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Die Personen hinter den Autoren

Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler, Philosophen, Aktivisten der Zivilgesellschaft und ein Kartograf denken und schreiben für Le Monde diplomatique

Fariba Adelkhah (46) ist in Teheran geboren und 1977 emigriert. Heute arbeitet sie in Paris als Projektleiterin am Centre d’Études et de Recherches Internationales de Science-po (Ceri/Sciences-po). Adelkhah beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der iranischen Gesellschaft und der iranischen Emigration. In dem Beitrag „Partir sans quitter, quitter sans partir“ (www.ceri-sciences-po.org) untersucht die Anthropologin die mentalen und sozialen Folgen der Emigration für die Exilanten und die Rolle, die die Abwesenden im öffentlichen Bewusstsein der iranischen Gesellschaft spielen.

Neal Ascherson (73) ist 1932 in Edinburgh geboren und lebt heute als freier Autor in London. Er gibt die Zeitschrift „Public Achaeology“ heraus. Sein Interesse gilt seit langem Osteuropa (sein Buch „Schwarzes Meer“ ist 1998 auch auf Deutsch erschienen). Polen und Schottland sind seine liebsten Themen, weil beide Länder „kulturell nicht verfettet sind und man die Knochen noch durch die Haut sieht“. Zu seinen Lieblingsbüchern zählen die Erinnerungen von Alexander Herzen. Mit dem Jahr 1989 verbindet er den Beginn einer großen Debatte über die Bedeutung von Freiheit – und es war der Moment, als die USA allmählich die Kontrolle über die Welt einzubüßen begannen. Die größte politische Enttäuschung für ihn war, als die Schotten im Referendum von 1979 das Prinzip der Selbstverwaltung ablehnten. Seine größte positive Überraschung erlebte er, als er in Bosnien von einem Heckenschützen knapp verfehlt wurde.

TaharBen Jelloun (60) ist in Fes, Marokko, geboren und schreibt gerade an einem neuen Roman („Abschied“) über die jungen marokkanischen Arbeitsmigranten in Europa. Seit 1991 kann er die Vorteile einer französisch-marokkanischen Staatsbürgerschaft genießen und lebt teils in Paris, teils in Tanger. Drei Bücher und ein Land nennt er als Inspirationsquelle: „Tausendundeine Nacht“, „Don Quichotte“, „Ulysses“ und Marokko. Ben Jellouns eigene schriftstellerische Existenz begann in einem Straflager der Armee zwischen 1966 und 1968. Als Zeitzeuge wäre er gern beim Prozess dabei gewesen gegen den großen islamischen Mystiker al-Halladsch, der 910 wegen Häresie angeklagt wurde. Die größte politische Enttäuschung für Ben Jelloun war der Erfolg Le Pens im April 2002 bei den Präsidentschaftswahlen.

Andrea Böhm (43) lebt als freie Journalistin in New York, ihrer zweiten Heimat, und beschäftigt sich gerade mit der Frage, wie der Gott der Amerikaner aussieht. Inspirationsquelle sind für sie u. a. zwei Fotokünstlerinnen, Diane Arbus und Helen Levitt. Als Jugendliche hat sie alle Bücher von B. Traven verschlungen: „Das hat wahrscheinlich die Lust geweckt, anderer Leute Geschichten zu erzählen.“ Ihr zweites großes Thema sind Reportagen über so genannte failed states, deren Umbruch, Aufbruch und Chaos – und die Menschen mittendrin. Wenn sie es sich aussuchen könnte, würde sie daher im Moment am liebsten über den Kongo schreiben. Das Jahr 1989 sei für sie als Journalistin ein Geschenk des Himmels gewesen. Außerdem weiß sie seitdem, dass Berlin die Stadt ist, in der sie alt werden wolle.

Colette Braeckman (59) ist in Brüssel geboren, wo sie noch heute lebt. Für die Tageszeitung Le Soir berichtet sie seit über 15 Jahren über Zentralafrika. Ihre journalistische Karriere begann mit einer Reise auf eigene Faust in das „Griechenland unter den Obristen“ (1967–1974). Aktuell richtet sich ihre journalistische Neugier auf Indien. Dazu passt eines ihrer Lieblingsbücher, „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy. Braeckman, die bei vielen Ereignissen als Zeugin dabei gewesen ist – die Nelkenrevolution in Portugal, der Fall von Mobutu, das Ende der Roten Khmer in Kambodscha, die Entmachtung Ceauçescus in Rumänien, die sanfte Revolution in der Tschechoslowakei – wäre auch gern am 9. November 1989 in Berlin gewesen, als man das Gefühl hatte, die Welt sei aus den Fugen.

Tirthankar Chanda (48) ist in Indien geboren und lebt als Literaturkritiker und Dozent für Literatur in Paris. Zwei Bücher spielen aus sehr unterschiedlichen Gründen ein wichtige Rolle in Chandas Leben: „Mr. Cruso, Mrs. Barton und Mr. Foe“ von J. M. Coetzee und „Das Rätsel der Ankunft“ von V. S. Naipaul. Das eine wegen seiner poetischen Kraft, das andere wegen eines persönlichen Bezugs: „Das Rätsel der Ankunft“ habe ihm gezeigt, wie sich jemand wie er, in einer Welt, für die er nicht geschaffen sei, zurechtfinden kann. Im Juni 1995 erschien Chandas erster Artikel in Le Monde diplomatique: Über die Entstehung der indoenglischen Literatur. Sein Thema ist die Literatur des Postkolonialismus. So wäre er auch gern bei zwei Ereignissen dabei gewesen: Als Indien 1947 gewaltfrei die Unabhängigkeit erlangte und bei Martin Luther Kings Marsch auf Washington im Jahr 1963.

Walter Chávez (38) stammt aus Cajamarca in Peru und hatte einmal den Ehrgeiz, Professor für Ästhetik zu werden. Doch 1992 zwang ihn das Fujimori-Regime ins bolivianische Exil. Inzwischen ist er Verleger in La Paz und Leiter der bolivianischen Redaktion von Le Monde diplomatique. Seit Jahren begleitet er mit solidarischer Kritik die Entwicklung der Linken auf dem Subkontinent. Für die Lateinamerikaner, schreibt er, sei der Zusammenbruch des Sandinismus „unser Berliner Mauerfall“ gewesen: Ende einer Ära und Neubeginn der Linken als soziale Bewegung.

Vicken Cheterian (38) lebt heute in Genf, wo er für die NGO Cimera arbeitet. Der Libanese armenischer Herkunft, hat zuvor drei Jahre in Eriwan gelebt und dort ein Medien-Institut (www.caucasusmedia.org) mit aufgebaut. In Beirut inmitten des Bürgerkriegs (1975–1990) aufgewachsen, hat Cheterian zunächst Anglistik studiert. Danach wurde er Übersetzer bei einer Zeitung. Als jedoch fast die gesamte Redaktion 1989 Beirut verließ, blieb Cheterian und wurde Reporter. Seine ersten Artikel schrieb er darüber, wie der lange Krieg die Mentalität der Menschen verändert hat. Seit 1992 war er in den ehemaligen Sowjetrepubliken unterwegs – als Zeuge und Berichterstatter neuer kriegerischer Auseinandersetzungen.

Noam Chomsky (76) in Philadelphia als Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine geboren, schrieb schon als 10-Jähriger in einer Schülerzeitung einen Artikel über den Spanischen Bürgerkrieg. Mit Studien über die „Morphophonologie des modernen Hebräischen“ begann seine akademische Karriere, die ihn zum berühmtesten Linguisten seiner Generation machte. Zum weltweit geachteten Intellektuellen machten ihn aber seine politischen Aktivitäten. Beginnend mit der Opposition gegen den Vietnamkrieg wurde Chomsky zum strengen Kritiker der US-Außenpolitik, zu einem konsequenten Pazifisten und Verfechter des Völkerrechts. Als Anarchist und Schüler des deutschen Rätekommunisten Paul Mattik war er über den Zusammenbruch des sowjetisch geprägten Kommunismus nicht traurig, prophezeit aber seit 1989 eine Zunahme von bewaffneten Konflikten. Auf die Frage, warum er sich ständig einmischt, hat Chomsky einmal geantwortet: „Die einzig vernünftige Frage wäre, weshalb ich mich so wenig engagiere.“

Georges Corm (64) geboren in Alexandria, lebt heute in Beirut als freiberuflicher Wirtschaftsberater, der v. a. mit Aufträgen für die UN betraut wird. Außerdem lehrt er an der Universität Saint Joseph. Nach dem Studium in Paris kehrte er 1963 in den Libanon zurück und begann als Wirtschaftswissenschaftler im Planungsministerium eine politische Karriere. Nach längerem Aufenthalt im Ausland, kehrte Corm für den Posten des Finanzministers (bis 2001) zurück. Corm ist Autor zahlreicher Publikationen über die Ökonomie und Politik des Mittleren Orients (www.georges.corm), doch gegenwärtig beschäftigt ihn am meisten „die religiöse Frage im 21. Jahrhundert“.

Dingli Shen (43) ist in Schanghai geboren, wo er heute noch lebt. Er lehrt Internationale Sicherheit und forscht u. a. über die Beziehungen zwischen China und den USA. Der promovierte Physiker veröffentlichte vor 15 Jahren seine ersten Texte zu Fragen der Internationalen Sicherheit. 2004 erschien sein erster Beitrag für Le Monde diplomatique: über Pekings neue Außenpolitik. Sein Wunsch, bei einem historischen Moment dabei zu sein, ist ein in die Zukunft gerichteter: Er würde gern die Vereinigung Chinas mit Taiwan erleben. Denn er war bitter enttäuscht darüber, als China 1992 das „Wiedervereinigungsprogramm“ ablehnte, das der taiwanesische Präsident Lee Tenghui vorgeschlagen hatte. Positiv überrascht war er von dem friedlichen Zerfall der Sowjetunion 1991.

Boubacar Boris Diop (59) ist in Dakar, Senegal, geboren, hat Literatur und Philosophie studiert und arbeitete zunächst als Gymnasiallehrer in Saint-Louis im Norden Senegals, wo er einen anti-kolonialistischen Club gründete, in dem unter anderem Tanzabende (bals rouges) mit politischen Vorträgen stattfanden. Er hat Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben. Aus seiner Mitarbeit an dem Projekt „Rwanda: écrire par devoir de mémoire“ ist sein letzter Roman „Murambi, le livre des ossements“ über den Völkermord an den Tutsi hervorgegangen. Diop, der an die Kraft des Symbolischen glaubt, hat in diesem Roman Berichte von Überlebenden verarbeitet.

Susan George (70) ist in Akron, Ohio, geboren und lebt heute in oder außerhalb von Paris. Zur Zeit beteiligt sie sich aktiv an einer Kampagne für das „Non“ zur Europäischen Verfassung beim Referendum in Frankreich. Sie ist Vizepräsidentin von Attac und stellvertretende Direktorin des Transnational Institute in Amsterdam und daher oft auf Vortragsreisen unterwegs. Ein Buch ist ihr immer noch wichtig: Karl Polanyi, „The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen“. Im Moment ist für sie das spannendste Thema Europa. Denn sie hofft, dass die größte positive politische Überraschung ihres Lebens die Ablehnung der Europäischen Verfassung wird. So kritisch sich Susan George der Gegenwart zuwendet, so romantisch erscheint ihr Blick in die Vergangenheit: Sie hätte gern im 14. Jahrhundert in Florenz gelebt oder in Wien um die Jahrhundertwende.

Stephen Grey (37) ist 1968 in Rotterdam geboren, lebt als freier Journalist in London und ist wegen seiner Auslandsreportagen viel auf Reisen, in letzter Zeit sehr häufig im Irak. Seit dem 11. September 2001 schreibt er immer wieder über den „Krieg gegen den Terror“ und die Islamische Welt. Was ihm noch wichtiger ist: dass er die Themen selbst aussuchen kann. Wichtige Bücher sind für ihn der Vietnambericht „A bright Shining Lie“ von Neil Sheehan und „All the President’s Men“, das Watergate-Buch von Woodward und Bernstein. Ein Ereignis, das er gern erlebt hätte, ist der Aufstand der Pariser Kommune von 1871. Das Jahr 1989 erlebte er als fantastischen Aufbruch, aus dem man lernen sollte, dass die Unterdrückung der Freiheit durch nichts zu rechtfertigen ist. Für den größten politischen Irrtum hält er die Annahme, dass Besitzgier zum Glück des Menschen und zu einer besseren Gesellschaft führen könne.

Eric Hobsbawm (87) ist im ägyptischen Alexandria geboren, wuchs aber in Wien und Berlin auf, ehe er vor den antisemitischen Verfolgungen der Nazis nach England emigrieren musste, wo er eine brilliante akademische Karriere machte. Als Herausgeber einer „History of Marxism“ und mit seinem vierbändigen Opus magnum hat er seinen Ruf als wichtigster marxistischer Historiker unserer Zeit verdient. „Im Westen Kommunist zu sein, bereitete keine Schwierigkeiten. Das Problem lag in der Erfahrung des Kommunismus im Osten.“ Das empfand Hobsbawm vor allem 1956 nach dem XX. Parteitag der KPdSU und der sowjetischen Intervention in Ungarn und 1968, als er sich in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ erhoffte. An den sowjetischen Einmarsch in Prag erinnert er sich „so lebhaft, wie andere Leute sich an den Tag erinnern, an dem Kennedy ermordet wurde“. Die studentische Revolution von 1968 hat Hobsbawm dagegen nicht bewegt, er hielt sie für „entweder sinnlos oder kontraproduktiv“. Dennoch sieht er in der Kulturrevolution der 1960er durchaus einen historischen Wendepunkt, aber vor allem deshalb, weil 1965 „die französische Textilindustrie zum ersten Mal mehr Hosen als Röcke für Frauen produziert hat“. Der Untergang des sowjetischen Imperiums hat Hobsbawm nicht überrascht, weil er über dessen ökonomische Perspektiven keine Illusionen hatte. Dennoch glaubt er, dass das Verschwinden der UdSSR für „die Armen der Welt“ keine gute Sache war, weil „die Reichen der Welt“ keine Konkurrenz mehr zu fürchten haben.

Niels Kadritzke (62) arbeitet fast seit Gründungsbeginn an als Redakteur für Le Monde diplomatique in Berlin. Er schreibt und übersetzt für diese und andere Zeitungen und den Hörfunk. Seine ersten Artikel schrieb er als Student für „den ehrwürdigen ‚FU-Spiegel‘ , damals geleitet von dem heute unwahrscheinlichen Paar Hermann Gremliza („konkret“-Herausgeber) und Ernst Elitz (Intendant von Deutschlandfunk und DeutschlandRadio Berlin)“. Sein erstes Buch behandelte den Zypernkonflikt (1977), der ihn bis heute nicht loslässt. Über Albanien – ein Land ohne „europäische Perspektive“ – würde er gern als Nächstes schreiben. Niels Kadritzke gehört zu den glücklichen Menschen aus dem Norden, die einen Wohnsitz im Süden haben. Wenn er nicht am Berliner Computer Texte für die Zeitung redigiert, weilt er auf einer griechischen Insel, wo die Übersetzungen für die jeweils nächste Ausgabe von Le Monde diplomatique entstehen. Und wenn er es sich aussuchen könnte, wäre er am liebsten bei den Konferenzen von Moskau und Jalta (1943/44) als Spion unter dem Tisch dabei gewesen.

Amnon Kapeliuk (65) ist während des britischen Mandats in Jerusalem geboren, wo er derzeitig lebt. Der Journalist, für den Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ eine wichtige Lektüre war, der die Filme von Godard und die Musik von Mahler liebt, besitzt die französische und israelische Staatsbürgerschaft. Seinen ersten Artikel hat Kapeliuk 1968 in Le Monde diplomatique veröffentlicht: Über Israels Armee nach dem Sechstagekrieg 1967. Kapeliuks Thema war und ist der Nahostkonflikt, über den er zahlreiche Bücher verfasst hat, zuletzt 2004 eine Biografie über Jassir Arafat. Die größte politische Enttäuschung war für ihn der Moment, als Israels Nationalisten das Abkommen von Oslo torpedierten und damit dem Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern ein vorläufiges Ende setzten. Beeindruckt hat ihn hingegen, wie die weltweite Solidarität schließlich zum Zusammenbruch des Apartheidregimes in Südafrika geführt hat. Er wäre gern bei Nassers Revolution in Ägypten im Juli 1952 dabei gewesen.

Marie Luise Knott (51) leitet seit zehn Jahren die deutschsprachige Ausgabe von Le Monde diplomatique. Jeden Monat stellt sie in der Zeitung einen zeitgenössischen Künstler vor. Momentan ist sie mal wieder – wie schon als Lektorin beim Rotbuch Verlag – mit Hannah Arendt beschäftigt. Befragt, welche Texte ihr Leben nachhaltig beeinflusst haben, antwortet sie: vielleicht Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ und J. M. Coetzees „Leben und Zeit des Michael K.“ Ihren ersten Zeitungsartikel schrieb sie über den „Fall Sascha Anderson“. Überhaupt – die Brüche und Neuanfänge, nicht nur die politischen, haben es ihr angetan, auch bei Schostakowitsch und bei dem Maler Antonio Calderara. Wenn sie im November 1989 nicht in Berlin gewesen wäre, würde sie es heute bedauern. Davor wäre sie beinahe weggezogen, weil die Stadt ihr Ende der 1980er wie gelähmt erschienen war. Ihre größte politische Enttäuschung? Der Einmarsch der russischen Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968. Damals hatte Marie Luise Knott nachts vor der russischen Handelsmission campiert.

Maurice Lemoine (61) ist stellvertretender Chefredakteur von Le Monde diplomatique. Der gebürtige Pariser ist ein großer Bewunderer der amerikanischen Literatur, insbesondere der Werke von Hemingway. Seit inzwischen 30 Jahren schreibt Lemoine über Lateinamerika. Im Moment würde er am liebsten eine lange Reise durch Kolumbien machen. Ein historisches Ereignis, bei dem er gern dabei gewesen wäre, geschah im Juli 1979, als die Sandinisten den Diktator Somoza aus Nicaragua vertrieben.

Ignacio Ramonet (62) der, aus Spanien kommend, seine Jugend in Tanger verbrachte, lebt heute als Direktor von Le Monde diplomatique und Professor für Medientheorie in Paris. Als passionierter Journalist hält er aus nahe liegenden Gründen derzeit China für das drängendste journalistische Thema. Seit er vor 40 Jahren Journalist wurde, verfolgt er die Entwicklung des lateinamerikanischen Kontinents mit großem Engagement. Er bewundert die kubanische Revolution von 1959 und zählt den Putsch gegen den chilenischen Demokraten und Sozialisten Salvador Allende zu den bedeutendsten politischen Enttäuschungen der letzten Jahrzehnte. Es war ein kleiner Leitartikel in dieser Zeitung, mit dem er 1997 die Antiglobalisierungsbewegung Attac ins Leben rief.

Philippe Rekacevicz (44) ist Kartograf und Geograf. Er gestaltet seit 1989 die Karten für Le Monde diplomatique und hat auch für den „Atlas der Globalisierung“ sämtliche Karten und Diagramme entworfen. Rekaczewic, der als Kind eines Amerikaners polnisch-russischer Abstammung und einer Französin ukrainisch-ungarischer Abstammung einen französischen und einen amerikanischen Pass hat und heute auf einer norwegischen Insel lebt, arbeitet außerdem für das UN-Umweltprogramm Unep über die ökologische Situation im Balkan, im Kaukasus und in Zentralasien. Überhaupt ist das südliche Zentralasien die Weltregion, die ihn derzeit am brennendsten interessiert. Je öfter er hinfährt, um so größer wird seine Neugier, immer noch mehr von diesem, wie er sagt, „lebendigen Sowjetmuseum“ zu verstehen. Sein thematisches Hauptinteresse gilt dem Wasser, das nicht dem Privatisierungswahn zum Opfer fallen dürfe, sondern öffentliches Gut bleiben muss. Rekaczewic hat im Januar 1989 angefangen, als Journalist und Kartograf zu arbeiten, ein knappes Jahr später galten die Grenzen der bipolaren Welt nicht mehr – in einer sich rapide verändernden Welt hat der Kartograf seither viel Interessantes zu tun. Er liebt die Musik von Franz Schubert, weil die Stimmungen und Landschaften, die er erschaffen hat, von großer Schlichtheit, Offenheit und Rhythmik sind, die Filme von Jacques Tati, weil sie mit Präzision und Beobachtungsgabe die Gesellschaft und die Menschen zeigen, und den Maler Lyonel Feininger, weil die tiefe Räumlichkeit, das intensive Licht- und Farbenspiel seiner Werke für den Kartographen ungeheuer inspirierend sind. Die hässlichste Überraschung und der größte Schock in den letzten Jahren war für ihn das gute Abschneiden des rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen beim ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen im April 2002.

Catherine Samary (59) ist Dozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paris Dauphine. Seit 15 Jahren schreibt sie nebenbei auch Beiträge für Le Monde diplomatique, denn nach 1989 wurde ihr bisheriges Spezialgebiet – die Balkanstaaten – auf einmal zu einem der großen weltpolitischen Themen. Heute liegt ein Schwerpunktbereich ihrer Forschungen auf allen Fragen, die die Osterweiterung der Europäischen Union betreffen. Wegweisende Lektüre, aus der man ihrer Meinung nach auch noch für die Gegenwart lernen kann, war und ist „Die verratene Revolution“ von Leo Trotzki. Und fragt man Catherine Samary danach, bei welchem historischen Ereignis sie gern dabei gewesen wäre, fällt ihr spontan Mai 1968 in Paris ein – die Pointe: sie war dabei!

Gábor Schein (36) ist in Budapest geboren, wo er bis heute lebt. Er ist Schriftsteller und lehrt ungarische Literaturgeschichte und Literaturtheorie an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität. Schreiben heißt für ihn, die eigene Fremdheit wie einen Garten bewirtschaften. Zeitungsartikel schreibt er eher selten – „nur wenn ich den Mund nicht mehr verstopfen kann“. Die Jahre 1985 und 1986 waren für ihn die schönsten in Ungarn. Die Mächtigen waren nicht mehr imstande, die Vorstellungswelt der Menschen unter ihrer Kontrolle zu halten, und diese wussten noch nicht, dass man nicht mit einem einzigen Sprung über seinen Schatten springen kann.

Philipp Ther (37) ist in Österreich geboren und lebt heute in Berlin und Slubice. Er lehrt Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Seine ersten Artikel veröffentlichte er als Student, z. B. in der heute nicht mehr existierenden Wochenpost – einst DDR-Renommierblatt, dann aufregendes Nachwendeprojekt. Ther forscht vor allem über die Länder Ostmitteleuropas. Heute ist er darüber enttäuscht, dass „sich in Mittel- und Osteuropa so viele Hoffnungen aus dem Jahr 1989 nicht erfüllt haben und dass man im Westen so ängstlich auf die Öffnung im Osten reagiert hat“. Und bei welchem historischen Ereignis wäre er gern dabei gewesen? Er lebe sehr gern in seiner Zeit, lautet Thers Antwort, der 1989 in Prag dabei gewesen war: „Es hat mein ganzes nachfolgendes Laben verändert.“

Dominique Vidal (54) ist stellvertretender Chefredakteur von Le Monde diplomatique in Paris und betreut die internationalen Ausgaben. Bei der Revolution von 1789 konnte er nicht dabei sein. Doch seinen Geburtstag kann er am selben Tag feiern, an dem de Gaulle seine Landsleute zum Widerstand aufrief. Vidals Faszination gilt dem Nahen Osten, der jüdischen Geschichte und den Möglichkeiten, mit Visconti in großen Epen zu denken, und dabei die kleinen Leute in den Mittelpunkt zu stellen. Am meisten bewundert er den gewaltlosen Umsturz der Apartheid.

Wang Hui (45) lehrt Geschichte an der Tsinghua-Universität in Peking. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit chinesischer Geistesgeschichte, moderner chinesischer Literatur und dem Wandel Chinas seit Ende der 1970er-Jahre. Wang Hui war auch in der chinesischen Protestbewegung von 1989 aktiv, deren gewaltsame Niederschlagung ihn nachhaltig geprägt hat und zum Ausgangspunkt für seine wissenschaftlichen Fragen wurde. So nennt er auch als eines der für ihn wichtigsten Bücher der letzten Jahre „The Great Transformation“ von Karl Polanyi, weil es ihm dabei geholfen habe, jenen großen Wandel Chinas heute zu begreifen.

Le Monde diplomatique vom 13.05.2005,