Der nächste Libanonkrieg
von Akram Belkaïd
Die Hisbollah reagierte auf die Ermordung des obersten iranischen Führers Ali Chamenei am 28. Februar mit Raketenangriffen auf Nord- und Zentralisrael. Die israelische Armee schlug umgehend zurück. Die intensive Bombardierung des Libanon hat zum 6. April 1450 Tote gefordert, darunter mindestens 120 Kinder. Mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden vertrieben, ein Sechstel der libanesischen Bevölkerung.
Viele Beobachter waren von den Attacken der Hisbollah überrascht. Sie waren davon ausgegangen, dass die Organisation durch die Schläge vom Herbst 2024 dauerhaft geschwächt sei. Der Raketenangriff der Hisbollah beendete endgültig den im November 2024 geschlossenen Waffenstillstand, den Israel allerdings schon zuvor täglich verletzt hatte – mit Bombardements, gezielten Angriffen und der vorsätzlichen Zerstörung von Ackerflächen im Süden des Libanon.
Fast einen Monat nach Beginn der Kämpfe ist die israelische Strategie offensichtlich: Als erster Schritt soll der 30 Kilometer breite Streifen zwischen der israelischen Grenze und dem libanesischen Fluss Litani vollständig entvölkert und eine Pufferzone geschaffen werden. Laut Verteidigungsminister Israel Katz ist der Gazafeldzug das Vorbild, sprich die quasi vollständige Zerstörung der gesamten Infrastruktur, um ein Leben im Südlibanon, das Israel von 1978 bis 2000 schon einmal besetzt hatte, unmöglich zu machen.
Der zweite Schritt könnte eine Militärinvasion wie 1982 sein, deren offizielles Ziel die vollständige Entwaffnung der Hisbollah wäre. Ein solch riskantes Unterfangen würde die Kontrolle über Beirut und die südlichen Vororte erfordern. Angesichts der absehbar verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung schlug die libanesische Regierung Israel Mitte März direkte Verhandlungen vor – vergeblich. Die Hisbollah indes erklärt, sie sei bereit zum „totalen Krieg“ und werde sich jeglicher Besetzung entgegenstellen.
Wie in Gaza und auf den syrischen Golanhöhen strebt die Regierung Netanjahu also im Bewusstsein ihrer militärischen Überlegenheit eine territoriale Eroberung an. Schon vor der Gründung des Staats Israel beanspruchten die Befürworter einer „jüdischen Heimstatt“ in Palästina den Süden des heutigen Libanon mit den Orten Naqura, Tyros und Nabatäa. Heute ist für die Anhänger eines „Großisrael“, die aktuell mitregieren, aber auch in der Armee zu finden sind, die Versuchung groß, die Straffreiheit, die ihr Land genießt, auszunutzen, um die Karte des Nahen Osten neu zu zeichnen.
Und der Westen lässt ihnen dabei womöglich freie Hand. Frankreich, das sich stets als Freund, ja Beschützer des Libanon bezeichnet, hat kaum ein kritisches Wort gegenüber Israel verloren. Jean-Yves Le Drian, Macrons Sondergesandter für den Libanon, hat die israelische Reaktion auf die Raketen der Hisbollah vorsichtig als „unverhältnismäßig“ bezeichnet. Außenminister Jean-Noël Barrot bereiste beide Länder, erklärte aber lediglich, Frankreich stehe für mögliche Verhandlungen „zur Verfügung“. Akram Belkaïd


