08.01.2026

Brief aus Hongkong

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Brief aus Hongkong

von Daniel Marwecki

Die abgebrannten Häuser des Wang Fuk Court, 9. Dezember 2025 KEVIN LI picture alliance/sips/nexpher images
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Das Wetter des anbrechenden Winters in Hongkong gleicht dem eines gelungenen Frühlings im nördlichen Europa. Die Sonne wärmt die nicht mehr schwüle Luft, der Himmel ist blau. Am Morgen bin ich noch im Meer vor meiner Haustür schwimmen gewesen. Für den Nachmittag hat eine Freundin auf ihre Terrasse zu Thanksgiving eingeladen.

Das Semester an der Universität Hongkong ist vorbei und die Koffer für die Rückreise nach Europa sind schon gepackt. In den letzten Monaten ging es in meinen Vorlesungen querbeet um Trumps Chinapolitik, den Gazakrieg, die Ukraine, die moderne Geschichte des Nahen Ostens oder den Kalten Krieg. Das Schöne an meinem Dozentenberuf ist unter anderem, dass ich diese Themen hier in Hongkong auch mit Studierenden aus Festlandchina diskutieren kann.

Darüber hätte ich einen Brief schrei­ben können – wie man in Hongkong über Themen redet, die im westlichen Ausland die Schlagzeilen bestimmen. Ein anderes gutes Thema wäre die Hongkonger Natur gewesen, über die der Lonely Planet Guide wenig weiß. Ich hätte über die Berge schreiben können, über endlose Wandertouren, Wasserfälle, die man hinaufklettern kann, Südseestrände und die am Horizont verschwindenden Inseln im Südchinesischen Meer.

Auch ein Streifzug durch den anarchischen Stadtteil Kowloon hätte Material für einen Brief liefern können. Ebenso gern hätte ich über die Hongkonger Kinokultur und das Vermächtnis von Bruce Lee geschrieben, dem berühmtesten Sohn der Stadt, der viel zu früh verstarb. Oder über die in den Seitenstraßen des Stadtteils Sheung Wan versteckten Jazzkneipen, wo die etablierten und aufstrebenden Musikgrößen der Stadt gemeinsam improvisieren. Dieser Brief hätte also leicht ein Liebesbrief werden können, wenngleich ein komplizierter und sicher auch ein widersprüchlicher. Doch die Umstände diktieren ein anderes Thema.

Denn die Stadt steht unter Schock. Wenige Tage zuvor war im Stadtteil Tai Po ein Apartmentkomplex, der gerade saniert wurde, in Flammen aufgegangen. Sieben der acht Gebäude des Wang Fuk Court brannten ab. Das Feuer, dessen Bilder um die Welt gingen, konnte erst nach über 43 Stunden gelöscht werden. Der Brand hat nach aktuellem Stand 161 Menschen das Leben gekostet und 79 weitere verletzt. Es ist, zusammen mit einer Feuerkatastrophe von 1948, der schlimmste Brand der Stadtgeschichte.

Neben der überall spürbaren Trauer herrscht Wut. Auf die Sanierungsfirma, die am Verkleidungsmaterial gespart und Brandschutzvorschriften missachtet hatte. Auf eine Immobilienbranche, die zu den profitabelsten der Welt gehört und beste Verbindungen in die Politik zu haben scheint. Und auf Medien, auch westliche, die die Baugerüste aus Bambus für die schnelle Ausbreitung des Feuers verantwortlich machen.

In Hongkong wird nicht wie anderswo mit Stahlkonstruktionen gearbeitet. Die ganze Stadt wurde einst mithilfe dieser ikonischen Bambusgerüste aufgebaut. Und weil Bambus ein wasserhaltiges Holz ist, überstand es auch die Brände vergleichsweise gut. Man kann das Feuer also schlechterdings nicht auf den Bambus schieben. Dagegen haben die billigen Außennetze und Styropor­verkleidungen entscheidend dazu beigetragen, dass die sieben Gebäude wie Fackeln abgebrannt sind.

Bambus ist in Hongkong zudem ein sensibles Thema. Er symbolisiert die Einzigartigkeit der ehemaligen britischen Kronkolonie, die seit 1997 zwar wieder Teil Chinas ist, aber auf vielen Ebenen ein globaler Zwischenort geblieben ist, hervorgegangen aus westlicher Imperialgeschichte und verspäteter Dekolonisation. Eine Hongkonger Freundin, die als Journalistin vom Ort der Brandkatastrophe berichtete, beschrieb es mir so: Der Bambus ist anpassungsfähig und biegsam. Er ist stärker, als man denkt und wegen seiner Flexibilität auf vielfältige Weise einsetzbar. Damit verkörpere der Bambus genau die Eigenschaften, die auch die Hongkonger für sich beanspruchen und die ihnen halfen, ihre wundervolle Stadt aufzubauen.

Man kann, wenn man durch den Ortsteil Central spaziert, das Finanz- und Geschäftszentrum der Stadt auf Hongkong Island, ein Spiel spielen: Wie weit kann man laufen, ohne sich auf Straßenniveau zu bewegen? Viele Teile Hongkongs sind über U-Bahn-Tunnel, Brücken oder Shoppingmalls miteinander verbunden. Hongkong ist in die Höhe, nicht in die Breite erbaut. Deswegen gibt es hier – obwohl die Wohngegenden zu den am dichtesten besiedelten der Welt gehören – überraschend viel unbebaute Natur, durch die behutsam angelegte Wanderwege führen.

Auf der Terrasse im trubeligen Stadteil Wan Chai essen wir uns durch kulinarischen Überfluss und unterhalten uns über das Feuer, die Zukunft, den Alltag. Dieses Thanksgiving ist ein potluck dinner, das heißt, alle Gäste haben ein Gericht mitgebracht. Was in diesem Fall besonders schön ist, weil viele der Geladenen in der hochklassigen Hongkonger Gastronomie arbeiten. Die meisten von ihnen sind sogenannte Expats. Doch einige gebürtige Hongkonger sind auch dabei.

Wir spekulieren darüber, wie die Angehörigen der Opfer, die Überlebenden und die Zivilgesellschaft insgesamt auf die Brände reagieren werden. Denn auch die Massenproteste von 2019 folgten auf ein konkretes Ereignis. Damals ging es anfangs um ein Gesetzesvorhaben, welches den Pekinger Behörden erlaubt hätte, Auslieferungen von Strafverdächtigen nach Festlandchina zu verlangen. Dieses Vorhaben wurde zwar wieder zurückgezogen, nach den Protesten aber durch das wesentlich schärfere „Nationale Sicherheitsgesetz“ ersetzt. Diese neue Sicherheitsgesetzgebung ahndet „Sezession“, „Subversion“, „Terrorismus“ sowie „Zusammenarbeit mit auswärtigen Mächten“ mit poten­ziell hohen Haftstrafen.

Der Schock über den Brand sitzt tief. Die Katastrophe, das ist deutlich zu spüren, wird sich in das kollektive Stadtgedächtnis einschreiben. Doch kann sich die Trauer auch in Proteste übersetzen?

Die Hongkonger Stadtregierung reagierte nach dem Brand jedenfalls schnell und umfassend. Die Angehörigen bekommen finanzielle Zuwendungen und wurden in umliegende Hotels einquartiert. Die Hongkonger Stadtgesellschaft spendet großzügig. Auch die Hongkonger Oligarchen­familien überbieten sich gegenseitig mit Spenden für die Hinterbliebenen. Und man unterbrach den Wahlkampf für die Parlamentswahlen, zu der seit 2021 nur noch „Patrioten“ für eine beschränkte Anzahl von Sitzen zugelassen werden. Mit „Patrioten“ sind Parteien und Po­li­ti­ke­r:in­nen gemeint, an deren Loyalität zur Pekinger Regierung keine Zweifel bestehen. Der für Anfang Dezember angesetzte Wahltermin wurde allerdings nicht verschoben.

Bislang wurden im Zusammenhang mit dem Feuer 16 Menschen verhaftet, darunter Führungskräfte und ein Berater der Baufirma, die den Zuschlag für die lukrativen Sanierungsarbeiten erhalten hatte. Doch auch ein Student, der online und auf Flugblättern eine unabhängige Untersuchungskommission gefordert hatte, soll zwischenzeitlich inhaftiert worden sein – unter Anwendung des Nationalen Sicherheitsgesetzes, das 2020 erlassen wurde. Genauso erging es einem ehemaligen Lokalpolitiker, der in seinen Online­videos die unsichtbare Grenze zulässiger Kritik überschritten hatte.

Dass die Hongkonger Regierung nervös ist, muss nicht verwundern. Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zivilen Ungehorsams zurück. Die im Westen verbreitete Vorstellung von asiatischer Unterwürfigkeit und einer gehorsamen Volksmasse ist ein Klischee. Nicht nur in Hongkong, auch auf dem Festland erwartet man von der Regierung, dass sie ihren Teil des Gesellschaftsvertrags einhält. Und ist dementsprechend bereit, ihr zu folgen, wenn sie Sicherheit, eine funktionierende Infrastruktur, eine reibungslose Verwaltung und die Möglichkeit von Wohlstand garantiert.

Doch was passiert, wenn dieser ungeschriebene Vertrag gebrochen wird? Die Gebäude, in denen die meisten Menschen in Hongkong leben, sehen ähnlich aus wie jene, die gerade in Flammen aufgegangen sind. Deswegen ist die Regierung unter Zugzwang: Sie muss Aufklärung leisten und tiefgreifende Reformen vornehmen. Ein Hongkonger Reporter der Nachrichtenagentur Agence France Press (AFP) fragte bei einer Pressekonferenz am 2. Dezember den Chief Executive der Stadt John Lee, warum er glaube, seinen Job überhaupt noch weitermachen zu dürfen. Schließlich habe er versprochen, die Stadt wieder sicher zu machen.

John Lee antwortete ausweichend. Doch er hat tatsächlich, wie von dem jungen Studenten gefordert, eine Untersuchungskommission eingesetzt. In neun Monaten soll sie Antworten darauf liefern, warum die Sicherheitsvorschriften bei den Sanierungsarbeiten missachtet wurden, wer sich wie und von wem korrumpieren ließ und ob Regierungsmitglieder in Interessenkonflikte involviert waren.

Am späten Nachmittag verabschiede ich mich von der Gastgeberin auf der Terrasse in Wan Chai und fahre direkt zum Flughafen. Es geht durch die Nacht nach Neu-Delhi. Dort vertrete ich für meine Fakultät den Masterstudiengang „Internationale Beziehungen“ auf einer Messe, um potenzielle Studierende anzuwerben, und treffe mich mit den Leitungen verschiedener Universitäten, um Kooperationen und Austauschmöglichkeiten zu sondieren.

Die Oberschichten in Indien und anderen Ländern des aufstrebenden Globalen Südens haben immer weniger Interesse an einem Studium in England oder in den USA. Warum also nicht Hongkong?

In Delhi merke ich jedoch schnell, dass der Werbeslogan von Hongkong als „Brücke zwischen Ost und West“ an den ökonomischen Realitäten abprallt. Es gibt immer noch große Ungleichheiten zwischen China und den anderen asiatischen Aufstiegsländern. Meine Masterstudierenden in Hongkong stammen vor allem aus den oberen Mittelschichten Schanghais, Pekings oder Chengdus. Ihre Eltern haben am China-Boom mitgewirkt und können sich die hohen Studiengebühren leisten. In Neu-Delhi ist das weit weniger der Fall.

In Hongkong haben derweil die Wahlen stattgefunden. Die Wahlbeteiligung war mit knapp über 30 Prozent erwartungsgemäß niedrig. Gewonnen haben die äußerst „patriotischen“ Kandidaten der Democratic Alliance for the Betterment of Hong Kong. Die Todeszahlen in Tai Po sind weiter gestiegen. Die Aufarbeitung geht weiter.

Daniel Marwecki ist Politikwissenschaftler und lehrt Internationale Beziehungen an der University of Hong Kong. Zuletzt erschien von ihm „Die Welt nach dem Westen“, Berlin (Ch. Links Verlag) 2025.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.01.2026, von Daniel Marwecki