11.06.2026

Tiger und Zyklone

zurück

Tiger und Zyklone

Eine Reise zu den gefährdeten Mangrovenwäldern im Gangesdelta

von Bertrand Daugeron

Audio: Artikel vorlesen lassen

Zwischen Indien und Bangladesch, wo sich die Ausläufer des Ganges- und des Brahmaputradeltas umarmen, liegen die Sundarbans (bengalisch „schöne Wälder“). Diese weltweit größten Mangrovenwälder, von der Unesco 1987 zum Weltnaturerbe erklärt, umfassen insgesamt fast 10 000 Quadratkilometer. 70 Prozent der Landfläche liegen nur anderthalb bis drei Meter über dem Meeresspiegel.

Die indischen Sundarbans im Bundesstaat Westbengalen erstrecken sich über 4200 Quadratkilometer. Auf 54 von 102 Inseln leben Menschen, insgesamt fünf Millionen. 1973 zäunte die Regierung ein Tigerreservat ein, was den Fischfang und die Honigernte im Wald für die Bewohner einschränkte. 1984 wurde das Kerngebiet des Reservats zum Nationalpark gemacht und der Zugang verboten. Seit 1989 gilt das gesamte Delta als Biospährenreservat.

Manche an den Nationalpark angrenzenden Gebiete sind für die ansässigen Fischer weiterhin zugänglich, mit saisonaler Fangerlaubnis für eine begrenzte Anzahl von Arten. In Sajnekhali auf der Insel Gosaba dagegen sind die Vorschriften restriktiver; die geschützte Natur ist von der bewohnten Sphäre abgeschottet. Das hat den Wirtschaftskreislauf verändert; heute leben hier viele vom Tourismus und hoffen auf bessere Zeiten.

Wir begleiten einen Ranger des Sajnekhali Wildlife Sanctuary auf Patrouille. Nach drei Stunden bleibt er jäh stehen und schaut sich um: „Unmöglich, hier für länger als zehn Jahre zu planen“, erklärt er. „In dieser Zeit wird längst alles verschwunden sein.“

Tag für Tag gondeln unzählige Boote durch die Sundarbans, an Bord Tou­ris­t:in­nen in der Hoffnung, einen Bengal­tiger vor die Kamera zu bekommen. Ein Team von Rangern kontrolliert dieweil bei Wind und Wetter die Absperrungen aus Netzen: Mehr als hundert Kilometer Nylon, zwischen Bambusstangen gespannt, säumen den Mangrovenwald, um die Menschen auf der Insel vor den Tigern zu schützen und die wilde Natur vor den Menschen.

Hinter der Umzäunung, tief im Wald, stehen Kamerafallen, die dauernd in Betrieb sind. Ihre Bilder werden in einem Büro ausgewertet; jede Raubkatze lässt sich anhand ihres individuellen Fellmusters identifizieren wie ein Mensch durch den Fingerabdruck. Das Kameraauge sieht, was dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Laut einer Zählung von 2022 leben hier 101 Tiger, den Fluss durchqueren sie heute nicht mehr. Früher, vor der Umzäunung, trugen die Honigsammler in den Mangroven immer eine Maske mit Augen am Hinterkopf, denn der Tiger greift von hinten an. Man darf ihm niemals den Rücken kehren.

Seit mehreren Jahren kommt es kaum noch zu tödlichen Zwischenfällen mit Tigern, doch die wenigen Vorfälle geben zu denken. „Warum greift der Tiger an?“, fragt der Ranger. „Weil man in sein Territorium eindringt. Er jagt nicht, er verteidigt sich.“ Diese Erkenntnis ist entscheidend: Es geht nicht darum, das Tier unschädlich zu machen, sondern Abstand zu wahren. Daher die Netze.

Außerdem müssen die Tiger vor den Gefahren geschützt werden, die mit den Veränderungen ihres Habitats einhergehen. Was in Anbetracht der Zahlen keine leichte Aufgabe ist. Lebten 2004 noch 274 Tiger in dem Reservat, ist es heute nur noch weniger als die Hälfte – obwohl das Schutzgebiet 2007 noch einmal erweitert wurde. Insgesamt gibt es in Indien 56 Tigerreservate, und die Zahl dieser Tiere ist überall rückläufig. Während es weitgehend gelungen ist, Mensch und Tier zu trennen, konnte der Lebensraum des Tigers offensichtlich nicht ausreichend geschützt werden.

Ein wichtiger Akteur in dieser Raumordnung ist der für das Reservat zuständige Beamte des ­Sajnekhali Wildlife Sanctuary, der als eine Art Schiedsrichter zwischen drei Interessengruppen fungiert: den Dorfgemeinschaften, dem Reservat und der stark expandierenden Tourismusindustrie. Sie sind voneinander abhängig und zugleich in einem permanenten Widerstreit. Die Menschen, die Fauna und die Flora – das Leben sei eben für alle hart, kommentiert der Ranger lapidar.

Der Fluss wird seit Jahren immer breiter. Heute liegen 700 Meter zwischen der Insel Gosaba und dem gegenüberliegenden Ufer. Vor 20 Jahren lagen sie noch in Rufweite voneinander. Das Wasser gewinnt, die Ufer weichen zurück, und da ist niemand, der es aufhält. Die Schifffahrt beschleunigt die Erosion der Ufer, und die ­Flussläufe ändern sich jedes Jahr. Die Geografie ist ständig in Bewegung. Bedingungen, die man erträgt, auf die man sich einstellt.

An den Deichen rund um Gosaba grenzen die neu befestigten Ufer­böschungen an Häuser, die die Erosion zerstört hat: aus dem Wasser ragende Wände, im Schlamm versunkene Dächer. Auch die Rangerstation musste hundert Meter landeinwärts neu gebaut werden. Der Deich selbst wurde gerade vorsorglich erhöht. In den Dörfern gibt es mittlerweile viele kleine Hotels; die Tou­ris­t:in­nen steigen mit ihren Rollkoffern aus den Booten, und nicht wenige haben bei der Abreise einen Plüschtiger im Gepäck. Doch in dem vermeintlichen Ferienparadies können die Verhältnisse schnell aus dem Gleichgewicht geraten – zum Beispiel durch einen Zyklon: Im Mai 2021 fegte „Yaas“ fünf Tage über die Sundarbans. An zwei Stellen gaben die Deiche nach. Alle hier haben die Bilder noch im Kopf, sie gingen um die Welt.

Die Straßen, die öffentliche Beleuchtung, die Vorrichtungen zum Schutz gegen das Wasser – alles musste in Handarbeit wiederaufgebaut, alles Material mit Booten angeliefert werden. Die Katastrophe hat den indischen Bundesstaat Westbengalen umgerechnet 2,3 Milliarden Euro gekostet. Zwischen 2019 und 2022 folgten vier verheerende Wirbelstürme aufeinander: „Fani“, „Bulbul“, „Amphan“ und der besagte „Yaas“. Der südlich von ­Kolkata gelegene Distrikt South 24 Parganas wird alle drei bis vier Jahre von einem extremen Wirbelsturm heimgesucht. Die Zeit dazwischen reicht gerade so aus, um die Zerstörungen des vorangegangenen zu beseitigen.

Aber es sind nicht allein die Zyklone. 2009 fiel der Zyklon „Aila“ mit einer Springflut zusammen. Und auch als „Yaas“ kam, hatte das Wasser gerade seinen Höchststand erreicht. Vom Salzwasser überflutete Felder sind nach so einer Katastrophe für mindestens zwei bis drei Jahre unbrauchbar.

Die Fischer bekommen die Folgen als Erste zu spüren – weil die Fangmengen nicht mehr ausreichen. Mit dem Verkauf von Krabben, Garnelen und Fisch verdienen sie auf den örtlichen Märkten ohnehin viel zu wenig – sie können weder investieren noch Rücklagen bilden für eine minimale Risikovorsorge. Nach der „Yaas“-Katastrophe verloren 62 Prozent der aktiven Bevölkerung in den betroffenen Gebieten ihre Haupteinnahmequelle. Nach jedem Zyklon wandern Menschen ab. Manche Familien leben allein von dem Geld, das ein Verwandter in einem anderen indischen Bundesstaat verdient.

Suraj ist 20 Jahre alt. Jeden Tag ab 5 Uhr in der Früh fährt er mit seinem elektrischen Tuk-Tuk zwischen dem Bootsanleger und dem Dorf die Tou­ris­t:in­nen hin und her. Die Saison dauert mehrere Monate. Den Rest des Jahres geht er nach Bangalore, wo er Luxusapartments putzt.

Leben zwischen zwei Katastrophen

Andere halten sich vor Ort mit Hilfsarbeiten über Wasser, etwa mit dem Transport von Sand, Zement, Ziegelsteinen und Kies für den Bau. Fischer verdingen sich als Bauarbeiter – bis der nächste Wirbelsturm wieder alles verschlingt. Und der Boss der Ranger sagt: „Begreifen Sie den psychischen Druck? Leben zwischen zwei Katastrophen.“

Die Naturgewalten machen innerhalb kürzester Zeit alles kaputt. Und ein weiterer zerstörerischer Prozess vollzieht sich, aber eher schleichend. Jedes Jahr ändern die Flussarme ihren Lauf – in einem Delta ist das ein ganz natürliches Phänomen. In den Sundarbans wird es jedoch durch die internationale Schifffahrt beschleunigt. Zudem haben die Deiche im Laufe der Jahre verhindert, dass sich durch den Wechsel von Ebbe und Flut Sedimente auf den Inseln anlagern und das Land stabilisieren konnten. Nun haben sich die Flussbetten angehoben, die Inseln sind abgesackt. Und der Meeresspiegel steigt.

Seit 1973 sind im Gangesdelta durch Erosion 478 Quadratkilometer Land verloren gegangen, doch nur 400 Quadratkilometer kamen durch die Ablagerung von Sedimenten hinzu. Das salzige Meerwasser des Golfs von Bengalen dringt in das Delta ein und verdrängt das Süßwasser; damit steigt auch der Salzgehalt der Böden. Die ständige Veränderung der geografischen Beschaffenheit macht jede langfristige Planung und jede auf Dauer angelegte Infrastruktur in den Sundarbans hinfällig. Denn schon mit dem nächsten Wirbelsturm fängt alles wieder von vorne an.

Jeden Morgen verlassen die ersten Fähren bei Tagesanbruch die Anlegestellen, um die Touristengruppen, die oft nur für eine Nacht bleiben, aufs Festland zurückzubringen. Am späten Vormittag treffen schon wieder neue ein, begleitet von ihren ­Guides. Die Reiseveranstalter verkaufen oft All-inclusive-Pakete: Hotel, Ausflug ins Reservat, Essen im Restaurant. Nach Zahlen des Wildlife Institute of India (WII) kommen jährlich 200 000 bis 300 000 Besucher in die Sundarbans, konzentriert auf nur 35 Prozent des Gebiets. Ein in sich geschlossener, fragiler Raum gerät dadurch zusehends noch mehr unter Druck.

Die Zulassungen für die Ausflugsboote innerhalb des Deltas – zurzeit sind es 500 – erteilt das Forstamt, das auch die Obergrenze der Besucherzahlen festlegt. Die Beamten sollen außerdem dafür sorgen, dass 40 Prozent der Einkünfte in die Kassen der Gemeinden fließen. Die restlichen 60 Prozent werden in den laufenden Betrieb und die Entwicklung der Region investiert.

Mit dem Verlust ihrer traditionellen Subsistenzwirtschaft mussten sich die Menschen hier neu orientieren. Heute lässt sich nur noch im Tourismus ein existenzsicherndes Einkommen vor Ort erzielen. Doch das richtige Gleichgewicht zu finden, ist schwierig für die Forstbeamten in den Sundarbans: Es darf nicht zu viel Tourismus geben, aber eben auch nicht zu wenig. Mehr Besucher bringen mehr Einnahmen für die Kommunen, aber sie belasten auch das empfindliche Ökosystem. Weniger Tourismus entlastet die Umwelt und bedeutet weniger Geld für eine Region, die keine Alternativen hat.

Der 50-jährige Prodip arbeitet in einem der neuen Hotels an der Rezeption. 1981 ging sein Vater in den Wald und kehrte nicht mehr zurück. Sein Leichnam wurde nie gefunden. Prodip war damals 10 Jahre alt, das älteste von vier Geschwistern. Als der Vater verschwand, hatte die Familie zehn Tage lang nichts zu essen. Prodip fing schon als Kind an zu arbeiten, damit seine beiden Brüder und seine Schwester zur Schule gehen konnten.

Prodips 19-jähriger Sohn Arjun arbeitet als Koch in demselben Hotel wie sein Vater. Prodip zeigt auf die halbhoch gebauten Mauern auf dem Grundstück nebenan. Es sind die Fundamente für ein eigenes Restaurant, an dem er schon seit langer Zeit baut – immer dann, wenn er etwas Geld übrig hat. „Es muss ja sein!“

Die Tou­ris­t:in­nen kommen in die Sundarbans vor allem, weil sie Tiger sehen wollen. Für Prodip ist es eine kuriose Umkehrung der Verhältnisse: Das wilde Tier, das einst seine Familie zerstört hat, ist heute die Bedingung für ihr Überleben.

Als wir den Ranger fragen, ob abzusehen ist, wie lange das prekäre Gleichgewicht wohl hält, antwortet er in seiner lapidaren Art: „Schwer zu sagen.“ Man setzt sich hier nur kurzfristige Ziele, denn in den Sundarbans langfristig zu planen, ist bauen auf Sand. Also macht man es anders: Man baut, was bis zum nächsten Wirbelsturm wohl halten wird, und danach repariert man es wieder. Und fängt so immer wieder von vorne an.

Aus dem Französischen von Christian Hansen

Bertrand Daugeron ist Ethnologe.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Bertrand Daugeron

Funktion Layer schliessen