13.08.2004

Über Nacht ergraut

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Über Nacht ergraut

IN dem Roman „Das Tor zur Sonne“ sitzt der Ich-Erzähler Doktor Khalil, ein ehemaliger Widerstandskämpfer und verkrachter Medizinstudent, der sich als Arzt ausgibt, am Sterbebett seines einstigen Mentors. Khalil wird (zu Unrecht) beschuldigt, eine Frau umgebracht zu haben, weshalb er sich in „seinem“ Krankenhaus, das eigentlich ein verlassenes Wüstenlazarett ist, verschanzt hat. Vergleichbar mit den Geschichten in Tausendundeiner Nacht versucht der Ich-Erzähler, durch sein Erzählen den Komakranken ins Leben zurückzuholen. Das Panorama, das sich derart abzeichnet, erzählt dem Leser vom palästinensischen Exodus nach 1948, vom Leben und Kampf in Flüchtlingslagern.

Salîm, der Junge, der in der hier abgedruckten Passage seine Vorstellung gibt, hat als Kind im Flüchtlingslager Schatila gelebt. Er überlebte das Massaker, aber seine Haare wurden über Nacht weiß. Der Auszug ist entnommen aus: Elias Khoury, „Das Tor zur Sonne“. Roman. Aus dem Arabischen von Leila Chammaa. Stuttgart (Klett-Cotta) 2004.

ANDERS als der Literaturwissenschaftler Edward Said, für den nach wie vor eine klare Trennung von Hocharabisch und Umgangssprache besteht, redet der libanesische Schriftsteller Elias Khoury einer Durchmischung das Wort. „Der Bürgerkrieg hat die Schriftsprache der gesprochenen Sprache geöffnet. Das ist die große Entwicklung, durch die die arabische Literatur gehen muss. Die arabische Nation ist der einzige Ort, wo die Sprache sich seit 1 500 Jahren nicht geändert hat. […] Als Resultat dieser Tatsache sind wir durch Jahrhunderte der Stille gegangen. Für mich als jemand, der den Bürgerkrieg erlebt hat, war es sehr wichtig, so zu schreiben, wie die Leute wirklich lebten und sprachen. Es gab nichts dergleichen in der modernen libanesischen Literatur. Das Wichtige, das der Krieg uns lehrt, ist, die Wirklichkeit auszudrücken, unsere Sprache zu verändern. Das soll nicht heißen, das Hocharabische aufzugeben. Ich glaube, wir müssen die Syntax des Alltagsarabisch in die Syntax des Hocharabisch einbringen.“

Le Monde diplomatique vom 13.08.2004