13.11.2025

Die Straße zum Friedhof von San Gabriel

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Die Straße zum Friedhof von San Gabriel

Wahrheit und Versöhnung in Kolumbien

von Piotr Wójciak-Pleyn

Bogotá, 24. November 2017: ein Jahr nach dem Friedensabkommen DANIEL GARZON HERAZO picture alliance/NurPhoto
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Eine schmale Betonpiste windet sich hinauf zum Friedhof von San Gabriel, einem Dorf zwischen grünen Gebirgsausläufern im Municipio Viotá südwestlich von Bogotá. Zwei rissige, moosbedeckte Urnenwände sind die letzte Ruhestätte der Opfer einer Welle der Gewalt, die die Region um die Jahrtausendwende überrollte.

Es gibt tausende solcher Friedhöfe im Land. Doch nur wenige haben die symbolische Bedeutung des Friedhofs von San Gabriel. Die Straße dorthin haben ehemalige Mitglieder der Farc (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) gebaut als Geste der Sühne für von ihnen begangene Verbrechen.

Deshalb ist sie mehr als eine Straße – sie ist ein Teil der Bemühungen, die Wunden des Krieges zu heilen. Über 50 Jahre hatte der bewaffnete Konflikt gedauert, als die kolumbianische Regierung und die Farc 2016 schließlich ein Friedensabkommen unterzeichneten. Ein wesentlicher Teil davon ist das Programm Toar (Trabajos, Obras y Actividades con Contenido Reparador-Res­taurador), das viel weiter geht als die herkömmliche Justiz der Vergeltung. Hier stehen Wahrheitsfindung, Wiedergutmachung und Vertrauensbildung im Fokus, um einen dauerhaften Frieden zu fördern. Für die Aktivitäten, die von Sanierung der Umwelt bis zu symbolischer Versöhnung reichen, ist ein offener Dialog zwischen Opfern, Tätern und betroffenen Gemeinschaften vonnöten. Bislang wurden landesweit über 3000 solcher Projekte durchgeführt.

Seit den Tagen der indigenen Kaziken, der Kolonialsoldaten und ersten Kaffeeplantagen war die Gegend von Viotá Schauplatz heftiger sozialer und politischer Konflikte. Der ungeheuer fruchtbare Boden versprach zwar große Reichtümer, aber die Elite mit ihren wirtschaftlichen Interessen stieß stets auf den nahezu einhelligen Widerstand der lokalen Bevölkerung. Im 20. Jahrhundert begannen die von Landbesitzern verdrängten Bauern, sich zu organisieren und das Land zurückzufordern, was der Gemeinde den Namen „Rotes Viotá“ einbrachte.

Auch die Farc nutzte das hiesige Klassenbewusstsein, eine Seltenheit im überwiegend feudalen Kolumbien, wo Solidarität unter Armen lange Zeit nach Kräften behindert wurde. Die Guerillakämpfer verschanzten sich in der Region und zogen sie so in den Strudel der Gewalt. War die Beziehung der Guerilleros zu den Gemeinden anfänglich von vorsichtiger Zusammenarbeit bestimmt, entwickelte sie sich infolge des moralischen und organisatorischen Verfalls der Farc allmählich zu offenem Terror.

San Gabriel am Fuße der östlichen Kordillere war am stärksten von der Gewalt betroffen. Als die Farc Anfang der 2000er Jahre Bogotá zu belagern versuchte, diente der Ort als Kommandolager für die berüchtigte Front 42 der Guerilla. Aber seine dunkelste Stunde erlebte er erst, als die Rebellengruppe durch Armee und Paramilitärs vertrieben worden war: Im Rahmen der sogenannten „Säuberung des Landes“, in Wahrheit reine Vergeltungsaktionen, wurden Bauern, bei denen auch nur der geringste Verdacht einer Zusammenarbeit mit der Guerilla bestand, vertrieben, hingerichtet oder man ließ sie verschwinden. Mehr als die Hälfte der rund 14 000 Ein­woh­ne­r:in­nen von San Gabriel sind als Opfer des bewaffneten Konflikts registriert. Die Gewalt zerriss das soziale Gefüge, Menschen verloren Verwandte durch Morde, Vertreibung oder auch durch politische Feindschaft.

Wilder Gómez war von 2020 bis 2023 Bürgermeister von Viotá, er ermöglichte den Bau der Friedhofszufahrt. Keinem von Gómez noch lebenden Verwandten war es gegeben, in Frieden zu leben. Ihn selbst schickten seine Eltern zum Militärdienst, um ihm das Schicksal seiner Altersgenossen zu ersparen, die als Jugendliche von bewaffneten Gruppen rekrutiert wurden.

Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens kehrten viele seiner Klassenkameraden, die Kämpfer geworden waren, nach Viotá zurück. Dass ehemalige Kombattanten sich für ein Leben an dem Ort entschieden, an dem sie Gräueltaten begangen hatten, war in Kolumbien beispiellos. Die meisten fingen irgendwo anders neu an, statt sich ihren Opfern zu stellen.

Alle wissen, wer die Kämpfer waren

In Viotá gab es keine Anonymität und keinen herzlichen Empfang. In der Gemeinde wusste man genau, wer die ehemaligen Kämpfer waren. Die Nachricht von ihrer Rückkehr löste daher große Unruhe aus. Jahrelang hatten sie ihre Nachbarn und lokale Po­li­ti­ke­r:in­nen ermordet, entführt und erpresst. „Wir hatten Angst, dass diese Leute zurückkommen, um weiter zu morden und zu entführen“, erinnert sich Marta González, die auf dem Höhepunkt des Konflikts aus San Gabriel geflohen war.

Aber jetzt waren es die von Schuldgefühlen geplagten Ex-Kombattanten, die am meisten zu verlieren hatten. „Man konnte ihnen die Angst ansehen“, erzählt Gómez. „Sie mischten sich nicht unter die Leute, kamen nicht zu den Versammlungen. Sie liefen mit runtergezogenen Basecaps herum, unter denen sie ihre Gesichter verbergen wollten.“ Einer der Rückkehrer, José, hat viereinhalb Jahre im Gefängnis verbracht, bevor er nach Hause zurückkehrte. „Unsere Ankunft war schwierig“, erzählt er. „Wir wurden allein wegen unserer Zugehörigkeit zur Farc verurteilt, und wir wurden nicht gut aufgenommen.“

„Wie man Frieden schafft, hat uns keiner beigebracht“, sagt Wilder Gómez. Ihm war klar, dass er als Bürgermeister die Voraussetzungen schaffen musste, damit die Zurückgekehrten echte Vergebung erlangen konnten. Es brauchte einen konkreten und greifbaren Beleg, eine symbolische Geste des Friedens, die den Bruch mit der Vergangenheit markieren würde. Ohne eine solche Geste würde sich der Kreislauf der Vergeltung fortsetzen, war er überzeugt.

Schließlich waren es die ehemaligen Guerilleros selbst, die sich mit einem Vorschlag für eine Toar-Maßnahme an Bürgermeister Gómez wandten. Seine Antwort war: „Ich stelle das Material, und ihr führt die Arbeit mit euren eigenen Händen aus. Das ist eure Möglichkeit, Wiedergutmachung an den Menschen in San Gabriel zu leisten.“ Marta González erinnert sich an den vorsichtigen Optimismus, den dieser Schritt auslöste.

Die Spaltung zu überwinden gelang nicht über Nacht. Eine der Lehren, die die kolumbianischen Friedensstifter aus den Erfahrungen anderer kriegsgebeutelter Nationen zogen, war, wie wichtig es ist, in die psychische Gesundheit zu investieren. „In El Salvador sagten sie uns: ‚Unsere Friedensprozesse sind gescheitert, weil wir nie in die emotionale Genesung der Gemeinschaften investiert haben‘ “, berichtet Natalia Quiñones von der Dunna-Stiftung. Um die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden, müsse man zuerst die traumatisierten Individuen heilen. „Ein unverarbeitetes Trauma führt dazu, dass Körper, Geist und Emotionen sich entkoppeln. Der Krieg lebt im Nervensystem weiter“, so Quiñones. Mit Hilfe von Mind-Body-Übungen und somatischer Therapie können Opfer ihr Trauma, das andere Menschen als Bedrohung erscheinen lässt, bewältigen.

Der nächste Schritt ist dann, Beziehungen aufzubauen, die auf Vertrauen und Gegenseitigkeit gründen. Dies ist die gemeinschaftliche Ebene des Heilungsprozesses. Um Vertrauen zu lernen, muss man sich in die Lage des anderen versetzen können, und dafür muss man erst mal zuhören lernen. „Wir Kolumbianer sind sehr gut im Reden, aber das Zuhören fällt uns schwer“, meint Quiñones. Die Wahrheit des anderen wirklich zu begreifen, ist jedoch nur durch aktives Zuhören möglich.

Die Wahrheitsfindung ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Übergangsjustiz. Täter, die ihre Verantwortung für Menschenrechtsverletzungen anerkennen und „vollständig, detailliert und erschöpfend“ zur Wahrheitsfindung beitragen, erhalten mildere oder Alternativstrafen; etwa die Mitarbeit in Projekten zur Wiedergutmachung.

Bittet man Gladys Prada von der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP), das kolumbianische Experiment in einem Satz zu erklären, sagt sie: „Kolumbien hat in seinem Friedensabkommen beschlossen, die Wahrheit als Mittel zur grundlegenden Transformation der Gesellschaft einzusetzen.“ Prada hält die Wahrheit für weitaus wirksamer als eine Gefängnisstrafe, um ein Gefühl der Erlösung bei den Opfern zu bewirken, die eine Antwort auf die brennende Frage nach dem Warum suchen. (Warum wurde ich vertrieben? Warum haben sie meinen Bruder verschwinden lassen? Warum musste mein Vater sterben?)

Die Wahrheit lindert nicht nur den Schmerz der Opfer, sondern schafft auch einen Raum für die direkte Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen. Durch den Dialog werden die Täter gezwungen, sich mit dem ganzen Ausmaß ihrer Verbrechen auseinanderzusetzen, während die Opfer sich ein Bild von deren Reue machen können.

Der Krieg lebt im Nervensystem weiter

In Viotá kam es zum Durchbruch, als Militärs, ehemalige Farc-Kämpfer und deren Opfer zum ersten Mal zusammensaßen. Obwohl im selben Raum, schien die Distanz zwischen ihnen am ersten Tag unendlich groß. Die Soldaten trafen in Uniform und bewaffnet ein, während die Ex-Guerilleros und die Opfer an gegenüberliegenden Ecken saßen und sich misstrauische Blicke zuwarfen.

Sechs Monate lang rekonstruierten sie mühsam die Vergangenheit, indem sie ihre jeweilige Version der Ereignisse darstellten, ihre Entscheidungen erklärten und auch Enthüllungen preisgaben, die wie Schläge in die Magengrube wirkten. Diejenigen, die Angehörige verloren hatten, bekamen Antworten. Eines der Opfer, Doña Miriam, die aus San Gabriel geflohen war, nachdem die Farc ihren Mann und ihre Mutter getötet hatte, erzählt: „Ich saß 15 ehemaligen Kämpfern gegenüber. Es war sehr schmerzhaft. Die Erkenntnis, dass jemand einen anderen tötet, nur weil er Befehle befolgen oder sein eigenes Leben retten will.“

Das Element, das alle eint, die am gegenseitigen Blutvergießen beteiligt waren, ist das Land, das schon das Land ihrer Vorfahren war, fruchtbar und bewohnbar. Es ist ihr Zuhause, ein anderes gibt es nicht. Das Land steht auch für reale Probleme, die alle angehen: Umweltverschmutzung, Ernährungsunsicherheit, Ungleichheit.

Und es ist der Ort, an dem geliebte Menschen begraben sind. Im Bürgerkrieg nahm der Friedhof am Hang Opfer aller Seiten auf. Damals führte nur ein steiler, schlammiger Pfad zum Friedhof, der bei Regen fast unpassierbar war. Der letzte Akt des Versöhnungsprozesses war daher der Bau der Straße zum Friedhof.

So ein Projekt war für die Gemeinde Neuland. Aus den ursprünglich für 20 Tage geplanten Arbeiten wurden aufgrund von Meinungsverschiedenheiten und Zwischenfällen drei Monate. „Wenn man ein Stück Geschichte baut, sind schwierige Momente unvermeidlich. Umso größer ist dann die Zufriedenheit“, kommentiert Bürgermeister Gómez.

Was jedoch wirklich zählte, waren die Momente der Einheit, die sich daraus ergaben. Etwa als einige aus der Gruppe der Opfer sahen, wie die Rückkehrer sich ihnen spontan anschlossen. „Passanten blieben stehen und sagten: ‚Seht bloß, wie hart sie arbeiten. Was für eine gute Idee.‘ Als ich das hörte, bekam ich Gänsehaut“, erinnert sich Marta González. Und so reichten sich Opfer und Täter gegenseitig die Schaufel und bauten Seite an Seite.

„Wir haben diese Arbeit geleistet, damit die, denen wir Schaden zugefügt hatten, Heilung finden können“, erklärt José. „Wir versuchen uns vorzustellen, was sie durchgemacht haben, und bitten sie, umgekehrt unsere eigene Notlage zu verstehen. Wir sind der Farc beigetreten, weil wir keine anderen Möglichkeiten hatten – und ja, so gesehen sind auch wir Opfer. Einige von ihnen haben uns nicht akzeptiert. Andere blieben neutral. Aber viele haben uns vergeben.“

Das Ergebnis war, dass das Toar-Projekt in San Gabriel zum Vorbild für ganz Kolumbien geworden ist. Viotá hat sich zu einem Labor des Friedens entwickelt, zu einer Erfolgsgeschichte beim Wiederaufbau des gesellschaftlichen Gefüges. Während es im ganzen Land zu zahlreichen Morden an ehemaligen Farc-Mitgliedern kam, nachdem sie ihre Waffen niedergelegt hatten, erleben sie hier Sicherheit und eine hart erkämpfte Akzeptanz.

Durch neuartige Mittel wie Toar hat der kolumbianische Friedensprozess Maßstäbe gesetzt. Mit seinen historischen Verhandlungslösungen hat das Land jedes Recht, seinen eigenen Weg zu gehen. Auch wenn manchen der Umgang mit Straffreiheit allzu leichtfertig scheinen mag – es handelt sich hier um das erste Friedensabkommen, das die Täter zur Rechenschaft zieht und sie mit ihren Opfern an einen gemeinsamen Tisch bringt.

Dieser kolumbianische Ansatz für eine Übergangsjustiz ist zwangsläufig ein Experiment. Er schreitet durch Versuch und Irrtum voran. Laut Gladys Prada hört das Sondergericht für den Frieden zu, wenn sich Opfer beschweren – sei es über unzureichende psycho­soziale Betreuung, die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen oder ihre Marginalisierung –, und justiert die Maßnahmen entsprechend. Kritiker bemängeln, dass das Tribunal zu langsam arbeite. Doch es geht immerhin darum, einen der längsten Bürgerkriege der Welt aufzuarbeiten.

Aus dem Englischen von Nicola Liebert

Piotr Wójciak-Pleyn ist Autor und Politikwissenschaftler. Er berichtet aus Kolumbien über Konflikte, Friedensförderung und Erinnerung.

© LMd, London; für die deutsche Übersetzung LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.11.2025, von Piotr Wójciak-Pleyn