände schmutzig gemacht.“

(…) In den Jahren ohne berufliche Verpflichtungen widmete er sich ganz der Verteidigung der Menschenrechte. Er träumte von der Heranbildung eines neuen Medizinertyps, den er den poliatra, den Polis-Mediziner, nannte, einen Arzt, der sich weniger damit beschäftigte, eine Krankheit zu kurieren, sondern lieber nach ihren weiteren Ursachen im öffentlichen Raum forscht. Es war die Wiederbelebung seiner alten Leidenschaft aus der Zeit, als er Medellíns öffentliches Sanitärwesen und die Hygieneeinrichtungen der Stadt reformiert hatte.

Zwei Jahre nach seiner Pensionierung wurde er auf Drängen von Studenten und Kollegen wieder an die Universität zurückgeholt, was er unter der Bedingung akzeptierte, dass er die Mehrzahl der Unterrichtsstunden, wie er immer geträumt hatte, außerhalb des Hörsaals halten durfte. Während dieser Exkursionen gab er keine Antworten, wie sonst im Unterricht üblich, sondern wandte die alte sokratische Methode an, durch Fragen zu lehren. Auf die Studenten wirkte das bisweilen verwirrend: Was nutzte ein Professor, der immer nur Fragen stellt, anstatt zu lehren? Sie gingen nicht ins Krankenhaus, um Patienten zu behandeln, sondern um sie zu befragen oder zu vermessen, wie bei der Landbevölkerung. Sie sollten die sozialen Ursachen, die wirtschaftlichen und kulturellen Ursprünge der Krankheit herausfinden: Warum liegt dieses unterernährte Kind im Krankenhausbett ? Oder dieser von einer Schießerei, einem Verkehrsunfall, einem Machetenhieb oder einem Messerstich Verletzte? Warum kommt es in bestimmten gesellschaftlichen Schichten zu mehr Fällen von Tuberkulose, mehr Leishmaniose, mehr Malaria als in anderen? Im Gefängnis untersuchten sie die Entstehung gewalttätigen Verhaltens, versuchten aber auch, direkt zu helfen, um zu verhindern, dass die Tuberkulosekranken Mithäftlinge ansteckten oder indem sie durch Unterricht und mithilfe von Informationsbroschüren und Filmen Drogenabhängigkeit, sexuellen Missbrauch und die Verbreitung von Aids bekämpften.

Die moderne Auffassung von der Gewalt als einer neuen Seuche hatte mein Vater schon früh vertreten. Bereits auf dem ersten kolumbianischen Kongress für Öffentliche Gesundheit, den er 1962 organisierte, hatte er einen Vortrag gehalten, der ein Meilenstein in der Geschichte der lateinamerikanischen Sozialmedizin wurde. Er trug den Titel „Epidemiologie der Gewalt“ und enthielt die Forderung, Gewalt auslösende Faktoren einer wissenschaftlichen Untersuchung zu unterziehen.

Es sollte die persönliche und die Familiengeschichte gewaltbereiter Menschen erforscht werden, der Grad ihrer sozialen Integration, ihre Hirnstruktur, ihre Einstellung zu Sex und ihre Vorstellung von Männlichkeit. Empfohlen wurde „eine vollständige körperliche, psychologische und soziale Untersuchung gewaltbereiter Menschen und parallel dazu eine Vergleichsstudie bei anderen Gruppen nicht Gewalttätiger, gleich an Zahl, im gleichen Alter und unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen, aus demselben Gebiet und derselben Ethnie“.

Mein Vater verfolgte aufmerksam, woran die Menschen starben, und er brauchte sich nur umzusehen und umzuhören, und schon fand er seine Ahnung auch ohne Statistik bestätigt: In Kolumbien breitete sich die zyklisch auftretende Epidemie, die das Land seit Menschengedenken geißelte, wieder aus: Die Gewalt, der seine Schulkameraden zum Opfer gefallen waren und die seine Großeltern in den Bürgerkrieg getrieben hatte. Der Faktor, auf dessen Konto die meisten Todesfälle gingen, waren die anderen Menschen. Diese Krankheit hatte Mitte der Achtzigerjahre das Gesicht der politischen Gewalt angenommen.

Der Staat, genauer gesagt die Armee, unterstützt durch private Todesschwadronen, die Paramilitärs, die Sicherheitsorgane, manchmal sogar durch die Polizei, tötete politische Gegner, Linke und vermeintliche Linke, um „das Land vor dem Kommunismus zu retten“, wie die immer gleiche Leier ging.

Sein letzter Kampf war also auch ein Kampf im Dienst der allgemeinen Gesundheit, wenn auch außerhalb von Hörsaal und Krankenhaus. Als emsiger Leser von Statistiken beobachtete er sorgenvoll das rasante Fortschreiten der Epidemie, die im Jahre seiner Ermordung mehr Todesopfer forderte als Kriege in anderen Ländern. Kolumbien näherte sich Ende der Achtzigerjahre rasant jener Spitzenposition, die es in den Neunzigerjahren erreichte: Es war das Land mit der weltweit höchsten Rate an Gewalttaten. Längst führten nicht mehr Thyphus, Darmkatarrh, Malaria, Tuberkulose, Kinderlähmung, Gelbfieber, all die Krankheiten, gegen die er gekämpft hatte, die Liste der Todesursachen an. Und so wie die Ärzte sich früher in ihrem verzweifelten Kampf gegen eine bestimmte Krankheit mit der Beulenpest oder der Cholera ansteckten, wurde auch Héctor Abad Gómez 1987 Opfer der verheerendsten Pest, unter der ein Land leiden kann: des bewaffneten Konflikts zwischen politischen Lagern, ausufernder Kriminalität, Terrorattentaten, Abrechnungen zwischen Mafiosi und Drogenhändlern.

Von 1982 bis zu seinem Tod 1987 hatte er unermüdlich für das schon früher gegründete Comité para la Defensa de los Derechos Humanos de Antioquia gearbeitet, zeitweilig als Vorsitzender. Er schickte Briefe mit Namen und konkreten Fällen an den Präsidenten der Republik, den Staatsanwalt, an Minister, Generäle, Brigadekommandanten. Er zeigte jedes Massaker, jede Entführung, jeden Verschwundenen, jede Folterung an. (…) Und in seinem Büro häuften sich die Anzeigen von Verzweifelten, die niemanden hatten, an den sie sich wenden konnten, kein Gericht, keinen Staatsbeamten, nur ihn.

Wenn man sie liest, empfindet man Ekel und tiefen Schmerz: Fotos von Gefolterten und Ermordeten, verzweifelte Briefe von Eltern und Geschwistern, bei denen ein Angehöriger entführt wurde oder verschwunden ist, Pfarrer, denen niemand Gehör schenkt und die sich mit ihren Anzeigen an ihn wenden, und Wochen später die Nachricht von der Ermordung eines dieser Pfarrer in einem entlegenen Dorf. Briefe, in denen auf die Todesschwadronen hingewiesen wird, mit vollständigen Namen der Mörder, Briefe, die bei der Regierung ebenso wie bei den meisten Journalisten auf Verachtung, Gleichgültigkeit oder Unverständnis stießen, sodass am Ende er es war, der bezichtigt wurde, politische Subversion zu betreiben.

Im Jahr seines Todes brachen der schmutzige Krieg, die Gewalt, die selektiven Ermordungen mit aller Kraft über die Universitäten herein, denn im Staatsapparat und bei den Komplizen, den Paramilitärs, hatte sich die Überzeugung durchgesetzt, hier befänden sich die Keimzelle und der ideologische Kern der Subversion. In den Monaten vor seiner Ermordung wurden allein an seiner geliebten Universität von Antioquia sechs Studenten und drei Professoren ermordet.

(…) Am 11. August 1987 schrieb er ein Kommuniqué „Zur Verteidigung des Lebens und der Universität“. Er klagte an, im vergangenen Monat seien fünf Studenten und drei Professoren verschiedener Fakultäten ermordet und gefoltert worden, und er fuhr fort: „Die Universität ist all jenen ein Dorn im Auge, die wollen, dass niemand etwas in Frage stellt, dass wir alle gleich denken. Sie ist die Zielscheibe derjenigen, für die Wissen und kritisches Denken eine gesellschaftliche Gefahr darstellen, und so nutzen sie die Waffe des Terrors, um diesen Ort des kritischen Dialogs mit der Gesellschaft ins Wanken und zum Schweigen zu bringen.“

Liest man seine Worte, so begegnet einem stets ein ausgeglichener Mensch, frei von jeglichem für diese verheerenden Jahre so typischen Freund-Feind-Dogmatismus auf Seiten der Linken. (…) Selten geschah es, dass ein Richter oder ein Staatsanwalt seinen Beschuldigungen nachging. Normalerweise wurden sie durch feindseliges Schweigen beantwortet. Héctor Abad

Gekürztes Kapitel aus der Biografie des Menschenrechtsaktivisten Abad Gómez, geschrieben von seinem Sohn Héctor Abad: „Brief an einen Schatten. Eine Geschichte aus Kolumbien“, aus dem Spanischen von Sabine Giersberg, Berlin (Berenberg Verlag) 2009. Das Buch erscheint am 12. März. Wir danken dem Verlag für die Abdruckrechte. © Berenberg Verlag und Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.02.2009,