Artikel drucken zurück

Odessa oder der Zauber des Überflüssigen

Odessa oder der Zauber des Überflüssigen

Von Märkten, Geschichten und dem Mythos der Orangen von Irena Wiszniewska

Wenn man sich in Odessa an der Seepromenade verabredet, sagt man immer dazu, ob die Puschkin-Seite oder die Herzogseite gemeint ist. Um welchen Herzog es geht, muss nicht näher erklärt werden: Es gab nur einen, Armand du Plessis de Richelieu, der zwischen 1798 und 1811 Gouverneur von Odessa war und auch ein Denkmal bekam: Es steht am oberen Ende der berühmten Potemkin-Treppe. Odessa verdankt ihm viel: die erste Trassierung der Stadt, die Straßenbeleuchtung, das Pflaster aus Lavastein vom Vesuv, die weißen Akazien aus Italien. Vor allem aber verdankt sie dem Herzog ihr internationales Gesicht, denn er holte die Europäer in die Stadt: Die Italiener errichteten die meisten Gebäude; den Ausbau des Kanalisationssystems übernahmen die Engländer; die Belgier beteiligten sich am Bau des Straßenbahnnetzes; die Oper gäbe es nicht ohne die Österreicher, und die Schiffe gehörten in der Mehrzahl den griechischen Reedern.

Heute lassen sich Frischvermählte zu Füßen „ihres“ Richelieu fotografieren, denn das bringt Glück. Der Herzog ist wie ein Großvater, der im Alltag kaum beachtet wird – aber die Tatsache, dass er existiert, ist tröstlich und beruhigend. Zehn Tage lang grüßte ich ihn, wenn ich auf dem Weg zu meiner Bank am Primorsky-Boulevard bei ihm vorbeikam. Es war die zweite Bank links, Richtung Puschkin-Denkmal. Auf der Bank saß ich mit einem Schild mit der Aufschrift: „Ich habe eine Geschichte für dich, umsonst, und nur du auf der Welt wirst sie kennen.“ Und wartete auf Freiwillige.

Manchmal ging ein heftiger Wind, Jugendliche flitzten auf Skates vorbei, und ein Mann in Kapitänsuniform versuchte seine Gedichte zu verkaufen. Wer war der Erste, der sich von meinem Angebot verführen ließ? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch gut an Boris, einen jungen Mann um die dreißig, der für eine Geschichte seine Freunde warten ließ.

„Sag irgendein Wort, nur eines“, forderte ich ihn auf.

„Segelschiff“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.

Ehe ich mich auf dem Primorsky-Boulevard niedergelassen hatte, war ich auf der Suche nach dem idealen Ort kreuz und quer durch Odessa gelaufen. Er sollte sowohl gut frequentiert als auch leicht zugänglich sein. Normalerweise, ob in Antananarivo oder zu Hause in Polen, entschied ich mich für den Markt, weil dort, wie ich fand, die meiste Energie zusammenströmte.

Erfüllt von dieser Idee, erkundete ich zwei Tage lang den bedeutendsten historischen Markt von Odessa, Priwos (Ankunft), wo um 1828 die Kaufleute ihre Waren auszuladen pflegten. Diese geschlossene Halle mit steinernen Verkaufstischen und antikem Abwassersystem hat sich trotz der unvermeidlichen Flut chinesischer Billigprodukte die Aura einer anderen Zeit bewahrt. Eine alte Dame im Morgenmantel mit einem zerschlissenen Pullover darunter und einem Vogel auf der Schulter betätigte sich als Wahrsagerin; eine andere rühmte die Qualitäten ihres eigenhändig geformten weißen Käses. Ein Trinker, der sich in die Kleiderabteilung verirrt hatte, bot jedem Vorbeikommenden ein Pulver gegen Kater an.

Hier traf man die meisten exotischen Gesichter der Innenstadt Odessas: Das Granatapfelsaftmonopol hatten die Usbeken inne, während die Asiatinnen sich auf die Zubereitung kleiner Gerichte spezialisiert hatten – was für Köstlichkeiten! Der berühmte Schwarzwein von Odessa, tiefrot und ölig, wurde vom Fass verkauft. Und die Fische! Es gibt sie gedörrt, geräuchert, eingesalzen. Ein besonderer Leckerbissen, den man an Ort und Stelle verzehrt, ist rohe, nur leicht gesalzene Sardine.

Aber dieser so lebendige Markt, auf dem ich mich so wohlgefühlt hatte, wollte mich nicht. Zwei Stunden saß ich unbeschäftigt in der Gemüseabteilung und sah die Leute an mir vorbeiziehen und meinem Blick ausweichen. Am Ende war ich so weit, dass ich mein Schild hoch hielt und bettelte und flehte: „Eine Geschichte?“ „Umsonst!“ „Bitte!“ Eine Kartoffelhändlerin erbarmte sich meiner. Sweta wählte das Wort „Mädchen“, was ihr eine Geschichte eintrug, mit der es, offen gestanden, nicht weit her war. „Die Leute hier haben nur die Preise im Kopf“, tröstete sie mich nachher großmütig. „Wenn du nicht viel Geld hast, ist das Einkaufen hier fast unmöglich. Versuch’s lieber in der Stadt: Dort wird man dir zuhören, du wirst sehen.“

Im Oberleitungsbus musste ich niesen. „Gesundheit!“, sagte ein Herr. „Ich weiß, woran Sie leiden. Das ist eine Sonnenallergie. Die hab ich auch.“ Ein vielschichtiger Scherz, der unter anderem damit zu tun hatte, dass es regnete. Gespräche sind hier wie vieles andere eine öffentliche Angelegenheit. Die Straße ist eine Bühne. Eine Dame strebt mit ihrem Chihuahua unter dem Arm einem Friseursalon zu; Fischer veranstalten ein improvisiertes Buffet im Freien, um ihr Zusammentreffen zu feiern; ein Vater übt mit seiner Tochter das Stelzenlaufen; Paare küssen sich auf Parkbänken, als hätten sie alte französische Chansons gehört.

Der Alltag hat immer etwas Improvisiertes. Hinter den Prachtfassaden der Gebäude nach Pariser, genauer gesagt: Haussmann’schem Vorbild verbergen sich sehr viel weniger elegante, oft überaus chaotische Innenhöfe. Der eine bestellt dort seinen Garten, der andere sammelt alte Stühle, Weinreben bemächtigen sich kleiner Holzschuppen, frisch gewaschene Wäsche tanzt in der Sonne. Die Innenstadt gehört den Katzen, einer ganzen Armee von Katzen, die abgehärtet und verschmust zugleich sind. Da die Häuser nicht höher als vier Stockwerke sind, leben Wohnungskatzen auch auf der Straße, während ihre streunenden Verwandten das Recht haben, gelegentlich auf den Balkonen einer gewissen Bürgerlichkeit zu frönen. Die Grenze zwischen wild und zahm ist fließend.

Schließlich erschloss sich mir das, was man den Geist von Odessa nennen könnte: der Gründungsmythos, der auf ein Ereignis im Jahr 1800 zurückgeht, sechs Jahre nachdem die Stadt auf Weisung Katharinas der Großen angelegt worden war. Deren Tod beraubte die Stadt der kaiserlichen Unterstützung, es fehlte an den Mitteln für den Bau des Hafens. Der neue Zar, Paul I., war fest entschlossen, das Werk seiner Mutter zunichtezumachen, hatte aber gewisse Schwächen; und als die Odessiter von seiner Vorliebe für Orangen hörten, beeilten sie sich, ihm einen mit dreitausend seiner Lieblingsfrüchte beladenen Wagen zu schicken: Wenn sie erst einen Hafen hätten, versicherten sie ihm, sei selbstverständlich mit regelmäßigen Lieferungen zu rechnen. Die Gesandten kehrten mit der märchenhaften Summe von 250 000 Goldrubel zurück – der Fortgang der Arbeiten war gesichert. Stolz auf ihre Raffinesse, errichteten die Odessiter ein Monument, das sie zärtlich das „Bakschischdenkmal“ nennen. Es stellt eine Karosse dar, rund wie eine Orange, die von wild galoppierenden Pferden gezogen wird.

Einer denkt an Würste und die Hunde laufen ihm nach

Der Gründungsmythos wurzelt in der Überzeugung, dass es besser ist, die Macht zu überlisten, als sich ihr dumpf zu widersetzen. Diese Einstellung hat den Einwohnern von Odessa natürlich das Misstrauen sämtlicher Machthaber eingetragen; Alexander I. beispielsweise bezichtigte die Stadt, ein Sammelbecken für Diebe, Spitzel und umstürzlerische Subjekte aller Art zu sein.

Architektonisch ist Odessa fast unversehrt, von der Geißel des monumentalen sozialistischen Realismus blieb sie verschont. Die Odessiter haben sich den Ruf fantasievoller Schlitzohren erworben und pflegen ihn sorgfältig. In einem der lokalen Romane des Autorenduos Ilf und Petrow denkt der Held Ostap Bender, ein redegewandter Gauner, derart intensiv an Würste, dass ihm bald alle Hunde nachlaufen. Isaak Babel wiederum setzte den jüdischen Elendsvierteln ein zärtliches und humorvolles Denkmal, das den Untergang dieser Welt vorweggenommen hat.

Der Geist von Odessa verändert sich mit jeder Generation. Heute definiert er sich großenteils im Verhältnis zur russischen Hauptstadt, obwohl Odessa zur Ukraine gehört. Natascha, Geologin an der Universität, charakterisiert ihn so: „Ich bin nicht gern in Moskau – dort glauben die Leute, dass ich wirklich denke, was ich sage.“ Natascha fordert das Recht auf Ironie, Humor und Übertreibung im Gegensatz zur Moskauer Ernsthaftigkeit, die sie langweilig, ja primitiv findet.

In einer Stadt, in der die Straße als Bühne dient, hatte eine Geschichtenerzählerin wie ich ihren Platz überall, nur nicht gerade im Priwos, diesem geschlossenen Ort des Kalkulierens. Auf meiner Bank, der zweiten links in Richtung Puschkin, erzählte ich gut dreißig Geschichten rund um Begriffe wie „Segelschiff“, „Meer“, „Wowa“, „Spaziergang“, „Feuer“, „Katze“, „Briefmarkensammler“ – und vor allem rund um das Wort „Liebe“, das sich vier verschiedene Mädchen aussuchten. Das erinnerte mich an Madagaskar, wo auch Männer anfällig für Liebessehnsüchte waren.

In Polen hingegen war mir das Wort „Liebe“ kein einziges Mal untergekommen. Vielleicht grenzt in einem dem Konsum verpflichteten Land die unmittelbare Äußerung von Gefühlen an ein Tabu. Aber wie Madegassen und Polen wollten auch die Odessiter wissen, was die Gründe für mein Tun wären und was ich davon hätte. „Gar nichts“, sagte ich. „In einer Welt, die von Effizienz und Nützlichkeitsdenken bestimmt wird, muss man manchmal was tun, das keinen bestimmten Zweck hat.“ Die Odessiter schienen darüber weniger erstaunt als die Polen – vielleicht können sie sich eher mit der Idee anfreunden, dass man etwas umsonst und um des Augenblicks willen tut.

Manche wollten von mir ihre Pläne bestätigt bekommen, wie Boris, der sich das Wort „Segelschiff“ ausgesucht hatte, weil er davon träumte, Segel zu setzen, in die Welt aufzubrechen. Man hielt mich für eine Art Seherin, eine Garantin für Liebe und Glück. Man war bereit, sich von meiner Geschichte blenden zu lassen, man fragte mich um Rat, schenkte mir Blumen. Kein Zweifel, die Odessiter wissen den Zauber des Überflüssigen zu schätzen. So sehr, dass ich sogar in die Schule 121 zum russischsprachigen Kurs über die Kunst des Erzählens eingeladen wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aus dem Französischen von Barbara Schaden Irena Wiszniewska ist Journalistin in Warschau. Autorin (mit Marek Wyrwa) von „Paroles dégelées“, Paris (Calmann-Lévy) 1994.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,