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Jonathan Meese

Die Beschreibungen, die den Aufstieg des Malers, Installations- und Performance-Künstlers Jonathan Meese begleitet haben, enthalten neben dem Lob immer auch eine Spur von Verstörung: Dem einen gilt er als „genialer Kunstbarbar“, dem anderen als „Konfusionist“, und wieder ein anderer vergleicht seine Werke mit „Projektilen“, die eine „heilige Dreifaltigkeit aus Pathos, Pose und Parodie“ zelebrieren. Ein „Johnny de Saint Phallus“ .

Tatsächlich schafft Jonathan Meese, der, 1970 in Tokio geboren, in Hamburg aufwuchs und heute in Berlin lebt, großräumige Installationen, in denen er selbst erwählte Kultobjekte in wilder Mischung und Überlagerung kombiniert. Anfangs entnahm er das Material hierfür aus seiner ganz privaten Devotionaliensammlung, die – neben eigenen Erinnerungsfotos – Filmplakate, Bücher und Plattencover enthielt. Seine Dingwelt ergänzte und überlagerte er durch Zitate und eigene Wortschöpfungen (wie „Erzleid“, „Seelensaal“ oder „Erzreligion Blutlazarett“), die zusätzliche Bedeutungen insinuieren. Irgendwann haben sich Attila, Stalin und Hitler, aber auch Wagner und Balthus in seiner Mythenwelt eingefunden.

In den Performances sieht man Eiserne Kreuze und gereckte Hitlergruß-Arme, doch Meese ist kein Propagandist. Er inszeniert ein Ich, das im Ringen um Identität alles vorfindbare Material begierig aufnimmt und radikal dessen Gehalt befragt, indem er es wieder und wieder „siedet“, wie er das nennt. Über die Jahre hat er sich so sein eigenes Referenzsystem geschaffen. Doch in der Welt, die er in seinen Wort- und Bildensembles zur Schau stellt, ist keine Aussage erkennbar.

Das Bilderbuch „Meine Schneekönigin“, das Jonathan Meese letztes Jahr im Auftrag der Berliner Volksbühne „für Hans Christian Andersen“ entwarf und aus dem wir in dieser Ausgabe sechs Seiten abbilden, gehört zu seinen zarteren Werken. In ihm assoziiert er Motiven aus Andersens Märchen mit seiner eigenen Wörter- und Bilderwelt. Herausgekommen ist ein „gralskalender“, in dem es, wie bei Andersen, mitunter auch grausam zugeht. Die Möglichkeit des Märchens, im Erzählen die Schrecken der Welt und der Mythen zu bannen, steht Meese nicht zur Verfügung.

M.L.K.

Kataloge: „Jonathan Meese, Meine Schneekönigin, Märchen für Hans Christian Andersen“, Synwolt Verlag Berlin, 2004. Jonathan Meese, „Revolution“, Hg: Carsten Ahrens u. Carl Haenlein, Hannover 2003.

Nächste Ausstellungen: Herford (MARTa/„my private HEROES“), Reykjavík (Arnesinga Art Museum), Salzburg (Museum der Moderne), Berlin (Contemporary Fine Arts/„General Tanz“, „Drei Streifen für ein Hallelujah“)

© Alle Abbildungen: Jonathan Meese/Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.06.2005,