Panik und Konfusion

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Panik und Konfusion

Ein Psychogramm der USA im Wahlkampf

von Thomas Frank

Brandon Lipchik, Backyard, 2020, verschiedene Materialien auf Leinwand, 185 x 200 x 10 cm
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Es ist das schrecklichste Jahr unseres, meines Lebens, aber ich hatte immerhin einen angenehmen Sommer. Den ganzen Juli verbrachte ich in dem Haus, in dem ich groß geworden bin, einem etwas ramponierten Schindelbau in einem der grünen Vororte von Kansas City. Hier las ich einen Monat lang Romane über den Zweiten Weltkrieg, reparierte an dem Haus herum, sah mir bei Missouri-Wein alte Filme an und schaffte es ziemlich oft, die tödliche Pandemie und den ökonomischen Kollaps rundum zu vergessen. In den Morgenstunden, wenn die Sonne schien, die Blumen betörend dufteten und kaum Autos fuhren, setzte ich mich aufs Fahrrad und radelte mein Pensum herunter. Danach holte ich meine Zeitung aus dem Briefkasten und sah mich auf Twitter um.

Und schon war alles wieder da: Panik, Konfusion, Anklagen, Vorwürfe. Videos von Leuten, die sich auf offener Straße anschreien, die mit Gewehren herumfuchteln, die mit dem Auto in eine Gruppe Demonstranten fahren, die hysterisch ganze Passagen aus den Schriften der Gründerväter unseres Landes zitieren. Täglich neue Symp­tome des geistigen Verfalls, und vor allem: das wachsende Gefühl, dass niemand weiß, was hier verdammt noch mal los ist.

Zwei Meldungen aus dem Kansas City Star vom 14. Juli 2020. Die erste: Ein Mann betritt ein Barbecue-Restaurant, er trägt eine rote Trump-Kappe, und er trägt keine Maske. Der Junge an der Kasse (der 8,50 Dollar pro Stunde verdient, wie die Zeitung anmerkt) fordert den Mann auf, Nase und Mund zu bedecken, wie es in der Stadt vorgeschrieben ist. Daraufhin hebt der sein Hemd hoch wie Clint Eastwood in einem Italowestern, um dem Jungen zu zeigen, war er darunter hat: eine Pistole.

Zweite Meldung, auf der Titelseite: Kansas erlebt eine „unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus“. Diese Aussage beruht jedoch nicht auf einer Auswertung der Meldungen aus verschiedenen Gebieten des Bundesstaats, sondern auf einer nationalen Epidemiekarte im Internet. Die irgendwo sitzenden Urheber dieser Karte hatten Kansas von der Kategorie rot (schlimm) in die Kategorie dunkelrot (schlimmer) hochgestuft. Und diese Entscheidung einer entfernten Instanz wurde zur Schlagzeile, die 2 Millionen Menschen im Großraum Kansas City schockierte.

Was man schlicht für journalistische Faulheit halten könnte, ist eine für die heutigen USA typische Erscheinung. Regionalzeitungen können nicht alle Meldungen aus ihrem Bundesstaat sichten, weil sie nicht mehr genügend Leute dafür haben. Der Kansas City Star wurde wie viele vergleichbare lokale Medien in den letzten Jahren von einem Besitzer zum anderen weitergereicht. Die letzte Eigentümergesellschaft ging im Februar 2020 bankrott, im Juli wurde das Blatt von einem Hedgefonds mit Sitz in New Jersey aufgekauft.

So weit ist es gekommen, in den Vereinigten Staaten des Jahres 2020: Niemand weiß mit Gewissheit, was Sache ist; und das nicht nur wegen des Zeitungssterbens. Die beispiellosen Quarantänemaßnahmen erschweren persönliche Kontakte. Die öffentlichen Gebäude sind nicht oder nur schwer zugänglich. Die Mordrate schnellt in die Höhe. Die Angst vor dem Fliegen wächst. Schulunterricht findet nur noch online statt. Die Leute führen sich auf wie in durchgeknallten Cowboyfilmen. Dein betagter Vater wird von Fox TV mit Bildern von gewaltsamen Demos geblendet. Und wenn sein altmodisches Festnetztelefon noch mal klingelt, hört er eine Computerstimme, die ihm mit Gefängnis droht, wenn er nicht umgehend tausend Dollar auf das Konto des Computers überweist.

Die Depression ist allgemein. Zerfall, wohin wir schauen, und niemand in Sicht, der die Dinge wieder ins Lot bringt. Als ich jünger war, gaben sich die Politiker dieses Landes Mühe, die Menschen in düsteren Zeiten zu beruhigen. Der heutige Mann im Weißen Haus dagegen hat nur eines im Sinn: Wie er sich aus der Verantwortung stehlen kann. Der Egomane Trump, dem kein ehrlicher Satz über die Lippen kommt, reagiert auf die Agonie seines Volkes wie der traumatisierte Zeuge eines schrecklichen Autounfalls, der von nichts anderem mehr spricht.

Was die Coronazeiten für unsere Realitätswahrnehmung bedeuten, hat der Bürgermeister von Kansas City auf den Punkt gebracht. Auf eine Journalistenfrage nach der Entsendung von Bundespolizei – die jedoch niemand in der Stadt gesichtet hatte – antwortete er voller Frust: „Das ist nicht zu verifizieren, weil man nichts verifizieren kann.“

Wo nichts mehr verifizierbar ist, übernimmt die Fantasie. Und es braucht nicht viel Fantasie, um unsere Ängste aufzurühren. Wir alle hier sehen das Ende der Welt auf uns zukommen, oder das Ende unseres Way of Life, oder das Ende von irgendwas unendlich Wichtigem, ohne dass wir es genau benennen könnten.

Derzeit gibt es hierzulande mindestens ein Dutzend überhitzte Kollektivängste: die Angst vor Polizisten, die straflos prügeln und töten können. Die Angst vor Straßenkrawallen. Die Angst, den Job zu verlieren, wenn man sich nicht progressiv genug gibt. Die Angst vor Leuten, die keine Masken tragen. Die Angst vor Masken, die man als einen von unbekannten Mächten verordneten Maulkorb empfindet.

Doch die Angst Nummer eins gilt – wir sind schließlich in einem Wahljahr – der Politik: Unsere Demokratie ist krank und droht in eine Diktatur umzukippen. Das ist der Tenor seit dem Amtsantritt von Trump, mit dem sich die liberal-progressiven Kräfte in ihre Ängste hineinsteigern. Jahrelang wurde Trump von prominenten Journalisten und Stars der sozialen Medien als russischer Agent hingestellt; und kein Tag verging ohne den Vergleich mit Nixon und Watergate.

Heute haben es Trumps Gegner nicht mehr nötig, von Russiagate zu reden. Das Gebot der Covid-Ära, jedes Thema auf maximale Panik zu trimmen, hat frühere Befürchtungen zu einen Hurrikan der Angst anwachsen lassen, der mit nahendem Wahltermin an Stärke zunimmt. Das tägliche Thema in Presse und sozialen Medien ist mittlerweile der angeblich drohende Staatsstreich.

Es ist faszinierend – und zugleich furchterregend –, dass die Trump-Anhänger behaupten, aus denselben Gründen vor Angst zu zittern: In der Tat, es wird einen Putsch geben, sagen auch sie, aber geplant wird er im progressiven politischen Lager und beim Medien-Establishment. Dabei begründen die Rechten ihre Angst vor einer linken Machtübernahme ironischerweise mit dem Geschrei der anderen über eine rechte Machtergreifung. Die ganzen Warnungen des liberalen Lagers vor einem Angriff Trumps auf die Demokratie, sagen sie, beweise nur, dass diese Leute selbst einen Angriff auf die Demokratie planen.

Wegen der Corona-Epidemie mussten Demokraten wie Republikaner ihre Parteitage im gewohnten Format absagen und durch TV-Spektakel ersetzen. Das Resultat waren jeweils vier Abende mit schlecht inszenierten Auftritten der Parteiprominenz. Wobei der Hauptunterschied darin bestand, dass bei den Republikanern mehr geschrien und gedroht wurde, bei den Demokraten dagegen mehr auf die ethnische Vielfalt und die ethischen Vorzüge des Führungspersonals verwiesen wurde. Insgesamt jedoch waren sich beide Parteitage sehr ähnlich: in der Inszenierung einer Panik, die das Publikum aufforderte, von den politischen Gegner nur das Schlechteste zu denken, aber auch zu hoffen, dass das Land, wenn im November nur der richtige Kandidat durchkommt, zu heilsamer Normalität zurückfinden werde.

In Sachen Panikmache hatten die Demokraten das leichtere Spiel. Sie mussten nur wiederholen, was sie und ihre Medien seit vier Jahren vorbringen: Donald Trump ist eine Bedrohung für unsere traditionelle Regierungsform, er bedient religiöse Fanatiker, er hat unsere Pandemiestrategie vermasselt, er zieht den Wahlvorgang auf vielerlei Weise in Zweifel. Die Demokraten hatten einen Vorteil, weil jeder dieser Vorwürfe mehr oder weniger zutrifft.

Tammy Duckworth, Senatorin aus Illinois, bezeichnete Trump als „kommandierenden Feigling“, der unsere Soldaten mit seiner Nachgiebigkeit gegen die Russen im Stich lasse. Popsängerin Billie Eilish verkündete, Trump zerstöre „unser Land und alles, was uns wichtig ist“. Andrew Cuo­mo, Gouverneur des Staats New York, präsentierte sich wie so oft als Inbegriff administrativer Kompetenz und insinuierte, dass der Trumpismus eine Art Virus sei.

Den weitaus wirkungsvollsten Auftritt legte jedoch Ex-Präsident Barack Obama hin, der professionell und cool auf den Punkt brachte, was am Trumpismus so gefährlich ist. Er selbst, gab Obama zu, habe erwartet, dass der Fernseh­mil­liar­där Trump in seine neue Rolle hineinwachsen werde. „Aber das ist nie geschehen“, vielmehr betreibe Trump das höchste politische Amt wie „eine Realityshow, die ihm dazu dient, die ersehnte Aufmerksamkeit zu bekommen“. Des Weiteren machte Obama seinen Nachfolger voll für die Coronatoten verantwortlich und warf ihm vor, das „weltweite Ansehen der USA“ zu zerstören – was immer man darunter verstehen mag.

Die zweite hervorstechende Botschaft dieses Parteitags lautete, dass der Kandidat Joe Biden ein ganz toller Kumpel ist. Obama nannte seinen Vizepräsidenten einen „Bruder“. Bernie Sanders beschrieb ihn als „einfühlsam“ und „aufrichtig“ und „anständig“. Bidens jahrzehntelanges Wirken in Washington kam kaum zur Sprache, was auch damit zu tun hatte, dass zu Coronazeiten alle Konflikte auf die Formel „Gut gegen Böse“ reduziert werden müssen.

Biden selbst erklärte schlicht, es gehe ihm darum, „die Zeit der Dunkelheit“ zu beenden. Alle Wahlen seien wichtig, meinte er auf seine liebenswert linkische Art, „aber im Grunde wissen wir, dass diese noch bedeutsamer ist“. Im November werde sich entscheiden, wie die USA „für lange, lange Zeit“ aussehen werden. Es gehe nicht nur um Charakter und Einfühlsamkeit der Kandidaten, sondern auch „um politischen Anstand, um Wissenschaft und um Demokratie“. Das Reich der Fakten betrat der Ex-Vizepräsident nur kurz, als er feststellte, das Land habe in der Pandemie „die weitaus schlechteste Bilanz aller Staaten dieser Erde“ aufzuweisen. Doch insgesamt war Biden bemüht, auf der spirituellen Ebene zu verbleiben, wo die Schlachten um abstrakte Ideen geschlagen werden. „Mögen die Historiker einmal sagen können, dass das Ende dieses Kapitels amerikanischer Dunkelheit hier an diesem Abend begonnen hat, an dem sich Liebe und Hoffnung und Licht zum Kampf um die Seele der Nation vereinen.“

Zu früheren Zeiten hatten die Parteitage der Demokraten stets ein sehr erwartbares Leitmotiv: Wir sind die Partei der Mittelklasse, die sich um eure ökonomischen Interessen kümmert und dafür sorgt, dass die Mächtigen die Regeln einhalten. Zwar hatte diese Botschaft immer weniger mit der Realität zu tun, aber sie blieb das historische Markenzeichen der Partei, und sie achtete darauf, es immer wieder herauszustreichen.

Aber nicht in diesem Jahr. Natürlich wurde ab und zu auf die Opfer der Wirtschaftsflaute verwiesen, an der die Coronastrategie Trumps schuld sei. Aber insgesamt waren die Probleme der Mittelklasse dieses Mal kein große Thema. Das war für jemanden wie mich, der Zeit seines Lebens über Kapital und Arbeit, über neoliberale Deregulierung und Ungleichheit – kurz: über Klasse – geschrieben hat, schon etwas eigenartig. Wo blieben all die Fragen, die mich immer beschäftigt haben? Wo waren die Demokraten, die das Thema Ungleichheit immer so überzeugend angesprochen hatten? Wo war die Klassenfrage in Coronazeiten abgeblieben?

Es gab einen Ort, an dem sie überraschend auftauchte. Eine Woche später war der Parteitag der Republikaner. Und hier kam das alte Thema der Demokraten bereits am ersten Abend zur Sprache. Gleich nach dem Treuegelöbnis auf die Fahne ergriff der junge Charlie Kirk das Wort. Der Gründer einer College-Gruppe, die linke Professoren denunziert, rief sein Publikum zum Klassenkampf auf: „Jahrzehntelang haben die Führer der herrschenden Klasse in beiden Parteien den Ausverkauf unserer Zukunft betrieben – an China, an anonyme Unternehmen und an selbstsüchtige Lobbyisten.“ Man traute seinen Ohren nicht. Da wütete ein Republikaner gegen Unternehmen und Lobbyisten und herrschte die Herrschenden an: Die hätten den Ausverkauf nur betrieben, „um ihre eigene Macht zu erhalten“. Leute, die „das System manipulierten, um die guten, redlichen Mittelklassepatrioten zu unterdrücken, die eine Familie gründen und ein anständiges Leben haben wollen“. Der nächste Redner attackierte dann die Lehrergewerkschaft.

In diesem Jahr der Coronapandemie ist ­Panik der sexy Aufreger, den alle für sich nutzen wollen. Und in diesem Panikwettstreit sind die Demokraten – mit ihrer Warnung vor einem systemischen Rassismus und vor der Bedrohung demokratischer Institutionen durch Trump – ihrem Gegner hoffnungslos unterlegen. Denn die Republikaner sind die Champions in der Disziplin apokalyptische Schreckensvisionen. Sie spielen auf dem Klavier der Angst wie einst Vladimir Horowitz auf seinem Steinway-Flügel. Wenn ihr diese Liberalen wieder an die Macht wählt, warnen sie inbrünstig, werdet ihr nicht nur die Bedrohung der Demokratie, sondern gleich das Ende der Zivilisation erleben: Dann wird es blutigen Aufruhr geben, wie bei den Demos gegen Polizeigewalt diesen Sommer. Eigentum wird zerstört, Denkmäler werden geschleift, die besseren weißen Wohngegenden werden plattgemacht. Und über all das wird es keine faire Berichterstattung geben, denn die Medien wie die Experten werden durch das Gezeter der blindwütigen, anarchischen liberalen Meute hypnotisiert sein.

Eine Auswahl von Wortmeldungen auf dem republikanischen Parteitag, die an die Ängste der Mittelklasse appellierten:

– „Seht, was in den amerikanischen Innenstädten passiert: Verbrechen, Gewalt und die Herrschaft des Mobs … Die Demokraten lassen dich nicht zur Arbeit gehen, aber sie lassen dich randalieren“ (Tim Jordan, Kongressabgeordneter aus Ohio).

– „Im Amerika der radikalen Demokraten werden eure Familien nicht sicher sein … der von ihren Medienverbündeten aufgewiegelte Mob wird euch zu vernichten versuchen“ (Mark und Patty McCloskey, ein reiches Ehepaar aus St. Louis, das Demonstrierende vor ihrem Haus mit Schusswaffen bedroht hat).

– „Diese Wahl ist eine Schlacht um die Seele Amerikas … sie wollen dieses Land zerstören, und alles, was wir erkämpft und bewahrt haben. Amerika! Es geht um alles!“ (die ehemalige Fox-Moderatorin Kimberly Guilfoyle, eine enge Freundin der Trump-Familie).

Und schließlich Donald Trump jr., der Sohn des Präsidenten: „Früher haben beide Parteien an die Tugenden Amerikas geglaubt … Dieses Mal attackiert die andere Partei die Grundprinzipien, auf denen unsere Nation gründet: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit.“

Und all das am Tag eins des republikanischen Parteitags! An den anderen Abenden ging es darum, eine alternative Realität zu spinnen, in der Trump in allen Anklagepunkten der Demokraten freigesprochen wird: Im Kampf gegen Corona hat der Präsident alles getan, was getan werden konnte; für die Pandemie ist China verantwortlich; die ökonomische Erholung steht vor der Tür; Trump ist kein Rassist. Letzteres zu behaupten oblag einer Riege schwarzer Ex-Football-Stars, wobei anzumerken ist, dass deren Redebeiträge bei Weitem nicht so gut ankamen wie die endlosen Huldigungen an die Panik.

Doch um die diesjährige Wahl wirklich zu verstehen, muss man auch sehen, wie die Mainstream-Medien den aktuellen Präsidenten seit vier Jahren in die Pfanne hauen. Die Washington Post zum Beispiel publiziert pro Tag regelmäßig drei bis vier Meinungsbeiträge, die Trump in schärfster Tonart attackieren. Zweck der Übung ist natürlich, dessen Popularität zu beschädigen, aber ironischerweise sind solche Attacken sehr geeignet, dem Angegriffenen die Gegenstrategie zu erleichtern. Tagaus, tagein wird der Mann als elender Wurm beschrieben, als Mensch bar jeder Tugend, als Scheusal übelster Sorte, das womöglich ein Verräter ist. Was, wenn die Republikaner Beweise vorlegen, dass Trump in Wirklichkeit ein guter Typ ist, dem seine Mitmenschen um Herzen liegen?

Ein solcher Zillionen-Volt-Stromstoß kognitiver Dissonanz durch das Hirn der Nation wäre Lohn und Rechtfertigung genug für den ganzen Aufwand. Den bescherte der Parteitag auch in dem einen großen Moment unbestreitbaren Triumphs: das große Finale, als nach endlosen langweiligen Sätzen von öden Rednern vor einem leeren Saal Ivanka Trump ihren Videoauftritt hatte. Die elegante Präsidententochter trat durch ein Spalier amerikanischer Fahnen aus dem Weißen Haus heraus, unter dem Beifall eines echten Publikums, bestehend aus echten Menschen ohne Masken – eine schockierende Herausforderung des Coronavirus.

Mit der perfekten, von einer leichten Brise geföhnten Frisur einer Thronerbin schritt Ivanka über den Rasen vor dem Weißen Haus zu einem Mikrofon, um uns in eine alternative Realität zu führen. Eine Realität, in der Donald Trump, der Präsident des Volkes, als „Champion des amerikanischen Arbeiters“, als „Stimme der vergessenen Männer und Frauen dieses Landes“, der Gute ist. Und alle anderen – ob Medienleute oder Politiker – Arschlöcher, Lügner, erbärmliche Versager. Der Präsident, sagte seine Tochter, wird von seinen Enkelkindern geliebt. Geliebt wird er auch von „nüchternen Mechanikern und Stahlarbeitern“, die mit den Tränen kämpfen, wenn sie ihm begegnen. Er hegt „ein tiefes Mitgefühlt für Menschen, denen unfair mitgespielt wurde“, insbesondere für Strafgefangene. Und er wird alles für die Milchviehfarmer von Wisconsin tun, erzählt sie, und dass er sich ganz schlecht fühlte, als er „die seit Generationen stärkste, gerechteste Wirtschaft“ opfern und den Lockdown anordnen musste, „um amerikanische Leben zu retten“.

Am Schluss begab sich Donald Trump selbst auf das Podium. Nachdem er die Nominierung durch seine Partei angenommen und erklärt hatte, dass er normale menschliche Gefühle empfinde, drehte er Joe Bidens manichäisches Weltbild um: „Amerika ist nicht ein Land, das in Finsternis versinkt; Amerika ist die Fackel, die die ganze Welt erleuchtet.“ Über Biden sagte Trump, der sei genau das, was man ihm selbst häufig unterstellt: ein Schwindler, der die Arbeiterklasse betrügt. Biden hat „die Spenden der Arbeiter genommen, hat sie umarmt und sogar geküsst und ihnen gesagt, dass er ihre Schmerzen nachempfindet, und dann flog er nach Washington zurück und stimmte für Gesetze, die unsere Jobs nach China und in viele andere ferne Länder verlagern“. Die Botschaft lautete: Alles, was ihr zu wissen glaubtet, war falsch.

Und die „politische Klasse“? Alles Gauner, ausnahmslos. „Die Insider von Washington haben mich angefleht, dass wir China gestatten, weiterhin unsere Jobs zu klauen, uns über Ohr zu hauen und unser Land total auszuplündern, aber ich habe gegenüber dem amerikanischen Volk mein Wort gehalten.“ Trump zufolge werden die teuflischen, hinterhältigen und machtbesessenen Demokraten ein völlig wahnsinniges Programm umsetzen, wenn sie die Chance dazu bekommen. Sie werden die Grenzen der USA „auslöschen“, und das „inmitten der weltweiten Pandemie“; sie werden illegalen Einwanderern „steuerfinanzierte Anwälte“ gönnen, zugleich aber weniger Geld für die Polizei ausgeben, Krawalle anstacheln und 400 000 Kriminelle „auf die Straße und in eure Wohnviertel entlassen“. Wenn die alte herrschende Klasse wieder an die Macht kommt, steuern wir auf den Untergang zu, denn diese Leute werden stolze Amerikaner gnadenlos ins Elend stoßen, während sie selbst sich in ihrer moralischen Überlegenheit sonnen.

Die Abrechnung gipfelte in einem langen Sündenregister dieser heuchlerischen Liberalen: „Sie wollen die freie Wahl der Schule abschaffen, ihre eigenen Kinder aber in den besten Privatschulden des Landes unterbringen. Sie wollen die Grenzen öffnen, aber sie selbst leben hinter den Mauern ihrer bewachten Wohnviertel und in den besten Gegenden dieser Welt. Sie wollen die Mittel für die Polizei kürzen, aber sie selbst lassen sich durch bewaffnetes Wachpersonal schützen. Wir müssen diese gescheiterte politische Klassen im November für immer verabschieden.“

Trumps Körnchen Wahrheit

Wenn ich all die absurden Trump-Sprüche, die keinem Faktencheck standhalten, nicht mit einem Grinsen als glatte Unwahrheiten beiseitewischen kann, so gibt es dafür einen Grund: In dieser geballten Ladung Schwachsinn steckt ein Körnchen Wahrheit.

Es ist allgemein bekannt, dass eine gewisse Sorte linker Politik in Kreisen der oberen Zehntausend als schick gilt. Wir sehen es in der Radikalisierung, die sich seit Jahren bei den US-Qualitätsmedien, den renommiertesten Universitäten und kulturellen Institutionen vollzieht, zum Beispiel beim National Public Radio (NPR). Der Kultsender gut situierter Linksintellektueller machte sich unlängst zum Megafon eines Autors, der ein Buch mit dem Titel „Verteidigung des Plünderns“ verfasst hat. Und neulich sah ich mit eigenen Augen ein Luxus-T-Shirt mit dem Aufdruck: „We should all be Feminists.“

Trump sagte in seiner Nominierungsrede: „Sie sind hinter mir her, weil ich für euch kämpfe.“ Das ist natürlich falsch, denn Trump kämpft keineswegs für „uns“. Richtig ist dagegen, dass „sie“ hinter ihm her sind. Und wenn „sie“ Donald Trump hassen, fühlen sich viele seiner Anhänger nur bestätigt: Trump ist der Feind ihrer Feinde, weshalb deren Hass durchaus willkommen ist.

Genau dies sieht, wie ich vermute, ein Großteil der US-Bevölkerung in diesem Schreckensjahr als den Konflikt Nummer eins. Also nicht Russia­­gate, nicht Trumps Zerstörung der rechtlichen Normen oder sein missbräuchlicher Einsatz des Militärs und nicht einmal sein unglaubliches Versagen im Kampf gegen die Pandemie, bei dem Trumps Inkompetenz sich nach Zehntausenden von Toten bemisst.

Nein, das zentrale Thema ist dieser eigenartige Klassenkonflikt: Trump gegen die aufgeklärteren Kreise von „Upper America“, die sich gegen ihn zu einer hermetischen Oberschichtsolidarität zusammenschließen, die wir nie zuvor erlebt haben. Ihr Hass auf Trump macht aus einem objektiv schrecklichen keineswegs einen guten Präsidenten. Aber er hilft Trump, viele Menschen für sich zu gewinnen, die normalerweise mit einem eitlen Narren seines Schlags nichts würden zu tun haben wollen.

Die Wut auf dieses „Upper America“ ist ungefähr alles, was uns Trump hinterlässt. Die stolze, brummende Wirtschaft ist nur noch ein rauchendes Autowrack vor einem Baum; die von ihm gefeierten wackeren, fleißigen Bürger sind heute darauf beschränkt, vor der Glotze eine tödliche Krankheit auszusitzen, die andere indus­tria­li­sierte Länder unter Kontrolle gebracht haben. Die Angst vor den moralisierenden Liberalen ist buchstäblich alles, was dieser Mann im Endspurt zu den Wahlen noch aufbieten kann.

Woher kommt diese Verachtung für „die Liberalen“? Die Antwort haben wir vor Augen, überall. Die progressiven Politiker sprechen vielleicht nicht mehr gern von der Mittelklasse, aber sie reden immer und inständig über die guten Menschen, also über sich selbst. Und über ihre Verachtung für weniger kultivierte Menschen, also die anderen.

Die Schelte der Progressiven ist das Ergebnis dieser Verachtung, und in Zeiten von Corona ist sie überall. In den sozialen Medien wird derzeit ein Video geteilt, das eine Demonstration für Black Lives Matter (BLM) zeigt (ein Anliegen, an das ich glaube). Darauf bedrängen einige BLM-Anhänger eine Frau, die in einem Straßencafé sitzt; sie schreien auf sie ein, sie soll die Faust erheben wie sie selbst. Wenn man so etwas sieht, beginnt man zu verstehen, wie es war, in der McCarthy-Zeit zu leben.

Die sozialen Medien werden offenbar Tag für Tag mit ähnlichen Szenen geflutet – eine ganze Gesellschaft versinkt in einem Wirbel von Anklagen und Anschuldigungen. Drei meiner näheren Bekannten – alle deutlich links vom liberalen Lager – haben Attacken auf ihren guten Namen erlebt. Und in allen drei Fällen war das Verfahren, in dem sie schuldig gesprochen wurden, so haarsträubend unfair, dass es eher einem politischen Schauprozess glich als einer vernünftigen Ab­wägung der Argumente. Ich wage die Vermutung, dass Mil­lionen weiterer Bürger und Bürgerinnen ähnliche Geschichten aus ihrer Umgebung kennen.

Das hat zugegebenermaßen nicht viel mit Joe Biden zu tun, der sich in den letzten Wochen bemüht hat, die gemäßigte Gefolgschaft der Republikaner in den Vorstadtvierteln anzusprechen. Man muss Biden zugutehalten, dass er offenbar ein redlicher Charakter ist – das individuelle Relikt einer Kultur, die noch Mittel und Wege kannte, die moralischen Schwächen der normalen Menschen zu tolerieren oder zu verzeihen.

Zu normalen Zeiten würde ein solcher Mensch den unfähigen Stümper, der noch im Weißen Haus sitzt, mit Leichtigkeit schlagen. Doch die Zeiten sind nicht normal. Und wenn man das breitere politische Panorama betrachtet, ist der Ausgang der Wahlen im November noch keineswegs sicher. Fast täglich verstärkt sich der Eindruck, dass liberale Politik zum Projekt einer Oberklasse geworden ist, die auf Einschüchterung und Rufmord setzt.

Die Aussage, dass viele Menschen diese Form parteipolitischer Auseinandersetzung hassen und fürchten, ist noch stark untertrieben. Panik, Konfusion, Beschuldigung, zeternde De­nun­zia­tion – das ist die Welt, in die wir hinabsteigen. Die Schuld für diesen Niedergang sehen viele Bürgerinnen und Bürger der USA nicht bei Trump. Die Schuld sehen sie bei den Progressiven, und damit meinen sie: bei den Reichen. Zu denen sie allerdings – ein letztes Paradox – Donald Trump nicht zählen.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Thomas Frank ist Journalist und Autor. Zuletzt erschienen: „The People, No. A Brief History of Anti-Populism“, New York (Metropolitan Books) 2020.

Le Monde diplomatique vom 08.10.2020, von Thomas Frank