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Wachstum und Protektionismus

Der Mythos , der Protektionismus habe zur Weltwirtschaftskrise von 1929 und zur Depression der 1930er-Jahre geführt, geht einher mit einer zweiten, noch wirkmächtigeren Legende, die sich durch die Geschichte der Welthandelspolitik zieht und fast schon ein Dogma der neoklassischen Ökonomie darstellt. Diese Legende lautet: „Der Freihandel ist die Regel, der Protektionismus die Ausnahme.“

Gebetsmühlenartig wird das Goldenen Zeitalter des Freihandels beschworen, von dem sich der Protektionismus der 1930er-Jahre abgewandt habe. In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Die Geschichte zeigt, dass der Freihandel die Ausnahme ist und der Protektionismus die Regel.

Das 16. und 17. Jahrhundert waren das Goldene Zeitalter des Merkantilismus. Der Besitz von Edelmetallen garantierte den Nationen Reichtum und Macht. Ein Land, das keinen eigenen Zugang zu Gold- oder Silberminen hatte, musste also seinen Außenhandel mit dem Ziel regulieren, einen Exportüberschuss zu erzielen. Zudem dienten die Kolonien als exklusive Märkte für Exporte der imperialen Metropolen. (…)

Das 18. Jahrhundert gilt als Übergangszeit. In seiner ersten Hälfte war die Handelspolitik noch immer weitgehend dem Merkantilismus verpflichtet. Ab 1760 begann sich jedoch das Blatt zu wenden. Es fing an mit den Thesen der Physiokraten, es folgten die Schriften von Adam Smith und vor allem der Handelsvertrag von 1786 zwischen Frankreich und England: Damit wurde der Freihandel als integraler Bestandteil einer Wirtschaftspolitik des Laissez-faire anerkannt. Das galt zwar noch nicht für ganz Europa, aber doch schon in den Beziehungen zwischen zweien seiner bedeutendsten Großmächte.

Dann aber verstärkten die Kriege zwischen 1790 und 1815 sowie insbesondere die Blockade der französischen Häfen durch die Engländer 1806 erneut die Neigung zum Protektionismus, die jetzt wieder als die beste staatliche Handelspolitik galt. Doch in der ökonomischen Theorie gewann der Liberalismus weiter an Bedeutung. (…)

In der Praxis bedeutete der Aufstieg des liberalen Wirtschaftsdenkens in Europa nicht zwangsläufig das vollständige Verschwinden des Protektionismus merkantilistischer Prägung, sondern begünstigte eher die Entstehung neuer Varianten. Das hing eng mit dem Erstarken des Nationalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen. Vor allem aber begann man die wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse zu verstehen, die zur industriellen Revolution geführt hatten, mit dem Ziel, den Vorsprung der britischen Industrie einzuholen. (…)

Die aus der industriellen Revolution hervorgehende Handelsexpansion in Europa hatte auf die Zollpolitik der einzelnen Länder ganz unterschiedliche Auswirkungen. Dabei lassen sich grob zwei Gruppen unterscheiden: In Ländern, die allmählich den Anschluss an die entwickelte Welt fanden, überwog der Protektionismus. Das galt vor allem für die USA, (…) die man mit Fug und Recht als „Vaterland und Bastion des modernen Protektionismus“ bezeichnen kann. In der zweiten Gruppe überwog der Liberalismus. Das sind die Länder, die heute die „Dritte Welt“ bilden (also vor allem die ehemaligen Kolonien). Die Wahl war jedoch keineswegs freiwillig; vielmehr unterlagen die Länder sehr konkreten Zwängen (…).

In der Geschichte fiel der Protektionismus stets mit Industrialisierung und wirtschaftlicher Entwicklung zusammen oder hat sie sogar ausgelöst. Bei drei von vier untersuchten Ländern, die liberale Wirtschaftsprinzipien verfolgten, waren die Auswirkungen dieser Politik negativ. Die einzige Ausnahme bildet Großbritannien in der Zeit des Manchesterliberalismus, also ab 1846. Die wirtschaftsliberale Politik in dieser Periode hat vermutlich maßgeblich zur Beschleunigung der Wirtschaftsentwicklung in den zwei oder drei Jahrzehnten nach dem fast vollständigen Abbau aller Handelshemmnisse beigetragen.

Allerdings hatte Großbritannien, die „Wiege der industriellen Revolution“, 1846 auch noch einen erheblichen Vorsprung vor dem Rest der entwickelten Welt. Und nicht zu vergessen: Das Land hatte gerade rund 150 Jahre Protektionismus hinter sich.

Paul Bairoch

Aus dem Französischen von Veronika Kabis Paul Bairoch ist Historiker und Wirtschaftswissenschaftler. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seinem Buch „Mythes et paradoxes de l’histoire économique“, Paris (La Découverte) 1993.

Le Monde diplomatique vom 13.03.2009,