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Brief aus Stockholm

von Thomas von Vegesack

Ich schreibe aus einer Stadt, die ein halbes Jahr lang den Anspruch erheben könnte, sich als Hauptstadt Europas zu bezeichnen. Nur dass man in Stockholm selbst davon nicht viel mitbekommt. Schwedens Politiker scheinen keine Lust zu haben, ihre Hauptstadt besonders hervorzuheben. Sie betreiben ihre europäischen Aktivitäten lieber jenseits der eigenen Landesgrenzen.

Außenminister Carl Bildt zum Beispiel hat sich dafür entschieden, Europa aus der Luft zu lenken. Er hat, seit Schweden die Ratspräsidentschaft übernommen hat, nicht weniger als zwei Drittel seiner Zeit im Ausland verbracht. Allein im August bereiste er Litauen, Belgien, Bosnien, Frankreich, Georgien, Aserbaidschan, Armenien und Afghanistan.

Und bei dieser rastlosen Reisetätigkeit hält er uns auch noch tagtäglich auf dem Laufenden: „Heute ist jedenfalls ein etwas ruhigerer Tag in Stockholm geplant“, notierte er unter dem 11. September in seinen Blog: „In den letzten Tagen bin ich ja ständig durch die Gegend gesaust, mal musste ich ein neues Kraftwerk besichtigen, dann habe ich mit Studenten in den verschiedensten Teilen Europas diskutiert – und das nach den wichtigen Treffen in Paris, Haag, Warschau und Kopenhagen.“

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Kam das Treffen der EU-Außenminister vom 4. September dem Globetrotter Bildt vielleicht deshalb so gelegen, weil er des vielen Herumreisens müde war? Um dem Ereignis einen erlesenen Rahmen zu geben, wurde es im Stockholmer Modernen Museum abgehalten, das infolgedessen einige Wochen für das Publikum geschlossen blieb. Man darf bezweifeln, ob die Wahl des Orts wirklich gut überlegt war. Denn die erste Reaktion der Veranstalter bestand darin, einige Gemälde von den Wänden zu entfernen, von denen man fürchtete, sie könnten die Gäste schockieren. Die Bilder stammen von Dick Bengtsson, einem bekannten schwedischen Künstler, der Hakenkreuze in die Ecken gepinselt hatte.

Das ist zwar keine empörende Vorsichtsmaßnahme, und im Außenministerium wird man auch nicht angenommen haben, dass die Minister anfangen könnten, über Antisemitismus zu diskutieren statt über europäische Politik. Aber alles, was als Zensur aufgefasst werden kann, ist in Schweden ein heikles Thema.

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Leider bekamen die Außenminister während ihres kurzen Besuchs nicht allzu viel von der Stadt zu sehen. Außer einem Essen im Vasa-Museum – übrigens ein Muss für alle Stockholm-Besucher – blieb gerade noch Zeit für ein paar kurze Blicke auf die Kunstschätze des Museums. Dabei ist unsere Stadt gerade Anfang September schön, bevor der herbstliche Regen die Wasserflächen und die Parks der Stadt in einen grauen Schleier hüllt.

In Stockholm ist man am besten zu Fuß oder auf dem Rad unterwegs. Viele Stockholmer ziehen das Fahrrad vor. Heutzutage sind an einem normalen Werktag mindestens 150 000 Radfahrer unterwegs, und es werden ständig mehr. Vor einigen Jahren startete das Projekt Stockholm City Bikes. An vielen Punkten der Stadt stehen Mieträder zur Verfügung. Man nimmt sich so ein Fahrrad für ein paar Stunden und stellt es auf dem nächsten Parkplatz wieder ab.

Dieser Tage hat die Stadt Stockholm eine Bürgerbefragung veröffentlicht. Aus ihr geht hervor, dass die Einwohner mit ihrer Stadt sehr zufrieden sind. Für 85 Prozent der Befragten ist Stockholm eine Stadt, in der es sich gut leben und wohnen lässt. Nicht weniger als 89 Prozent sind zufrieden mit dem kulturellen Angebot. Das wird allerdings nur von einer Minderheit genutzt: Nur sechs Prozent der Befragten waren im vergangenen Jahr im Theater, nur zehn Prozent im Museum.

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Unsere Lokalpolitiker zeigen im übrigen ein eher kühles Interesse am kulturellen Leben. Das Nationalmuseum aus dem 19. Jahrhundert müsste dringend renoviert werden. Doch die Regierung zeigt sich wenig geneigt, die erforderlichen Mittel zu bewilligen. Ein Journalist hat darauf hingewiesen, dass ungefähr ebenso viel Geld für die Renovierung des Wirtschaftsministeriums ausgegeben wurde.

Kulturpolitische Zurückhaltung herrschte offenbar auch, als Ingmar Bergmans Wohnhaus auf Farö zum Verkauf stand. Ein Ausschuss unter der Leitung des früheren Ministerpräsidenten Ingvar Carlsson schlug vor, das Haus in ein Zentrum für Filmkunst umzuwandeln. Doch die Regierung weigerte sich, dafür auch nur die geringste Summe zu bewilligen. Also wird dieses Haus jetzt genau wie die übrige bewegliche Habe verkauft – darunter Bergmans Nachttisch, in dem sich Notizen eingeritzt finden. Zum Beispiel die Worte: „Warum kommt das Taxi nicht?“

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In der schon erwähnten Bürgerbefragung war der Verkehr kein Thema. Sonst hätte es auch dazu kritische Stimmen gegeben. Ein großer Teil des Durchgangsverkehrs verläuft durch einige Viertel der Innenstadt, damit steht Stockholm im Vergleich zu anderen Großstädten ziemlich einmalig da. Neulich hat die Regierung den Plan für „Durchfahrt Stockholm“ vorgestellt, ein gigantisches Straßenbauprojekt, das 27 Milliarden Kronen kosten soll und mit acht Jahren Bauzeit veranschlagt wurde. Die Straße soll größtenteils in einem Tunnel unter dem Mälarsee verlaufen.

Allein die Tatsache, dass dieser Plan den Mälarsee tangiert, hat starken Widerstand hervorgerufen. Dieser See war früher eine Meeresbucht. Heute dient er als Trinkwasserreservoir, das 90 Prozent der Stockholmer Bevölkerung versorgt. Die Schleusen, die verhindern, dass Salzwasser aus dem Meer eindringt, liegen mitten in der Stadt. Der Wasserstand wird täglich gemessen. Momentan liegt die Wasseroberfläche des Mälarsees 0,7 Meter über dem Meeresspiegel. Aber was geschieht an dem Tag, an dem sie unterhalb des Meeresspiegels liegt?

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Vor einem Jahr veröffentlichte die Stadt Stockholm einen Zukunftsplan, der großen Optimismus verriet. Stockholm wurde als „eine der konkurrenzfähigsten Großstadtregionen Europas“ beschrieben, in der nicht weniger als 35 Prozent des BNP des Landes erwirtschaftet werden. Stockholm habe auch die am besten ausgebildete Bevölkerung und wachse noch immer weiter. In einigen Jahren werde der Großraum Stockholm über drei Millionen Einwohner haben. Die Geburtenraten seien ständig gestiegen, zuletzt auf das Niveau der 1940er-Jahre. Ein Jahr später ist von diesem Optimismus nicht viel übrig geblieben. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt hat drastisch zugenommen, betroffen sind überwiegend junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren. Die Kriminalität ist hoch, Tendenz steigend. Täglich wird in den Zeitungen über Raubüberfälle und Einbrüche berichtet. Jeder zweite Stockholmer fühlt sich verunsichert, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs sein muss.

Tatort Stockholm gibt es jetzt auch für Touristen. Jeden Sonntag organisiert das Stockholmer Stadtmuseum Rundgänge auf den Spuren von Stieg Larssons Millennium-Trilogie. Die erzielte allein in Deutschland eine Auflage von zwei Millionen.

Das unglaubliche Interesse an Kriminalromanen zeugt auch von einer Verschiebung der gesellschaftlichen Debatten. Das Interesse an politischen Fragen nimmt ab; die Parteien haben in den letzten Jahre mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Immer weniger Leute wollen politische Aufgaben übernehmen. Vielleicht liegt es auch an der Sorge um die persönliche Sicherheit. Nach Angaben der schwedischen Sicherheitspolizei werden Lokalpolitiker immer häufiger bedroht.

Ein Kommentator hat es so erklärt: Wenn sich die gesellschaftliche Diskussion nicht mehr hauptsächlich um harte politische Fragen – wie Klassenunterschiede oder Gleichberechtigung – dreht, sondern um moralische Fragen wie Flüchtlingspolitik und Bürgerrechte, haben es die traditionellen Parteien schwerer. Die demokratische Auseinandersetzung entfällt und wird durch den Streit um moralische Positionen ersetzt. Und das könnte zum Beispiel fremdenfeindliche Parteien begünstigen.

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Aber vielleicht hat die lange ungebrochene und friedliche demokratische Entwicklung in Schweden zu einer gewissen Immunität gegen politischen Extremismus und Simplifizierungen geführt. Vor 250 Jahren, 30 Jahre vor der Französischen Revolution, veröffentlichte der Linné-Schüler Peter Forsskal seine „Gedanken über die bürgerliche Freiheit“. Das Buch gehört zu den ersten Schriften, in denen die Forderung nach Menschenrechten erhoben wurde. Obwohl der Text von der Zensur geprüft worden war, wurde er alsbald verboten. Forsskals Lehrer Linné erhielt den Befehl, sämtliche Exemplare wieder einzusammeln und einstampfen zu lassen. Er konnte aber nur einige wenige Exemplare auftreiben.

Forsskal plädierte damals für eine fast unbegrenzte politische Diskussion. Es müsse gestattet sein, auch religiöse Fragen zu diskutieren. Angriffe auf die Ehre des Einzelnen seien nur mit Argumenten, nicht aber mit Verboten zu bekämpfen. „Denn die Wahrheit siegt immer dann, wenn sie frei angezweifelt und verteidigt werden darf.“

Einige Jahre nach Erscheinen dieses Textes hat Schweden im Jahr 1766 das Gesetz über die Pressefreiheit eingeführt. Dies blieb seitdem – mit kurzen Unterbrechungen – in Geltung und hat gewiss dazu beigetragen, dass hierzulande ein so ruhiges und sachliches Diskussionsklima vorherrscht.

Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer Thomas von Vegesack ist Schriftsteller, ehemaliger Verlagsleiter von P. A. Norstedts & Soner und Vizepräsident des Internationalen PEN. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.10.2009,