09.07.2026

Brief aus Manila

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Brief aus Manila

von Katrina Tuvera

Demonstrierende in Manila, Mai 2026 KENOSIS YAP picture alliance/Zuma Press
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Die Aufnahmen der Überwachungskameras zeigen, wie ein korpulenter, glatzköpfiger Mann von Ermittlern des National Bureau of Investigation (NBI) durch Flure und Treppenhäuser gejagt wird. Er trägt einen Barong Tagalog, rutscht aus und schlägt beinahe der Länge nach hin. Im Internet hat jemand die Aufnahmen mit der Titelmusik der „Benny Hill Show“ unterlegt. Doch der Mann ist kein Komiker, sondern Senator der Republik. Und die Flure, durch die er rennt, sind keine Kulisse, sondern das, was wir hier gern die „ehrwürdigen Hallen des Kongresses“ nennen.

Gegen Senator Ronald „Bato“ dela Rosa liegt ein Haftbefehl des Interna­tio­nalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag vor. Als wichtigster Vollstrecker des früheren Präsidenten ­Rodrigo Duterte bei dessen „Ope­ra­tion ­Tokhang“ – dem Krieg gegen die Drogen, als zwischen 2016 und 2022 tausende Menschen Opfer außergerichtlicher Tötungen wurden – wird er gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef, der sich inzwischen im Gewahrsam des IStGH befindet, beschuldigt, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Bato berief sich auf seine parlamentarische Immunität und suchte Zuflucht in den Räumen des Senats. Die Verfolgungsjagd endete ohne Festnahme; stattdessen wurden die NBI-Ermittler wegen Missachtung des Senats belangt.

Die Ironie dabei: Begleitet wurde das NBI von Antonio Trillanes, der einst selbst Senator war. 2018 suchte auch er Zuflucht im Senat, nachdem Rodrigo Duterte seine Festnahme angeordnet hatte. Er verschanzte sich in seinem Büro und wurde dort unter Schutz gestellt, „um die Würde des Senats zu wahren“.

Ich hörte 2003 zum ersten Mal von Trillanes, als er, damals Leutnant der Marine, im Kampfanzug und mit Gewehr aus einem luxuriösen Apartmenthaus im vornehmen Makati trat. Mit zusammengekniffenen Augen blickte er in die Kameras der Nachrichtensender und stellte sich als Anführer aufständischer junger Offiziere vor. Trillanes wurde vor ein Militärgericht gestellt und inhaftiert, unter der nächsten Präsidentschaft begnadigt und später erneut verfolgt.

Über die Politik sagen wir: „Die Spieler wechseln, aber das Spiel bleibt dasselbe.“ Bei uns bleibt aber nicht nur das Spiel dasselbe, bei uns bleiben auch die Namen gleich: Macapagal, Aquino, Marcos– drei Dynastien, die Präsidenten gestellt haben.

In meinem Teil der Stadt, wo vor den Toren bewachter Wohnanlagen Kanalschächte offen liegen und die Wasserhähne trocken bleiben, verbergen Wahlplakate kaum das Tauziehen um die Macht, das dahintersteckt. Ein Kandidat schwört, das Erbe seines Bruders fortzuführen. Ein anderer verspricht, die herrschende Dynastie aus dem Rathaus zu vertreiben. Als Wählerin bekomme ich zu meinem Geburtstag eine luftig-lockere Chiffontorte mit Zuckerguss. Zu Weihnachten schickt der Bürgermeister Grüße: „Von unserer Familie an die Ihre“.

Am 11. Mai dieses Jahres, nur Stunden nachdem Bato seinen Verfolgern entkommen war, leitete das Repräsentantenhaus ein Amtsenthebungsverfahren gegen Vizepräsidentin Sara Duterte ein, Rodrigo Dutertes Tochter. Wieder ein Déjà-vu. Es wird das dritte Amtsenthebungsverfahren in 25 Jahren sein. ­Sara und ihr früherer Verbündeter, Präsident Marcos Jr., hatten sich spektakulär zerstritten. Nun wird ihr vorgeworfen, öffentliche Gelder zweckentfremdet und die Ermordung von Marcos Jr. und seiner Frau geplant zu haben.

Dieses Amtsenthebungsverfahren nimmt uns völlig in Beschlag – während die Jeepneyfahrer wegen der hohen Treibstoffpreise streiken und sich die Inflation seit Februar beinahe verdreifacht hat, ausgelöst durch eine Krise auf der anderen Seite der Welt. Meine Taxifahrten kosten inzwischen das Doppelte. Strom ist so teuer geworden, dass ich mir überlege, ob ich vor Hitze zerfließe oder die Klimaanlage anstelle. Ich meide die Nachrichten – wie eine Wunde, von der ich weiß, dass sie niemals verschwinden wird. Ich sage zu meinen Freunden: „Ich verlerne, mich zu empören.“

Im Jahr 2000 verfolgte ich wie Millionen andere Filipinos jeden Tag nach dem Mittagessen das erste Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten Joseph „Erap“ Estrada. Aus Neugier wurde Bestürzung, als ein Zeuge nach dem anderen von heimlichen Deals und Schmiergeldern berichtete. Mein Computer surrte, meine Suppe wurde kalt – beides blieb unbeachtet, während ich die Witze las, die mir meine Freunde auf den Pager schickten: über Eraps gebrochenes Englisch, seine „Eraptions“, wie er selbst stolz sagte, oder über einen Zeugen, an dessen Schuhen noch das Preisschild hing.

In der zweiten Woche hatte ich schon meine Lieblingsfiguren: die Senatorin, die die Zuschauer auf der Tribüne abkanzelte, und den Politiker gewordenen Arzt mit den lächelnden Augen. Als ein versiegelter Umschlag mit dem entscheidenden Beweisstück geöffnet werden sollte – angeblich Kontoauszüge, die das gestohlene Vermögen des Angeklagten dokumentieren –, stimmten 11 der 21 Senatoren dagegen, woraufhin die Vertreter der Anklage den Saal verließen.

Ich erinnere mich an eine Senatorin, die diesen Sieg mit einem Freudentanz feierte, die Kameras übertrugen live. Noch am selben Abend trieb die Wut die Menschen auf die Edsa (­Epifanio de los Santos ­Avenue), die lange Straße, die Manila von Norden nach Süden durchzieht. 1986 war sie Schauplatz der ­People ­Power ­Revolution, die den Diktator Marcos Sr., Vater des heutigen Präsidenten, aus dem Amt jagte. Die Rückkehr auf die Edsa im Jahr 2000 sollte als „Edsa 2“ bekannt werden. Sie stürzte Erap, an seine Stelle trat Vizepräsidentin Gloria Macapagal Arroyo.

Erap hatte die Wahl haushoch gewonnen; seine Popularität verdankte er vor allem seiner Karriere als Schauspieler. Als Kind sah ich seine Filme, in denen er stets den knallharten Weltverbesserer spielte, der, angetrieben von einem tiefen Gespür für Ungerechtigkeit, Fäuste und Pistolen sprechen ließ. Sein Image als „Held der Massen“ blieb an ihm haften. Drei Monate nach seinem Sturz wachte ich davon auf, dass meine Mutter in Hauskleid und Pantoffeln an mein Fenster klopfte. Sie flüsterte heiser: „Es geht schon wieder los.“ Eraps Anhänger versuchten ihn mit einem „Edsa 3“ zurück an die Macht zu bringen.

Die ersten beiden Edsa-Aufstände können für sich beanspruchen, von Menschen über alle Klassengrenzen hinweg getragen worden zu sein. Ihre bekanntesten Anführer kamen aus Familien, deren Namen mir schon mein ganzes Leben lang vertraut waren, Familien, die bereits seit der Zeit der US-Besatzung eine bedeutende Rolle spielten. Diese Dynastien, die unter der Herrschaft des ersten Marcos an den Rand gedrängt worden waren, feierten nach seinem Sturz ein Comeback.

Eraps Anhänger aus den städtischen Armenvierteln konnten keine vergleichbare Herkunft vorweisen. Als ungehobelt, stinkend und analphabetisch verspottet, waren sie laut ­Renato Corona, Arroyos Stabschef, nur ein bezahlter, aufgepeitschter Mob. Edsa 3 scheiterte. Arroyo hielt sich zehn Jahre an der Macht, obwohl die Präsidentschaft auf eine einzige Amtszeit von sechs Jahren begrenzt ist.

Und Corona? Sollte später Präsident des Obersten Gerichtshofs werden und 2012 selbst ein Amtsenthebungsverfahren durchlaufen. Die Vorwürfe waren ähnlich: Vertrauensbruch, Amtsmissbrauch und Korruption sowie Verstöße gegen die Verfassung. Wieder wurde daraus eine Seifenoper. Einmal erschien Corona im Rollstuhl und rief damit Erinnerungen an seine frühere Chefin Gloria Arroyo wach, die ebenfalls im Rollstuhl erschienen war, als sie sich wegen Korruptionsvorwürfen verantworten musste. Bis heute kursiert der Spruch über angeklagte Amtsträger: „Beteure deine Unschuld. Und vergiss den Rollstuhl nicht.“

Ich gehe die Liste der Senatorenrichter aus dem Verfahren gegen Corona durch. 9 der 24 werden auch über Sara Duterte urteilen. Die Verfassung begrenzt die Amtszeit von Senatoren auf zwei Perioden von je sechs Jahren. In der Praxis setzen sie jedoch einfach eine Amtsperiode aus und treten danach erneut an.

Nach dem Gesetz liegt der Tat­bestand der Bereicherung ab einem unrechtmäßig erworbenen Vermögen von 50 Millionen Peso (rund 700 000 Euro) vor. Bei Eraps Amtsenthebungsverfahren ging es um 3 Milliarden. Inzwischen sind die Summen kaum noch zu fassen. Während der Coronapandemie verschwanden Milliarden Peso durch Scheinlieferungen von Schutzausrüstung und anderem medizinischen ­Material.

„Mahiya naman kayo!“ (Schämt euch!), sagte Marcos Jr. 2025 in seiner Rede zur Lage der Nation. Er richtete sich an namentlich nicht genannte Bauunternehmer und Abgeordnete. Einige der Abgeordneten, die ihm im Stehen applaudiert hatten, waren selbst Bauunternehmer oder hatten Verwandte, die hin und wieder auch mal Bauaufträge übernahmen. Zwischen 2016 und 2025 gingen mindestens 1 Bil­lion Peso an öffentlichen Geldern, die für den Hochwasserschutz bestimmt waren, durch Schmiergeldzahlungen und manipulierte Ausschreibungen verloren. Und jedes Jahr im Juni, zu Beginn der Taifunsaison, kommen die Überschwemmungen wieder.

Flöße aus zusammengebundenen leeren Plastikflaschen treiben durch die Straßen – eine unverhoffte Einnahmequelle für findige Leute, die gestrandete Fußgänger gegen Geld durch das Hochwasser bringen. Autos verschwinden unter den Fluten. Die Wassermassen vertreiben Familien aus ihren Häusern. Vor etwa zehn Jahren traf es auch meinen Bruder und seine Familie. Nach einem Taifun saßen sie die ganze Nacht auf dem Dach ihres Hauses; die Dunkelheit jagte ihnen Angst ein, ringsum rissen die Stromleitungen.

Zwei Tage nach der Jagd des NBI auf Bato hatten mein Mann und ich uns gerade zum Abendessen hingesetzt, als der Strom ausfiel und unser gesamtes Viertel in Dunkelheit versank. „Das war’s dann wohl mit meinem Zoom-Meeting“, rief ich. Auf Luzon und den Visayas fielen Kraftwerke aus, weil sie der hohen Nachfrage nicht mehr gewachsen waren. Die Manila Electric Company rief die Alarmstufen Rot und Gelb aus und begann, in wechselnden Gebieten den Strom abzuschalten. Wir zündeten Kerzen an und aßen weiter.

Als wir fast fertig waren, leuchteten unsere Handys auf. Über Textnachrichten und Meldungen in den sozialen Medien erfuhren wir, dass die Marines, die den Senat bewachten, in voller Kampfausrüstung ausrückten. Wenige Minuten später fielen im zweiten Stock des Gebäudes Schüsse. Bato war immer noch irgendwo da drin.

Fünf Kilometer weiter südlich, wo wir wohnen, hielt der Stromausfall an. Der Sommer ging zu Ende, und die Luft stand schwer im Raum. Die Hunde hechelten, der Papagei schnaufte. Das Jammern der Nachbarn drang durch die Wände. Ich stand auf und räumte die Teller ab, während die Kerzen weiterbrannten und die Displays leuchteten. Draußen fiel das Mondlicht auf den weißen Zaun, auf eine daran gelehnte Leiter und auf Berge ungewaschener Wäsche. Ich blieb eine Weile stehen, spürte den Schweiß an der Schläfe und das Hemd, das mir am Rücken klebte, und pfiff leise – als riefe ich kühlere Winde herbei.

Aus dem Englischen von Jan Karsten

Katrina Tuvera ist Schriftstellerin. Auf Deutsch erschien „Die ­Kollaborateure“, Berlin (Wagenbach) 2025.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.07.2026, von Katrina Tuvera

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