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Brief aus Montevideo

Brief aus Montevideo

von Karl-Ludolf Hübener

Ich habe es mal wieder versucht – mit dem bitteren Matetee, wie man ihn hier in Uruguay trinkt. Zu Beginn eines vorweihnachtlichen Grilltags mit Freunden. Einer hatte, wie konnte es auch anders sein, seine Thermoskanne mit heißem Wasser und seine Kalebasse mit Mateblättern dabei. Das beliebte Getränk kreiste. Dann war auch ich dran. „Ein wenig Zucker oder Süßes kann nicht schaden, so wie es auch viele Argentinier machen“, wagte ich einzuwenden, wie schon bei anderen Gelegenheiten. Und wieder einmal handelte ich mir ein abfälliges „maricón“ (Weichei) ein.

Überhaupt die Argentinier! Ich war ins Fettnäpfchen getreten. Hatten die in Festreden gern als „Brüder“ bezeichneten Nachbarn, die ewigen Rivalen nicht nur im Fußball, nicht gerade Nicolas Sarkozy auf die armen Uruguayer gehetzt? Der französische Präsident hatte auf dem letzten G-20-Gipfel das „Steuerparadies“ Uruguay angeprangert und damit gedroht, das Land „aus der internationalen Gemeinschaft auszuschließen“. Hintergrund: 2009 hatte die OECD das südamerikanische Land auf die sogenannte Graue Liste gesetzt; es sollte Gesetze auf den Weg bringen, um internationalen Steuerstandards zu entsprechen. Doch noch immer fehle es, so die Kritik, an Transparenz und dem Willen, Korruption und Steuerhinterziehung zu verhindern.

Hinter der Sarkozy-Attacke konnte nur Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner stecken! Da war sich die uruguayische Anti-Kirchner-Fraktion – darunter einige Grillfreunde – sicher. Patriotismus schwappte hoch. Nebelkerzen wurden geworfen, um das eigentliche Problem zu verschleiern: Uruguay ist aufgefordert, mit seinen Nachbarn, vor allem Argentinien und Brasilien, Steuerdaten auszutauschen, damit argentinische Steuersünder nicht weiterhin ihr Geld in Uruguay anlegen und waschen können – mit Immobilien im Luxusbad Punta del Este oder mit Sojafeldern auf dem Lande beispielsweise.

Um von der „Grauen Liste“ gestrichen zu werden, hatte sich man sich durchgerungen, mit einigen Ländern Doppelbesteuerungsabkommen abzuschließen – so mit Deutschland, auch mit Malta. Aber mit Argentinien auf keinen Fall!, hieß es lange Zeit aus Regierungskreisen. Investitionen gehen nun mal über alles, meinte mein Tischnachbar sarkastisch. Die Rechnung bekam die Regierung für ihr Verhalten dann von Sarkozy präsentiert – und verhandelt inzwischen mit Argentinien.

Ich ließ den nächsten bitteren Schluck aus der Kalebasse an mir vorübergehen, wartete auf den bald fälligen Whisky. Die Rede kam irgendwann natürlich auf Pepe, den unkonventionellen Präsidenten und ehemaligen Tupamaro Pepe Mujica vom linken Bündnis Frente Amplio. Da konnte eine Grillfreundin kaum noch an sich halten. Der habe mal wieder danebengegriffen. Beim Referendum gegen die Straffreiheit für Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktatur hatte er sich herausgehalten, das habe er wohl mit seiner Aktion am „Tag gegen häusliche Gewalt“ wiedergutmachen wollen. Mit ein paar Flugblättern in der Hand hatte er nicht nur die Fußgänger auf der belebten Avenida 18 de Julio auf das Problem aufmerksam machen (in Uruguay sterben jährlich 40 Frauen als Opfer häuslicher Gewalt), sondern auch Schüler für das Thema sensibilisieren wollen. Den Spruch dafür hatte er sich selbst ausgedacht: „Mann, lerne zu verlieren!“ Das Engagement sei lobenswert, meinte dazu Margarita Percovich, eine ehemalige Senatorin der Frente Amplio, aber: „Ich möchte ihn bitten, doch ein wenig mehr zu lesen.“

Als ich den heißen gegrillten Provolone-Käse auf den Tisch stellte, war die Diskussion über die Regierung Mujica längst entbrannt. Auch in dieser Runde wurde schnell deutlich, dass Pepe, der kurz nach seiner Wahl noch mit hohen Sympathiewerten glänzte, viel Ratlosigkeit und Enttäuschung produziert hat. Bei allem müsse er seinen Senf dazu geben. Chaotisch und wenig effizient sei er. Hat er denn keine Berater? Kann mir mal jemand sagen, was die Regierung bislang gemacht hat? Im Stil konservativer Oppositionspolitiker machten einige Grillfreunde ihrem Unmut Luft: Wenn die so weitermachen, verlieren sie die nächste Wahl.

Auch das herrlich zarte, knusprig gegrillte Filet konnte die Gemüter nicht besänftigen. Wir haben doch unseren Tabaré Vázquez noch als Ass im Ärmel, warf El Flaco ironisch ein. Der mit hohen Popularitätswerten aus dem Amt geschiedene Expräsident Vázquez hat seine erneuten Ambitionen auf die Präsidentschaft deutlich gemacht. Ein „natürlicher Kandidat“, begeisterten sich prompt führende „Frente“-Mitglieder. Mit Vázquez scheint ihnen der Wahlsieg 2014 sicher – und ihre Ämter und Karrieren dazu.

Wenn der sich bloß nicht diesen schlimmen Fauxpas geleistet hätte, warf Alicia ein. Ausgerechnet jetzt, wo Pepe wieder ein herzliches Einvernehmen mit den Argentiniern erreicht hat, stöhnte Mario. Ein paar Wochen zuvor hatte Vázquez, der erste linke Präsident in der Geschichte Uruguays, bei einem Vortrag in einer Schule des erzkatholischen Opus Dei eine politische Bombe gezündet. Absichtlich oder aus Versehen – darüber gingen die Meinungen in der Runde auseinander – hatte er unter anderem über den Streit zwischen Montevideo und Buenos Aires gesprochen, bei dem es um die Zellstofffabrik Botnia (heute UPM) am Grenzfluss Rio Uruguay und die dadurch entstehende Umweltbelastung geht. In einem kühnen Planspiel habe er einen Krieg mit dem Nachbarn für nicht ganz ausgeschlossen gehalten. Deshalb habe er, wie er erklärte, in Washington angefragt, ob er im Konfliktfall mit US-amerikanischer Rückendeckung rechnen könne!

Das war mehr als starker Tobak, nicht nur für die militanten Antiimperialisten der Frente Amplio. Selbst aus der Opposition hieß es kritisch: Das sei eine Einladung an den Fuchs in den Hühnerstall! So durchkreuzte der „natürliche Kandidat“ die Wiederwahlträume seiner Anhänger, vorläufig.

Ganz so überraschend ist Vázquez’ Vorliebe für die USA allerdings nicht. Als Präsident hatte er die Pläne für ein bilaterales Freihandelsabkommen erst dann fallen lassen, als die Frente daran zu zerbrechen drohte. Bekannt ist auch, dass er nicht gerade viel von seinen progressiveren südamerikanischen Nachbarn hält. Dem Bolivien des Evo Morales hat er nie einen Staatsbesuch abgestattet, dafür aber Kolumbien unter Uribe und den USA unter Bush. Pepe dagegen hat bislang um das Weiße Haus einen großen Bogen gemacht. Dafür setzt er sich vehement für die regionale Integration ein. Ein großes Plus, meinte nicht nur Mario.

Gelangweilt von der zeitweise heftigen Diskussion der Erwachsenen, hatten sich die Kinder vor den Fernsehapparat geflüchtet. Doch schon bald stürmte der kleine Juan auf unsere Runde zu. „Nacional“ hat „Peñarol“ geschlagen! Im klassischen Derby der beiden Traditionsvereine. Fußball war mit einem Mal das zentrale Thema. Schließlich ist das kleine Uruguay in dieser Hinsicht alles andere als ein Zwerg. Zweimaliger Weltmeister, in Südafrika unter den vier Finalisten und aktuell in der Fifa-Rangliste auf Platz vier, direkt hinter Deutschland – da bricht sich der Stolz auf die erfolgreichen Kicker der „Drei Millionen“ – so der Titel eines schlecht gemachten, aber erfolgreichen Dokumentarfilms – unverhohlen Bahn.

Da ist es wie ein Angriff auf die gesamte Nation, wenn Luis Suárez, der uruguayische Stürmerstar beim FC Liverpool, eines rassistischen Ausfalls bezichtigt wird. „Weil du Neger bist“, soll er dem gebürtigen Senegalesen Patrice Evra vom gegnerischen Manchester United zugerufen haben, als dieser Suárez erregt fragte, warum er ihn so bös gefoult habe. Angesichts der drohenden empfindlichen Strafe alarmierte der uruguayische Fußballverband eine in Mexiko weilende Regierungsdelegation um Präsident Mujica, die wiederum den Botschafter in London mit dem Fall betraute. Fast alle nahmen den Starkicker in Schutz. Selbst Edgardo Ortuño, ein Vizeminister afrouruguayischer Abstammung, wiegelte ab: Das sei doch sicher nicht als Beleidigung gemeint gewesen. Nur wenige wollen wahrhaben, dass es in Uruguay durchaus einen „weichen Rassismus“ gibt, der eher verbal als physisch gewalttätig ist.

Es war schon später Nachmittag, als der Nachtisch serviert wurde. Die meisten brachen danach auf, warteten auf sie doch noch terminreiche Tage und Wochen: Uruguay im alljährlichen Endspurt. Von Ende September bis Anfang Dezember erreicht das politische Leben hier seinen Höhepunkt, jagt ein Last-Minute-Seminar ausländischer Stiftungen oder heimischer NGOs das andere, bahnen sich Wissenschaftler und Politiker ihren Weg zu einem „runden Tisch“, der nur allzu oft rechteckig ist. Danach versinkt das öffentliche Leben in Uruguay in einen tiefen sommerlichen Schlaf, aus dem das Land im März langsam erwacht.

Karl-Ludolf Hübener ist Journalist in Montevideo. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.01.2012,