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Zu Gast beim großen Genossen General

Im Herbst spielen die New Yorker Philharmoniker zum ersten Mal in Vietnam. Ihr Konzert im Februar letzten Jahres in Nordkorea gilt inzwischen als historisch – es war der erste Auftritt eines US-Orchesters in der kommunistischen Volksrepublik von Suki Kim

Am 25. Februar 2008 drängten sich 75 Journalisten um den Abfertigungsschalter der Asiana Airlines auf dem Flughafen von Peking. Viele saßen hinter ihren Notebooks, schließlich würden sie in den nächsten 48 Stunden keinen Zugang zum Internet haben. Einige tigerten mit Handy am Ohr durch die Halle, wohl wissend, dass ihnen demnächst Telefon und Pass abgenommen werden würden. Die Reporter waren aus aller Herren Länder angereist, um ins verbotene Land zu fliegen, in die Stadt, deren Name nun auf den Bildschirmanzeigen aufleuchtete: Pjöngjang. Die meisten waren noch nie dort gewesen, einige hatten sich bereits wiederholt, aber erfolglos um eine Einreisegenehmigung bemüht. Plötzlich begannen Kameras zu klicken. Die 110 Mitglieder der New Yorker Philharmoniker näherten sich dem Schalter. Die Musiker, die statt Bordköfferchen ihre Instrumente hinter sich herzogen, hatten einen Tross von 25 Mäzenen um sich, die alle 50 000 Dollar bezahlt hatten, um die Philharmoniker nach Nordkorea begleiten zu dürfen.

Ich hatte das Orchester schon fast eine Woche lang auf seiner Asientournee begleitet. Peking, das einer gigantischen Baustelle glich, war die letzte Station vor Pjöngjang. „Ihre Teilnahme ist ein großes Privileg“, hatte mir der PR-Chef der Philharmoniker, Eric Latzky, noch in New York erklärt. Wenn ich mit den Orchestermusikern (zu denen auch acht Künstler koreanischer Herkunft gehörten) sprechen wolle, müsse ich ihn freilich zuvor um Erlaubnis bitten.

Wann immer ich während der Tournee die Warterei satthatte, schlenderte ich durch die Hotellobbys in der Hoffnung, eine Violinistin oder einen Cellisten in ein Gespräch zu verwickeln. Dabei stellte sich schnell heraus, dass Latzkys Vorsicht völlig unbegründet war: Auf Fragen zu dem bevorstehenden Konzert in Pjöngjang bekam ich immer dieselben Antworten: „Hier geht es um Musik, nicht um Politik.“ „Wir bringen unsere Musik zu Menschen, die keine Musik haben.“ „Das ist ein historischer Augenblick, und wir freuen uns, dabeizusein.“

Ihr Maestro ließ im Wall Street Journal Ähnliches verlautbaren: „Künstler sollten eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeit spielen, dabei aber gänzlich apolitisch, unparteiisch und unabhängig von Partikularinteressen sein.“ Jon Deak, der seit 39 Jahren bei den Philharmonikern Kontrabass spielt, erklärte knapp: „Lenny hätte es genauso gemacht.“ Der 1990 verstorbene Leonard Bernstein hatte das Orchester 1959 in die Sowjetunion und zum Mauerfall 1989 nach Berlin geführt.

„Es ist eine Pioniertat“, sagte Zarin Mehta, der in Bombay geborene Präsident des Orchesters (und Bruder seines langjährigen Dirigenten Zubin Mehta). Alles habe mit einem Mittelsmann in Kalifornien begonnen, erzählt Mehta. Dieser habe ihm im August 2007 eine Einladung des nordkoreanischen Kulturministeriums gefaxt, die er seinerseits an den im US-Außenministerium für Ostasien und den Pazifik zuständigen Staatssekretär Christopher Hill übermittelt habe: „Glauben Sie mir, dieses Konzert wurde von höchster Stelle im Weißen Haus genehmigt.“ Als ich meiner Verwunderung über das Entgegenkommen der Koreaner Ausdruck verlieh, meinte er: „Wenn ich mir nur aufgrund der Leute, mit denen ich zu tun hatte, eine Meinung über das Land bilden würde, dann müsste ich sagen, das ist eine sehr kluge, sympathische und kooperative Nation. Aber natürlich weiß jeder, dass dem nicht so ist.“

Die Organisatoren hatten ihm versprochen, das Konzert live im staatlichen Rundfunk und Fernsehen zu übertragen. Doch Strom ist in Nordkorea ebenso knapp wie Fernsehgeräte. Und ist das Regime nicht für seine Wortbrüche berüchtigt? Warum sich darauf einlassen? „Im Interesse des Weltfriedens“, sagt Mehta ohne irgendeinen Unterton.

Latzky lud mich in Peking zu dem Empfang für die Sponsoren bei US-Botschafter Clark T. Randt jr. Drei Musiker spielten auf, das Essen war vorzüglich. In einer Ecke hielt eine 75-jährige Japanerin Hof, die von ihrem Mann, dem Grafen Ceschina aus Venezien, 190 Millionen Dollar geerbt haben soll. Die spendenfreudige Gräfin und frühere Harfenistin Yoko Nagae Ceschina hatte einen Großteil der Kosten für das Konzert in Pjöngjang übernommen und sah dem nächsten Auftritt gespannt entgegen. „Ich verstehe nichts von Politik“, sagte sie, „aber ich glaube, es ist eine gute Sache, da hinzugehen. Als Zarin mich darauf ansprach, hab ich sofort zugesagt!“

Zurück im Grand Hyatt Beijing ließ ich mich ins Zimmer eines Oboisten einladen, wo sich ein Dutzend Musiker um eine Kiste Tsingtao-Bier versammelt hatten. Seit Monaten diskutierten die Orchestermitglieder darüber, wie sie sich verhalten sollten, falls Kim Jong Il unter den Zuhörern des Konzerts sein sollte. Sie überlegten, ob sie für ihn aufstehen sollten, und einigten sich schließlich darauf, gemeinsam die Bühne zu betreten und stehen zu bleiben, bis der Dirigent hereinkäme.

Markus Rhoten, ein 29-jähriger deutscher Paukist, sagte mir: „Als die Berliner Mauer fiel, ging auch nicht alles glatt. Ich bin schon in Seoul gewesen, und ich denke, das Ganze ist längst nicht so einfach, wie sie behaupten.“

Auf unserem zweistündigen Flug nach Pjöngjang gesellten sich noch ein paar südkoreanische Reporter hinzu, die ständig die Köpfe zusammensteckten. Asiana Airlines hatte rund 700 000 Dollar für die Freiflüge der Philharmoniker springen lassen (die Presseleute mussten 400 Dollar pro Sitz an die Orchestergesellschaft bezahlen). Die südkoreanische Rundfunkgesellschaft MBC, die mit der Übertragung des Konzerts nach Südkorea beauftragt war, hatte 15 Lastwagen mit technischer Ausrüstung und 72 Mitarbeiter durch die entmilitarisierte Zone geschickt. Kosten: 3,2 Millionen.

Als der Pilot um 4 Uhr nachmittags die Landung ankündigte, wurde es plötzlich still. Die Passagiere zückten ihre Digitalkameras und blickten aus den Fenstern. Den wenigen von uns, die schon einmal in Pjöngjang gewesen waren, erschien das Land so unergründlich wie zuvor. Seit meinem ersten Besuch waren sechs Jahre vergangen, und nun blickte ich auf dieses Land, diesen Quell des Leids und der Sehnsucht für Generationen von Koreanern.

Als am 25. Juni 1950 nordkoreanische Panzer in Seoul einrückten, packte meine Großmutter ihre Habseligkeiten, nahm ihre fünf Kinder, darunter meine damals vierjährige Mutter, und stürzte sich in die panische Menschenmenge, die in dem überfüllten Zug gen Süden noch einen Platz zu ergattern suchte. Als endlich alle im Zug saßen, brüllte eine Stimme, junge Männer sollten ihre Plätze für Frauen und Kinder räumen. Ihr 17-jähriger Sohn stand auf und sagte, er werde mit dem nächsten Zug nachkommen. Aber den gab es nicht. Freunde berichteten uns später, dass nordkoreanische Soldaten ihn gefesselt und abgeführt hätten. Auf der Suche nach ihrem Ältesten irrte meine Großmutter durch Seoul und beruhigte sich erst, als ihr ein Schamane versicherte, dass er überlebt habe und in der Nähe von Pjöngjang wohne. Bis zu ihrem Tod zwanzig Jahre später blickte sie immer wieder gen Norden, als könne sich der 38. Breitengrad plötzlich auftun und ihr den verlorenen Sohn zurückgeben.

Der Koreakrieg dauerte drei Jahre. Am Ende waren 3 Millionen Zivilisten getötet oder verschollen – etwa ein Zehntel der Bevölkerung der Halbinsel. Auf Seiten der nordkoreanischen und chinesischen Armee gab es schätzungsweise 1,5 Millionen Tote und Verletzte. Die südkoreanischen Streitkräfte zählten 415 000 Tote und 429 000 Verwundete, die US-Armee 33 000 Tote und 103 000 Verwundete.

Wann immer angesichts des Auftritts der Philharmoniker von einem „historischen“ Ereignis die Rede war, habe ich mich gefragt, was damit gemeint sein mochte. Ich dachte an meine Großmutter, die etwa in meinem Alter war, als ihr aufging, dass sie ihren Sohn wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Ich stellte mir das Leben vor, das mein damals 17-jähriger Onkel plötzlich allein auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs führen musste. Vor sechs Jahren war ich nach Pjöngjang gereist und erfuhr nur, dass er ein halbes Jahrhundert nach dem Waffenstillstand immer noch als vermisst galt. All das ging mir durch den Kopf, als unsere Chartermaschine auf der gefrorenen Landebahn aufsetzte, drin saß eine der größten Gruppen an Amerikanern, die seit Kriegsende nordkoreanischen Boden betreten haben dürfte.

Draußen fiel leise der Schnee. In der Ferne ragten bedrohlich die Hügel in den Nebel. Es hätte eine Landschaft in Südkorea in den 1970ern sein können. Über dem Terminal hing ein Porträt von Kim Il Sung, dem ursprünglichen Großen Führer, dessen Philosophie des Juche, der Selbstgenügsamkeit, das Land stark geprägt hat. Laut offiziellem Kalender, der mit Kims Geburt am 15. April 1912, dem „Sonnentag“, beginnt, schrieben wir das Jahr Juche 97. Nach seinem Tod 1994 wurde Kim Il Sung auf einen „Ewigen Präsidenten“ beziehungsweise „Ewigen Großen Führer“ zurückgestuft. Jetzt hat sein Sohn Kim Jong Il den Platz des „Großen Führers“ und „Großen Generals“ inne. Der jüngere Kim, der keinen Tag seines Lebens in der Armee verbracht hat, steht im Rang des Oberkommandierenden der koreanischen Volksarmee, der viertgrößten Streitkraft der Welt, in der alle Frauen und Männer ab dem Alter von sechzehn für sieben beziehungsweise zehn Jahre Dienst tun müssen.

Ein Strauß von Kimilsungien

Als wir ausstiegen, standen etliche Männer mit Anstecknadeln des Großen Führers auf der Landebahn. Während die Fotografen Lorin Maazel und das Orchester umschwärmten, sprach ich den nordkoreanischen Fernsehberichterstatter Kwon Soon Ho an. Er trug eine khakifarbene Jacke und eine Sonnebrille. „Wir haben seit zwei Monaten auf Ihre Ankunft gewartet. Alle freuen sich darauf, das Konzert im Fernsehen mitzuerleben“, erklärte er und schien erstaunt darüber, dass die Philharmoniker bereits in anderen Teilen Asiens gespielt hatten. Weitere Fragen wehrte er ab: „Wir sind die höfliche Nation des Ostens und respektieren unsere Gäste. Hoffen wir auf eine baldige Vereinigung.“

Nachdem Maazel und seine Entourage in einen schwarzen Mercedes komplimentiert waren, mit dem es zu einem privaten Gästehaus ging, wurden die übrigen Passagiere in Grüppchen aufgeteilt, denen je ein Reiseführer und ein Dolmetscher zugewiesen wurden. Die Sponsoren wurden ins Potanggang Hotel gefahren – es gehört dem aus Nordkorea stammenden Oberhaupt der Vereinigungskirche Reverend Moon, der auch in andere nordkoreanische Unternehmen investiert –, die meisten südkoreanischen Kollegen ins Koryo Hotel. Die übrigen Journalisten und Musiker kamen im Yanggakdo International Hotel unter, das wegen seiner Lage auf der Insel Yanggak inmitten des Flusses Taedong auch „Hotel Alcatraz“ genannt wird. Von da an konnten wir uns fast nur noch mit Leuten aus unserer eigenen Gruppe unterhalten. Wir wurden gebeten, immer in der Nähe unseres Busses zu bleiben. Meiner hatte die Nummer 8.

Die Straßen waren zwar ziemlich leer, aber es gab schon mehr Autos als vor sechs Jahren. Ein blitzblanker Geländewagen fuhr an uns vorbei. Auf einer Werbetafel ein Bild eines „Cuckoo“ von Pyeonghwa Motors, darunter Schilder, auf denen „Danke Großer General Kim Jong Il“ und „Unser Großer Genosse General Kim Jong Il, die Sonne des 21. Jahrhunderts“ stand. Dieses letzte Poster verwirrte mich, weil wir uns laut nordkoreanischem Kalender doch im ersten Jahrhundert befanden und weil der „Sonnentag“ eigentlich die Geburt von Kim Il Sung feiert und nicht die von Kim Jong Il.

Zwischen den knospenden Bäumen am Straßenrand erhoben sich einige drei- bis vierstöckige, lavendelfarbene und grüne Gebäude. Sie wirkten im Vergleich zu den grauen Betonklötzen, bei denen es sich um Wohnblocks handeln musste, wie frisch gestrichen. Auf der Straße sah ich Fußgänger und Fahrradfahrer, die gesünder aussahen als die in meiner Erinnerung. Alle hatten einen Mantel an. Für einen Augenblick konnte man meinen, die Berichte über die durch die Flut 2007 verschärfte Nahrungsmittelknappheit und Unterernährung unter den 23 Millionen Einwohnern des Landes seien reine Erfindung. Der Bus ersparte uns den vorgeschriebenen Halt bei Mansudae, wo sich jeder Besucher nach seiner Ankunft vor der Statue Kim Il Sungs verneigen muss.

Mein Zimmer auf der 32. Etage des 47-stöckigen Yanggakdo International Hotel war überheizt, aber das Fenster mit den beschlagenen Scheiben ließ sich nicht öffnen. Aus dem Flurfenster blickte ich auf ein Meer von mehr oder weniger grauen Gebäuden, das die Schlaufe des Taedong-Flusses umgab. Laut Reiseführer ist er „tiefer als der Han-Fluss in Seoul“. Ich hätte mich gern länger in den Anblick versenkt, aber das ließ unser Terminplan nicht zu. Es war bereits 17.30 Uhr, in einer halben Stunde sollte die Begrüßungsshow im Moranbong-Theater beginnen.

Die Mansudae-Künstler brachten traditionelle Tänze mit Fächern und Trommeln zur Aufführung. Ein südkoreanischer Journalist schlief erwartungsgemäß ein. Erstaunlicher war, dass die Folklore ganz ohne Anspielungen auf den Großen Führer auskam. Da wir von nordkoreanischen Begleitern und Dolmetschern umzingelt waren, konnte ich das Theater nicht verlassen. Nach der Vorstellung überreichte Maestro Maazel höchstpersönlich dem Cheftänzer auf der Bühne einen Blumenstrauß und lächelte in die Kameras. Als ich das Theater verließ, erspähte ich Michelle Kim, eine koreanisch-amerikanische Geigerin, deren Eltern aus Pjöngjang stammen, und fragte sie nach ihrem ersten Eindruck. „Gewaltig!“, antwortete sie. „Es ist wunderschön hier, und die Leute sind echt cool.“

Danach wurden wir in einen riesigen Festsaal geschleust, wo strahlende Kronleuchter, weiße Tischdecken und livrierte Kellner auf uns warteten. In der Tafelmitte prangten Bouquets von Kimilsungien, einer nach dem Ewigen Großen Führer benannten purpurnen Orchidee, drumherum Flaschen mit Taedong-Bier, Ginsengschnaps und Wein aus wildem Beifuß. Der Saal war so hell erleuchtet, dass ich jedes Gesicht erkennen konnte. Peter Kenote, ein Bratschist, murmelte: „Das ist doch schrecklich. Wie soll ich all das essen, während draußen die Leute verhungern.“

Ich wurde neben Kim Chul platziert, einem Funktionär des koreanischen Verbands für künstlerischen Austausch, der offiziellen Gastgeberorganisation. Er gab mir umstandslos ein paar Ratschläge: „Sie sollten nur Gutes über uns schreiben, dann werden Sie wieder eingeladen.“ Später taute er etwas auf und erkundigte sich: „Was bekommen Sie für Ihren Artikel?“ „Hat Ihr Computer Internet?“ „Was kostet eine Kamera in Amerika?“ Er war als Austauschstudent in Leipzig gewesen, wollte mir aber nicht verraten, ob er ein weiteres Mal ins Ausland reisen durfte. Das Einzige, was er je von Südkorea gesehen hatte, waren Fernsehnachrichten über dortige Gewerkschaftsproteste. Die nordkoreanische Spielart des Internets hatte er einmal zu sehen bekommen. Autos kosteten zwischen 10 000 und 20 000 Euro und ein Computer etwa 400 Euro, was sich die meisten Koreaner nicht leisten könnten. Auf meine Frage, was er verdiene, sagte er: „Wir sind Sozialisten.“ Und als später die Eistorte aufgetragen wurde, schlug er mir vor, ich könnte ihm doch meinen Computer und meine Kamera als Souvenir dalassen.

Kaviar zum Frühstück war das Letzte, was ich erwartet hatte. Es war kurz vor sieben, als ich vor dem üppigen Büfett Platz nehmen musste. Ich hatte einen kleinen Spaziergang machen wollen, aber der Wachmann an der Hoteltür meinte, es gäbe „draußen nichts Interessantes zu sehen“. Im Hintergrund dudelte leise eine Melodie. Ein Kellner brachte mir einen Cappuccino und erklärte, das Lied heiße „Ich denk an dich“ und handle davon, „wie sehr wir uns wünschen, dass unser unermüdlich für uns arbeitender Großer General einmal Pause macht“.

Ich hatte ein paar ältere Ausgaben der Rodong Shinmun dabei, dem täglich mit sechs Seiten erscheinenden Zentralorgan der herrschenden Partei der Arbeit, und schon fanden sich einige Journalisten an meinem Tisch ein, die trotz der um uns herumwuselnden Übersetzer von mir wissen wollten, was dort auf Koreanisch zu lesen stand. Beinahe jeder Artikel behandelte die musikalischen Beiträge zu „2.16.“, den Geburtstagsfeierlichkeiten für Kim Jong Il, die am 16. Februar im Beisein internationaler Delegationen aus Palästina, Bangladesch, Laos, Kuba und Usbekistan ihren Höhepunkt erreichten. In der Ausgabe vom 24. Februar erläuterte der Leitartikel mit der Überschrift „Juche ist das Leben unserer Musik“ die Ansichten Kim Jong Ils über Musik als Mittel der Politik. Am Tag darauf hieß die Schlagzeile „Südkoreaner loben Kim Jong Ils künstlerisches Genie“, und der Artikel zählte einige der Bücher auf, die der Große Führer zum Thema verfasst hat: „Über die bildende Kunst“, „Über die Schauspielkunst“, „Über die Kunst des Tanzes“, „Über die Filmkunst“ und „Über die Kunst der Musik“. In der aktuellen Ausgabe vom 26. Februar erschien ein Artikel über den internationalen Erfolg nordkoreanischer Hits wie „Das Lied von General Kim Jong Il“ und „Ohne Dich kein Vaterland“. Auf Seite vier gab es eine Spalte mit dem Titel „Unsere Musik, unser Weg“, darunter ein Foto von der Ankunft der New Yorker Philharmoniker samt Dreizeiler.

Auf der Pressekonferenz am selben Tag fragte ich nach, ob das Konzert etwas mit den 2.16.-Feierlichkeiten zu tun habe, bei denen üblicherweise ausländische Künstler für den Großen Führer aufträten. Mehta bestritt jeden Zusammenhang, aber Lorin Maazel kam später auf das Konzert von 1959 in der Sowjetunion zu sprechen. „Die Sowjets waren sich der Zweischneidigkeit nicht bewusst, die darin lag, Leuten von außen zu erlauben, mit ihrem Volk in Kontakt zu treten“, erklärte er. „Das war von so nachhaltigem Einfluss, dass am Ende die Machthaber ihre Macht verloren.“ Als ein anderer Reporter nachhakte, ob er damit andeuten wolle, dasselbe könne auch hier in Nordkorea passieren, winkte Maazel ab. „Es gibt in der Geschichte keine Wiederholungen, nur Ähnlichkeiten. Wir sind sehr bescheiden. Wir sind hier, um zu musizieren.“

Kurz vor 18 Uhr strömten Männer in dunklen Anzügen und Frauen in altmodischen Hanboks (traditionelle koreanische Tracht) ins weiße Marmorfoyer des Staatstheaters von Ostpjöngjang. Wir mussten im Konferenzraum warten. Als der Kulturminister nach über einer Stunde immer noch nicht kam, begannen einige Journalisten zu murren, das Ganze sei nur ein Vorwand, um uns davon abzuhalten, den Leuten Fragen zu stellen.

Als wir aus dem Konferenzsaal kamen, tummelten sich im Foyer ausländische Honoratioren. Die nordkoreanischen Gäste steuerten direkt auf den Saal zu. Dennoch gelang es mir, mit einigen von ihnen zu reden. Was immer ich sie fragte, alle kamen auf den „beschwerlichen Marsch“ zu sprechen, das ist der Euphemismus der nordkoreanischen Arbeiterpartei für die Hungersnot Mitte der 1990er-Jahre, die 2,5 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Ein älterer Musikprofessor sagte: „Wir haben den beschwerlichen Marsch überlebt, den uns die Supermacht aufgenötigt hat. Wir werden unsere Gäste mit Respekt behandeln, aber unser Großer Führer wird uns bald zu einem starken und mächtigen Land machen.“ Als ich wissen wollte, wo und zu welchem Preis er seine Eintrittskarte gekauft habe, murmelte er, er habe sie „von jemandem geschenkt bekommen“. Schließlich hielt mich ein Funktionär der koreanischen Verbands für den künstlerischen Austausch auf: „Wenn Sie mit Leuten sprechen wollen, wählen wir welche für Sie aus.“

Eingebildete Tränen der Rührung

Ich wurde zwischen einen Dolmetscher und zwei Männern Mitte zwanzig platziert, die makellose Anzüge und Nike-Sneakers trugen. Die beiden jungen Männer wirkten nervös und saßen steif auf ihren Stühlen, als warteten sie auf ein Examen. Der eine flüsterte dem anderen etwas zu und wurde sogleich zum Schweigen gemahnt. Ich musterte die Gesichter in der Menge, wusste aber nicht, was ich von ihnen halten sollte. Manchmal erntete ich ein verhaltenes Lächeln, aber sobald ich jemanden länger anblickte, wandte er sich ab. „Werden die Konzerte in Amerika auch so stark ausgeleuchtet?“, fragte mich der Dolmetscher. Ich schüttelte den Kopf und blickte zu den Fernsehkameras, die auf das Sternenbanner und die nordkoreanische Flagge zu beiden Seiten der Bühne gerichtet waren. „Hier auch nicht“, meinte er. „Normalerweise machen wir es so wie Sie.“

Das Publikum erhob sich zu den beiden Nationalhymnen, obwohl Aegukga („Das patriotische Lied“) – anders als „Das Lied des General Kim Jong Il“ – in Nordkorea eher selten angestimmt wird. Man lauschte ausdruckslos den einleitenden Worten von Maazel, der darauf hinwies, dass die Stücke des heutigen Abends – Dvorák, Gershwin und Bernstein – allesamt von den New Yorker Philharmonikern uraufgeführt wurden. Für seinen Versuch, den Zuhörern auf Koreanisch einen schönen Abend zu wünschen, erntete er die erwarteten Lacher.

Die Rufe nach Zugaben am Ende des Konzerts wirkten lahm und einstudiert. Das Publikum blieb auch unbeeindruckt, als Maazel von der Bühne ging, während das Orchester weiter Leonard Bernsteins Ouvertüre zu „Candide“ spielte – ein sonderbares Ritual, das, wie Maazel selbst erklärte, Raum schaffen solle für den Geist seines großen Vorgängers. Ob die Zuhörer eine Parallele gezogen haben zwischen Maazels Tribut an den langjährigen, gefeierten Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker, der für immer im Herzen des Orchesters weiterlebt, und ihrer eigenen Verehrung für den Ewigen Großen Führer, war nicht zu erkennen. Einmal zuckte der junge Mann neben mir kurz zusammen, und zwar als Maazel Gershwins „An American in Paris“ ankündigte und erklärte, dass „eines Tages vielleicht ein Komponist ein Werk mit dem Titel ‚Amerikaner in Pjöngjang‘ komponieren wird“.

Dann folgte ein Stück, das nicht auf dem Programm stand. Die Männer neben mir schienen die Melodie, anders als ich, auf Anhieb zu erkennen. Die ersten Noten waren kaum verklungen, da fragte mich der Dolmetscher: „Wissen Sie, was das ist?“ Ich brauchte eine ganze Weile, weil Arirang fast immer im traditionellen Chang-Stil vorgetragen wird. Arirang ist ein Volkslied, das alle Koreaner lernen und von dem jede Region ihre eigene Version hat. Die hier gespielte hatte die 7. Infanteriedivision der US-Armee in Südkorea zu ihrem offiziellen Marschlied erkoren.

Später las ich in fast jedem Bericht, das Publikum sei an dieser Stelle zu Tränen gerührt gewesen. CNN titelte „Musikdiplomatie treibt Tränen in die Augen“. Auch laut New York Times „traten dem artig dasitzenden Publikum Tränen in die Augen“. Die Nachrichtensendungen auf MBC versicherten immer wieder, auf dem Bildmaterial seien Tränen zu sehen, und ich wurde mehrfach angerufen, um dies zu bestätigen. Ich las auch, dass die südkoreanische Schauspielerin Son Suk in der VIP-Lounge geweint habe. Jedenfalls gab sie das in mehreren Interviews später zu Protokoll. Ich selbst sprach mit einem pensionierten koreanisch-amerikanischen Geistlichen aus Binghampton, der zu den 2.16.-Feierlichkeiten nach Pjöngjang gereist war und an dem Konzert teilnehmen durfte. Er bestätigte mir, dass es ihm an einigen Stellen die Kehle zugeschnürt habe. Ich habe auch mit einem südkoreanischen Journalisten geredet, der behauptete, den Tränen nahe gewesen zu sein, allerdings nur bei Dvorák. Ich selbst habe niemanden weinen gesehen, und auch den anderen ausländischen Korrespondenten, mit denen ich hinterher gesprochen habe, ist nichts dergleichen aufgefallen. Nur die Musiker hielten eine Pressekonferenz ab, bei der es um ihre Tränen und die emotionale Überwältigung ging.

Es war, als marschiere man ins Disneyland und wolle vom Aschenbrödel etwas anderes hören als die Geschichte von ihrem verlorenen Schuh. Vielleicht hofften wir, dass die Nordkoreaner, wenn wir nur hartnäckig genug fragten, uns schließlich doch verraten würden, was sie wirklich dachten.

Da waren wir also, eine Delegation in Begleitung des ältesten amerikanischen Orchesters, für das es einfach unvorstellbar ist, dass irgendein Publikum der Welt von seinem geliebten Dvorák, Gershwin und Bernstein nicht hingerissen sein könnte oder dass sein geliebter Dvorák, Gershwin, Bernstein im Land des Großen Führers ebenso deplatziert wirken könnte wie „Das Lied des Generals Kim Jong Il“ in unseren Ohren. Wie hätten wir bei diesem Ereignis etwas erfahren sollen, das nicht im Programm stand? Von der Darbietung des Orchesters über den Applaus bis hin zur Beleuchtung war alles inszeniert, nicht nur vom nordkoreanischen Regime, sondern auch von den New Yorker Philharmonikern. Das wirkliche Publikum waren die Medien, deren Aufgabe es von Anfang an war, die Vorstellung zu dokumentieren.

Es wirkte wie ein sehr amerikanischer blinder Fleck: Die Philharmoniker kamen einfach nicht auf die Idee, dass Leute, die dringend wirtschaftliche und humanitäre Hilfe brauchen, ihnen nicht sonderlich gewogen sein könnten; dass die Tränen, wenn sie denn geflossen sind, weniger ein Zeichen der Dankbarkeit als eines der Demütigung gewesen sein könnten. Die Nordkoreaner mochten die Anwesenheit von Amerikanern höflich über sich ergehen lassen und im Interesse ihres Überlebens einen ganzen Tross von Leuten hofieren. Doch nur eine verantwortliche US-Außenpolitik kann etwas an der Verachtung ändern, die sie den USA und ihrer Politik seit 55 Jahren entgegenbringen. Maazels beiläufige Bemerkung über „Amerikaner in Pjöngjang“ verriet eine verblüffende Unbedarftheit hinsichtlich der kolonialen Vergangenheit Koreas, als sei er mit seinem Orchester auf dem Mond gelandet und hisse dort das Sternenbanner, sichtbar für alle Welt. Die internationalen Medien erledigten brav ihren Auftrag und schickten 75 Journalisten, um über ein Ereignis zu berichten, das am Ende doch nicht mehr war als ein Konzert.

Beim Bankett am späteren Abend sagte Zarin Mehta immer wieder: „Ich bin überglücklich!“ Zunächst blieb unklar, ob auch Maazel überglücklich war. Zurück in den Vereinigten Staaten erklärte er in mehreren Talkshows, dass einfache Nordkoreaner das Konzert miterlebt und angehört hätten. Und in seinem Blog erklärte er, Südkoreaner hätten ihm erzählt, dass ihn „70 Millionen Koreaner immer lieben werden!“ CNN zeigte seinen Moderator, wie er im Wohnzimmer einer nordkoreanischen Familie dem Konzert lauschte, und bewies damit der Welt, dass diese ausgewählte Familie das Ereignis live mitverfolgen durfte.

Der Chef von Radio Freies Nordkorea, Kim Sung Min, sagte mir, ein Auszug aus der New Yorker Version des Arirang sei in eine nordkoreanische Dokumentation über das Arirang-Fest hineinmontiert worden, die sieben Wochen nach Abreise der Philharmoniker zur Feier der Geburt von Kim Il Sung ausgestrahlt wurde. Im Nachhinein war nicht einmal herauszubekommen, ob es die Rundfunkübertragung wirklich gegeben hatte. Aus einem internen Memo des US-Außenministeriums geht hervor, dass während des Konzerts auf Radio Pjöngjang zwei Programme ausgestrahlt wurden: „Gefährliche US-Kriegstreiberei gegen Korea“ und „Wer ist für die wachsenden Spannungen verantwortlich?“

All dies wurde erst später publik. Auf dem Bankett nach dem Konzert wollten alle nur feiern. Mehta stieß auf sein Orchester an: „Auf die Besten der Welt!“ Der stellvertretende nordkoreanische Kulturminister Song Sok Hwan sagte, die Philharmoniker hätten „die Herzen des koreanischen Volkes geöffnet“. Latzky teilte mit, dass die DVD demnächst für 24,99 Dollar zu haben sei. Niemand erwähnte, dass der Große Führer beim Konzert gar nicht da war. Nach dem Bankett kauften die ausländischen Korrespondenten im Souvenirladen des Hotels sämtliche englischsprachigen Exemplare von Kim Jong Ils „Der Große Lehrmeister“ auf. Währenddessen feierten in der Suite von Markus Rhoten im 38. Stock die Musiker ihren Auftritt.

Aus dem Englischen von Robin Cackett Suki Kim ist Journalistin und Autorin. Ihr erster Roman „The Interpreter“ erschien 2003 bei Farrar, Straus & Giroux in New York.

Le Monde diplomatique vom 07.08.2009,