Der fossile Super-GAU
von Manfred Kriener
Vier Jahre nach Beginn des Ukrainekriegs wird die Welt von einer neuen globalen Energiekrise erschüttert. „Kein Land wird von den Auswirkungen verschont bleiben“, sagt Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA. Birol und Keisuke Sadamori, IEA-Direktor für Energiemärkte und Sicherheit, halten daran fest, die aktuelle Energiekrise als die schwerste in der Geschichte der globalen Ölmärkte zu bezeichnen. Gegründet wurde die IEA 1974 nach der ersten Ölkrise als beratende Instanz für eine sichere Energieversorgung ihrer mittlerweile 32 Mitgliedsländer. Laut der IEA wird den Märkten derzeit doppelt so viel Öl entzogen wie in den beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren.
Als fossile Leitwährung und weltweit wichtigster Energieträger steht Öl zwar im Fokus, aber beim Gas sind die Preissprünge mit bis zu 150 Prozent noch heftiger und ist die Versorgungslücke mindestens ebenso gravierend.
Die Sperrung der Meerenge von Hormus betrifft nicht nur fossile Brennstoffe. Es fehlen weltweit auch Düngemittel, Helium aus Katar und zahlreiche weitere Stoffe, die das Nadelöhr passieren müssen.
Auf dem afrikanischen Kontinent hat Ägypten schnell mit Sparmaßnahmen reagiert. Outlets, Restaurants und Cafés müssen um 21 Uhr schließen, Straßen werden weniger beleuchtet und alle Begrenzungen für die Arbeit im Homeoffice sind aufgehoben.
Besonders stark leidet jedoch Asien unter der Krise, weil es vorrangig über die Straße von Hormus versorgt wird. Vor allem in Indien, nach China zweitgrößter Importeur von Flüssiggas (LNG), ist die Lage dramatisch. Mehr als die Hälfte der indischen Gasimporte kommt aus der Golfregion.
In Indien wird Gas vorrangig zum Kochen eingesetzt. Der nationale Verband der Restaurantbesitzer (NRAI) hat wegen der Versorgungskrise vor Massenschließungen in der Gastronomie gewarnt. Restaurantbesitzer wurden aufgefordert, aufs Frittieren zu verzichten und keine Gerichte mehr zu servieren, die lange Kochzeiten erfordern. Außerdem will die Regierung unter Narendra Modi nun mehr LNG und Öl aus Russland importieren. Generell wird, wo immer möglich, mehr Kohle verfeuert.
In Pakistan hat die Regierung eine Viertagewoche ausgerufen, um Energie zu sparen. Die Schulen wurden geschlossen, Benzin und Diesel rationiert. In Thailand wurde die Bevölkerung aufgefordert, die Klimaanlagen auf 26 Grad zu drosseln – trotz tropischer Hitze.
In Bangladesch werden die überfüllten Tankstellen inzwischen von Polizisten und Soldaten bewacht. Die meisten kommen auf dem Moped oder einem kleinen Motorrad und warten stundenlang auf den Treibstoff, manche übernachten sogar an den Tankstellen. Auch in Bangladesch wurden Haushalte, Firmen und Behörden zum drastischen Energiesparen aufgefordert. Alle Universitäten sind geschlossen.
Auch Südkorea, dessen Ölimporte zu 70 Prozent über die Straße von Hormus transportiert werden, hat die Energiekrise heftig erwischt. An der Westküste ist die auf Öl angewiesene Herstellung von Polyethylen ins Stocken geraten. In Ansan, unweit von Seoul, wurde die Plastikproduktion um 80 Prozent heruntergefahren. Die für den Weltmarkt wichtigen Techriesen SK Hynix und LG Electronics könnten wegen fehlenden Nachschubs an Helium, das vor allem für die Herstellung von Chips gebraucht wird, in Schwierigkeiten geraten. Staatspräsident Lee Jae Myung hat eine landesweite Energiesparkampagne ausgerufen.
Auch der Flugverkehr ist wegen Kerosinmangel in mehreren asiatischen Ländern eingeschränkt worden. So hat Vietnam alle Inlandsflüge gestrichen. Besonders dramatisch scheint die Lage auf den Philippinen zu sein, wo Staatspräsident Ferdinand Marcos Jr. davor warnte, dass die Flugzeuge bald komplett am Boden bleiben müssten.
⇥Manfred Kriener


