08.01.2026

Wandel oder Stillstand

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Wandel oder Stillstand

von Sara Meyer

Yoweri Museveni und seine Frau, Kampala, 23. September 2025 NICHOLAS KAJOBA picture alliance/xinhua
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Yoweri Kaguta Museveni ist seit 40 Jahren an der Macht: Vier Jahrzehnte Präsidentschaft in einem Land, in dem mehr als 43 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre sind. Die Mehrheit der Ugan­de­r:in­nen kennt an der Spitze des Staates niemand anderen: Museveni, 81 Jahre alt, älter als ihre politische Erinnerung.

Die Bevölkerung Ugandas zählt rund 51 Millionen und wächst rasant, mit einer Geburtenrate von etwa vier Kindern pro Frau. Ein junges Land, regiert von einem Greis. Dieser Widerspruch prägt den Alltag, die Gespräche, das Straßenbild, den Wahlkampf.

Seit Monaten hängen im ganzen Land die Wahlplakate: gelber Hintergrund, weißes Hemd, weißer Hut, ein freundlich blickender Museveni mit einem Lächeln für alle. Darunter der Slogan: „Settle for the Best. M7 is the Best. Yoweri K. Museveni 2026–2031.“ M7, so nennen sie ihn hier, bei seinem Spitznamen. Er rührt vom ersten Buchstaben seines Nachnamens und dem englischen Wort seven her; ein gängiger Scherz ist es, dass Museveni seit seiner letzten Wiederwahl zum siebten Mal Präsident ist. Alters- und Amtszeitbeschränkungen ließ er per Verfassungsänderung abschaffen. Am 15. Januar will er sich nun für eine achte Amtszeit wählen lassen.

Auf der Website der Regierung wird seine Geschichte bis heute als Mythos der Befreiung erzählt: wie er mit 26 jungen Männern „in den Busch“ zog, fünf Jahre lang „gegen die Tyrannei früherer Regime“ (gemeint sind Milton Obote und Idi Amin) kämpfte, „die das Land und seine Bevölkerung unterdrückt“ hatten, und schließlich 1986 Präsident wurde.

Aber: Was für ein Land ist Uganda heute? Spricht man mit den Menschen, fällt ein Wort immer wieder: Korrup­tion. Der Fahrer auf dem Weg zum Flughafen erzählt, er habe seinen Sohn aus der Schule nehmen müssen, das Geld reiche nicht mehr. „Entweder man arbeitet in der Politik und man bekommt Geld“, sagt er, „oder man hat nichts.“

Verlässt man die Hauptstadt Kampala und fährt durch Vororte wie Wakiso, findet sich dieser Eindruck bestätigt. Ein Motorrad zieht vorbei, auf dem Heck ein Sticker: the rich also cry. Daneben reihen sich Plakate mit Versprechen wirtschaftlichen Aufschwungs, Aufforderungen, ein eigenes „Business“ zu gründen oder einen Kredit aufzunehmen. Schulen werben mit Unterricht in Deutsch oder Mandarin, mit der Aussicht auf ein Leben außerhalb des Landes.

Museveni regiert inzwischen länger als Simbabwes Langzeitherrscher Robert Mugabe, der sich 37 Jahre an der Macht hielt. An Teodoro Obiang Nguema in Äquatorialguinea, der seit 1979 regiert und damit als am längsten amtierender Staatschef der Welt gilt, reicht er noch nicht heran. Allerdings gehört er längst zum Kreis jener Präsidenten, deren Herrschaft nicht mehr als politische Phase, sondern als Epoche beschrieben werden muss.

Wer verstehen will, warum Yoweri Museveni so lange an der Macht ist, muss zurückgehen in die Zeit, in der er noch als Hoffnungsträger galt. Als er 1986 nach einem fünfjährigen Kampf Präsident wurde, war Uganda nach der brutalen Diktatur Idi Amins (1971–1979) und den gewaltvollen Jahren unter Milton Obote (1966–1971 sowie 1980–1985) ein erschöpftes Land. Museveni versprach Ordnung, Stabilität und einen Neuanfang. Zunächst lieferte er genau das. Die Waffen schwiegen, der Staat gewann wieder Kontrolle, internationale Geldgeber stellten sich ein.

Es folgten Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs, getragen von einem wachsenden Agrarsektor, Rohstoffexporten und dem Ausbau der Infrastruktur. Straßen wurden gebaut, Schulen eröffnet, Stromleitungen gezogen. Auch im Gesundheitswesen zeigten sich Fortschritte: Die HIV/AIDS-Epidemie, lange außer Kontrolle, konnte eingedämmt werden. Uganda wurde zum Musterbeispiel dafür, wie sich ein vom Krieg gezeichnetes Land stabilisieren lässt – ein Ruf, der Museveni innenpolitisch Rückhalt und außenpolitisch Kredit verschaffte.

Ihm gelang es, das Land als sicherheitspolitischen Anker in Ostafrika zu positionieren. Ugandische Soldaten beteiligten sich an der afrikanischen Friedensmission in Somalia (Amisom) – ein Einsatz, der sich gegen islamistische Milizen richtet und der dem Westen wichtig ist. Auch Ugandas progressive Flüchtlingspolitik passte ins Bild. Für viele internationale Partner war das ein Beweis für vorbildliches Benehmen.

Doch die Erzählung vom Befreier trägt immer weniger. In den vergangenen Jahren verdichteten sich die Zeichen eines autoritären Systems: Oppositionelle werden verfolgt, Proteste gewaltsam unterdrückt, Wahlen erschwert. Kritik gilt als Bedrohung. Selbst in der Außenpolitik, lange Musevenis Stärke, gerät das Land ins Rutschen. Als die Regierung dem deutschen Botschafter im Mai 2025 „umstürzlerische Aktivitäten“ vorwarf und die militärische Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik aussetzte, wurde deutlich, wie empfindlich das Regime für jede Art der Kritik geworden ist.

Junge Menschen in Uganda richten die Hoffnung auf Veränderung inzwischen auf eine andere Figur: den Rapper Bobi Wine, das Gesicht der Opposition. Bekannt wurde er mit seiner Musik und seinen Texten über Armut, Korruption und Gewalt.

Schon 2021 war er gegen Museveni angetreten. Offiziell gewann der Präsident mit 59 Prozent, Bobi Wine kam auf knapp 35 Prozent – es war Musevenis schwächstes Ergebnis seit Beginn seiner Herrschaft. Nach der Wahl kam es zu Protesten, Bobi Wine wurde unter Hausarrest gestellt. Unterstützung für ihn kommt vor allem aus der urbanen Arbeiterschicht, aus jenen Vierteln, in denen politische Versprechen selten mehr sind als leere Worte. Man nennt ihn „the King of the Slum“, da er selbst aus einem der „Viertel der Vergessenen“ kommt.

Der 37-jährige Bobi Wine wuchs in Kamwokya im Nordosten Kampalas auf. Seine Mutter war Krankenpflegerin, sein Vater Tierarzt und Landwirt. Am Eingang des Viertels hängt ein meterhohes Plakat von ihm, durchlöchert von Einschüssen. Von den einen wird er geliebt, von den anderen gehasst. Anfang Mai berichtete er, Sicherheitskräfte hätten die Parteizentrale seiner National Unity Platform gestürmt. Und zuvor hatte Armeechef Muhoozi Kainerugaba, Sohn von Präsident Museveni, öffentlich damit geprahlt, den Leibwächter des Oppositionspolitikers ­festgesetzt und misshandelt zu haben. Den Wahlkampf bestreitet Bobi Wine mit Schutzhelm und kugelsicherer Weste.

In seinem Song „Time Bomb“ fragt er immer wieder: „Ich weiß nicht, warum die Korruption so groß ist.“ Er rappt über hohe Strompreise, unbezahlbare Bildung und davon, dass er die Ugander einen will, statt sie zu spalten. „Die schlechte Nachricht ist, dass alles falsch läuft. Die gute Nachricht ist: Man kann es noch in Ordnung bringen.“

Museveni steht für Stabilität. Bobi Wine spricht von Wandel. Diesmal, sagen viele, könnte die Wahl anders ausgehen als 2021. ⇥Sara Meyer

Le Monde diplomatique vom 08.01.2026, von Sara Meyer