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Aufbruch der Kolonien

Die kolonisierte Welt am Vorabend des Ersten Weltkriegs war im Hinblick auf ein mögliches Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Mittelschicht in einer ganz anderen Situation als Europa. Eine Arbeiterklasse als solche gab es dort nicht und sozialistische Bestrebungen nur in Ansätzen; die Widerstandsgruppen gegen die Kolonialmächte wurden damals eher von traditionellen oder religiösen Führern geleitet. In Europa galten diese – zumal unter Sozialisten – meist als „feudalistische“ oder „reaktionäre“ Feinde des Fortschritts.

Das änderte sich im Verlauf des Ersten Weltkriegs und nach den russischen Revolutionen von 1917. Im September 1920 versammelten sich in Baku auf Einladung der Komintern (Kommunistischen Internationale) fast 2 000 Delegierte aus verschiedenen asiatischen Ländern zum ersten Kongress der Völker des Ostens. „Die Völker, die von der kapitalistischen Welt bis heute wie eine Herde von Lasttieren behandelt werden, die sogenannten niederen Völker, bei denen sich die Bourgeoisie sicher war, dass sie nicht aus ihrem Dämmerschlaf erwachen würden, diese Völker erheben sich“, schrieb der damalige Komintern-Vorsitzende Grigori Sinowjew. Mit dem Kongress von Baku lautete die erweiterte Losung der Komintern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!“

Die konkrete Umsetzung dieser Losung war insofern schwierig, als es in der kolonisierten Welt noch keine nennenswerte Industriearbeiterschaft gab. Mit wem sollten sich die Kommunisten in der sogenannten unterentwickelten Welt also verbünden? Etwa mit Mustafa Kemal, dem türkischen Nationalrevolutionär, der den Versailler Vertrag infrage stellte? Und Chinas KP? Sollte sie sich mit der nationalistischen Kuomintang arrangieren?

Ganz allgemein stellte sich die Frage, wie man sich als Kommunist gegenüber den Vertretern der Bourgeoisie in jenen Ländern verhalten sollte. Sollte man sie als Kompromissler schmähen oder ein gemeinsames Bündnis gegen die Imperialisten anstreben? Die Komintern, die sich immer mehr nach den Vorgaben aus der Moskauer Zentrale richtete, zauderte und vollzog manchmal spektakuläre strategische Wendungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es in den meisten Ländern der späteren „Dritten Welt“ weniger die soziale Frage, sondern der koloniale Befreiungskampf, der die Diskussion über politische Bündnisse bestimmte und die große Masse der Bevölkerung einte. In manchen Fällen, wie in Indochina (Laos, Kambodscha und Vietnam) und China, stellten sich die Kommunisten an die Spitze der Befreiungsbewegung. Hier verband sich der Ruf nach Unabhängigkeit mit sozialen Forderungen, wie Agrarreformen zugunsten der armen Bauern, Bildungsoffensiven und eine Verbesserung der medizinischen Versorgung.

In Indien oder Indonesien wurde der nationale Befreiungskampf hingegen vom Bürgertum angeführt. Die Kommunisten bildeten hier nur eine untergeordnete, manchmal auch unterdrückte Gruppe. In Algerien oder Ägypten kamen Nationalisten an die Macht, die sich auf die Revolution beriefen und gleichzeitig auf die (antikommunistische) Armee stützten. Sie leiteten ebenfalls tiefgreifende Reformen ein. So wurden die Ressourcen verstaatlicht und das Bildungs- und Gesundheitswesen ausgebaut.

Ein halbes Jahrhundert nach der Unabhängigkeit – und trotz des wirtschaftlichen Wachstums in Ländern wie Brasilien und Südafrika – sind die sozialen Strukturen des vormaligen Südens kaum mit der von Marx und Engels analysierten Klassengesellschaft vergleichbar. Es gibt keine Arbeiterklasse im marxistischen Sinne, die informelle Wirtschaft überwiegt, und in der gewachsenen Mittelschicht grassiert die Armut. Trotz Verstädterung lebt oft immer noch die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land. Darüber hinaus sind diese Länder, die inzwischen fest in den kapitalistischen Weltmarkt integriert sind, heute noch abhängiger von den Industrieländern als in den 1970er Jahren. Auf die naheliegende Frage, welche Bündnisse den Würgegriff der Märkte lockern helfen und ein egalitäres Gesellschaftsprojekt voranbringen könnten, gibt es bisher nicht wirklich eine Antwort.

Alain Gresh

Aus dem Französischen von Thomas Laugstien

Le Monde diplomatique vom 11.05.2012,