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Gott und die Außerirdischen

Was sagen eigentlich die drei großen Schriftreligionen zur möglichen Existenz von Außerirdischen?

Judentum: In der Frage, ob es außerirdische Welten gibt, herrscht unter den Rabbinern keine Einigkeit. Auf der Internet-Seite www.cheela.org erklärt Rabbi Elie Kahn: Die Frage „interessiert die Tora nicht, sie behandelt das Thema nicht wirklich“. Auf derselben Internetseite antwortet Rabbi David Zenou: „Rabbi Hesdai Crescas schreibt in seinem Buch ‚Or Hashem‘ aber ganz unbefangen über dieses Thema (und das bereits vor 600 Jahren!). Er spricht von mehreren parallelen Welten und von all dem, was daraus folgt. Erstaunlich, nicht? Wir dürfen nicht die möglichen Dinge, von denen wir nichts wissen und die wir glauben können oder nicht, mit religiösen Überzeugungen verwechseln, die im Widerspruch zur Tora stehen und die wir zu glauben nicht das Recht haben.“

Christentum: In einem Interview im Osservatore Romano vom Mai 2008 mit dem Titel „Die Außerirdischen sind unsere Brüder“ erklärt der Jesuit José Gabriel Funes, Leiter der vatikanischen Sternwarte, er halte es durchaus für möglich, dass Gott auf anderen Planeten andere, auch intelligente Wesen geschaffen habe, „denn wir können der schöpferischen Freiheit Gottes keine Grenzen setzen“. Der päpstliche Astronom stellt aber klar, dass diese Außerirdischen Jesus nicht hätten empfangen können, denn seine Fleischwerdung sei ein „einzigartiges, nicht wiederholbares Ereignis“. Sie besäßen aber sicher die Möglichkeit, „der Gnade Gottes teilhaftig zu werden“. Funes hält die Urknalltheorie für die wissenschaftlich überzeugendste und für durchaus kompatibel mit der Existenz Gottes.

Islam: Die Frage nach der Existenz von Außerirdischen scheint unproblematisch zu sein. Im Koran steht, Allah sei der „Herr der Welten“ (im Plural). In mehreren Passagen ist von den Geschöpfen auf Erden und in den Himmeln die Rede: „Allah ist es, Der sieben Himmel erschuf und von der Erde die gleiche Anzahl“ (Sure 65:12, at-Talaq, Die Scheidung). „Und zu Seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und jeglicher Lebewesen, die Er beiden eingegeben hat. Und Er hat die Macht dazu, sie allesamt zu versammeln, wenn Er will“ (Sure 42:29, as-Sura, Die Beratung). Oder: „Und was an Geschöpfen in den Himmeln oder auf der Erde ist, wirft sich vor Allah in Anbetung nieder“ (Sure 16:49, an-Nahl, Die Bienen).

Alain Gresh

Le Monde diplomatique vom 07.08.2009,