Weg aus Dongguan

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Weg aus Dongguan

Die Stadt Dongguan liegt im Herzen der Provinz Guangdong und war bis vor kurzem eines der chinesischen Produktions- und Exportzentren für Spielzeug, Möbel, Schuhe und Textilien. „Viele Fabriken dort haben geschlossen“, berichtet Mei Hua, eine 26-jährige Arbeiterin aus der Provinz Jianxi, die inzwischen in Chenghai lebt. „Meine Eltern sind noch dort. Sie sagen, dass die Stundenlöhne weiter gesunken sind, dabei waren sie vorher schon niedriger als hier, und dass es schwerer geworden ist, Arbeit zu finden.“

Um die Wanderarbeiter zu beschäftigen, lässt die Stadtregierung sie mit den Mitteln des Konjunkturprogramms der Zentralregierung die Infrastruktur instandsetzen. Die Baustellen durchlöchern jetzt Dongguan wie einen Schweizer Käse, in dem tausende Arbeiter herumwimmeln.

Nichts zu verlieren für Investoren

Die Probleme der Stadt sind nicht allein der internationalen Wirtschaftskrise zuzuschreiben. Die Talfahrt begann schon lange, bevor die Auslandsnachfrage im Laufe des Jahres 2008 einbrach. „Viele ausländische Investoren aus Hongkong, Taiwan und Südkorea sind schon seit Mitte 2007 verschwunden, und es gab schon viel Leerstand“, sagt Chang Wanhang, der für den Immobilienmakler Century 21 Gewerbeimmobilien in Dongguan vermittelt. „Nach dem Einbrechen der Nachfrage aus dem Ausland konnten wir bald auch keine Gewerbeflächen mehr vermieten.“

In seinem Büro in Shenzhen erklärt Liu Kaiming, Gründer und Präsident des Institute of Contemporary Observation (ICO), einer NGO, die sich für Arbeiterrechte einsetzt: „Seit Anfang 2007 sind die Produktionskosten [aufgrund des Anstiegs der Rohstoffpreise] um 20 bis 30 Prozent gestiegen, die Arbeitskosten um 10 Prozent, und der Yuan wurde im Verhältnis zum Dollar und Euro um 20 Prozent aufgewertet; das bedeutet eine Preiserhöhung von insgesamt etwa 50 Prozent.“ Die Löhne in der Provinz Guangdong stiegen in den letzten Jahren wegen des chronischen Mangels an Arbeitskräften. Liu schätzt, dass Anfang 2008 vier Millionen zusätzliche Arbeiter gebraucht wurden.

Viele einheimische Produzenten und Einkäufer operierten mit niedrigen Gewinnmargen. Nach der Kostensteigerung konnten sie wegen der chronischen Überproduktion der chinesischen verarbeitenden Industrie diese Kosten nicht an ihre Kunden weitergeben und mussten aufgeben.

Dongguan ist zudem für seine gering qualifizierten Arbeitskräfte und die minderwertige Qualität seiner Produkte bekannt. Der Skandal um bleiverseuchtes Spielzeug im Sommer 2007 hat dieses Negativimage noch verstärkt. Damals lehnten die internationalen Abnehmer – darunter die US-amerikanischen Firmen Mattel und RC2 – Millionen von Produkten aus bestimmten Dongguaner Fabriken ab, weil die Farben zu viel Blei enthielten oder die Plastikbestandteile zu zerbrechlich waren.

Typisch für die Unternehmen in Dongguan ist auch die Herkunft ihrer Besitzer. „In Chenghai sind alle Fabriken im Besitz von Einheimischen“, sagt ein Sprecher des Verbands der Spielwarenindustrie: „Für sie sind die Fabriken Ausdruck ihrer Lebensleistung. Sie bunkern sich ein, bis es wieder losgeht. Die meisten Fabriken von Dongguan dagegen gehörten Leuten aus Hongkong, Taiwan und Südkorea, die in gemieteten Räumen gearbeitet haben. Als die Gewinnmargen schrumpften und die Banken den Kredithahn zudrehten, oder auch wenn die Zentrale beschloss, ihr Engagement im Ausland zurückzufahren, sind sie verschwunden. Das konnten sie sich ohne weiteres erlauben, denn sie hatten wenig investiert.“

Das Konzept des „Betriebs ohne Investitionen“ wurde vor zwanzig Jahren in Guangdong von Unternehmern aus Hongkong ins Leben gerufen. „Sie sind in die Dörfer gegangen und haben dem ganzen Dorf einen Handel vorgeschlagen: Wir stellen euch die Maschinen hin und geben Aufträge weiter, und euer Anteil am Unternehmen sind die Fabrikgebäude und die Mitarbeiter“, erzählt Fabrice Turries, Partner der Unternehmensberatung Palazzari & Turries, die seit zwölf Jahren in China und Hongkong tätig ist. Die Zentralregierung unterstützte diese Vorgehensweise zunächst, bis sie merkte, dass die lokalen Verwaltungen, die sich wenig um Sozial- oder Umweltgesetze scheren, dadurch zu viel Einfluss bekamen. „Peking hat 2006 mit strengeren Regeln eine Kampagne geführt, um qualitative Verbesserungen in der chinesischen Industrie durchzusetzen“, fährt Turries fort. Die Hongkonger Investoren wanderten daraufhin in Scharen ab, vorzugsweise nach Vietnam.

Im November wurde dann wegen „der ungewöhnlichen Abwanderung ausländischer Investitionen“ eine gesetzliche Regelung geschaffen: „Wenn ein Betrieb nicht nach dem Gesetz liquidiert wird, können die Aktionäre ebenso wie das Unternehmen für Schäden haftbar gemacht werden“, erläutert Bruno Grangier, Anwalt im Schanghaier Büro der Kanzlei Gide Loyrette Nouel. Diese Regelungen zielen auch auf chinesische Unternehmer, deren Firmen in Steueroasen registriert sind. Viele, die einen zweiten Pass besitzen, haben sich abgesetzt, nachdem sie ihr Vermögen außer Landes gebracht hatten.

Dichtmachen, bevor es regnet

Für dieses seit langem bekannte Problem trägt die Regierung in Peking zum Teil also selbst die Verantwortung. Aber seit Sommer 2008 versucht sie, alle Probleme der heimischen Industrie auf die internationale Finanzkrise zu schieben. Chen Xiwen, beim Staatsrat zuständig für die landwirtschaftliche Entwicklung, hat im Januar erklärt, zwanzig Millionen Wanderarbeiter seien ohne Arbeit oder nach Hause zurückgekehrt, weil die Industrie- und Manufakturproduktion zurückgegangen sei.

Diese Erklärung ist mit Vorsicht zu genießen. Zunächst einmal beruht diese Zahl nach Angaben der offiziellen Presseagentur Xinhua nur auf Umfragen in 500 Dörfern des Landes; dann kehren sowieso jedes Jahr Millionen Wanderarbeiter zum chinesischen Neujahrsfest zu ihren Familien zurück, das ist also nichts Außergewöhnliches. Schließlich gab das nationale Amt für Statistik Ende März genauere Zahlen bekannt: Zu den elf Millionen Wanderarbeitern in den Städten, die dort ohne Beschäftigung seien, kämen noch weitere vierzehn Millionen, die nach dem Neujahrsfest auf dem Lande geblieben seien – eine Aussage, die jedoch von allen Wanderarbeitern, die wir seitdem getroffen haben, bestritten wurde.

In der Nationalen Volksversammlung warnte Dongguans Bürgermeister Li Yuquan im März: „Wir müssen das Haus reparieren, bevor es regnet.“ Er hatte Angst vor sozialen Unruhen, denn zwischen Januar und Februar waren in seiner Stadt 66 000 Arbeitsplätzen verloren gegangen, und 440 Fabriken mit 48 000 Arbeitern befanden sich in großen Schwierigkeiten. In der Tat hat die Presse seit vergangenem Sommer häufiger über Demonstrationen entlassener Arbeiter berichtet. Die Berichte gingen jedoch nicht weiter darauf ein, dass das, wie ein in Dongguan ansässiger Industrieller aus Europa bemerkt, „nichts Neues ist und die Wanderarbeiter sich in den meisten Fällen nicht zusammenschließen, um gegen den Verlust ihres Arbeitsplatzes zu protestieren, sondern um sicherzugehen, dass sie die bislang noch nicht ausgezahlten Löhne bekommen. Wenn sie ihr Geld haben, verschwinden sie und suchen sich eine neue Arbeit, denn die Fabriken in der Provinz brauchen weiterhin Leute.“

Es mag Zufall sein oder auch nicht – die Nachrichten über die Arbeitslosigkeit kamen genau zu dem Zeitpunkt, als westliche Regierungen lautstark von China verlangten, einen Beitrag zur Rettung des internationalen Finanzsystems zu leisten. Schließlich sei das Land weniger von der Finanzkatastrophe betroffen und verfüge zudem über riesige Devisenbestände.

Vielleicht war diese offizielle Meldung Pekings Mittel der Wahl, um den Mächten, die es als Hauptverantwortliche für die Krise betrachtet, eine dezente Abfuhr zu erteilen.

Tristan de Bourbon

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Chenghai in Zahlen

Bevölkerung Offiziell 800 000 Einwohner und 500 000 Wanderarbeiter, vor allem in Spielzeugfabriken beschäftigt.

Wirtschaft Spielzeugindustrie mit einem Jahresumsatz von 16,2 Mrd. Yuan (1,8 Mrd. Euro), davon werden 80 Prozent durch Export erzielt.

Fabriken Offiziell 3 000, inoffiziell 10 000. Die Differenz ergibt sich aufgrund der Subunternehmer, die für die großen Fabriken arbeiten.

Löhne Zwischen 14 und 15 Yuan (1,55–1,66 Euro) für die hier übliche vierstündige Arbeitsschicht, das sind 900 Yuan (100 Euro) für die Arbeiter, die zwei Schichten am Tag arbeiten, und 1 350 Yuan (150 Euro) für diejenigen, die drei Schichten schaffen. Arbeitszeiten: 7.30–11.30 Uhr, 13.30–17.30 Uhr, 19.30–23.30 Uhr.

China in Zahlen

Wachstum 6,1 Prozent im ersten Quartal 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, 9 Prozent im Jahr 2008, 10,7 Prozent im Durchschnitt für die Jahre 2003 bis 2007. Außenhandelsbilanz: 1 428,5 Mrd. Dollar im Jahr 2008, das sind 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Spielzeugproduktion gesamt 12,3 Mrd. Dollar 2008, eine Steigerung von 1,8 Prozent gegenüber 2007. Im November 2008 schrumpfte die Produktion um 8,6 Prozent, im Dezember um 7,6 Prozent; 67,1 Prozent der Gesamtproduktion werden in die USA und nach Europa exportiert.

Monatliches Nettoeinkommen 397 Yuan auf dem Land, 1 315 Yuan in der Stadt.

Offizielle Arbeitslosenquote in den Städten 4,3 Prozent am Ende des ersten Quartals 2009.

Offizielle Arbeitslosenzahl für die Wanderarbeiter 25 Millionen, davon 11 Mio. in der Stadt und 14 Mio., die auf dem Land geblieben sind, das sind 11 Prozent der geschätzten 225,4 Mio. Wanderarbeiter in China.

Le Monde diplomatique vom 12.06.2009, von Tristan de Bourbon

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