Nach dem Brand: Brief aus dem Quartier Notre-Dame

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Nach dem Brand

Nach dem Brand: Brief aus dem Quartier Notre-Dame

von Benoît Duteurtre

Einmal hatte ich das Glück, die Steintreppe bis zur Orgel von Notre-Dame hinaufsteigen zu dürfen. Der Organist und Komponist Thierry Escaich sollte ein Konzert geben, und ich durfte mit ein paar Freunden der Probe zuhören. Wir verbrachten zwei Stunden allein unter dem riesigen Gewölbe der Kathedrale, nachdem diese für Besucher schon geschlossen hatte. Thierry spielte und improvisierte auf dem großartigen von Aristide Cavaillé-Coll geschaffenen Instrument, ich betrachtete die Emporen über dem Kirchenschiff und fand mich beglückt ins Mittelalter zurückversetzt, begegnete der Religions- und Literaturgeschichte (irgendwo hier musste Quasimodo hausen), aber auch der Geschichte der Musik, die so gegenwärtig ist in dieser Kirche.

Ich lebe seit dreißig Jahren auf der Île de la Cité und hatte immer das Gefühl, im „Quartier Notre-Dame“ zu wohnen. Wie oft habe ich mich kurz in die Kathedrale gesetzt, um die Kühle, die Weite des Raums und den Weihrauchduft zu genießen. Die zahlreichen Touristen störten mich nicht, wenn ich vorbei an Gemälden, Altarkerzen und anderen Devotionalien von einer Kapelle zur nächsten spazierte. Oft fanden im Chor Gottesdienste statt, und es war, als umringte die Kathedrale der Schaulustigen die der Frommen. Doch die Größe des Orts machte das Nebeneinander möglich. Ich bewunderte die Rosettenfenster des Querschiffs und die barocke Ausstattung des Chors, die so fremd wirken inmitten der gotischen Geometrie. Auf dem Domplatz vor der Kathedrale warf ich noch einen Blick auf den kilomètre zéro, den Fun­damentalpunkt, nach dem alle Entfernungen innerhalb Frankreichs berechnet sind.

Bei meinen unzähligen Spaziergängen lernte ich Notre-Dame aus allen Blickwinkeln zu lieben; zunächst von der Rue Chanoinesse aus, von der aus man direkt auf die Mauer mit ihren Skulpturen und Wasserspeiern zuläuft und die so ganz anders ist als die spektakuläre Perspektive, die der große, einst nach den Plänen von Hauss­mann freigeräumte Platz vor dem Hauptportal bietet. Vom linken Seine-Ufer aus offenbart die Kathedrale ihre ganze Pracht inmitten der blühenden Vegetation; im Winter überragt sie die nackten Bäume, in denen die Raben krächzen und die Spatzen tschilpen.

Von der etwas weiter entfernten Pont Sully aus gesehen erhebt sie sich wie ein Wachturm im Herzen von Paris. Und wenn man die Rue Beaubourg in Richtung Hôtel de Ville herunterkommt, scheint es, als würde sie nach und nach in die Höhe wachsen und schließlich das ganze Viertel beherrschen, als wären die umliegenden Gebäude nur kleine Gestalten am Fuße eines Ozeandampfers.

Bei schönem Wetter suche ich den Schatten des Square Jean-XXIII, eines wunderbaren Gartens vor dem steinernen Strebenwerk am Kopf der Kathedrale. Das Blätterdach schenkt dort auch im Sommer köstliche Frische, die noch durch das Plätschern des neugotischen Brunnens gesteigert wird. Dann und wann spielt im Konzertpavillon eine schwedische Blaskapelle oder ein Musikkorps der französischen Marine und verstärkt noch die Freude an der urbanen Schönheit, die mich hier auf dieser Insel inmitten der Seine erfüllt.

Im Laufe der Jahre hat sich vieles verändert. Das Viertel ist immer mehr zu einer Bastion der Tourismusindustrie geworden. Erst wurden die letzten Geschäfte in Souvenirläden und pseudofolkloristische Restaurants umgewandelt; dann kamen die privaten Fahrdienste (VTC), die Velotaxis und Doppeldeckerbusse, die Stadtrundfahrten auf Englisch anbieten. Immer mehr Asiatinnen ließen sich in Brautkleid auf dem Pont de l’Archevêché fotografieren, um die Kitschversion des romantischen Paris zu konservieren.

Die größten Veränderungen für die Bewohner des Viertels kamen jedoch nach den Attentaten, die eine systematische Kontrolle der Besucher von Notre-Dame zur Folge hatten. Lange Warteschlange bilden sich seitdem bis weit auf den Vorplatz, und ich musste auf die kurzen Pausen in den Bankreihen der Kathedrale verzichten. Immer häufiger gab es Bombenalarm, weil Taschen liegen gelassen wurden. Ich begriff, dass die Zeit der Scherze vorbei war und dass die Sicherheitsmaßnahmen keine Grenzen mehr kannten. Der Staat zeigte sich mit dem Gewehr in der Hand.

Erst kürzlich wurde meine ganze Straße gesperrt, wegen eines verdächtigen Pakets auf dem weit entfernten Domvorplatz. Ich fing an mit einer jungen Polizistin zu verhandeln, um doch zu meiner Wohnung zu gelangen, die direkt hinter der Absperrung lag. Doch die Beamtin erklärte mir schroff: „Wenn Ihnen das nicht gefällt, müssen Sie eben umziehen.“ Ähnliche Maßnahmen gelten, wenn wichtige Persönlichkeiten zu Besuch sind. Als etwa die Oba­mas mit ihren Töchtern einen Abstecher in Notre-Dame machten, konnte ich erst wieder nach Hause, als sie weg waren.

2017 präsentierten François Hollande und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo ein Projekt zur Neugestaltung der Île de la Cité. Das Viertel soll in ein Tourismus- und Geschäftszentrum umgewandelt werden, dafür sollen auch das oberste Gericht, die Polizeipräfektur und das Krankenhaus im Hôtel-Dieu weichen. Unter anderem ist geplant, den Blumenmarkt auf der Place Louis Lépine mit einer Glasglocke zu überdachen, um daraus einen Veranstaltungsort zu machen.

Die Händlerin in der Rue d’Arcole hat ihr altes, mit Zeitungen und Heiligenbildern vollgestopftes Geschäft aufgegeben. Es war das letzte Zeugnis aus einer Zeit, in der das Viertel Pilgerort war und keine Etappe zwischen Eiffelturm und Disneyland. Der Laden wurde von Häagen-Dazs aufgekauft. Erst kürzlich hat die Präfektur mehrere Tore des Square Jean-XXIII verriegelt: So will man den Taschendieben einen Fluchtweg versperren. Damit werden aber auch die Anwohner bestraft. Ich gehe seither seltener durch den Garten – dessen Brunnen übrigens fast immer trocken ist, seit die Stadt ihn nicht mehr unterhält.

Als ich Anfang April die Turmspitze hinter riesigen Gerüsten verschwinden sah, dachte ich etwas traurig, dass ich sie lange nicht wiedersehen würde. Aber die Fachleute und ihre Computerprogramme hatten sicher die richtige Entscheidung getroffen, als sie beschlossen, das zarte Gebilde zu „sichern“, das dort seit 150 Jahren aufragte. Am 15. April gegen neunzehn Uhr kam ich mit ein paar Einkäufen von der engen Rue de Bièvre auf den Quai de la Tournelle und sah hunderte Touristen, die auf dem Pont de l’Archevêché ihre Smartphones in die Höhe reckten. Selbst für einen der berühmtesten Aussichtspunkte der Welt war das Gedränge ungewöhnlich groß.

Als ich mich umdrehte, sah ich die riesigen Flammen, die an den Gerüsten loderten. Angefacht vom Wind, breitete sich der Brand aus, und mich packte eine entsetzliche Angst, die nicht von der Gefahr herrührte, sondern von der Gewalt, mit der das Feuer vor dem blauen Abendhimmel auf dem strahlenden Monument tobte. Entsetzt fragte ich mich, wie die Feuerwehrleute dort oben löschen sollten, bevor ich mich beeilte, nach Hause zu kommen, denn die Erfahrung sagte mir, dass das Viertel bald abgesperrt sein würde.

Tatsächlich trommelte die Polizei eine Stunde später an die Türen und bat alle Bewohner, sich in eine Sporthalle zu begeben und die unvermeidliche psychologische Beratungsstelle aufzusuchen. Ich stellte mich tot und verbrachte die Nacht illegal zu Hause. Allmählich bändigten die Feuerwehrleute den Brand, und die gewaltige Rauchsäule löste sich auf. Ich befand mich immer noch in Schockstarre, überwältigt von der Katastrophe, die das Herz von Paris getroffen hatte.

Während das Drama an den folgenden Tagen in Endlosschleife durch die Medien ging, verwandelte sich die Île de la Cité in eine nur noch für Anwohner zugängliche Festung. Die Metrostationen waren geschlossen. Jeder Gang wurde zum Hindernislauf. Die Sicherheitszone erstreckte sich keineswegs nur auf die direkte Umgebung von Notre-Dame; es entstanden gewaltige Staus.

Als die Pariser Bürgermeisterin und der Innenminister den Unglücksort besuchten, mussten meine Nachbarn stundenlang am anderen Ufer warten, bevor sie nach Hause gehen konnten. Da dachte ich, in was für einer seltsamen Welt wir leben, in der der Sicherheitswahn nicht verhindert, dass ein 800 Jahre alter Dachstuhl in Flammen aufgeht, und dass sich die Touristen so zahlreich wie noch nie auf den Quais drängen, um die verkohlte Kathedrale zu fotografieren, bei deren Anblick mir immer noch übel wird.

Ich tröste mich damit, dass die große Orgel wohl verschont wurde und ich sie hoffentlich wieder hören werde. Ich gehe durch die kleine Rue Massillon Richtung Kathedrale, deren mittelalterliche Mauer mit ihren Wasserspeiern dasteht, als wäre nichts geschehen. Und noch ein Trost: In den Tagen, als die Insel abgeriegelt war, öffneten zwei oder drei Touristencafés ihre Terrassen für die Anwohner und ließen ein paar Meter neben der verwundeten Kathe­dra­le einen kleinen Dorfplatz auferstehen.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Benoît Duteurtre ist Schriftsteller.

Le Monde diplomatique vom 09.05.2019, von Benoît Duteurtre

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