13.08.2026

Brief aus Minsk

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Brief aus Minsk

von Viktor Martinowitsch

Minsk, März 2025 VLADIMIR SMIRNOV picture-alliance/dpa/tass
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Für eine Utopie ist der ideale Ort eine Insel inmitten des Ozeans. Oder ein Tal hinter unüberwindlichen Bergen. Am besten ist eine Insel, zu der nicht einmal Vögel Botschaften von außen bringen. Das Außen würde die Utopie nur stören. Für ihre Entfaltung darf es weder Feinde geben, gegen die man sich bewaffnen muss, noch Nachbarn, die einem ihre Vorstellungen aufzwingen können.

Als Kind einer Durchschnittsfamilie kam ich bis zum Zusammenbruch der UdSSR nie ins Ausland. Daher hatte ich, soweit ich mich erinnere, ein unerschütterliches Vertrauen in die Zukunft und kann keinen Vergleich zwischen dem Eisernen Vorhang von damals und dem von heute anstellen. Der heutige scheint undurchdringlicher, denn es gibt keine Bahn- und Flugverbindungen, während sie in der UdSSR mit einigen westlichen Ländern bestanden. Der heutige scheint auch deshalb massiver, weil er nicht nur in Gestalt von Ein- und Ausreisegenehmigungen existiert, sondern auch in Wertvorstellungen und Symbolen.

In Vilnius, das 180 Kilometer von Minsk entfernt liegt, droht für das Tragen einer Gürtelschnalle mit Sowjetstern als Mindeststrafe eine Geldbuße. In Belarus hingegen ist so etwas völlig normal, hier ist alles Sowjetische nicht nur erlaubt, sondern mittlerweile Teil der staatlichen Ideologie. Eine Geldbuße als Mindeststrafe bekommt man in Minsk für Dinge, die wiederum in Vilnius ganz normal sind – zum Beispiel das Tragen des ukrainischen Dreizacks, des Emblems des Asow-Regiments oder eines Ansteckers mit der ukrainischen Flagge.

Übrigens: Bei allen Lesungen im deutschsprachigen Raum seit 2014 habe ich davon gesprochen, dass ein großer Krieg bevorstehe, erntete aber nur ein müdes Lächeln. Meine Kenntnis von der Unvermeidbarkeit dieses Krieges rührte aus meiner Wahrnehmung dieser wachsenden Kluft bei Symbolen und Werten. Dazu kam der spürbare gegenseitige Hass, der im Fernsehen verströmt wird. Mit dem Hass ist es am schwierigsten, denn er ist eine Substanz, die ohne Kampf nur selten verfliegt.

Der Eiserne Vorhang wurde zum erwähnten Ozean, der notwendig war, damit eine Utopie entstehen konnte. Belarus ist von der politischen Landkarte genommen, und das Wort Belarussen bezeichnet jetzt gewöhnlich jene, die vor der Verfolgung geflohen sind. Die neun Millionen in Belarus gebliebenen Menschen wurden zu unsichtbaren Wesen, zu einer Nation ohne Mitspracherecht, innen wie außen.

Schon immer konnte sich Minsk zweier Dinge rühmen: Ordnung und Sauberkeit. Das habe ich in meinem Roman „Paranoia“ beschrieben, mit dem ich 2014 durch Deutschland gereist bin. Der Ozean, der nach den Ereignissen von 2021 alles umschloss, brachte zur Entfaltung, was damals im Ansatz erkennbar gewesen war. Aus Ordnung wurde absolute Ordnung, aus Sauberkeit wurde sterile Sauberkeit.

Das zeigte sich neulich an einem Vorfall, dessen Symbolik wohl nicht alle Berichterstatter erfasst haben. Ein Besucher der belarussischen Hauptstadt, offenbar mit russischem Pass, warf eine Zigarettenkippe auf den Bürgersteig, der gerade von den in Minsk allgegenwärtigen, orange gekleideten Straßenkehrern gesäubert worden war. Ein Teenager, der ein Handy mit Kamera hatte, sprach den Verschmutzer an und legte ihm nahe, die Kippe aufzuheben und in einen Mülleimer zu schmeißen. Daraufhin brach der Besucher in eine Schimpftirade aus, bei der auch die Mutter des Teenagers Erwähnung fand. In jeder anderen Stadt der Welt wäre die Geschichte damit zu Ende gewesen. Nicht jedoch in Minsk. Der Verursacher der Zigarettenkippenverunreinigung wurde identifiziert und am selben Tag dingfest gemacht. Und erhielt wegen Störung der öffentlichen Ordnung in geringfügigem Maße 15 Tage Haft.

Minsk ist, nach meinem Eindruck, derzeit ein Ort mit null Kriminalität. Die Kombination aus Wachsamkeit und flächendeckender Videoüberwachung führt zur unweigerlichen Bestrafung jeder Tat. Vor Kurzem ging das Schloss an der Heckklappe meines Autos kaputt. Da der Oberste Gerichtshof von Belarus im Frühjahr die Europäische Humanistische Universität in Vilnius, an der ich Kunstgeschichte unterrichtete, als extremistische Organisation einstufte, hatte ich keine Arbeit mehr; somit auch nicht das Geld, das verfluchte Schloss reparieren zu lassen. Aber ich fahre unbesorgt durch Minsk, weil ich weiß, dass niemand auch nur im Traum daran denken würde, mein Auto anzurühren: Die unausrottbar hinterhältige Natur des Menschen ist an diesem Ort lahmgelegt.

Ich lese in vier Sprachen und spreche drei davon fließend. Früher waren meine Vorlesungen über die Geschichte des Impressionismus, über Chagall und Malewitsch in Minsk ein Publikumsmagnet. Aber für das Überleben einer Utopie muss alles Überflüssige beseitigt werden.

Das Überflüssige bin ich. Mein litauischer Doktortitel, mein Stipendium in New York, meine auf Englisch erschienene Monografie – all das lässt mir allenfalls die Möglichkeit, als ­orange gekleideter Straßenkehrer zu arbeiten. Belarus, das sich einst als Brücke zwischen West und Ost verstand, ist nun von allzu unruhigem Gewässer umgeben, ist allzu sehr Insel geworden.

Doch ich habe immer noch Glück, denn mir bleibt das Recht, durch die Straßen dieser Stadt zu gehen. Vielen meiner Bekannten ist dieses Recht verwehrt. Die immer näher rückende Aussicht, in Minsk als Straßenkehrer zu arbeiten, erscheint mir willkommener als die Rolle eines Sprachrohrs im Exil. Ich muss da an das Geräusch eines leeren Eimers denken, der eine Treppe hinunterscheppert. Er macht viel Lärm, aber es nützt nichts. Freiheit bedeutet nicht nur, anprangern zu können, sondern auch, Worten Gewicht und Fülle zu verleihen.

Möglicherweise erwartet mich für diesen Text eine Strafe, aber ich sehe keine Möglichkeit, ihn nicht zu schreiben. Denn ein Schriftsteller ist jemand, der Bedeutungen schafft. Selbst dann, wenn ihm nur noch eine gesellschaftliche Rolle bleibt: die Straßen zu kehren.

Das griechische Wort Utopie hatte einen Vorläufer: die Eutopie. Die Vorsilbe eu- (gut) macht den Topos zu einem Ort, an dem es allen gut geht. Ersetzt man das eu- jedoch durch ou- (was „nicht“ bedeutet), wie es ­Thomas ­Morus in seiner Schrift „­Utopia“ tat, hat man keine Idylle, sondern einen Nichtort.

Aus der absolut genialen Kurzgeschichte „The Ones Who Walk Away from Omelas“ von Ursula K. Le Guin wissen wir, dass eine Utopie immer von denen handelt, für die darin kein Platz ist. Von denen, für die es diesen Ort nicht gibt, und von denen, die an diesem Ort nicht sein können. Wenn sich das Bleiben selbst dann lohnt, wenn sich die Utopie ganz offensichtlich in eine Antiutopie verwandelt, so deshalb, weil es immer die Menschen sind, die einen Ort ausmachen. Zu ihnen gehören die Straßenkehrer. Und Teenager mit Handykameras.

Jede Antiutopie war anfangs als Utopie konzipiert. 1921 beschrieb H. G. Wells in dem Essay „Russia in the Shadows“ Lenin als friedvollen Träumer, der das Wohl aller sozialen Schichten im Sinn hatte. Drei Jahre zuvor hatte der Rat der Volkskommissare das Dekret über die Notwendigkeit des Roten Terrors erlassen, das Stalin dann in übergroßem Maßstab umsetzte.

Was kann ich Ihnen, verehrte Westeuropäer, von Belarus erzählen? Einem Land, das in den Nachrichten als Anti­utopie dargestellt wird, während ich es als Utopie, als Nichtort bezeichnen würde. Hier herrscht immer noch „Kommunismus mit ­Cappuccino“, wie Minsk vor langer Zeit im „­Lonely ­Planet“ beschrieben wurde. Wenn auch mit einigen Besonderheiten. Seit im ­„Lonely Planet“ der letzte Text über Minsk erschienen ist, sind hier sehr viele chinesische E-Autos aufgetaucht – sie haben die deutschen und französischen Marken ersetzt, die wegen der Sanktionen vom Markt verschwanden.

Und überall sieht man jetzt Landesfahnen. Die vor 30 Jahren durch ein Referendum angenommene Flagge der Belarussischen SSR ohne Hammer und Sichel war früher eher ein staatliches als ein allgegenwärtiges Symbol. Ein Attribut von Feiertagen und Staatsbeamten. Jetzt sieht man sie überall – an Kränen, die Hochhausviertel errichten, und an den Hochhäusern selbst. Sie prangen am Revers von Menschen, die in eine Pizzeria oder in die Oper gehen. Es ist ein neuer offizieller Patriotismus wie in den USA.

Vielleicht ist es jetzt etwas schwieriger, einen englisch- oder deutschsprachigen Guide zu finden, aber an Touristen mangelt es nicht. Die ­Belarussen hingegen, die früher weltweit die meisten Schengenvisa erhielten, reisen so gut wie gar nicht mehr in den ­Westen. Aufgrund von Visumsanktionen und teils geschlossenen Grenzen ist eine Auslandsreise für uns heutzutage ein langwieriger Prozess mit unvorhersehbarem Ausgang. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Menschen verstehen kann, die sich darüber freuen. Es ist besser, eine Brücke zu sein als eine Insel. Denn eine Brücke ist ein Bauwerk, das zumindest zwei Ufern Nutzen bringt.

Meine Mutter ist Katholikin, mein Vater orthodox. In der Familie meiner Mutter (Aschmjany, Region Hrodna, Westbelarus) kamen dünne, französische Crêpes auf den Tisch, und neben der Gabel lag ein Messer. In der Familie meines Vaters (Barbarowo, Region ­Mahiljou, Ostbelarus) aß man dicke russische Blini mit Sauerrahm und benutzte dazu einen Holzlöffel. In den letzten 500 Jahren ging es in Belarus hin und her, zwischen Ost und West, zwischen russischen Zaren und polnischer Vorherrschaft, zwischen Katholiken und Orthodoxen, zwischen kyrillischer und lateinischer Schrift. Die ­Union von Brest aus dem Jahr 1596 war der Versuch, zwei religiöse Traditionen in der unierten Kirche zu vereinen: Die hielt am orthodoxen Ritus fest, unterstellte sich aber dem römischen Papst.

Doch die Union wurde 1839 unter der russischen Herrschaft formell wieder aufgehoben. Während der Zweiten Polnischen Republik (1920–1939) gaben die polnischen Behörden die Gotteshäuser in Westbelarus der katholischen Kirche zurück. Und ich lernte das Vaterunser und das Ave-Maria zunächst von meiner Großmutter auf Polnisch und später in einem protestantischen Gebetshaus auf Russisch.

Mittlerweile ist die kyrillische Schrift praktisch allgegenwärtig und die lateinische gänzlich verschwunden. Vermutlich ist das sehr gut für die Konservierung der Utopie Belarus. Aber es schadet eindeutig der Eutopie Belarus. Und sollte mein Leben jenseits der Aussicht auf einen orangefarbenen Overall und die Reinigung der Straßen in Utopia einen Sinn haben, dann liegt er in der Hoffnung darauf, dass mein Wissen, meine Bücher und auch meine Universität eines Tages wieder zu Bausteinen einer Brücke werden, die Ost und West erneut verbindet.

Aus dem Russischen von Franziska Zwerg

Viktor Martinowitsch ist Schriftsteller. Auf Deutsch ­erschien zuletzt „Das Gute siegt“, Dresden, Leipzig (Voland und Quist) 2025.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.08.2026, von Viktor Martinowitsch