07.05.2026

Brief aus Budapest

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Brief aus Budapest

von Zsófia Bán

Orbán und Co als Muppets, „Wir sind NER“ Youtube (Screenshot)
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Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ So lautet der erste Satz von Joan Didions Essayband „Das weiße Album“ (1979), der sofort zu einem meiner absoluten Lieblingsbücher wurde und die Autorin zu einem meiner Vorbilder machte. Dieser Satz ist so wahr. Wir alle brauchen Narrative, mit denen wir der Welt um uns herum einen Sinn zu verleihen versuchen, um das Chaos mit möglichst stimmigen Geschichten zu bannen, Geschichten, die wieder und wieder erzählt werden.

Wenn etwas geschieht, das alle erhofft haben, an das aber niemand zu glauben wagte, ploppt in unserem Kopf als Erstes die Frage auf: Wann hat das alles angefangen, was waren die ersten Anzeichen? Wie ist, wie konnte das geschehen? Jede Geschichte, jede Erzählung eines und einer Einzelnen wird sich von anderen unterscheiden, doch am Ende kommen sie zusammen und fließen in das große historische ­Narrativ.

Schnitt zu einer Szene Mitte der 1990er Jahre: Wir sitzen zu fünft am Plattensee am Strand und diskutieren, was die beste Bezeichnung für den ersten Pride-Marsch in Budapest wäre. Wir waren nicht diejenigen, die die Pride organisierten, wir betrachteten nur einzelne Wörter und dachten über Sprache nach. Für uns war klar, dass nichts sonst den geistigen Zustand, die Seele einer Kultur und einer Nation genauer widerspiegeln konnte. Wir dachten, das Wort Pride (Stolz) könnte im ungarischen Kontext problematisch sein, es klänge provokativ (was es ja auch soll).

Doch wollten wir wirklich provozieren und polarisieren anstatt zu normalisieren und die Akzeptanz zu fördern? Wäre das nicht kontraproduktiv? Auch nach dem guten Ausgang der politischen Übergangszeit von 1989 gehörte der Begriff Stolz nicht wirklich ins Vokabular der Ungar:innen, die über eine lange Zeit ihrer Geschichte in dem Gefühl gelebt hatten, es gäbe nicht viel, worauf sie stolz sein könnten. In diesem Land, das regelmäßig auf der falschen Seite der Geschichte stand, hatten die Menschen das Gefühl, man habe ihnen den Stolz genommen und nur die Scham gelassen. Deshalb mussten wir mit Schlagworten sehr vorsichtig sein.

Nach dem lang ersehnten Erdrutschsieg der Opposition am 12. April sagten viele, sie hätten die Wende 1989 als etwas empfunden, das nur aufgrund geopolitischer Veränderungen zustande gekommen sei, sie sei uns einfach zugestoßen. Jetzt hätten die Menschen, die zuerst unter dem Kádár-Regime und später unter ­Orbáns zunehmend autokratischer Herrschaft sozialisiert wurden, zum ersten Mal das Gefühl, selbst für die Wendung ihres Schicksals verantwortlich zu sein. Das Geschehen hat uns etwas zurückgebracht, das wir für immer verloren glaubten: eine Legitimierung des Worts Stolz und das zugehörige Gefühl.

Und das ganz ohne Ironie, obwohl die Ironie lange eine der wirksamsten intellektuellen und künstlerischen Waffen war, um geistige Gesundheit und kritisches Denken in diesem Teil Europas zu verteidigen. Die Ironie ist ein mächtiges Werkzeug, wenn eine na­tio­nale Identität durch stetige Verluste, Niederlagen und Unterdrückung geprägt wird. Mit anderen Worten: Sie ist ein fortwährender Opferstatus. Doch für diese neue, unerwartete Erzählung von Selbstwirksamkeit braucht es einen radikalen mentalen Wandel, einen Wandel der Identität. Anstelle von Niedergeschlagenheit und Zynismus müssen wir Platz schaffen für Optimismus und Freude. Diese lang verlorenen Gefühle brachen in der Wahlnacht in den Straßen von Budapest aus wie ein Vulkan. Ein Erdrutsch!! Wir haben gesiegt!! Was jetzt??

Ich bin überzeugt, dass diese Wendung der Ereignisse eine längere geistige und psychologische Anpassung erfordert. Man kann seine gemütliche Identität, an die man sich so sehr gewöhnt hat, nicht von einem Tag zum anderen ablegen. Diese reine Freude hatte stets irgendwo am Grunde des Kessels vor sich hin geköchelt, aber nie eine Gelegenheit bekommen, an die Oberfläche zu steigen. Jetzt war sie plötzlich da. Die Menschen konnten sich nicht länger zurückhalten, sie sangen und tanzten, Fremde klatschten sich ab. Das war keine normale Wahl, und kein normaler Wahlsieg. Das war eine Wahlrevolution, wie es hieß, mit der nach 16 langen und unvorstellbar unheilbringenden Jahren ein Mafiapate abgesetzt werden konnte, der niemanden außer sich selbst und seine Spießgesellen repräsentierte.

Deren Herrschaft hatte nicht nur die Wirtschaft ruiniert und Ungarn zum zweitärmsten Land der EU mit der höchsten Inflationsrate gemacht, sondern auch Geist, Körper und Seele ihrer gefangenen Bür­ge­r:in­nen angegriffen. Sie verursachte psychische Zusammenbrüche und Krankheiten, vorzeitige Todesfälle und existenzielle Entbehrungen. Das Gesundheitssystem ist als eines der schlechtesten in der EU berüchtigt, die Menschen haben Angst, ins Krankenhaus zu gehen, weil sie eine tödliche Infektion fürchten.

Als die Coronapandemie kam, bewies Orbáns Regierung, dass ihr das Wohlergehen der Bür­ge­r:in­nen völlig egal war. Es ging nur um den Profit, den man mit den Beatmungsgeräten erzielen konnte, auch wenn sie wegen Personalmangels gar nicht genutzt werden konnten. Sie stehen immer noch in irgendwelchen Lagern, aus denen man sie demnächst herausholen kann, um sie im künftigen Museum der Schrecken der Orbán-Ära auszustellen.

Im April 2021 verzeichnete Ungarn, gemessen an der Einwohnerzahl, die höchste Covid-19-Sterblichkeit in Europa und auch eine der höchsten weltweit. Der Staat übernahm keinerlei Verantwortung und zeigte auch keinerlei Mitgefühl. Man erklärte das Personal im Gesundheitswesen zu Helden, während die Regierung haarsträubende Lügen verbreitete. Das hinterließ nachhaltige und schmerzhafte Spuren.

Dann kam ein Skandal nach dem anderen ans Tageslicht. Am schlimmsten war der um Orbáns Marionettenpräsidentin Katalin Novák, die einen Mann begnadigte, der in ein Pädophilennetzwerk in staatlichen Jugendeinrichtungen verwickelt gewesen war. Dabei half Orbáns „spiritueller Führer“ Zoltán Balogh, ein protestantischer Bischof, der hohe Regierungsposten innehatte. Und es half Judit Varga, damals Justizministerin und Ex-Frau von Péter Magyar, die die Begnadigung unterzeichnete. Beide Frauen mussten zurücktreten und die Verantwortung übernehmen, während andere, deren Namen ungenannt blieben, weiterhin unter dem Schutz der Regierung standen. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen rief weit über die Parteigrenzen hinweg große Empörung aus.

Diese politischen Verbrechen – und viele mehr – wurden in aller Öffentlichkeit begangen, denn der mafiöse Staat bemühte sich schon gar nicht mehr um Geheimhaltung beim Ausplündern des Landes. Der Kaiser war nackt, klar, aber niemand reagierte, weil Verluste, Niederlagen, Unterdrückung und Zynismus schon lange Teil von Ungarns DNA geworden waren. Niemand wusste besser als Orbán und sein Mafiastaat, wie die Leute tickten. Sie mussten nur ein Mal haushoch gewinnen, um ihre Macht für sehr lange Zeit zu sichern, wie Orbán einmal spöttisch bemerkte. Dann schrieben sie die Verfassung und das Wahlrecht um, schnitten sich die Wahlkreise zurecht und glaubten, es reiche aus, so zu tun, als sei Ungarn noch eine Demokratie, es gab ja schließlich Wahlen. So lange, wie sich irgendwer erinnern konnte, waren wir von ausländischen Mächten unterdrückt worden, nun tat es einer der unseren.

Dies allein erforderte einen grundlegenden Prozess des Umdenkens, eine regelrechte Metanoia, die nun für einige Konfusion bei der von den Staatsmedien in die Irre geführten Bevölkerung sorgte. Seit Ewigkeiten hatten wir immer den fremden anderen fürchten müssen, daraus hatte sich allmählich eine Fremdenfeindlichkeit (oft in Form von Antisemitismus) entwickelt. Die Orbán-Regierung hat sie permanent angeheizt – in einem Land im Herzen Europas, in dem alle möglichen Eth­nien, Sprachen und Religionen sich treffen. Keine Angst, wir beschützen euch, sagte sie, aber wenn ihr eure Arbeitsplätze behalten wollt, müsst ihr den Mund halten.

Dieser Kuhhandel ähnelte stark dem Angebot János Kádárs in seiner Rede vom 1. Mai 1957: Schweigen als Pfand für mancherlei Freiheiten und Konsummöglichkeiten in der „lustigsten Baracke“ unter sowjetischer Knute. Ungarn wurde dafür von anderen beneidet.

Dieses Jahr am 23. Oktober begehen wir den 70. Jahrestag des niedergeschlagenen Aufstands von 1956. Sein Geist wurde jetzt wiederbelebt, aber diesmal war es ein unblutiger Aufstand, der in den Wahlkabinen stattfand. Nach all den politischen Skandalen und einer akuten moralischen Krise trat mit Péter Magyar endlich jemand aus den Reihen von Orbáns nationalem Kollaborationssystem (NER) hervor und gab einem unabhängigen Medium, dem Youtube-Kanal „Partizán“, ein Interview, in dem er alles enthüllte.

Am nächsten Tag hatten mehr als zwei Millionen Menschen das Video gesehen. Das Motto war „Habt keine Angst“, die Worte von Papst Johannes Paul II., die einst die polnischen Gewerkschafter der Solidarność zum Handeln inspiriert hatten. Es traf mitten ins Herz einer Nation, die es gewohnt war, in Angst zu leben. Die drei magischen Worte haben nun eine weitere Wende herbeigeführt, die niemand für möglich gehalten hatte.

Meine 20-jährige Tochter war zum ersten Mal in ihrem Leben überzeugt, dass es wichtig sei, wählen zu gehen, gemeinsam mit ihren Freunden. Junge Menschen der Generation Z skandierten bei Popkonzerten lauthals: „Dreckige Fidesz!“

Die Un­ga­r:in­nen werden sich an die neue Rolle gewöhnen und eine neue Identität annehmen müssen, zu der Eigeninitiative, Vertrauen in den Wandel, Optimismus, Freude und Solidarität gehören. Doch gleichzeitig, und das ist genauso wichtig, müssen wir auch lernen, mit unserer Wut umzugehen angesichts der unfassbaren Verbrechen, die diese Mafia gegen den Staat und seine Bür­ge­r:in­nen begangen hat – gegen uns. Sie können und sollen nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden. Wir alle haben das Gefühl, dass wir nicht länger ein Land der Folgen- und Straflosigkeit sein wollen, sondern endlich ein Land der Rechenschaftspflicht. Statt Rache brauchen wir Gerechtigkeit.

Das ist keine geringe Herausforderung für eine Gesellschaft und sie ist sicherlich nicht von einem auf den anderen Tag zu bewältigen. Der Prozess wird womöglich Identitätskrisen auslösen, in denen wir uns fragen, wer wir, als Nation und als Individuen, eigentlich sind. Das alte Bild muss umgestaltet und die alten Geschichten müssen neu geschrieben werden, denn: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.

Bis dahin können wir uns zum hundertsten Mal das Video ansehen, in dem KI-generierte Muppets der alten Regierung zur Melodie von „We Are the World“ singen: „Wir sind das NER, wir sind die Gauner.“ Die beste „­Muppet Show“ ever.

Aus dem Englischen von Sabine Jainski

Zsófia Bán ist Schriftstellerin. Auf Deutsch erschien unter anderem ihr Erzählband „Weiter atmen“ in der Übersetzung von Terézia Mora, Berlin (Suhrkamp) 2020.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.05.2026, von Zsófia Bán