10.12.2004

Mission zum Mitmachen

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Mission zum Mitmachen

DIE Nasa hat Jahrzehnte Erfahrung damit, die Ergebnisse ihrer Weltraumforschung quasi in Echtzeit zu popularisieren. Ihre europäische Schwesterbehörde ESA hingegen funktioniert nach dem Motto: Erst die Wissenschaft und dann viel später die Öffentlichkeit. Zugleich setzt sich die Nasa mit einer gewissen Nachsicht den zahllosen Verschwörungstheorien aus, die in den USA grassieren. Ihr Kommunikationsmodell erlaubt auch noch den Anhängern der absurdesten Behauptungen, dabei zu sein und mitzureden – und zwingt damit alle Verschwörer zu einer Rationalität, der sich ihre Theorien eigentlich verweigern.

Von PIERRE LAGRANGE *

5. Januar 2004, 4.15 Uhr. Nasa-TV bietet im Internet eine Direktübertragung von der Landung der Sonde „Spirit“ auf dem Mars. Noch eine Stunde bis zum Eintritt des Flugkörpers in die Atmosphäre des Roten Planeten. Auf ihrem Platz am Rande des Kontrollraums im Jet Propulsion Laboratory (JPL) der Nasa präsentiert eine Journalistin die aktuellen Nachrichten, spielt immer wieder Videos ein, die verschiedene Aspekte der Mission erläutern. Außerdem sind aus unterschiedlichen Kameraperspektiven die Spezialisten im Kontrollraum zu sehen. Man kann ihre Kommunikation mit den Flugkörpern verfolgen.

Den Abstieg der Sonde durch die Marsatmosphäre erleben die Zuschauer am heimischen Bildschirm zeitgleich mit der Nasa-Mannschaft. Sie dürfen die Begeisterung teilen, die im Kontrollraum ausbricht, als die Sensoren die erfolgreiche Landung melden. Sie sehen auch sofort die ersten Bilder, die vom Mars übertragen werden. Bei der anschließenden Pressekonferenz mache ich via Webcam im Saal einen Bekannten aus, der sich mit einem Nasa-Mitarbeiter unterhält. Ich nehme per Handy Kontakt auf. Er reagiert, ich stelle meine Frage, Minuten später schickt er die Antwort per E-Mail. Die Illusion ist perfekt: Ich war dabei – zu Hause und doch mitten im Geschehen.

Als die Europäische Raumfahrtbehörde (ESA) zehn Tage zuvor die Ankunft ihres Raumfahrzeugs „Mars Express“ in der Umlaufbahn des Mars bekannt gab, herrschte eine völlig andere Stimmung. Kein Kamerablick in einen Kontrollraum, keine Direktübertragung einer Pressekonferenz – kein Leben mit dem Mars. Es dauerte mehrere Wochen, bis die Journalisten endlich ein Foto bekamen, ein schönes Foto, aber eben nur eines. Und das Gerücht, es gebe noch mehr.

Für die ESA scheint es undenkbar, dass Bilder an die Medien gehen, bevor sie nicht auf allen Ebenen des bürokratischen Apparats geprüft und ausgewertet sind. Die Öffentlichkeit erhält nur verblichene Abzüge, wie Aufkleber auf einem alten Reisekoffer. Mitnehmen auf die Reise will man sie offenbar nicht. In Houston zeigen sie den Internetsurfern, wie ein Bild entsteht, schwarzweiß zunächst, dann farbig.

Wie groß der Unterschied zwischen der amerikanischen und der europäischen Vorstellung von Popularisierung wissenschaftlicher Arbeit doch ist! Die ESA trennt streng zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Erst nachdem die Resultate geprüft sind, dürfen sie publiziert werden. Die Nasa sieht ein übertragenes Bild als Momentaufnahme, die ESA als Blick auf den Mars. Im einen Fall darf die Öffentlichkeit aktiv Anteil nehmen, im anderen Fall bleibt sie Zuschauer.

Damit bleibt die ESA in traditionellen Vorstellungen befangen: Sie beharrt auf dem Abstand zwischen den Experten und dem Publikum – früher hätte man von den Gelehrten und den Ungebildeten gesprochen. Die Nasa dagegen bietet den Zuschauern an, sich einzumischen. Hier stehen sich nicht Experten und Öffentlichkeit gegenüber, sondern alle sind je nach Fähigkeiten Teil der Auswertung. Was die Spezialisten im Kontrollraum diskutieren, darf seinen Widerhall im öffentlichen Raum finden.

Die divergenten Definitionen des wissenschaftlichen Resultats, der deutliche Kontrast zwischen Kalifornien und den Niederlanden, zwischen Nasa-TV und den Internetseiten der ESA führen auch zu Irritationen. Houston bietet alles an, was im Kontrollraum gesagt und getan wird – aber man bekommt nicht die Bilder, die man erwartet. Seit Jahrzehnten kennen die Zuschauer die Farbfotos vom Mars, die simulierten Flüge über die Oberfläche. Doch jetzt scheint der Mars plötzlich aus dem Bild geraten zu sein.

Keine Blicke wie in den Science-Fiction-Filmen aus einem Raumschifffenster auf die Landschaften des Planeten, keine Kamera, die jeden Augenblick des Fluges aufzeichnet. Der Internetsurfer, sofern er nicht selber ein Raumfahrtexperte ist, erlebt die Aufregung im JPL-Kontrollraum mit, ohne ihre Anlässe zu verstehen. Informationen gibt es nur auf den Bildschirmen, und selbst wenn man sie lesen könnte, würde man die Zahlenreihen nicht verstehen. Wir blicken in einen geschlossenen Raum, in den der Himmel nur durch die Kabelverbindungen zu weit entfernten Antennen und Radioteleskopen Eingang findet. Der Mars wird zergliedert wie der Patient im Krankenhaus oder die Liebe in einem Pornofilm. Die Atmosphäre, die Bodenanalyse, die Geschwindigkeit der Sonde – plötzlich ist der Mars nicht mehr der rätselhafte Rote Planet, sondern ein Datensatz, der auf den Monitoren Dutzender von Experten erscheint. Erst bei der Pressekonferenz fügen sich die Bruchstücke wieder zusammen; man hört Erklärungen und sieht endlich ein paar schöne Bilder, die irgendwie nach dem Planeten Mars und den fiktiven Marsbewohnern aussehen.

Was den Internetsurfer dabei verstört, ist seine Schwierigkeit, sich aus jenen traditionellen Vorstellungen von wissenschaftlicher Erkenntnis zu lösen, die auch die ESA prägen. Insgeheim glaubt er noch immer, dass Wissenschaft die Anschauung der Natur bedeutet, die Aufzeichnung von Tatsachen. Doch die Wissenschaft hat sich von jeher einen Raum jenseits der Natur geschaffen, in dem sie ihre Muster und Kategorien aufbewahrt – Abbildungen, die mit den schönen Farbfotos in populären Zeitschriften wenig zu tun haben. Nasa-TV zwingt den Zuschauer zum Nachdenken über die Arbeit von Wissenschaftlern und seine eigenen Vorstellungen von Wissenschaft.

Eine weitere Irritation: Der Kommunikationsstil der Nasa entzieht durchaus nicht den Fantasien den Boden, von denen zum Beispiel auch die Fernsehserie „Akte X“ lebt. Obwohl der Weltraum nun offen und zugänglich scheint, obwohl wir alles sehen und hören, was im JPL vor sich geht – es gibt weiterhin unzählige Behauptungen, dass uns etwas verschwiegen wird. Angesichts der Dauerkonjunktur von Verschwörungstheorien in den USA scheinen die Bemühungen der Nasa fast sinnlos. Seit 1998, als die Sonde „Mars Global Surveyor“ in der Cydonia-Ebene landete, dort, wo sich die 1976 von der Sonde „Viking“ fotografierte Hügelkette befindet, die einem Gesicht ähnelt, ist eine Flut von Büchern erschienen, in denen der Nasa Geheimniskrämerei unterstellt wird. Und indem die Nasa solche Gerüchte ernst nimmt und zum Beispiel durch neue Bilder von der Cydonia-Ebene zu entkräften sucht, gibt sie ihnen nur weiteren Auftrieb.

Doch der Erfolg der Verschwörungstheorien wirkt nur befremdlich, solange man dem traditionellen Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit verhaftet bleibt. Es ist tatsächlich nicht einzusehen, weshalb einige Kameras in einem Kontrollraum jeden Verdacht zerstreuen sollten – schließlich zeigen sie nur Bilder, die kaum zu entschlüsseln sind und darum erst recht Misstrauen wecken können.

Und außerdem geht es der Nasa ja gar nicht darum, die Spekulationen à la „Akte X“ zu unterbinden, sondern man lebt damit. Sie gelten als legitimer Beitrag zur Diskussion. Nicht von gleichem Gewicht wie die Debatten unter wissenschaftlichen Experten, aber als Teil der Nasa-Strategie, wissenschaftliche Entdeckungen von Anfang an mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Den Traditionalisten mag das skandalös erscheinen: Wie kann man unwissenschaftliche Vorstellungen oder gar den Wahn von den fliegenden Untertassen in dieser Weise ernst nehmen? Tatsächlich bestehen aber erstaunliche Nähen zwischen den scheinbar verschiedenen Welten. Nicht nur dass die Nasa 1998 bereit war, die Cydonia-Ebene erneut zu fotografieren – manche Verschwörungstheorien stammen von den Raumfahrtexperten selbst, nicht etwa von „schlecht informierten“ Zivilisten.

Sogar Behauptungen, die Air Force habe die Landung Außerirdischer vertuscht, sind in Militärkreisen seit langem populär. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Theorie gehört Richard Hoagland, ein ehemaliger Nasa-Mitarbeiter. Und in der Debatte um die vorgebliche Künstlichkeit des „Gesichts“ auf dem Mars tun sich vor allem Ingenieure aus den großen US-Technologieunternehmen hervor, gelegentlich auch Nasa-Spezialisten. Schließlich hatten lange Zeit nur diese Experten Zugang zu Computern, die in der Lage waren, die Bilder vom Mars so aufzulösen, dass eine Kontroverse über ihre Interpretation beginnen konnte.

Heute macht man keinen Unterschied mehr zwischen wissenschaftlichen Debatten und den Wahnvorstellungen der Untertassensekten. Alle Fragen aller Beteiligten werden gleich behandelt – ob sie nun von Forschern, Journalisten oder interessierten Bürgern stammen oder eben von den Bewunderern des Serienhelden Special Agent Fox Mulder. Jeder hat das Recht, sich in die Diskussion einzumischen.

Mit dieser Aufhebung der Trennung zwischen Wissenden und Unwissenden dreht die Nasa den Spieß aber auch um: Nun liegt die Beweislast bei den Vertretern der Verschwörungstheorien. Und mit einem Mal zeigen diese sich als Anhänger traditioneller rationalistischer Vorstellungen und entdecken die Vorzüge der Unterscheidung zwischen Eingeweihten und Ahnungslosen. Gegen die von der Nasa praktizierte Egalität aller Forscher müssen sie immer noch behaupten, es werde ihnen etwas verschwiegen. Sie erklären sich zu Unwissenden und vermuten eine verborgene Wahrheit. Sie berufen sie sich auf das klassische Wissenschaftsprogramm, das sie doch abgelehnt haben. An der rationalen Debatte, die sie fordern, dürften sie eigentlich nicht teilnehmen.

Natürlich ist ein solcher Paradigmenwechsel gewöhnungsbedürftig. Wer kann sich denn plötzlich als Forscher verstehen? Hat man uns nicht beigebracht, dass nur die Wissenschaft gesicherte Erkenntnisse verbürgt? Und nun sollen wir akzeptieren, dass die Wissenschaft sich auf ein Kräftemessen mit zweifelhaften Kontrahenten einlässt. Wenn wir ein Medikament einnehmen oder ein Auto kaufen, verlassen wir uns auf gesicherte Erkenntnisse: Wir wollen nicht Neuland betreten, sondern vertrauen auf die Ergebnisse der Entwicklungsabteilungen. Unser Körper oder unsere Autowerkstatt sollen kein Experimentierfeld sein.

Der zunehmende Erfolg von Verschwörungstheorien gründet sich nicht auf die Forderung nach Zugang zu gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern eher auf den Anspruch, an den Diskussionen teilnehmen zu dürfen. Es geht nicht um die Enthüllung des Verborgenen, sondern um die Erlaubnis, darüber zu debattieren. Und genau darum – weil dies erlaubt wird, weil man nicht länger auf den alten Formen besteht – kommen immer neue Verschwörungstheorien auf.

Diese Form der öffentlichen Kontroverse kann sich natürlich in jedem beliebigen Themenbereich entwickeln. Der Mars bietet allerdings – nicht erst heute, wie oft behauptet wird, sondern schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts – eine besonders beliebte Projektionsfläche. Das hat einen ganz einfachen Grund: Als die Erforschung dieses Planeten begann, gab es noch keine strikte Trennung zwischen seriösen Wissenschaftlern und Amateuren. Ein Jahrhundert später sind wir wieder an diesem Punkt angelangt.

deutsch von Edgar Peinelt

* Soziologe am CNRS in Paris.

Le Monde diplomatique vom 10.12.2004, von PIERRE LAGRANGE