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Mann aus gutem Haus

In Japan ist Politik oft eine Familientradition. Die drei letzten Premierminister Shinzo Abe, Yasuo Fukuda und Taro Aso waren Söhne oder Enkel von Ministern. Sie gehörten alle der Liberaldemokratischen Partei (LDP) an, die seit 1955 die Geschicke des Landes bestimmte. Auch Yukio Hatoyama, der am 16. September vom Repräsentantenhaus des japanischen Parlaments zum Regierungschef gewählt wurde, ist Sohn und Enkel von Ministern. Auch der Führer der Demokratischen Partei (DPJ) hat seine Karriere bei der LDP begonnen, die sein Großvater Ichiro 1955 mitgegründet hatte.

Der archaische Klientelismus der LDP und die Korruptionsaffären, die Ende der 1980er-Jahre die Partei erschütterten, brachten Hatoyama dazu, die Partei 1993 zu verlassen. Damals wurde die Regierung für kurze Zeit von einer Anti-LDP-Koalition unter Führung von Morihiro Hosokawa übernommen. Dass diese Regierung 1994 zerfiel, lag auch an den Manövern des LDP-Dissidenten Ichiro Ozawa, der über Jahrzehnte eine Schlüsselfigur in der japanischen Politik war. Auch Hatoyama verdankt seinen jetzigen Wahlsieg weitgehend dieser grauen Eminenz.

Obwohl der neue Regierungschef den Klientelismus ablehnt, stammt aus dieser Quelle ein Großteil seines persönliches Vermögens. Hatoyama gehört zu einer der reichsten Familien Japans und hält gemeinsam mit seinem Bruder Kunio, der als Minister in der abgewählten LDP-Regierung diente, einen Teil des Kapitals des Reifengiganten Bridgestone, dessen Gründer sein Großvater mütterlicherseits war. Nachdem Hatoyama Anfang der 1990er-Jahre kleine Gruppen von LDP-Dissidenten zusammengebracht hatte, startete er 1996 ein weitaus ehrgeizigeres Projekt: Mit der Gründung der Demokratischen Partei wollte er eine wirkliche Opposition schaffen, die der LDP die Macht streitig machen könnte.

Hatoyama schaffte es, dank der Unterstützung von etwa 60 Parlamentariern verschiedener Parteien einschließlich der Sozialdemokraten, eine glaubwürdige Alternative zu entwickeln. Doch es ist Ozawa mit seiner Erfahrung, dem Hatoyama und seine Partei letztlich ihren Sieg verdanken.

Die ehemalige graue Eminenz der LDP, der einige schlechte Angewohnheiten seiner alten Partei nicht abgelegt hat, ist heute Generalsekretär der DPJ. Manche Beobachter, die sich an die Rolle Ozawas beim Sturz der Regierung Hosokawa erinnern, befürchten, dass dieses Amt ihm zu viel Einfluss auf die Regierung gibt. Hatoyama weiß genau, dass dieser „Schattenpate“ (kage no don) bis zu den Senatswahlen 2010 unentbehrlich ist. Die werden wichtig sein, weil sie dem Regierungschef die Mehrheit in beiden Parlamentskammern sichern könnten. Bis dahin muss Hatoyama hoffen, dass sich Ozawa seinen „Familiensinn“ bewahrt.

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009,