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„Weitaus schlimmer, als was wir derzeit erleben“

Zum Tode des israelischen Schriftstellers Amos Elon von MARIE-LUISE KNOTT

Amos Elon, der israelische Schriftsteller mit dem freundlichen Gesicht, den scharfen Augen, der dicken Hornbrille und den imposanten Segelohren, der, am 4. Juli 1926 in Wien geboren, mit seinen Eltern als Zweijähriger nach Palästina einwanderte, der im Hebräischen, im Englischen und in einem bezaubernden Österreichisch-Deutsch derart zu Hause war, dass er in allen drei Sprachen schrieb und jeder Übersetzung durch die Korrektur einzelner Worte die ihm eigene Atmosphäre verleihen konnte - Amos Elon, der Weltläufer und Journalist und Autor der deutschsprachigen Le Monde diplomatique, ist am vergangenen Montag, dem 25. Mai 2009, gestorben. Wer ihn kannte, möchte hinzufügen: im jugendlichen Alter von 82 Jahren.

Elon hatte schon in der Mandatszeit während des „nationalen Aufstands“ der Araber, den die Juden „arabische Unruhen“ nannten, in Tel Aviv auf dem Schulweg eingeschärft bekommen, auf Minenfallen zu achten. Als Jugendlicher erlebte er ohne Rührung, wie ein Jude in blindem Hass einen Araber erschlug. Im Krieg 1948 war er als Soldat im Jeep dabei, als die arabischen Einwohner Ramleh verließen. Später beschrieb Elon, wie selbstverständlich diese Flucht ihm damals erschien, wenngleich er ahnte, dass es ein endgültiger Aufbruch war. Dort, auf dem staubigen Hauptplatz in Ramleh, begründete sich sein moralisches Unbehagen über die Politik des Staates. Seither hat Elon unermüdlich den politischen Weg seines Landes kritisch begleitet, die Hoffnungen, die Enttäuschungen, später die Einmauerung und Erstarrung, die mit der verhängnisvollen Siedlungspolitik in den Jahren nach dem Sechstagekrieg begann (1995 erschien in der Anderen Bibliothek eine Sammlung seiner Reportagen: „Nachrichten aus Jerusalem. 1968-1993“). Elon verstand Geschichte nicht als zwangsläufig, als fatal, sondern rekonstruierte in Geschichten unermüdlich die in den Situationen angelegten und dann doch verpassten Chancen, um jedem Heute die Freiheit eines Neuanfangs zuteil werden zu lassen, um dem „Marsch des Irrsinns“ (wie er in Anlehnung an Barbara Tuchmann sagte) zu entkommen und um dagegen anzusteuern, dass die Vergangenheit die Zukunft unterjocht (siehe zuletzt „Was ist falsch gelaufen“ in Le Monde diplomatique, April 2003, und „Israels kleines hässliches Imperium“ in Le Monde diplomatique, Juli 2006.

Bekannt wurde er in Israel 1970 durch sein Buch „Die Israelis. Gründer und Söhne“, in dem er aufzeigte, wie die zionistischen Siedler die arabischen Einwohner aus ihren sozialen Visionen ausschlossen. Seine Absicht, die Grenzen in den Köpfen zu überwinden, wurde als Provokation aufgenommen, ebenso wie der 1973 erschienene „Dialog der Feinde. Ein leidenschaftliches Streitgespräch um die Zukunft der Araber und Israels“, (ein langes Gespräch mit der arabischen Politologin Sana Hassan; beide Bücher sind auch auf Deutsch erschienen).

Der Geschichtensammler machte sich bei der linksliberalen Tageszeitung Ha‘aretz einen Namen, weil er über Themen berichtete, die unbequem waren, darunter über das „zweite Israel“, über die von den Gründervätern meist übersehene ärmere Schicht der mitteleuropäischen Einwanderer. Ab Mitte der 1950er-Jahre berichtete er als Ha‘aretz-Reporter aus Osteuropa und aus Deutschland, später aus Paris und Washington. In Amerika, wo er seine Ehefrau Beth kennenlernte, lebt heute auch seine Tochter Danae Elon als Dokumentarfilmerin. In seiner Deutschlandzeit entstand 1966 „In einem heimgesuchten Land“, dessen erster Satz „Am Krematorium Nr. 3 spricht man wieder Deutsch“ mitten in die von ihm gemeinte Heimsuchung hineinführt: Richter und Sachverständige des Frankfurter Auschwitz-Prozesses bei einer Ortsbesichtigung. Eine lächerliche Szene, wenn sie nicht so ernst gewesen wäre. Allein dass ein israelischer Bürger damals mit Offenheit und Sympathie auch die Heimsuchungen der Teilung Deutschlands und des Kalten Krieges untersuchte, war für die israelische Öffentlichkeit ein kleines Skandalon.

Amos Elon, dem ob seines Wissens und seiner leidenschaftlichen Zugewandtheit viele und ganz unterschiedliche Türen offenstanden, verließ Ha‘aretz 1986 und lebte seitdem als freier Autor in Israel, Amerika und Europa. Sein unermüdlicher Einsatz, die Wirklichkeit mit ihren Mythen und Mängeln immer neu zu befragen, machte ihn zu einem der bedeutendsten Intellektuellen seines Landes und seiner Generation. Seine publizistische Heimat war in den letzten Jahrzehnten vor allem das Weltblatt New York Review of Books, wo auch 2004 sein Porträt des Kaufhauskönig Salman Schocken im Original erschien.

Neben zwei großen Biografien (über Theodor Herzl und Meyer Amschel Rothschild) verfasste er nach einem Aufenthalt im Berliner Wissenschaftskolleg 1991 die Studie „Zu einer anderen Zeit. Ein Porträt der jüdisch-deutschen Epoche von 1743-1933“. Sie beginnt damit, wie Moses Mendelssohn, das „bucklicht Männlein“, im Jahr 1743 durch das dem Vieh und den Juden vorbehaltene Stadttor mit nichts als Verstand im Gepäck die Stadt Berlin betritt, und endet damit, wie die Philosophin und Heidegger-Schülerin Hannah Arendt im März 1933 in den Nachtzug nach Prag steigt. Noch einmal beleuchtet Elon - immer im Wissen um das Schreckensende - die Höhen und Tiefen jüdischer Teilnahme und Einflussnahme auf die Entwicklung der deutschen Kultur und Geschichte, er findet Raum für die Hoffnungen und Qualen, für die Theorien und Verwerfungen, ohne einer Zwangsläufigkeit das Wort zu reden. Es hätte - alles? - auch anders kommen können.

Die Reportage, in der er aus großen und kleinen Geschichten des realen Lebens, aus seinem breiten Wissen und seinem enormen Gedächtnis, seiner nicht nachlassenden Neugier und seiner unerschütterlichen Liebe zur Welt und zu den Menschen schöpfte, bildete zeitlebens den Grundstock seines Schreibens. „Ich war zufällig Zeuge eines Gesprächs“, beginnen einige der interessantesten kleinen Geschichten, die er lebendig wie kaum ein anderer erzählen konnte. „A shillings life will give you all the facts“, zitiert er den großen englischen Dichter W. H. Auden - auch wenn die facts, wie er hinzufügt, heute etwas teurer erstanden werden als für einen Schilling. Er wusste: the telling detail kommt weiter als jede Analyse, gerade auch dort, wo das politische Feld vermint ist. 2003 verkaufte er sein Jerusalemer Apartment und kehrte seiner Heimat (“Dort habe ich das erste Mädchen geküsst.“) den Rücken. Aus Enttäuschung, wie er sagte. Er hatte Angst vor einem Zustand, „der weitaus schlimmer ist, als was wir derzeit erleben“. Und so packte er seine Bücher in Umzugskisten. Am vergangenen Montag, dem 25. Mai 2009, ist er in dem nicht einmal hundert Seelen zählenden Ort Buggiano Castello in Norditalien fern von vielen Freunden gestorben. Eines seiner Lieblingszitate (“food for thought“, wie er sie gerne nannte) könnte auch von ihm selbst stammen: „Macht keine Dummheiten, während ich tot bin.“

Berlin, den 27. Mai 2009

Le Monde diplomatique vom 12.06.2009,