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Die Ausstellung

Etliche Männer aus der Generation, die unter der Kulturrevolution zu leiden hatte, sind heute in China am Ruder. Sie verkörpern den Übergang vom Langen Marsch zum China von morgen. Sie sitzen an den Schalthebeln der Wirtschaft, schaffen Neues – und müssen für die Folgen der „zehn schwarzen Jahre“ einstehen.

Im heutigen, mehr oder weniger kommunistischen China ist die Kulturrevolution kaum noch Thema. Diese Phase gilt offiziell als abgeschlossen. Jetzt blickt das Land in die Zukunft, setzt auf Entwicklung und Konsum. Und wie so oft, wenn tragische Ereignisse ein Volk zu Handelnden und Opfern zugleich machen, lässt die individuelle Aufarbeitung, falls sie überhaupt stattfindet, zu wünschen übrig.

Es ist bitter, sich eingestehen zu müssen, dass die eigenen Ideale missbraucht, irregeleitet und manipuliert wurden, während man sich noch lebhaft an außergewöhnliche Momente jener zwangsweisen Vermischung städtischer und ländlicher Bevölkerung erinnert.

Auf der einen Seite schien im Rausch der Freiheit plötzlich alles möglich (Reisen, kostenlose Zugfahrten, freie Meinungsäußerungen, die Unabhängigkeit von Eltern und Lehrern), während man auf der anderen Seite mit Familiendramen, mit Gewaltausbrüchen und mit Selbstmorden konfrontiert war. Zurück bleibt die Erinnerung an die Freundschaften und die Solidarität, die jede Generation von jungen Menschen prägt, sowie die gelegentlichen Schuldgefühle gegenüber bestimmten Lehrern, Nachbarn oder der eigenen Familie.

Wenn Chinesen von heute diese Fotos zu sehen bekommen, stehen sie einem verborgenen Teil ihrer Geschichte gegenüber, zu dem sie sich jetzt frei äußern können. Bei denjenigen, die diese Ereignisse noch selbst miterlebt haben, sind Erschrecken und Betroffenheit noch deutlich spürbar. Oft hüllen sie sich in Schweigen oder murmeln ein paar Sätze über den „Wahnsinn“ dieser Zeit oder bedanken sich einfach für den aufmerksamen Blick, erst recht seitens einer Ausländerin.

Manchem Ausstellungsbesucher ist die Erregung darüber anzumerken, dabei gewesen zu sein – vielleicht erkennt sich der eine oder andere sogar selbst auf einem Foto – oder der Stolz, als Mitglied der Roten Garden an der Bewegung teilgenommen zu haben (auch wenn es im persönlichen Umfeld tragische Ereignisse gegeben haben mag). Viele sagen, sie würden sich nicht trauen, ihren Eltern die entscheidenden Fragen zu stellen, weil sie damit womöglich schmerzliche Erinnerungen wecken könnten. Andere finden, es ist Aufgabe der Großeltern, die verschwiegenen Wahrheiten auszusprechen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung und in den Schulbüchern nicht vorkommen.

Bemerkenswert sind auch die Reaktionen junger Besucherinnen und Besucher. Einige von ihnen interessieren sich kaum für das Dargestellte, nehmen höchstens den „kitschigen“ Aspekt der Fotos wahr. Die meisten wissen allerdings so wenig von dieser Zeit, dass sie angesichts dieser Bilder aus der Geschichte ihres Landes in ungläubiges oder sogar bestürztes Staunen geraten. Mehr oder weniger ausdrücklich kommt dann das Bedürfnis auf, diese Geschichte zu hinterfragen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Solange Brand

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009,