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Indien hofiert die Militärjunta in Rangun

Sechs Tage nach dem Sturz von Premierminister Khin Nyunt reiste Birmas Juntachef Than Shwe im Oktober 2004 nach Indien. Wie kein anderes Ereignis verdeutlichte dieser erste Empfang eines birmesischen Staatsoberhaupts seit 24 Jahren in Delhi den Kurswechsel der indischen Politik gegenüber dem östlichen Nachbarn.

Schon seit Mitte der 1990er-Jahren bemüht sich Indien im Rahmen seiner „Look East“-Politik um eine Annäherung an Birmas Junta, die Delhi früher scharf kritisiert hat. Indien nahm viele politische Flüchtlinge aus Birma auf. Oppostionsführerin Aung San Suu Kyi, die in den 1960er-Jahren in Delhi studierte, als ihre Mutter dort Botschafterin war, genießt in Indien hohes Ansehen. Umso entsetzter war Birmas Opposition, als Delhi im Oktober 2004 den Juntachef hofierte und dem Premierminister der Exilregierung sogar ein Einreisevisum verweigerte.

Indiens Schwenk hat vor allem mit der Haltung Chinas zu tun, das seit 1988 massiv an Einfluss gewonnen hat. Von Horchposten auf den birmesischen Cocos-Inseln kann China das indische Militär im östlichen Indischen Ozean überwachen. Um Ranguns Generäle nicht ganz in die Arme Chinas zu treiben, sucht Indien deshalb die Nähe zur Junta. Dabei hat Indien auch seinen eigenen unruhigen Nordostens im Sinn. Hier operieren separatistische Rebellengruppen, die Delhi nur wirksam bekämpfen kann, wenn Rangun diesen Gruppen den Rückzug auf birmesischem Gebiet verwehrt.

Beim Besuch von Than Shwe wurde eine Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen vereinbart, aber auch ein verstärkter Kulturaustausch (Inder sind eine einflussreiche Minderheit in Birma). Der bilaterale Handel soll bis 2006 auf eine Milliarde US-Dollar verdoppelt werden. Schon heute ist Indien Birmas zweitgrößter Exportmarkt. Während die Junta in Rangun mit der Annäherung an Indien ihre Abhängigkeit von China reduzieren und die westliche Isolationspolitik unterlaufen will, demonstriert Delhi, dass es die nationalen Interessen neuerdings über die Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten stellt.

Sven Hansen

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,