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Muslime in Großbritannien

von Ian Draper

Die ersten Muslime, die während des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in größeren Gruppen nach Großbritannien einwanderten, stammten aus dem Jemen. Die allermeisten der britischen Muslime kamen jedoch erst nach 1945 ins Land. Der Commonwealth Immigrants Act von 1962 begünstigte eine verstärkte Immigration aus Pakistan, insofern er eingewanderten Männern erlaubte, ihre Familien nachziehen zu lassen – ein wichtiger Schritt, denn so entstand ein Bedarf an muslimischer Glaubenserziehung der Kinder, was wiederum einen strenggläubigen Islam begünstigte. Die spätere Einwanderungswelle aus Bangladesch schuf ähnliche Strukturen und trug zu einer Entwicklung bei, die klar identifizierbare muslimische Communities hervorbrachte.

Auf lokaler Ebene organisierten sich die ersten Communities bereits seit Beginn der 1960er-Jahre. Einige ethnische Gruppen machten Privathäuser zu Moscheen, die religiöse wie auch gemeinschaftliche Aufgaben erfüllten. Diese Gebetsstätten, die häufig an religiöse Gruppierungen der jeweiligen Ursprungsländer angebunden waren, entwickelten sich zu gesellschaftlichen Kristallisationspunkten der größer werdenden Communities. Sie boten eine islamische Erziehung – auf Basis des Madrassa-Systems – die sich auf Auswendiglernen des Korans, die Unterweisung in den wichtigsten rituellen Handlungen sowie Sprachunterricht in Urdu beschränkte. In den 1970er-Jahren wurden dann die ersten richtigen Moscheen gebaut, dort gab es dann auch Räume für den Religionsunterricht und für soziale Dienste.

Cat Stevens ist nicht allein

Im Lauf der 1980er-Jahre begannen die britischen Muslim-Communities, sich mit kommunalpolitischen Fragen zu beschäftigen. Der nächste Schritt waren allgemeinere Forderungen, etwa im Hinblick auf Regelungen im Einklang mit dem muslimischen Familienrecht, muslimische Bestattungsvorschriften oder eine muslimische Erziehung. Viele muslimische Lokalpolitiker wurden diskret von religiösen Gruppen und Organisationen einer bestimmten Community unterstützt, damit sie sich für muslimische Belange stark machten.

Seit Mitte der 1990er-Jahre haben insbesondere muslimische Frauen und Mädchen ihren Rückstand in den schulischen Leistungen aufgeholt, während die Jungen nach wie vor unter dem allgemeinen Durchschnitt liegen. Britische Bildungsexperten versuchen, das Problem durch konkrete Initiativen wie zum Beispiel durch ein schulisches Betreuungsprogramm anzugehen. Und auch die muslimischen Communities entwickeln eigene Bildungsangebote, wozu etwa (teils staatlich finanzierte) Ganztagsschulen gehören oder auch private Förderungsmaßnahmen zusätzlich zur staatlichen Schulausbildung.

Diese muslimischen Schulmodelle reichen von der fortschrittlichen Islamia School in London, gegründet von Yusuf Islam (alias Cat Stevens) und heute staatlich finanziert, bis zu traditionellen Madrassen, die mit einem Curriculum arbeiten, das auf pakistanische Madrassen-Organisationen (wie auch auf das obligatorische staatliche Curriculum) zurückgeht. In den 1990er-Jahren gab es die ersten Kampagnen, mit denen man die britische Regierung dazu bringen wollte, muslimische Schulen zu finanzieren; schließlich würden auch christliche und jüdische Schulen auf diese Weise finanziert.

Heute wehren sich muslimische Frauen in Großbritannien gegen die Diskriminierung innerhalb ihrer eigenen Communities, insbesondere gegen Zwangsheirat und arrangierte Ehen, wobei sie ihr Recht auf Gleichbehandlung häufig auf Grundlage des Korans geltend machen und immer wieder betonen, dass ihr Problem von den kulturellen Normen und nicht von der Religion herrührt. Die meisten Frauenorganisationen, die gegründet wurden, um solche Probleme anzugehen, sind religiös ausgelegt, wie etwa die 1985 entstandene Gruppe An-Nisa (nach der Koransure 4, dt. Die Frauen) in London.

Die Kopftuchfrage ist in Großbritannien weder am Arbeitsplatz noch in der Schule ein ähnlich wichtiges Thema wie in anderen europäischen Ländern. Immer mehr muslimische Frauen halten bei der Arbeit – in Geschäften und Restaurants wie auch als staatliche Angestellte – oder im Unterricht ihren Kopf bedeckt. Seit dem 11. September 2001 gibt es jedoch vermehrt Presseberichte über kopftuchtragende Frauen, die auf der Straße angegriffen oder beleidigt wurden. Der 1997 verfasste Runnymede Report über das Problem der Islamophobie machte auf die negativen Stereotype aufmerksam, die das Bild der Muslime in der britischen Öffentlichkeit bestimmten.

Jüngere Muslime wollen für sich eine neue Identität ausloten, um sich damit von einem bloß kulturellen Islam der älteren Generationen abzusetzen. Sie treten immer selbstbewusster auf und fordern, dass der Staat auf die Bedürfnisse der Muslime eingeht, ob im Schulwesen (Gebetszeiten, besonderes Essen), in der Arbeitswelt oder im Gesundheitswesen und bei den sozialen Diensten. All das hat bewirkt, dass Muslime heute im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle spielen. Doch dieselbe Entwicklung hat auch zu Ressentiments gerade in den unterprivilegierten Schichten geführt und zu den Wahlerfolgen der British National Party in Städten mit einem erheblichen muslimischen Bevölkerungsanteil beigetragen.

Zwar sind die Muslime in Großbritannien allgemein akzeptiert, jedoch nicht integriert. Im Zuge der Antiterrorgesetze kam es auch hier zu Verhaftungen, die das potenziell stabile Verhältnis zwischen den muslimischen Communities und der Mehrheitsbevölkerung gefährden.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Ian Draper ist Wissenschaftler am Fachbereich Theologie der Universität Birmingham.

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,