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Ölzeug und Kokain

Ölzeug und Kokain

von Alice Raybaud

Der Motor dröhnt, stottert und wird langsamer. Die Sardinen zappeln ganz nah am Rumpf. Sechs Fischer lassen ihre Kaffeetassen stehen, ziehen ihr gelbes Ölzeug an, springen in die Stiefel und eilen an Deck. „Auswerfen!“, schreit Kapitän Hamon von der Brücke. Ohne abzuwarten, werfen die Matrosen der „War Raog III“, die von Concarneau ausgefahren ist, das Ringwadennetz ins Meer. Hamon beschleunigt und zieht einen Halbkreis durch die Bucht.

Die Hälfte des bretonischen Fischfangs (Schiffe und Mannschaften) wird von den 2500 Fischern des Département Finistère bestritten. In wenigen Minuten schließt sich das Netz kreisförmig um tausende Fische. Mit gebeugten Körpern und gestreckten Armen ziehen die Fischer den Schwarm ans Boot. Das Manöver muss schnell gehen: drei Mann am Heck, drei am Bug. Sie krampfen sich unter dem aufspritzenden kalten Wasser zusammen. Jeder Handgriff ist abgestimmt, der kleinste Fehltritt auf dem schwankenden Deck ist gefährlich.

Mit verzerrtem Gesicht holt Alan Daou­dal eine bleibeschwerte Leine ein. Mit weit ausgreifenden Bewegungen ordnet sein Kollege 300 Meter triefendes Netz. Am Heck zieht der Jüngste die Dutzenden von schwimmenden Bojen, die am Netz befestigt sind, eine nach der anderen an Bord. Plötzlich erscheinen die Sardinen an der Wasseroberfläche, schillern im letzten Tageslicht.

Ein riesiger, an einem Kran befestigter Kescher taucht ins Meer und hebt 300 Kilo zappelnder Sardinen heraus. Sie werden in den Laderaum gehievt, die Männer schaufeln Eis darüber. Das Manöver wiederholt sich, bis drei Tonnen Fisch geladen sind. Im Februar ist das die maximale Fangquote für die Sardinenfischer aus Concarneau. Im Sommer kann sie auf über 10 Tonnen steigen. Ein Arbeitstag beginnt häufig am Mittag und endet erst in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages, pausenlos wird das Netz ausgeworfen.

Die nächste Nacht wird hart. Bei heftigen Winden wird die „War Raog III“ Jagd auf Bastardmakrelen machen, bis der Laderaum voll ist, und erst um 5 Uhr morgens wieder in den Hafen einlaufen. Bei den Fischern gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: „Man spricht nicht viel über das Leben an Bord, die Angst, den Stress, alles, was auf dem Schiff passiert, bleibt auf dem Schiff“, erklärt Daou­dal. Mit 18 hat er das erste Mal angeheuert, schon sein Vater war Schiffsmechaniker. Wie so viele begann er auf einem Hochseetrawler. Die Fangreisen dauerten zwei Wochen, und an Bord gab es mehr als genug zu tun. Tonnenweise Fische ausnehmen, waschen, einfrieren und ins Lager räumen. „Manchmal wog ein einzelner Seeteufel 50 Kilo, man konnte ihn kaum heben“, erinnert er sich. „Ich sehe mich noch an Deck, hüfttief in Fischen stehen – das war verrückt.“

Bei scharfen Winden westlich der schottischen Küste konnte es schon mal passieren, dass das komplette Deck von einer Eisschicht überzogen war. „Natür­lich war da die Kälte, aber ich erinnere mich vor allem an die Angst“, erzählt Daou­dal. Auf der ersten Fahrt war er „sterbenskrank“, verlor 7 Kilo in zwei Wochen. „Wenn ich meilenweit vom Festland entfernt war, wollte ich am liebsten schreien: ‚Was mache ich hier? Bringt mich sofort nach Hause!‘ Aber das geht natürlich nicht, also hältst du die Klappe und klotzt ran.“ Auf den Fischabfällen, die an Deck verstreut lagen, konnte man jederzeit ausrutschen. „Immer ein Punkt, an dem man sich festhalten kann – das ist es, woran du ständig denkst.“

Von den 15 000 aktiven Fischern in Frankreich verletzen sich jedes Jahr über 1000. 2016 verzeichnete die Fischerei sogar 23 Prozent mehr Unfälle als die Baubranche und die höchste Rate an Todesfällen: Beim Fischfang sterben in Frankreich dreizehnmal mehr Menschen als in allen anderen Sparten zusammen und fünfmal mehr als auf dem Bau.

Das harte Leben der bretonischen Fischer

„Wegen des finanziellen Drucks nehmen die Fischer höhere Risiken in Kauf“, erklärt Thierry Sauvage vom Gesundheitsdienst für Seeleute (SSGM). Die Matrosen werden ebenso wie die Schiffseigner nach Anteil bezahlt. Je größer der Fang, desto höher der Verdienst. Sau­vage beaufsichtigt die etwa 50 Arbeitsmediziner, die im Auftrag des Umweltministeriums die Fischer in der Region betreuen. „Der Fisch gibt den Rhythmus vor. Wenn er da ist, muss man fischen, egal wie viele Tage man schon auf See ist, und egal ob man nur zwei Stunden geschlafen hat.“

„Der ständige Gedanke, einen schlechten Monat zu erleben, frisst dich auf“, sagt Daou­dal, der im Jahresdurchschnitt immerhin 30 000 Euro netto verdient (der französische Durchschnitt liegt in der Branche bei 35 000 Euro brutto).

Je älter das Schiff, desto höher das Unfallrisiko. Weil die jungen Eigner sich kein neues leisten können, fahren viele Fischer auf über 30 Jahre alten Booten. Das bereitet Jean-Luc Le Liboux, Leiter des Büros zur Untersuchung von Meeresunfällen, große Sorgen: „Die neuen Geräte sind zu groß für die Decks. Die Fischer haben nicht mehr genügend Platz, um sich bei Gefahr in Sicherheit zu bringen.“ Und auch wenn die Boote mit modernster Navigationstechnik nachgerüstet wurden, haben sie nicht den Komfort moderner Schiffe. „Der Lärm ist ohrenbetäubend, das beeinträchtigt auch die Ruhepausen.“ Übermüdung sei eine der Hauptursachen für Unfälle an Bord.

„Der Beruf hat mich kaputtgemacht“, sagt François Courtin. Mit 16 heuerte er als Schiffsjunge auf einem Thunfischfänger an. Im Laufe der Jahre kroch ihm der Schmerz den Rücken hoch. Er verlegte sich auf den Fang von Krustentieren und Muscheln und arbeitete wie ein Besessener, regelmäßig schuftete er drei Tage ohne Schlaf. Dann starb sein Chef, mit dem Nachfolger verstand er sich nicht. „Alles kam zusammen“, erzählt er. Bis er zusammenbrach: eine schwere Depression.

Er heuerte auf einem anderen Boot an und dachte, er könne wieder bei null anfangen. „Aber drei Monate nach meiner Einstellung fuhr mein Chef allein raus. Das Wetter war schlecht, und er kam nie zurück. Selbstmord?“ Für Courtin war das zu viel. Er hörte auf und ging in die Austernzucht.

Belastende Erinnerungen quälen viele Fischer. „In diesem Beruf ist der Anteil an posttraumatischem Stress fast so hoch wie in Risikoberufen“, sagt die Psychologin Camille Jégo. „Im Laufe ihres Berufslebens wiederholen sich die traumatisierenden Erfahrungen: Unfälle, aus dem Wasser gefischte Leichen, Schiffbruch, Piratenüberfälle.“

Viele suchen einen anderen Ausweg. In einer Studie von 2013, an der 1000 Fischer der Atlantikküste teilgenommen haben, wurden 28 Prozent positiv auf Cannabis und 4,5 Prozent positiv auf Kokain getestet. Der 45-jährige Matthieu, der heute ein geordnetes Familienleben führt, hat schon einmal alles verloren. Mit 23 nahm er das erste Mal Kokain. Irgendwann stieg er auf Heroin um. „Damit vergisst man auf einmal alle Probleme: den Arbeitsstress, die Müdigkeit, die Schmerzen im ganzen Körper.“ Wenn er am Wochenende zurückkam, wartete sein Dea­ler schon am Kai.

„Der Beruf ist hart. Wir waren Jungs, die 50 Kilo schwere Körbe schleppen mussten, genauso schwer wie wir. Aber Aufmucken ist nicht, also legt man sich einen Panzer zu und zieht sich zurück“, erzählt Matthieu. Auf See beruhigte er sich mit Subutex (einem Substitutionsmittel), an Land verbrachte er keinen Tag mehr ohne Heroin. „Zurück an Land fällt die Spannung ab: Dann machten wir Party.“ Oft ging er am Donnerstag an Land und fuhr am Montag wieder hinaus, ohne dazwischen eine Minute geschlafen zu haben, wachgehalten von Drogen und Alkohol.

Matthieu verschuldete sich. Er begann, selbst Drogen zu verkaufen, wurde verhaftet und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In der Haft machte er einen Entzug. Nach der Entlassung zog er um und kappte alle Verbindungen zu seinem früheren Umfeld. Heute, mit Mitte 40, arbeitet er noch immer als Fischer. Die Jüngeren ermuntert er, mit ihren Kräften zu haushalten. Auch wenn er weiß: „Beim Fischfang muss man immer 200 Prozent geben.“

Wegen Überfischung wurde die Hälfte der französischen Fischfangflotte mit Hilfe von Abwackprämien in den letzten 30 Jahren stillgelegt. Nach Ansicht von Robert Bou­géon, ehemals Vorsitzender des Fischereiverbands von Guilvinec, haben die Verschrottungen der 2000er Jahre aber trotz „fantastischer“ Summen, die den Reedern zur Entschädigung angeboten wurden, nicht dafür gesorgt, dass die ältesten Kähne aus dem Verkehr gezogen wurden. „Ich erinnere mich an einen Schiffseigner, dem man 800 000 Euro anbot, damit er sein erst zwei Jahre altes Boot abwracken lässt“, schimpft Bou­géon, der dachte, die nächste Generation von Seeleuten könne einmal die Sicherheits- und Komfortstandards der 2010er Jahre genießen.

Die heikle Lage der Fischer wird durch den bevorstehenden Brexit noch verschärft. Denn es ist unklar, ob die französischen Schiffe weiterhin Zugang zu den britischen Gewässern bekommen, wo sie bis zu 30 Prozent ihres Fangs einbringen. Die Attraktivität des Fischereisektors sinkt. Bis 2020 wird einer von sechs Seeleuten in Rente gehen – und es ist nicht sicher, ob er einen Nachfolger finden wird.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Alice Raybaud ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 12.12.2019, Alice Raybaud