Mantel des Schweigens
Das Leid in Gaza ist von der offiziellen Bildfläche verschwunden
von Peter Harling

Am offiziellen Ende des Gazakriegs stand ein sogenanntes Friedensabkommen, dessen Kernbotschaft lautet: Wechseln wir das Thema. Zugleich gehen die israelischen Bombenangriffe weiter und die humanitäre Hilfe bleibt unzureichend. Ausländische Journalisten werden weiterhin ausgesperrt, sofern sie sich nicht den Patrouillen der Besatzungsmacht anschließen.
Ein Wiederaufbau bleibt auch nach dem ersten Treffen von Trumps „Board of Peace“ Wunschdenken – ebenso wie jede Art von Gerechtigkeit mit Blick auf die zivilen Opfer, die Übergriffe, die durch nichts zu rechtfertigende Zerstörung.
Die Grundfrage – wer soll mit welcher Legitimation und mit welchen Instrumenten Gaza künftig regieren? – ist nach wie vor nicht gelöst. In dem von den USA, Frankreich und den arabischen Staaten gefeierten Abkommen fehlt alles, was es für einen dauerhaften Frieden braucht. Zu einer Normalisierung trägt es nur in dem Sinne bei, dass über das Problem hinweg diskutiert wird: Reden wir von etwas anderem. Die Verhandlungen sind ja abgeschlossen, und die Gewalt ist ein Stück abgeflaut.

Ein Mantel des Schweigens hat sich über Gaza gelegt. Viele Medien haben, nachdem sie nur mit Widerwillen über den Konflikt berichteten, vor allem einen Wunsch: dass jetzt Schluss sein möge mit einem Thema, das sie mit einigem Unbehagen behandelten und das eine unter dem Strich beschämende Selbstzensur bedeutete.
In unseren Regierungen atmen viele erleichtert auf, weil zwar das Leid der Bevölkerung Gazas nicht weniger wird, aber sie weniger Aufmerksamkeit darauf verwenden müssen. Sie erklären den Konflikt für beendet und schaffen die vielen heiklen Fragen – nach dem Vorliegen eines Genozids, der eigenen Mitschuld, der Verletzung des Völkerrechts – scheinbar dadurch aus der Welt, indem sie sie kurzerhand in die Vergangenheitsform setzen.
Bestürzung löst dieses Vorgehen bei all denen aus, die in diesem Konflikt einen Wendepunkt sehen: monströse und enthemmte Gewalt als Vorbotin einer gesetzlosen Welt, die nur noch von rassistischen Impulsen regiert wird, unterstützt von einer übermächtigen Technologie. Die ansteckende Gleichgültigkeit, mit der das Ganze nun zu enden scheint, wirft zwangsläufig die Frage auf: Wie kann ein so verheerender Krieg so schnell vergessen sein? Was ist da eigentlich vor sich gegangen?
Wenn Europa den Palästinensern eine nachhaltige Lösung – konkret: die Gründung eines lebensfähigen Staates – anbieten wollte, müsste es sich einer gründlichen Gewissenserforschung unterziehen. Insbesondere Deutschland müsste sich mit seiner eigenen historischen Verantwortung für die Verfolgung der Juden auseinandersetzen. Und damit, dass es sich seiner eigenen Schuld durch die Schaffung des jüdischen Staates entledigt zu haben glaubt, der mitten in der arabischen Welt liegt und von Anfang an auf Eroberung gebaut war.
Ein dauerhafter Frieden würde auch lange und schmerzhafte Verhandlungen erfordern, die nur dann eine Chance auf Erfolg hätten, wenn sie den tragischen Erfahrungen der betroffenen Völker Rechnung tragen: jahrzehntelange wechselseitige Gewalt im Zuge der israelischen Besetzung palästinensischer Gebiete, die sich mit der Zeit immer mehr verstetigt hat. Aber das dürfte das Letzte sein, was unseren feigen Entscheidungsträgern in Washington, Brüssel, Paris oder Berlin in den Sinn kommt.
Die Alternative läuft darauf hinaus, dass die lästige Bevölkerung, die stört und Probleme macht, einfach weggedacht wird. Im Friedensabkommen für Gaza ist für die Bewohnerinnen und Bewohner keinerlei Mitspracherecht vorgesehen. Wie ihre Städte wiederaufgebaut werden, wie die Zukunft ihres Territoriums und ihrer Kinder aussieht – all das wird ohne sie diskutiert. Ihre Geschichten, ihr Leid, ihre Hoffnungen, ihre Bedürfnisse verschwinden hinter den politischen Visionen der Mächtigen.
Am deutlichsten wurde dieses gewollte Wegdenken während des Krieges selbst. Die Menschen in Gaza wurden von den israelischen Behörden nicht nur aufgefordert, diese oder jene ins Visier genommene Zone zu räumen, sondern auch, sich quasi selbst zu teleportieren – von einem Moment auf den anderen, permanent und ohne die geringste Rücksicht auf die Gegebenheiten vor Ort.
Man verlangte von ihnen, ohne Behausungen Schutz zu suchen, sich ohne Nahrungsmittel zu ernähren, sich ohne Krankenhäuser zu kurieren.
Viele Menschen sind nicht etwa einer systematischen Ausrottungsstrategie zum Opfer gefallen, sondern der schieren Verleugnung ihrer Existenz – einer totalen Gleichgültigkeit gegenüber den Lebens- und Sterbensverhältnissen der Bevölkerung im Gazastreifen. Das ist die spezifische Besonderheit des Genozids, der Israel hier vorgeworfen wird und der nicht nach einem industriellen Körpervernichtungsapparat aussieht. Denn in der Logik, die hier umgesetzt wird, gibt es diese Körper gar nicht: Die Menschen werden dadurch, dass alles um sie herum vernichtet wird, fortgeweht wie flüchtige Schatten.
Gaza ist ein Extremfall, weist aber viele Parallelen zu anderen Phänomenen auf, die sich mehr oder weniger in unserer Nähe abspielen. In Syrien fand in den vergangenen Jahren eine ähnliche Tilgung von Menschen statt. Das Assad-Regime setzte auf eine Konfliktlösung durch Entvölkerung, indem es Dörfer und Städte bombardierte, die den Rebellen Schutz boten und die es als „Brutstätten“ der Opposition bezeichnete. Nach der „Befriedung“ dieser Zonen durften deren Bewohner niemals zurückkehren.
Bis heute machen die neuen Machthaber in Syrien keine Anstalten, die Millionen ins Exil gezwungenen Staatsbürger schneller ins Land zurückzuholen. Für sie gibt es in dem verwüsteten Land Wichtigeres, als Wohnraum, Lebensmittel und medizinische Versorgung für die Vertriebenen bereitzustellen. Die Länder, die syrische Geflüchtete aufgenommen haben, wollen sie so schnell wie möglich loswerden, auch auf die Gefahr, sie zur Rückkehr in ein Land zu zwingen, in dem sie ebenso unerwünscht sind. Aber was sollen all diese Menschen tun? Sich in Luft auflösen?
Ein erheblicher Teil der politischen Klasse im Westen ist der Meinung, dass Geflüchtete zurückgeschickt werden müssen – und wenn nicht „in ihre Heimat“, dann eben irgendwohin. Man will sie nach Albanien oder Ruanda abschieben, nach El Salvador oder Nauru, in Länder, die man für die Kasernierung von Menschen bezahlt. Es ist ein regelrechtes Business im Entstehen, das entwurzelte Menschen in einem Archipel von Lagern verschwinden lässt, wo sie abgestellt und „behandelt“ werden sollen.
Bei allen Unterschieden haben diese Beispiele eines gemeinsam: Es wird mit einem Instrumentarium der „Säuberung“ gearbeitet. Probleme sollen durch die Tilgung von Bevölkerungsgruppen aus der Welt geschafft werden. Warum sich mit Lösungen abmühen, wenn es schon genügt, den Opfern die Schuld zu geben? Sie zu zensieren, sie hinauszubefördern und ins Elend zurückzuschicken. Politik reduziert auf Nächstenhass als einfachste Lösung.
Weil auch unsere ungelösten Probleme sich häufen, nimmt die Zahl dieser Bevölkerungsgruppen immer mehr zu. Es ist kein Zufall, dass in der Populärkultur unserer Tage das Thema Säuberung zu einem (negativen) Leitmotiv geworden ist. Im Marvel-Universum löscht der Superschurke Thanos mit seinem Fingerschnippen die Hälfte aller Lebewesen aus, um Ressourcenknappheit und Überbevölkerung in den Griff zu bekommen.
In der südkoreanischen Serie „Squid Game“ werden die Marginalisierten in eine Sphäre gesperrt, in der das Ableben der einen Voraussetzung für das Überleben der anderen ist.
Und der Bösewicht im Film „Kingsman: The Secret Service“ will das Problem des Klimawandels durch die Tötung von Menschen lösen – wobei die Reichsten verschont bleiben.
Der Gedanke, man sollte einen Teil der Menschheit zum Wohle eines anderen Teils schikanieren, einsperren, verbannen und auslöschen, ist bekanntlich nicht neu. Erstaunlich ist nicht, dass dieser Gedanke überlebt hat, sondern wie machtvoll er zurückgekehrt ist. Ohne diesen permissiven Kontext wäre der Gazakrieg nicht möglich gewesen, denn er fand ja keineswegs im Verborgenen statt, auch nicht in einem abgelegenen Teil des Globus, mit dem uns nichts verbindet. Im Gegenteil: Dieser Krieg ist Teil eines altbekannten Konflikts, ein Drama unter Mitwirkung unserer eigenen Regierungen, ein Massaker vor unserer Haustür.
Was den Palästinensern den Todesstoß versetzt, ist wissentliche und absichtsvolle Gleichgültigkeit. Was sie am eigenen Leib und mit tödlichem Ausgang erfahren, ist ein allgemeiner Rückzug der Empathie.
Dieser Empathieschwund ist kein Spezifikum der extremen Rechten, sondern Ausdruck einer Radikalisierung unserer Gesellschaften, die von der Basis ausgeht. Frappierend ist diese Entwicklung im entsprechenden Reden und Handeln unserer politischen und wirtschaftlichen Eliten. Angehörige vermögender und gebildeter Schichten äußern ihren Wunsch, alle Störenfriede einfach aus der Welt zu schaffen, zunehmend in einer rabiaten und vulgären Diktion.
Der Niedergang der Empathie ist begleitet von mehreren verwandten Entwicklungen: Die demokratische Ordnung wird beschädigt, der Rechtsstaat missachtet, die Arbeitswelt dereguliert, die öffentliche Sphäre verengt, die allgemeine und kostenlose Schulbildung ausgehöhlt, das Gesundheitswesen demontiert und so weiter und so fort.
Damit wird ein Erbe aus dem 19. Jahrhundert infrage gestellt, das man „Liberalismus“ nannte: die Einsicht der Eliten, dass die Massen in die Verteilung von Reichtum einbezogen und am Zugang zu Recht, Gesundheit, Bildung und politischen Entscheidungen beteiligt werden müssen. Aus diesem Geist, hinter dem bei allem Humanismus vor allem der Selbsterhaltungstrieb der Herrschenden stand, entsprang die Abschaffung der Sklaverei.
Wie ist zu erklären, dass dieses Denken heute auf dem Rückzug ist – in einer Situation, in der die Gefahr politischer Instabilität immer größer wird? Und was lässt sich erhoffen von einem Zurück zu radikaler Ungleichheit, die sich zwangsläufig auf rohe Gewalt gründen muss? Dieser Weg bedeutet nicht nur ein hohes Risiko. Er ist auch absurd, denn in Gaza und anderswo werden von den Menschen, die man auszumerzen versucht, immer noch so viele weiterleben, dass sie uns keine Ruhe lassen werden.
Die Erklärung ist leider ganz einfach: Das Gros unserer Eliten pflegt eine phänomenale intellektuelle Trägheit. Die großen ideologischen Systeme, ökonomischen Visionen und politischen Programme haben ausgedient. An ihre Stelle treten Ressentiments, dumpfe Vorahnungen, spontane Impulse und enthemmte Egos.
Aus dem Französischen von Andreas Bredenfeld
Peter Harling ist Leiter der Informationsagentur Synaps in Beirut.


