Brief aus Moskau
von Wasilisa Belkina und Iwan Perechodnyj

Kurz vor Mitternacht am 13. Januar. Das alte Jahr nach dem julianischen Kalender will verabschiedet werden. Dafür hätte sich genauso gut die Jahreswende nach der gregorianischen Zeitrechnung angeboten, aber in diesem Bekanntenkreis wird die Marotte gepflegt, nach altem Brauch zu feiern. Nicht, weil sich die in einem klassischen sowjetischen Plattenbau Versammelten vorsintflutlichen Traditionen verpflichtet fühlen würden: Selbst Männer mit Bart – egal ob gläubig oder atheistisch – sind hier in keiner Weise traditionsbewusst, schon gar nicht gemessen an der konservativ-chauvinistischen Lesart der russisch-orthodoxen Kirche.
Außerdem schadet es nichts, zweimal mit dem vergangenen Jahr zu brechen. Gründe, es zum Teufel zu schicken, gibt es zuhauf; jede einzelne vom russischen Militär losgeschickte, Tod und Zerstörung bringende Drohne ist nur einer von zigtausenden. Vielleicht sollten wir darauf anstoßen, dass wir uns in einem Jahr in der gleichen Konstellation hier wiedersehen?
Aller Augen richten sich erstaunt auf den Redner. Will er damit etwa sagen, dass jemand in der Runde es nicht noch ein weiteres Jahr durchhält? Wie abwegig. Alle hier wollen das Ableben einer einzigen Unperson erleben, das ist ja mal wirklich ein das Volk verbindendes Element, fasst eine von uns die lebhafte Diskussion zusammen, in der kein Name fällt.

Vor einem Jahr – oder vielleicht vor zwei? – nahm das Gespräch zum gleichen Thema eine etwas andere Wendung. Es begann mit einer historischen Note, nämlich Lenins Begräbnis. Die Verabschiedungszeremonie fand 1924 an dem Ort statt, an dem im folgenden Jahrzehnt die großen stalinistischen Schauprozesse über die Bühne gingen, im Kolonnensaal des Hauses der Gewerkschaften unweit des Kremls. Auch Stalins Leiche wurde 29 Jahre später dort aufgebahrt.
Der belarussisch-ukrainische Filmemacher Sergei Loznitsa schnitt 2019 mit großem Aufwand nie zuvor veröffentlichtes Dokumentarfilmmaterial zusammen und veröffentlichte es unter dem Titel „Staatsbegräbnis“. Der Film lief 2020 in den Kinos. Er zeigt den tagelang nicht endenden Strom von in Tränen aufgelösten, verunsicherten Sowjetbürger:innen, die sich von Stalin, „ihrem“ Generalissimus verabschieden.
In dem Film gibt es eine überaus witzige Szene: Ein Mann zückt vor dem Sarg, dem sich die Trauernden nur im Abstand von mehreren Meter nähern durften, verstohlen sein Opernglas, hält es sich eine Sekunde vor die Augen und blickt mit dem Anflug eines Lächelns auf den toten Körper.
ER könnte irgendwann auch dort aufgebahrt liegen. Dann beginnt vielleicht ein neues Kapitel. Nur einer im Raum sagt, er wartet nicht mehr auf Veränderungen, er hat Angst vor ihnen.
Im Jahr 2025 gab es für viele Menschen in Russland einige einprägsame Ereignisse: den Medienrummel um Trump, die Deaktivierung von Whatsapp bei gleichzeitigen Nutzungsbeschränkungen für Telegram, und in Dutzenden russischen Regionen wurde das mobile Internet abgeschaltet.
Spezielle Sicherheitskräfte nahmen außerdem Verlage in die Mangel, die wegen LGBT+-Propaganda angezeigt wurden: Nach russischem Recht ist es inzwischen strafbar, ohne Missbilligung über LGBT+ zu schreiben, da LGBT+ als internationale extremistische Organisation gelistet ist. Die Mitarbeitenden steckten sie ins Gefängnis, und Buchhandlungen, in denen solche Bücher gefunden wurden, wurden horrende Geldbußen aufgebrummt.
Zum Jahresende traf es Ursula Le Guins alten Science-Fiction-Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“. Was glauben Sie, warum? Denken Sie nach. Wir selbst haben dieses Rätsel noch nicht gelöst und können nur mutmaßen: Vielleicht, weil manche Figuren in diesem Buch ihre Geschlechterrollen wechseln können? Der völlig intransparente Repressionsapparat liefert in der Regel keine Erklärungen, wir merken lediglich, dass wir ein bestimmtes Buch oder einen bestimmten Film in keinem Laden, keiner Bibliothek und keinem Kino mehr ausfindig machen können.
Prägender sind jedoch die persönlichen Eindrücke vom vergangenen Jahr. Die Grenzen zwischen Realität und Traum haben sich verschoben. Früher hätte man sich vermutlich kaum an Geschehnisse aus dem Alltag, die am Ende gut ausgegangen sind, als an etwas Weltbewegendes erinnert; beispielsweise eine potenziell bedrohliche und unangenehme Situation, etwa in betrunkenem Zustand, in der man keinen Schlag auf den Kopf bekam und ausgeraubt, sondern von einem Passanten nach Hause gebracht wurde.
Oder harmloser: Sie wollen den Nachtbus erwischen, und der Fahrer wartet an der Haltestelle extra weitere 20 Sekunden, damit Sie es noch schaffen, und schließt die Türen nicht direkt vor Ihrer Nase.
Und jetzt … Nein, wir wurden noch nicht ausgeraubt, obwohl uns schon mehrmals aus dem Nichts und mitten auf der Straße Schläge angedroht wurden und wir weglaufen mussten.
Aber Bustüren, die sich einem direkt vor der Nase schließen, sind mittlerweile so ziemlich an der Tagesordnung. Entweder wurden alle höflichen männlichen Fahrer an die Front geschickt und dort getötet, oder sie haben sich generell brutalere Umgangsformen angewöhnt. Warum? Vielleicht werden sie wegen Abweichungen vom Fahrplan andauernd unter Druck gesetzt, und ihnen wird gedroht, sie in den Krieg zu schicken. Wir wissen es nicht. Für alle Fälle planen wir mehr Zeit für unsere Fahrten ein.
Dann gibt es die ganz heiklen Momente, über die nicht jeder sprechen möchte.
Sie bemerken beispielsweise, dass ein Bekannter, eine Bekannte und noch einer und noch eine langsam ein wenig den Verstand verliert. Er/sie fängt an, wirres Zeug zu reden, oder verstummt komplett – ein normales Gespräch geht nicht mehr. Dann überkommt Sie wegen dieses wenig schmeichelhaften Befunds ein mulmiges Gefühl. Was, wenn Sie es sind, mit dem/der etwas nicht stimmt? Vielleicht sind Sie es ja, der/die langsam verrückt wird?
Solch eine intime Frage lässt sich nicht mit jedem besprechen. Nein, wahrscheinlich sollten Sie das besser mit überhaupt niemandem besprechen – zu Ihrer eigenen Sicherheit.
Oder Sie hören zum ersten Mal in Ihrem Leben nächtliche Maschinengewehrsalven über sich am Himmel. Vermutlich macht die Luftabwehr Jagd auf Drohnen, die Ihre Stadt attackieren. Aber Ihre Stadt ist doch die Hauptstadt Russlands, der am besten geschützte Ort des Landes! Doch auch hier wird jetzt geschossen. An sich ist es wohl nichts Neues: Der Bürgermeister von Moskau berichtet seit Langem jeden Morgen in den Medien, wie viele Drohnen beim Anflug auf die Stadt abgeschossen wurden.
Man möchte darüber lieber schweigen – nicht nur, weil die reale Gefahr besteht, wegen „Verbreitung von Fake News über die Armee“ strafrechtlich verfolgt zu werden (was dem Bürgermeister erlaubt ist, ist Ihnen noch lange nicht erlaubt). Man will auch deshalb nicht darüber sprechen, weil man beim Geräusch der Maschinengewehrsalven schlichtweg Angst hatte. Aber es war klar, dass man früher oder später Schüsse zu hören bekommen würde, es ist Krieg … Und wie nennt man es, wenn die Luftabwehr ihre Ziele verfehlt und dann Drohnen, Raketen oder was auch immer sie da abschießen den Boden erreichen? Explosionen? Darf man dieses Wort überhaupt aussprechen? Ist das strafbar, wenn man nicht daran stirbt?
Nein, wir selbst haben bisher keine Explosionen gehört. Glück gehabt. Aber man müsste sich darauf einstellen. Stattdessen überkommt einen die Angst. Es ist peinlich, sich seiner eigenen Angst bewusst zu werden.
Vielleicht ist es nur Einbildung, dass es dieses Jahr viel weniger Neujahrsfeuerwerke gab als früher. Vielleicht fehlt den Menschen das Geld dafür. Oder kann es sein, dass sie die Idee, das neue Jahr mit einem großen Knall zu feiern, nicht mehr so lustig finden? Im Hof stand eine Mutter, ihre Kinder schafften es nicht, einen Knaller zu zünden, und baten sie um Hilfe. „Nein“, hat sie geantwortet, „macht, was ihr wollt, aber ohne mich! Ich mag keine Explosionen.“
Sie sagte das mit deutlichem Nachdruck. Trotzdem lässt sie den Kindern freie Hand: Macht, was ihr wollt.
Die Freiheit, das zu tun, was man möchte, muss man sich erst mal nehmen.
Derweil spielt sich das nicht von Propaganda durchdrungene politische Leben im Untergrund ab. Buchstäblich. In Moskau gibt es massenhaft leere Kellerräume; wer auf ein Fenster und allzu viel Öffentlichkeit verzichten kann und will, ist da genau richtig. Und die Miete ist auch günstiger. Das klingt ziemlich widersprüchlich, Politik ist ja per Definition eine öffentliche Angelegenheit. Aber auch wenn manche es sich anders wünschen würden: Die Leute hier sind es gewohnt, ohne echte politische Teilhabe auszukommen. Kaum jemand der heutigen Kellerfraktion kann sich damit brüsten, jemals auch nur ansatzweise in irgendwelche Entscheidungsprozesse eingebunden gewesen zu sein.
Stellenweise hört und fühlt es sich an wie in den 1990er Jahren. Wenn man keine Verantwortung für das eigene Tun und Lassen übernehmen darf, macht es kaum einen Unterschied, ob man die Macht infrage stellt oder nur kleine Brötchen backt.
Und weil es zwar viele freie Kellerräume gibt, gleichzeitig aber die Mitglieder von sympathischeren politischen Gruppierungen längst verbannt oder verhaftet wurden oder ins Privatleben abgetaucht sind, fällt die Auswahl an politischen Veranstaltungen dann doch begrenzt aus. Da kann es passieren, dass man sich mitten im Stadtzentrum bei einer stalinistischen Sekte wiederfindet, die über Arbeitsrecht und Widerstandsformen in Schulen und Universitäten debattiert. Alles relevant, einzelne Beiträge sind hoch spannend, bis dann doch jemand anfängt, ideologisch gefärbten abgründigen Unsinn in die Runde zu werfen. Im Nebenraum dürfen sich netterweise alle am kostenlosen Tee und Kaffee bedienen.
Zurück auf der Straße. Ein Mann um die 60, hochgewachsen und schlank, telefoniert lautstark auf dem Gehsteig. „Sind Ihre Anweisungen von größerer Wichtigkeit als die des Präsidenten?“ Und er lacht über seinen eigenen Witz.
Iwan Perechodnyj ist Schriftsteller in Moskau. Seit 2022 sieht er sich gezwungen, unter Pseudonym zu veröffentlichen. Wasilisa Belkina ist Journalistin, Übersetzerin und Fotografin und publiziert ebenfalls unter Pseudonym.
©LMd, Berlin


