Der Kandidat küsst die Blondine

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Der Kandidat küsst die Blondine - von Toni Keppeler

Der Kandidat küsst die Blondine

Im mexikanischen Wahlkampf ist alles glatt wie in der Seifenoper – ohne Drogen und Gewalt von Toni Keppeler

Es ist ein bisschen ruhiger geworden in Ciudad Juárez – oder lebhafter, je nach Betrachtungsweise. Ruhiger ist es, weil weniger geschossen wird als noch vor einem Jahr. Und lebhafter ist es, weil die Stadt nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr wie ausgestorben wirkt.

Bars und Restaurants, die lange dunkel und verrammelt waren, lassen die Leuchtreklamen über ihren Eingängen wieder für die Kundschaft blinken, eine ganze Reihe neuer Jugendzentren ist entstanden, Künstlerinitiativen verschönern mit Wandgemälden und mit Plastiken den öffentlichen Raum. Selbst Enrique Peña Nieto, Kandidat der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) und haushoher Favorit bei der Präsidentschaftswahl vom 1. Juli, traute sich zu einem Kurzbesuch hierher. Das Thema Gewalt und Drogenkrieg hat er dabei nicht einmal erwähnt.

Die Stadt in der Wüste von Chihuahua, mit ihrer texanischen Zwillingsstadt El Paso durch vier Brücken über den Río Grande verbunden, war lange die Boomtown der mexikanischen Fertigungsindustrie und der billigen medizinischen Behandlung für US-Bürger ohne Krankenversicherung. Seitdem der konservative Präsident Felipe Calderón Anfang 2007 den Drogenkartellen den Krieg erklärte, galt sie als die Welthauptstadt von Mord und Totschlag. Jetzt kommt sie langsam zurück ins Leben.

Ciudad Juárez hat 1,3 Millionen Einwohner. 3 115 Morde gab es hier 2010, dem bislang schlimmsten Jahr. 2011 waren es nur noch 2 086. Alle feiern den Erfolg und stecken ihn sich als Trophäe an den Hut. Zuerst natürlich der neue Chef der Stadtpolizei, Julián Leyzaola, bekannt und berüchtigt als harter Hund. Bevor er nach Ciudad Juárez gerufen wurde, hatte er in Tijuana, der anderen vom Drogenkrieg heimgesuchten Grenzstadt, mit zum Teil fragwürdigen Methoden für Ruhe gesorgt. Unter anderem wird er mit Folter von Gefangenen in Verbindung gebracht und streitet das nicht einmal ab. In seinem ersten Jahr in Ciudad Juárez haben sich die Anzeigen wegen Machtmissbrauchs der Polizei verdreifacht.

Auch Präsident Calderón sieht sich gern als Verantwortlichen dafür, dass die Zahl der Toten gesunken ist. 300 Millionen US-Dollar hat er in den vergangenen Jahren an Bundesmitteln in die Stadt gepumpt; in den Sicherheitsapparat und als Sozialhilfe für die Armen, die in ihrer Not von den Kartellen leicht als Killer zu dingen waren. Er hat die militärisch ausgerüstete Bundespolizei in die Stadt geschickt und die Armee in die Dörfer des Umlands, von wo aus ungezählte Tonnen von Kokain und Marihuana auf die andere Seite des Río Grande befördert werden. Und natürlich feiern auch die vielen Initiativen von Unternehmern, Künstlern oder einfachen Bürgern die relative Ruhe als ihren Erfolg: Dass sie hinausgehen auf die Straße und nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr verängstigt zu Hause sitzen und in die Scheinwelt der Seifenopern im Fernsehen fliehen, gebiete dem Terror Einhalt und schränke die Macht der Kartelle ein.

Nirgendwo auf der Welt wird wohl so viel einfältige Scheinwelt produziert wie in Mexiko. Vielleicht hat das Land die über 50 000 Toten des Drogenkriegs der vergangenen fünf Jahre nur deshalb ohne Rebellion ertragen, weil sich die Mexikaner mehrere Stunden am Tag und auf allen Fernsehkanälen in die Welt der immer gleich gestrickten Telenovelas versetzen können und es in ihrer Mehrheit auch tun. Da geht es dann um Liebe und Verrat, manchmal auch um Drogen und Mord, aber am Ende wird immer alles gut.

Zur Grundausstattung einer Telenovela gehört der Galan, meist gut aussehend, jung und aus reicher Familie, ein bisschen einfältig vielleicht, aber immer geradlinig und an das Gute im Menschen glaubend. Sein Gegenüber ist eine meist blonde Frau mit ähnlichen charakterlichen Eigenschaften, nur in der Regel finanziell deutlich schlechter gestellt. Bevor die beiden glücklich sein können, taucht eine meist schwarzhaarige Versuchung auf, nicht bieder wie die Blonde, sondern raffiniert und sexy.

Daneben gibt es die Hexe, die vordergründig lächelt und jedermanns Freundin sein will, hintergründig aber Gift spukt. Es gibt den gutmütigen Alten, den eine schwere Vergangenheit viele so einfache wie weise Ratschläge gelehrt hat. Und es gibt – eher als Randfigur – einen Clown. Eine solche Seifenoper wird derzeit im wirklichen Leben von Mexiko als Wahlkampf um die Präsidentschaft inszeniert.

Der Galan ist Enrique Peña Nieto von der PRI, die Mexiko 71 Jahre lang bis zum Jahr 2000 selbstherrlich, korrupt und, wenn es nötig war, auch repressiv regiert hat. Wenn das Drehbuch nicht noch völlig unerwartet durcheinanderkommt – was bei Telenovelas nie passiert –, wird er am 1. Juli zum Präsidenten gewählt. Seit Monaten führt er alle Umfragen mit riesigem Vorsprung an. Selbst Expräsident Vicente Fox, der als Kandidat der konservativen Partei der nationalen Aktion (PAN) die PRI 2000 von der Macht verdrängt hat, gesteht öffentlich ein, dass „nur ein Wunder die PAN noch retten kann“.

Peña Nieto ist genau die richtige Besetzung für den Galan: Er wirkt jünger als seine 46 Jahre, sieht gut aus und legt viel Wert auf seine Anzüge und seine Gelfrisur. Er wirkt einfältig, aber ehrlich. Als er Ende vergangenen Jahres bei der Buchmesse in Guadalajara von Journalisten gefragt wurde, welche drei Bücher ihn am meisten beeinflusst hätten, stammelte er zunächst etwas von der Bibel und brachte im zweiten Versuch Autoren und ihre Werke durcheinander. Bei einem anderen Interview verschätzte er sich bei der Benennung des staatlichen Mindestlohns um etwas mehr als die Hälfte. Am besten ist er, wenn er schweigt und öffentlich seine blonde Frau Angélica Rivera küsst. Die ist beruflich eine der beliebtesten Darstellerinnen in den Telenovelas des Fernsehgiganten Televisa.

Televisa unterstützt Peña Nieto, der von 2006 bis 2011 Gouverneur im Bundesstaat México war, dem bevölkerungsreichsten des Landes, schon seit Jahren. Er gehört zum unternehmerfreundlichen Flügel der PRI, jenem Zirkel, der sich mit den Wirtschaftsmagnaten des Landes schiedlich und friedlich Macht, Geld und Einfluss teilt. Und er ist vor allem eines: eine schöne glatte Oberfläche. Als er und Angélica Rivera erst flirteten und dann heirateten, inszenierte Televisa die Beziehung genüsslich als Seifenoper.

Josefina Vázquez Mota, Kandidatin der PAN, hat das Pech, aus der Partei zu kommen, die Mexiko – so der Literat und Publizist Jorge Volpi – „die grausamste Sicherheitspolitik in der Geschichte des Landes“ beschert hat. Zuletzt war die 51-Jährige Fraktionschefin der PAN im Kongress und davor bis 2009 Erziehungsministerin der Regierung Calderón. Sie konzentriert sich auf die Probleme ganz normaler mexikanischer Familien, die ihre Kinder großziehen müssen. Mit dem drängendsten und wichtigsten Problem des Landes, dem von Parteifreund Calderón ins Werk gesetzten blutigen Krieg gegen die Kartelle, will sie so wenig wie möglich zu tun haben. Man nennt sie das „Püppchen“, weil sie immer lächelt. Böse wird sie nur, wenn sie gegen Peña Nieto wettert. Dann tauchen plötzlich auch Drogenmafias auf in ihren Reden – als angebliche Freunde und Financiers des PRI-Kandidaten.

Der gutmütige Alte der Inszenierung ist ein völlig gewandelter Andrés Manuel López Obrador. Der Kandidat der sozialdemokratischen Partei der demokratischen Revolution (PRD), der bei der Wahl vor sechs Jahren als feuriger Linkspopulist mit nur 0,56 Prozentpunkten gegen den konservativen Calderón verlor und diese Niederlage nie akzeptiert hat, gibt sich heute fast hippiemäßig als großer Versöhner, verspricht eine „liebevolle Republik“ und fordert „abrazos, no balazos“ – „Umarmungen, keine Kugeln“. Mit seinem Kuschelkurs will er vor allem unsichere PRI- und gemäßigte PAN-Wähler auf seine Seite ziehen.

Immerhin macht er damit Vázquez Mota in den Umfragen den zweiten Platz streitig. Beide aber liegen nur zwischen 20 und 25 Prozent. Peña Nieto hat gut 20 Prozentpunkte Vorsprung. Und weil in Mexiko derjenige Kandidat Präsident wird, der die meisten Stimmen erzielt, auch wenn er die absolute Mehrheit verfehlt, braucht sich der Galan keine Sorgen zu machen, am Ende auch der Glückliche zu sein.

Der vierte Kandidat, Gabriel Quadri vom Kleinstparteienbündnis Nueva Alianza, wird mit dem Ausgang der Wahl ohnehin kaum etwas zu tun haben: Er dümpelt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der vorher kaum bekannte Bauingenieur versucht mit Ökothemen und der Forderung nach legalem Marihuana zu punkten und gibt sich als aufrechter Kämpfer gegen „die traditionellen Politiker“. Aber wie früher die Narren am Hof wurde auch er letztlich gekauft: Die starke Frau hinter seiner Kandidatur gehört zum ganz traditionellen Establishment. Es ist Elba Ester Gordillo, eine Politikerin aus dem inneren Zirkel der PRI und seit über zwei Jahrzehnten Chefin der mächtigen Lehrergewerkschaft. Erst im Vorfeld der Wahl hat sie mit ihrer alten Partei gebrochen.

In einem, dem wichtigsten Thema Mexikos sind sich alle Kandidaten einig: Die Armee soll aus dem Krieg gegen die Kartelle genommen und in die Kasernen zurückgeschickt werden. López Obrador will das möglichst schnell, Peña Nieto eher „graduell“ und Vázquez Mota, „wenn es die Umstände erlauben“. Eine schlüssige Alternative aber hat niemand zu bieten. Allenfalls gibt es ein paar Floskeln zu hören, aber meistens herrscht einfach Schweigen.

Was aber zeichnet dann gerade die PRI aus? So sehr, dass die Mexikaner nach zwölf Jahren bereit zu sein scheinen, ausgerechnet diese korrupte Partei wieder zurück an die Macht zu wählen? „Seit dem Ende ihrer Präsidentschaft kam es [bei der PRI] zu keinem spektakulären Richtungswechsel“, beobachtet der Soziologe Roger Bartra. „An den Grundzügen ihres Programms wurde nichts geändert, es gab keine öffentliche Kritik der autoritären Vergangenheit, und die Parteichefs pflegen noch immer den alten Stil.“ Kurzum: Eine neue Idee oder gar eine Vision für Mexiko gibt es nicht.

Aber etwas hat sich doch verändert: „Die PRI wurde zu einer richtigen Partei“, sagt Bartra. Früher war sie kaum mehr als eine zentral gesteuerte Wahlkampfmaschine, die mit viel Geld und, wenn es sein musste, mit Betrug eine Präsidentschaftswahl nach der anderen gewann. Danach konnte sie sechs Jahre ruhen. Politik wurde nur im engen Zirkel um den jeweiligen Präsidenten gemacht. Seit der verlorenen Wahl von 2000 hat sie damit begonnen, ihre Macht auf lokale und regionale Strukturen aufzubauen und gewann mit dieser Strategie bei den lokalen Wahlen einen Teilstaat nach dem anderen. Heute stellt sie 20 von 32 Gouverneuren und ist überall im Land präsent.

Einen Teil ihrer Attraktivität verdankt die Partei ganz sicher der Nostalgie. Als sie noch an der Macht war, gab es keinen Drogenkrieg. Politik und Kartelle ließen sich gegenseitig in Ruhe oder arbeiteten gar zusammen. Raúl Salinas de Gortari, Bruder des vorletzten PRI-Präsidenten Carlos Salinas Gortari (1988 bis 1994), hat nachweislich Drogengelder gewaschen, und alle Indizien sprechen dafür, dass er auch selbst ganz gut im Geschäft war. Sein Bruder hat derweil im Präsidentenpalast die mexikanische Wirtschaft zugunsten eines kleinen steinreichen Zirkels privatisiert und sich nach seiner Amtszeit vorsichtshalber ins freiwillige Exil nach Irland abgesetzt. Das mag hässlich gewesen sein, aber es gab viel weniger Tote. Und die PAN, die der PRI als Regierungspartei nachfolgte, hat mit deren Klientelismus keineswegs gebrochen.

Wenn die Unterschiede zwischen den Kandidaten verschwimmen, siegt die Sehnsucht nach dem sichereren Gestern. Für Jorge Volpi ist die Wahl vom 1. Juli die erste seit 25 Jahren, bei der es nicht mehr um zwei entgegengesetzte Visionen geht. Seit den Wahlen 1988, sagt er, konnten die Mexikaner tatsächlich entscheiden – erst zwischen der Fortsetzung des korrupten PRI-Modells und dessen Ablösung durch die zunächst saubere linke Abspaltung PRD. Danach ging es um die PRI oder die PAN mit ihrem konservativ-wirtschaftsliberalen Gegenmodell und bei der letzten Wahl schließlich um die PAN oder den Linkspopulismus des López Obrador. Ein Kreuz auf dem Wahlschein „war immer eine Entscheidung für ein Lebensmodell“, sagt Volpi. „Es war ein moralisches Statement. Heute ist das zum ersten Mal seit 25 Jahren nicht mehr so.“ Alles ist nur noch ein medial aufgeblasener Einheitsbrei, und nach der Wahl wird es so weitergehen wie zuvor. Wer gewinnt, ist da fast schon egal.

Am deutlichsten wurde dies bei der ersten Fernsehdebatte zwischen den Kandidaten am 6. Mai. Sicher, es wurden die zu erwartenden gegenseitigen Anschuldigungen ausgetauscht. Aber weit spektakulärer war die schwarzhaarige Versuchung in Person des ehemaligen Playboy-Models Julia Orayen, die in den ersten 30 Sekunden der Show auftrat und die Lose, mit denen die Reihenfolge der Antworten festgelegt wurde, an Kandidatin und Kandidaten verteilte. Sie und ihr sehr freizügiges Dekolleté standen danach im Mittelpunkt der Nachrichten und Kommentare.

Drei Tage vor dieser Debatte wurden in der Grenzstadt Nuevo Laredo 34 Leichen gefunden. Neun hingen weithin sichtbar an einer Straßenbrücke. Zwei Tage nach der Show fand man in Guadalajara in zwei verlassenen Autos die Köpfe von 18 Leichen. Dass es in Ciudad Juárez ein bisschen ruhiger geworden ist, führt Gustavo de la Rosa von der Menschenrechtsbehörde der Provinz Chihuahua darauf zurück, dass nach langem Krieg ein Drogenkartell die Oberhand gewonnen und nun das Sagen habe. Die Schlacht hat sich derweil an andere Orte verlagert: ins vorher sehr ruhige Guadalajara und nach Veracruz an der karibischen Küste sowie in die Region rund um den pazifischen Ferienort Acapulco. Insgesamt steigt die Zahl der Toten weiter.

Toni Keppeler ist Journalist mit dem Arbeitsschwerpunkt Mittelamerika und Karibik. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 08.06.2012, von Toni Keppeler

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