11.06.2026

Brief aus Beirut

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Brief aus Beirut

von Amir Fakih

Ain el-Mreisseh, Beirut, 9. April 2026 MOHAMMAD KLEIT
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Wer aus Beirut ­Briefe schreibt, stellt gedanklich immer ein „to whom it may concern“ voran – einfach um zu vermeiden, dass man Unbeteiligte mit einem Wahnsinn behelligt, der hier nun die Regel ist.

Vor ein paar Tagen sah ich auf der Straße einen jungen Mann, auf dessen T-Shirt stand: „Wir wurden mit der Stimme von Fairuz und schlechten Nachrichten erzogen.“ Die Ironie liegt dabei nicht in der tragischen Färbung des Satzes, sondern in seiner mathematischen Exaktheit.

Um den Libanon zu verstehen, muss man verstehen, wer Fairuz für uns ist. Sie ist nicht einfach eine berühmte Sängerin. Ihre Stimme ist für die Menschen im Libanon so etwas wie eine gemeinsame Religion, die uns über alles Trennende hinweg verbindet. Jeden Morgen, aus jedem Radio in jedem Auto und in jedem Café besingt Fairuz einen schönen, friedlichen Libanon, der in Wirklichkeit nicht existiert: ein Land mit grünen Hügeln, mit einem Dorfleben wie in alten Tagen und mit Frieden.

Wir wachen mit diesem schönen Traum auf, aber nur Minuten später hauen uns die Morgennachrichten die Realität um die Ohren. Fairuz ist unsere einzige positive Konstante. Alle Variablen dagegen sind wie ein ständiger Fluch, der uns immer wieder heimsucht, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Bei diesem Gedanken fällt mir der bittere Scherz meines Großvaters ein, der immer zu meiner Großmutter sagte: „Die Krise dauert nur zwei oder drei Tage, dann wird sie gelöst, und das Land sieht schönen Tagen entgegen.“ Das ist mehr als 60 Jahre her, aber der Spruch ist heute Morgen genauso einsetzbar, und sehr wahrscheinlich hat ihn mein Großvater selbst von seinem Großvater geerbt.

Im Jahr 2019 erlebte der Libanon einen Finanzkollaps, der zu den verheerendsten der neueren Geschichte zählt. Es war keine Naturkatastrophe und kein kosmisches Unglück, sondern die kaltblütige, präzise gesteuerte Plünderung der Vermögenswerte einer ganzen Gesellschaft. Dieser Kollaps ging einher mit einem massenhaften Volksaufstand. „Kellon yaani kellon“ („Alle von ihnen heißt alle von ihnen“) war die Parole damals: Die gesamte herrschende Oligarchie, in der alle Religionsgruppen vertreten waren, sollte abtreten.

Der Kollaps zeitigte alsbald eine brutale Realität: totaler Blackout, schamlose, ausbeuterische Monopole auf Medikamente und Kraftstoffe, eine Ökonomie des Schlangestehens für das Nötigste zum Überleben. Und zu alledem kam Anfang 2020 noch die Coronapandemie. Die Menschen hatten mit zwei Katastrophen gleichzeitig fertigzuwerden.

Damit war der Gipfel des ­Surrealen noch lange nicht erreicht. Am 4. August 2020 explodierten im Hafen 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, die aufgrund krimineller Fahrlässigkeit schon fünf Jahre lang in einem Speicher gelagert waren. Eine der größten nichtnuklearen Explosionen der Geschichte raste durch halb Beirut und zerfetzte die letzten Reste unserer Illusionen über Gerechtigkeit.

In den Monaten danach mutete die Stadt an wie ein Friedhof. Wenn man durch Viertel wie Gemmayzeh oder Mar Mikhael ging, sah man überall Zerstörung. Historische Gebäude, die 15 Jahre Bürgerkrieg überstanden hatten, waren nun Ruinen mit starrenden Fensterhöhlen, wie ausgeschlagene Zähne in einem Gebiss. Und als einzige Geräuschkulisse das Scharren von tausenden Besen, die auf den Straßen die Glasscherben zusammenfegten.

Den Politikern war das alles egal. Sie steckten den Schock weg, hatten keinerlei Konsequenzen zu fürchten und fuhren einfach fort, das Land zugrunde zu richten, um ihre Haut zu retten. Das Glas blieb zerbrochen, die Justiz blockiert, und wir waren völlig alleingelassen inmitten der Trümmerlandschaft.

Beirut lag am Boden, völlig erschöpft; und wir hatten ein beängstigendes Stadium der Entfremdung erreicht: Wir erkannten unsere Stadt nicht mehr und sie nicht uns. Wir wurden zu Fremden in Straßen, die einmal alles erlebt hatten – Träume von der Revolution, Liebe und Zorn, wilde Tänze und lange Nächte, Begegnungen über Kontinente hinweg und Freundschaften wie die, ohne die es nicht zu diesem Brief gekommen wäre.

Inzwischen ist unsere emotionale Beziehung zu Beirut eine toxische geworden: In dieser Stadt zu leben, ist so unerträglich, wie es unvorstellbar ist, ohne sie zu leben. Wir mussten uns einer harten Wahrheit stellen: Die Revolution und die langen Nächte waren nur eine kurze Auszeit von der Realität. Das reale, das ständige Gesicht dieser Stadt, das ist das Kartell der Macht – und die Dunkelheit.

Zu diesem Kartell gehören zunächst die Stromerzeuger: Privatunternehmen, die ohne jede Regulierung den Strom zu astronomischen Preisen kilowattweise verkaufen und mit ihren Generatoren den Himmel über Beirut mit einer schwarzen Abgaswolke verdunkeln, von deren bloßem Anblick einem schon übel wird. Dann gibt es die Wassertankmafia, der man das Recht, sich zu waschen und etwas zu trinken, literweise abkaufen muss. Und das in einem Land, von dem wir in der Schule gelernt haben: Der Libanon ist mit reichen Wasserreserven gesegnet.

Die Kartelle spinnen ihre Netze immer weiter, um alles zu kontrollieren – von den Fernbuslinien über die Medikamentenversorgung bis zum Einparkservice. Die Kartelle sind die eigentliche libanesische Obrigkeit; der Staat ist völlig verschwunden. In dem entstandenen Vakuum ist jegliche öffentliche Sicherheit erodiert, Beirut wurde zum idealen Nährboden für jede Art von Diebstahl. Der ist längst nicht mehr auf die Banken beschränkt, die dein Konto plündern, es werden jetzt auch Autos, Elektrokabel, sogar Kanaldeckel gestohlen und Leute am helllichten Tag ausgeraubt.

In dieser Ausweglosigkeit ist vielen keine andere Wahl geblieben, als das Land zu verlassen. Die zunehmende Emigration ist nicht mehr nur eine statistische Zahl, sie zeigt sich alltäglich in ihrer schwer erträglichen Realität: wenn du plötzlich Freunde vermisst, die deine letzte soziale Verteidigungslinie gegen den ganzen Wahnsinn waren; wenn dir klar wird, dass du einem Menschen nach dem anderen Lebewohl sagst. Wir Zurückgebliebenen kommunizieren mit ihnen auf dem Display – wir, die letzten Wächter einer Stadt, in der die geliebten Menschen immer weniger werden.

Es ist eine Rolle, die dich erschöpft, zumal es womöglich gar nichts mehr zu bewachen gibt. Aber wir bleiben trotzdem. Denn wenn wir weggingen, würden wir hinnehmen, dass sie diesen Ort in eine totale Geisterstadt verwandeln.

Um die Rechnungen zu bezahlen und meine Familie über Wasser zu halten, musste ich eine Doppelexistenz beginnen, ging für Wochen in die arabischen Golfstaaten, um mit Video- und Fotoaufträgen zusätzliche Dollars zu verdienen, die ich nach Beirut zurückbrachte. Im Spätsommer 2023 zog ich einen großen Fotoauftrag in Riad an Land. Der Gegensatz war atemberaubend. Ich befand mich auf einmal in einer glitzernden, hypermodernen City, wo alles funktionierte, während meine Heimatstadt am schwarzen Generatorensmog erstickte.

Dann kam der Morgen des 7. Oktober. Ich wachte in einem Hotelzimmer auf, als mein Handy von zahllosen Nachrichten überflutet wurde. Die Berichte aus Gaza klangen surreal und grauenvoll und nach historischer ­Tragweite. Während die übrige Welt schockiert auf die Bildschirme starrte, wusste jeder Mensch im Libanon sofort, was kommen würde. Unwillkürlich sprangen meine Gedanken in den Juli 2006 zurück – als bei den ersten israelischen Luftangriffen die Sirenen aufheulten, als 33 Tage systematischer Zerstörung begannen, als ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden.

An jenem Morgen in Riad starrte ich auf die Meldungen und flüsterte meine Angst um Gaza ins Handy. Gleichzeitig hatte ich schreckliche Angst um unser Land. Und es dauerte nicht lang: Am 8. Oktober flammte der Krieg an der libanesische Süd­grenze auf.

Monatelang hatten sich die dortigen Scharmützel eher wie ein Spiel nach bestimmten Regeln angefühlt. Aber ein Krieg lässt sich nicht mit roten Linien einhegen. Langsam, Woche für Woche wurden diese dünnen Linien noch dünner, und die Bomben gingen nicht mehr im offenen Gelände, sondern mitten in den Dörfern im Süden nieder und lösten einen schweigenden, mächtigen Strom von Flüchtlingen in Richtung Norden aus.

Im Frühjahr 2024 kehrte ich zurück in den Libanon. Beirut vibrierte bereits vor inneren Spannungen. Es war, als wehte der Wind den Gefechtslärm von der Grenze im Süden bis in die Hauptstadt, um diejenigen anzustacheln, die süchtig sind nach Pulver­geruch und Granaten. Wir spürten, dass wir in der Falle saßen, gefangen zwischen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und einem kommenden Krieg, der alles vernichten würde, was uns noch geblieben war.

Und dann brach alles unter uns weg. Im Sommer und Herbst 2024 beschleunigten sich die Ereignisse und mündeten in puren Wahnsinn: die explodierenden Pager im September, die gnadenlose Liquidierung der ­Hisbollah-Führer, schließlich die Zerstörung ganzer Wohnblocks, um die Hisbollah zu „enthaupten“. Die Pforten zur Hölle hatten sich vollends geöffnet. Im Süden des Landes, in der Bekaa-Ebene und in Dahieh, dem südlichen Beiruter Vorort, tobte ein Inferno ohne Ende.

Zwar blieb in jenem Herbst das Zentrum Beiruts von Bomben weitgehend verschont, doch für uns war der Krieg immer gegenwärtig. Zehntausende ­Geflüchtete drängten sich auf den Gehwegen, in Parks, in Schulen. Der Verkehr in der Stadt erstarrte zu einem unauflöslichen Knoten, dazu das ständige Surren der israelischen Drohnen und das Beben des Bodens, wenn die israelischen Bomben in Dahieh einschlugen.

66 Tage in Angst und Schrecken endeten im November 2024 mit einem fragilen, einseitigen Waffenstillstand, der uns erschöpft zurückließ – in einem Land mit einer neuen Regierung, aber im alten verrotteten Zustand.

Wir dachten, das Schlimmste ist vorbei. Wir lagen falsch.

Im Februar 2026 brach der ohnehin wacklige Waffenstillstand komplett zusammen. Nach der neuen regionalen Eskalation – dem Angriff der USA und Israels auf Iran – sind wir zurück auf null.

Für Beirut ist damit auch die letzte Illusion von Sicherheit gestorben. ­Dieses Mal blieb das Zentrum nicht mehr unbehelligt. Es waren nicht mehr ferne Bomben, die unsere Fenster erzittern ließen. Das Herz der Hauptstadt selbst wurde zum Zentrum der Zer­störung.

Und die Eskalation des Kriegs brachte einen noch dunkleren Albtraum zurück: die Furcht vor wachsenden Spannungen zwischen den Reli­gions­gruppen, die stille Angst, dass die alten Gespenster des Bürgerkriegs – das Morden allein aufgrund unterschiedlicher religiöser Identitäten – schon an der nächsten Ecke lauern.

Beirut im Mai 2026. Für kurze Zeit schweigen die Geschütze, bleiben die Bomben aus. Sie nennen es auch diesmal „Feuerpause“. Aber was das heißt, wissen wir mittlerweile. Diese Feuerpausen sind nur Pausen, um die Toten zu zählen, bevor die nächste Runde beginnt. Heute ist Beirut eine Stadt, die auf ihre endgültige Kreuzigung wartet: ihrem Schicksal ergeben in der absoluten Gewissheit, dass niemand zu ihrer Rettung kommen wird.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Amir Fakih ist Filmemacher in Beirut.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.06.2026, von Amir Fakih

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