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Sex im Iran

Ein anthropologischer Blick von Fariba Adelkhah

Was ist eigentlich mit unserer Jugend los? Fehlt es ihr an Ehrgeiz, oder ist sie deprimiert?“, fragte besorgt ein Journalist Mohammed Jawad Ardeshir Laridjani, einen der konservativen Kandidaten bei den Parlamentswahlen des Jahres 2000. Der Gründer und Leiter des Instituts für theoretische Physik und Mathematik in Teheran ist der Sohn eines Großajatollahs und stammt aus einer sehr einflussreichen Familie, die nicht nur im schiitischen Klerus, sondern auch in der politischen Klasse des Landes hohes Ansehen genießt. In der Wochenzeitschrift Iran-e javan erklärte er, die iranische Jugend sei einfach „blockiert“, vor allem weil sie ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ausleben und deshalb auch sich selbst nicht verwirklichen könne. Als erstes würdigte er Sigmund Freud, dessen „wissenschaftlicher“ Ansatz zeige, dass die Unterdrückung der sexuellen Bedürfnisse schwer wiegende Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit hat. „Meiner Meinung nach sind eine Reihe hässlicher Verhaltensweisen, die schlechte Laune vieler Erwachsener oder die sexuellen Exzesse mancher Menschen auf die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse zurückzuführen“, betonte Laridjani. „Wir halten die Lust für eine Sünde. Dabei ist sie in Wirklichkeit ein Geschenk Gottes. Wir reduzieren sie auf die Fortpflanzung. Aber wenn es das Verlangen nicht gäbe, wären sexuelle Beziehungen langweilig, kein Mensch würde sich für sie interessieren. Ohne sexuelle Befriedigung gibt es im Leben keinen Frieden.“

Laridjani, wie gesagt ein Vertreter der konservativen Rechten, der den islamischen Gottesstaat will, weist auch darauf hin, dass die Frage der Keuschheit weder auf die sexuellen Beziehungen noch auf die Frau beschränkt sei. In der iranischen Gesellschaft werde Keuschheit dagegen ausschließlich auf die Frau bezogen. „Dieser Anspruch“, so Laridjani, „erklärt sich daraus, dass der Mann die Frau unter seiner Kontrolle haben will, er betrachtet sie als sein Eigentum. Keuschheit ist ein männliches Herrschaftsinstrument.“

Die Bedeutung dieser Äußerungen lässt sich an zwei Tatsachen ablesen: Das Interview mit Laridjani ist in einer viel gelesenen, eher rechten Wochenzeitschrift für junge Leute erschienen. Außerdem handelt es sich nicht um die Kritik eines Intellektuellen, sondern um politische Äußerungen eines Kandidaten, der sich um einen Sitz im Parlament beworben hat. Seiner Meinung nach kommt es auch nicht in Frage, die Kredite für junge Ehepaare aufzustocken, denn dazu fehlt dem Staat einfach das Geld. Daher appelliert er an die Eigenverantwortung der Menschen und spricht sich beispielsweise gegen die Geschlechtertrennung in den Universitäten aus. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die Erfolgsquote an gemischten Universitäten höher ist.

Seine vielen schönen Vorschläge haben ihm aber nichts genutzt – Laridjani wurde nicht gewählt. Auch Faezeh Haschemi, die Tochter des früheren Staatspräsidenten Haschemi Rafsandschani, wurde nicht ins Parlament gewählt, obwohl sie seit mehreren Jahren vehement für die Sache der Frauen eintritt. So fordert sie zum Beispiel, dass Frauen Sport treiben, ein Kostüm tragen und selbst entscheiden dürfen, wen sie heiraten.

Der offene Umgang konservativer Politiker mit der Sexualität und mit der Gleichheit der Geschlechter zeigt, dass die linken Reformpolitiker, die die Parlamentswahlen von 1997 gewonnen hatten, die gesellschaftliche Erneuerung nicht für sich gepachtet haben. Staatspräsident Rafsandschani hatte das Thema bereits Ende der 1980er-Jahre in seinen Freitagspredigten angeschnitten. So hatte er auch – freilich nur in Anspielungen – von den vielen Kriegswitwen gesprochen, die ein Recht darauf hätten, dass ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigt werden. 1990 hatte er für die Wiederbelebung der „Zeitehe“ (siqheh) plädiert, die allein imstande sei, unter Wahrung der islamischen Gesetzmäßigkeiten die sexuellen Sehnsüchte der Jugendlichen zu erfüllen.

Der schiitische Islam kennt die befristete, vertraglich geregelte Beziehung zwischen Männern und Frauen. Eine Ehe auf Zeit kann für wenige Stunden geschlossen werden, aber auch unbefristet sein. Sie ermöglicht die Befriedigung sexueller Bedürfnisse, deren Legitimität damit anerkannt ist. Die von früheren Reisenden und Pilgern häufig praktizierte Zeitehe war in Verruf geraten, obwohl sie aus schiitischer Sicht keine Sünde darstellt. Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen – zunehmende Verstädterung, Durchsetzung der Einehe und Vordringen der romantischen Liebe – wurde die Ehe auf Zeit allmählich an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Inzwischen hat die Zeitehe eine Wiederbelebung erfahren, zumindest in den Reden schiitischer Politiker. Sie gilt als eine Möglichkeit, in wirtschaftlich schwierigen und für Eheschließungen ungünstigen Zeiten nichteheliche sexuelle Beziehungen zu legalisieren. Allerdings bringt auch sie Probleme mit sich. Von welchem Alter an kann eine Frau diese Form der Verbindung eingehen? Wie lässt sich Missbrauch verhindern, und wie kann man den sexuellen Appetit der Männer zügeln, die eine solche Ehe auf Zeit eingehen wollen? Wie kann man die Familie vor dieser Art Verbindung schützen? Schließlich kann die Zeitehe als eine Form des Konkubinats oder allgemeiner als eine Institutionalisierung der freien Liebe und auch der Prostitution angesehen werden. Was soll mit den Kindern geschehen, die daraus hervorgehen? Das sind alles Fragen, die in den Medien und an runden Tischen diskutiert werden.

Der auf links getragene Tschador als erotisches Signal

Anders als im Christentum ist unter schiitischen Geistlichen ein freizügiger Umgang mit sexuellen Themen durchaus üblich, anzügliche Sprüche sind keine Seltenheit. Auf der einen Seite ist das islamische Recht sehr präzise in sexuellen Dingen, zum Beispiel was die Reinigung betrifft. Auf der anderen Seite scheuen sich die Geistlichen nicht, am Ende religiöser Veranstaltungen schlüpfrige Witze zu machen, zum einen, weil sie selbst solchen Freuden nicht abgeneigt sind, zum anderen, weil sie auf diese Weise zur Sozialisierung und sexuellen Initiierung der jungen Gläubigen beitragen. Zur Religiosität gehört durchaus auch der Lebensgenuss, den das stereotype Bild der schwarz verschleierten Republik gern verbirgt, über den in den theologischen Schulen aber offen debattiert wird. Und in der Tat verhindert das allgemeine Tabu, mit dem die Wünsche der Frau in der Öffentlichkeit belegt werden, nicht, dass dieses Thema allgegenwärtig ist. Wie wäre es sonst zu erklären, dass in aller Offenheit darüber diskutiert wird, wie Impotenz oder vorzeitige Ejakulation das harmonische Eheleben gefährden? Und die Frau selbst verfügt durchaus über Worte oder vielmehr Zeichen, um ihre diesbezüglichen Wünsche zum Ausdruck zu bringen. So signalisiert zum Beispiel ein auf links getragener Tschador, dass die Frau bereit ist, eine Ehe auf Zeit einzugehen. Und wenn Frauen versuchen, mit verschlüsselten Worten einen Geistlichen um einen intimen Rat zu bitten, dann spielen sie mit Formulierungen wie „ein umgedrehter Schuh“ oder „der auf dem Kopf stehende Besen“ auf die Zulässigkeit von Analverkehr an.

Liebe und Sexualität stehen heute im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Das liegt nicht zuletzt an dem hohen Anteil junger Menschen an der Bevölkerung – über die Hälfte der Iraner ist jünger als 25 Jahre, sie verbindet mit der Zeit vor der Revolution keine persönlichen Erinnerungen. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Umgang mit ihrem sexuellen Begehren natürlich alles andere als einfach, und das hat im Iran in erster Linie politische Gründe. Das Gesetz und mehr noch der Eifer der Bassidsch (der paramilitärischen Schlägertrupps der Islamischen Republik) haben lange Zeit darüber gewacht, dass Männer und Frauen sich nur dann gemeinsam in der Öffentlichkeit sehen lassen durften, wenn sie verheiratet oder verwandt waren. Die Kontrollen waren sehr streng, vor allem während der 1980er-Jahre.

Aber hinzu kommen andere, vielleicht noch stärkere Zwänge. Vor allem der tief verwurzelte Konservativismus iranischer Familien, die wie besessen den guten Ruf, die Ehrbarkeit und die Jungfräulichkeit ihrer Töchter wahren wollen, in einer Tradition, in der alles auf das eine große Ereignis der menschlichen Existenz hinausläuft: die Hochzeit. Inzwischen haben jedoch die Inflation und die Fixierung aufs Materielle den Preis der Mitgift in die Höhe getrieben. Verlobung und Hochzeit sind – getarnt als zu neuem Leben erweckte Tradition – zu kostspieligen Konsumfesten geworden. Die seit der Revolution und dem Krieg gegen den Irak herrschende Wirtschaftskrise hat die Wohnungssuche zu einem für junge Ehepaare unlösbaren Problem gemacht.

Und doch sieht das nach Selbstverwirklichung strebende Individuum seine Bestätigung vor allem in der Liebe. Im Namen der Liebe ist es bereit, sowohl gegen seine Eltern als auch gegen den Staat zu opponieren. Insofern ist im Iran die sexuelle Frage zu einer eminent politischen Frage geworden. Die Islamische Republik war entscheidend für die diesbezügliche soziale Veränderung, und zwar nicht unbedingt in dem Sinne, in dem man es glauben möchte. Auch beruht sie sich nicht nur auf dem Bruch mit den kulturellen Veränderungen während der Zeit des Schahregimes. Vielmehr hat sie dieser Entwicklung im Namen der religiösen Revolution die höheren Weihen verliehen.

Iranerinnen und Iraner lassen sich von der staatlichen Politik ohnehin nicht alles vorschreiben, und der das Soziale immer stärker prägende allgemeine Hang zur Rationalisierung macht auch vor den Beziehungen zwischen Ehepartnern oder Verlobten nicht Halt. So gibt es heute eine Fülle von wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen, die sich mit Themen wie der Ernährung (zum Beispiel „Wie können sexuelle Probleme mit Hilfe der Ernährung behandelt werden?“), der Kindererziehung, aber auch den sexuellen Beziehungen zwischen Ehepartnern befassen. Es gibt auch eine Reihe von Radio- und Fernsehsendungen, die sich diesen Themen widmen. Und was die sexuellen Bedürfnisse anbelangt, deren Legitimität die schiitischen Geistlichen und die verbreiteten theologischen Handbücher anerkennen, so ist deren Nichterfüllung ein hinreichender Scheidungsgrund: Die Gerichte erkennen ohne weiteres an, dass dadurch die Gesundheit des frustrierten Ehepartners und somit das Gleichgewicht der Gesellschaft beeinträchtigt wird.

Immerhin hatte schon Ajatollah Chomeini in seinem Buch „Tahrir-ol vasileh“ die sexuelle Abstinenz – wörtlich: „Verzicht auf den Beischlaf“ – zwischen Ehepartnern verboten, wenn sie länger als vier Monate dauert und ohne Zustimmung der Frau erfolgt. Diese positivistische Rationalisierung von Sexualität und Liebe hat zu einem regelrechten Aufrechnen von Leistungen und Gegenleistungen in der Ehe geführt. So war zum Beispiel Ajatollah Motahari der Meinung, dass die Frau das Recht hat, sich von ihrem Ehemann für das Stillen ihres Kindes belohnen zu lassen, ein Argument, das in religiösen Veranstaltungen immer vorgebracht wird, um zu demonstrieren, wie sehr der Islam für die Sache der Frau eintritt.

Beweis hierfür ist nach Ajatollah Biazar Shirazi auch die Tatsache, dass Abtreibung mit einer Religionssteuer belegt wird, dem so genannten Blutgeld. Dessen Höhe ist je nach Alter des Fötus genau festgelegt: 20 Dinar für einen Embryo, der 1 bis 40 Tage alt ist, 40 Dinar für 40 bis 80 Tage alte Föten, 60 Dinar für Föten zwischen 80 und 120 Tagen und 1 000 Dinar ab dem 120. Tag, dem Tag, an dem die Seele in den Körper eintritt. Allerdings ist die Summe nur halb so hoch, wenn es sich um einen weiblichen Embryo handelt!

Inzwischen kehrt die Liebe in die Öffentlichkeit zurück, häufig als Reaktion auf die Repression oder die Zwänge, denen die Islamische Republik sie unterworfen hat. Heute sieht man zunehmend Ehepaare oder Verlobte, die demonstrativ in der Öffentlichkeit Händchen halten – undenkbar vor 25 Jahren. So genannte illegitime Paare können es sich zwar nach wie vor nicht leisten, in der Öffentlichkeit als Paar aufzutreten, aber wie lange noch? Denn in iranischen Großstädten ist der Kontakt zwischen den Geschlechtern einfach. Das haben gerade die Jugendlichen begriffen, zumal der öffentliche Raum sich in den letzten zwanzig Jahren erweitert und stark verändert hat. Auch die vielen öffentlichen Kartentelefone sowie die E-Mails oder das Handy erleichtern zumindest in wohlhabenden Kreisen den Kontakt zwischen Jugendlichen jenseits der sittenwächterischen Großfamilie. Junge Mädchen, die in Scharen am Telefon hängen, sind heute ein alltägliches Bild im Iran.

Die große Liebe von Leila und Madschnun

Die Schwärmerei für die romantische Liebe und, wenn auch implizit, für ihre sexuelle Erfüllung ist eine gesellschaftliche Tatsache. „Titanic“ war auch im Iran ein gigantischer Erfolg, obwohl der Film nicht in den Kinos zu sehen war. Die Videokassetten wurden unter der Hand weitergegeben. Jugendliche tapezierten ihre Zimmer mit Postern des magischen Paares, sie trugen T-Shirts mit entsprechenden Aufdrucken, und die Jungen hatten Frisuren wie Leonardo DiCaprio – eine alles andere als rebellische Mode, denn die Liebe zwischen Rose und Jack ist rein und, abgesehen von der Autoszene, keusch. Es ist die Hollywoodversion eines Themas, das universal und iranisch zugleich ist: die Geschichte einer Leidenschaft, die soziale Schranken überwindet, „Titanic“ als transatlantische Variante des großen romantischen Epos, das der persische Dichter Nizami 1180 verfasst hat und das zum Vorbild für alle Liebesgeschichten des Orients wurde: „Die Geschichte der Liebe von Leila und Madschnun“.

Wie das Sexualleben der jungen Iranerinnen und Iraner, die sich mit den Kinohelden identifizieren, tatsächlich aussieht, weiß naturgemäß niemand genau. Und bestimmt gibt es auch einen nicht unerheblichen Anteil abnormer Verhaltensweisen – ob in den Augen des Gesetzes, der Moral der islamischen Republik oder des sozialen Konservatismus. So hat etwa in den letzten Jahren die Zahl der Vergewaltigungen und der Entführungen von jungen Mädchen zugenommen, ebenso die Zahl der Eltern, die ermordet werden, weil sie einer Verbindung nicht zustimmen. Auch lässt sich wohl kaum feststellen, ob die Leidenschaft unter Jugendlichen nicht nach wie vor Ausdruck platonischer Liebe ist oder ob sie nicht doch wenigstens flirten. Das Ideal ist die reine, verantwortungsbewusste und leidenschaftliche Liebe, wie sie in der modernen iranischen Poesie der Vorrevolutionszeit gefeiert wurde, unter anderem in den Gedichten von Ahmad Shamlou.

Aus dem Französischen von Sonja Schmidt © „Le Monde diplomatique“, Berlin Fariba Adelkhah ist Anthropologin am Centre d’études et de recherches internationales in Paris. Autorin u. a. von „Etre moderne en Iran“, Paris 1998.

Le Monde diplomatique vom 13.05.2005,