14.01.2005

Im Rift Valley

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Im Rift Valley

NATÜRLICH sind wir die Erben der Mau-Mau!“, meint Ruo Kimani, der Koordinator der Mungiki im Rift Valley. Nur werde der Kampf heute anders geführt. Hier, in Nakuru, der viertgrößten Stadt Kenias, sollen 40 Prozent der Bevölkerung mit den Mungiki sympathisieren. Kimani hat zu unserem Gespräch einige seiner „Lieutenants“ mitgebracht: einen Bauer, einen Händler und einen Arbeitslosen. Nur die Tabakbehälter aus Antilopenhorn, die ab und zu die Runde machen, weisen auf ihre Zugehörigkeit zum Kult derer hin, „die mit Blick auf den Mount Kenia beten“.

Ruo Kimani erläutert: „Mitglieder von uns sitzen in der Regierung oder arbeiten bei der Polizei oder in der Armee. Wir könnten die Regierung sehr schnell stürzen, aber wir wollen Gerechtigkeit mit demokratischen Mitteln durchsetzen. In der derzeitigen Regierungskrise kann man uns sowieso nicht mehr lange ignorieren.“

In den letzten Monaten wurde ein Dutzend Mungiki auf mysteriöse Weise umgebracht. „Wir sind Opfer des internen Konflikts zwischen der NAK, der Nationalen Allianz Kenias, und der LDP, der Liberaldemokratischen Partei“, meint Ruo Kimani. Beide Parteien gehören der regierenden Regenbogenkoalition (Narc) an. „Einigen sind wir zu radikal, sie versuchen, uns zu unterwandern und zu manipulieren. Aber wir wollen keine ethnischen Kriege.“

Kimani gibt zwar auch zu, dass seine Bewegung in die Aktionen der Selbstschutzgruppen in den Slums verwickelt ist, er spricht aber lieber über seine Ziele: „Wir wollen eine wahrhaft afrikanische Form des Regierens einführen, dezentral organisiert. So etwas hat sich noch nie durchsetzen können. Aber erst mal muss Schluss sein mit der alten Garde der Politiker, die uns regieren.“

Die Mungiki organisieren derweil Mikroprojekte – über 600 Unternehmen haben sie initiiert – vom Bauernhof bis zur kleinen Maschinenwerkstatt.

In dieser rund 200 Kilometer von Nairobi entfernten Region haben sich viele Kikuyu schon vor rund zehn Jahren aus purer Hoffnungslosigkeit den Mungiki angeschlossen. Und an Nachwuchs ist in dieser Region – von Laikipia bis Nyahururu – offenbar kein Mangel. 50 Jahre nachdem die „Kenyan Land Freedom“-Armee den Mau-Mau-Aufstand auslöste, ist die Bodenfrage aktueller denn je. Im East African Standard wurden kürzlich die Namen der wahren Großgrundbesitzer Kenias publiziert: die Familie Kenyatta besitzt demnach 221 600 Morgen (ein Morgen entspricht 4 046,86 Quadratmetern), die Familie des ehemaligen Staatschefs Daniel arap Moi 114 600 Morgen, und der Familie des derzeitigen Präsidenten Mwai Kibaki gehören 31 600 Morgen.

Rund die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Böden des Landes befinden sich nach Angaben der Kenyan Land Alliance in den Händen von 20 Prozent der Bevölkerung. Seit August 2004 gab es in Nairobi und im Rift Valley mehrere Demonstrationen der Massai-Minderheit. Die Massai fordern, dass man ihnen das Land ihrer Vorfahren zurückgibt. Es geht um 38 riesige Ländereien, die in meist privat geführte Tierreservate umgewandelt wurden: Vor der Unabhängigkeit hatte man sie für 999 Jahre an zumeist weiße Kenianer vergeben.

„Die Mau-Mau kämpften gegen die Kolonialherren, wir gegen die herrschende Klasse, ob westliche Unternehmen wie Del Monte oder Politiker“, erklärt Kimani. Die Ziele, für die die Massai kämpfen, findet er gerechtfertigt. „Wenn es so weit ist, werden wir uns mit ihnen verbünden. Viele von uns sind immer noch Fremde im eigenen Land.“ Aber es werde hier keinen Prozess nach dem Vorbild Mugabes in Simbabwe geben, wirft einer der Lieutenants ein und fügt hinzu: „Selbst wenn unser Kampf hundert Jahre dauern sollte, irgendwann wird der Staat unsere Forderungen erfüllen.“

Le Monde diplomatique vom 14.01.2005