Brief aus Tel Aviv

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Brief aus Tel Aviv

Brief aus Tel Aviv

von Agnes Fazekas

Letztens war es mal wieder so weit: Ich unternahm eine Reise vom Südpol zum Nordpol. Eigentlich radelte ich nur am Strand entlang, gut zwanzig Minuten von Jaffa Richtung Norden – aber es fühlt sich an, als ob man den Kontinent wechselt.

Vor allem, wenn man die Strandpromenade mit den Hotelbunkern hinter sich gelassen, das bescheidene Wohnhaus von Staatsgründer Ben Gu­rion passiert hat und schließlich auf der großzügigen Ibn-Gabirol-Straße landet.

Die Gehsteige sind frisch gekehrt. Die Fassaden frei von Kabelspaghetti und illegalen Aufbauten. Hauseingänge ohne Pipi. Keine leckenden Klimaanlagen. Anstatt junger Männer, die mit ihren Handkarren den Verkehr bremsen, flanieren Eltern mit Kinderwägen zwischen Boutiquen und Cafés. Über die Kreuzungen taumeln keine Junkies, dafür wartet vor der Ausgabestelle von Israels größtem medizinischem Can­na­bis­anbie­ter eine geduldige Schlange. Oh, und es gibt einen Fahrradweg!

Hier ist Tel Aviv nicht „an manchen Tagen Asien, an anderen Afrika“, wie die Taxifahrer im Süden schimpfen, sondern Europa. Und zwar von der gutbürgerlichen Sorte. Wieso ich das alles erzähle? Weil ich am Ziel meines Ausflugs, im nördlichsten Norden, im Jarkon-Park, Zeugin wurde, wie für einen seltenen Moment die Tel Aviver Kontinentalplatten aufeinander­prallten.

Nämlich ungefähr da, wo eine Kolonie ausgebüchster Halsbandsittiche in den Baumkronen haust, vor dem Garten mit den 3500 Kaktusarten (darunter die Kaktusfeige, die den Zionisten der 1930er Jahre den „neuen israelischen Juden“ verkörperte: außen wehrhaft und zäh, innen süß).

Der Spazierweg war belagert von einer amerikanischen Jeschiwaklasse, die dort einen Sprintwettkampf austrug, Kippa im Haar festgeklammert, unter den T-Shirts baumelten die Gebetsfäden. Die Zuschauer feuerten die Sprinter auf Englisch an, der Rabbi derweil den Grill.

Dann bebte plötzlich der Rasen, und ein Trupp von gut 60 Läufern preschte mit langen Schritten durch die Rauchschwaden. Junge Frauen und Männer, die meisten dunkelhäutig. Auf Hebräisch warnten sie sich gegenseitig vor Pfützen und Unebenheiten – und waren gleich wieder hinter der Anhöhe verschwunden. Die Jeschiwaschüler schauten ihnen verdutzt nach.

Äthiopischen Juden, eritreische und sudanesische Asylsuchende, Kinder von Arbeitsmigranten aus Westafrika in einem Pulk – das sieht man hier im Norden nicht oft.

Einige der Läufer sind illegal in Israel, andere haben ein Visum, aber nicht viele Rechte. Kulturministerin Miri Regev bezeichnete sie als „Krebsgeschwür in unserem Körper“.

Obwohl sich Israel einst für die Genfer Flüchtlingskonvention starkgemacht hat, gibt es bis heute kein Asylgesetz. Stattdessen bezieht man sich auf das „Antiinfiltrationsgesetz“, das 1954 verabschiedet wurde, um palästinensische Flüchtlinge von der Rückkehr abzuhalten. 60 Jahre später wird es auf die 42 000 Asylsuchenden aus Afrika angewandt, die es ins Land geschafft haben, bevor Netanjahu 2013 an der Grenze zu Ägypten einen Zaun bauen ließ. Nur knapp ein Dutzend dieser Menschen erhielt bislang Asyl. Stattdessen lockt die Regierung abwechselnd mit Flügen in Drittstaaten – oder droht mit Gefängnis.

Auch die äthiopischen Juden sind in der Gesellschaft nahezu unsichtbar. Seit den Achtzigern wurden die „Falaschim“ von der Regierung in aufwendigen Operationen nach Israel geholt. Mit ihrer Alija, dem „Aufstieg“ ins gelobte Land, landeten sie jedoch ganz unten im Kastensystem des jüdischen Staats.

Trotz allem sind es diese Läufer aus den ärmsten Vierteln Tel Avivs, die zu internationalen Wettkämpfen unter israelischer Flagge antreten – vorausgesetzt, sie bekommen eine Reisegenehmigung. Razei HaSimta nennen sie sich auf Hebräisch, auf Deutsch „die Gassenläufer“. Sie sind Israels erfolgreichster Laufklub und rennen landauf, landab um die Anerkennung, die ihnen der Staat verweigert.

Nach dem Training setzen sie sich in den Bus, lassen den schnieken Norden hinter sich und durchfahren das Herz der Weißen Stadt rund um den Rothschildboulevard mit seinen Büro­türmen, Cafés und Nachtclubs. Schließlich queren sie die Jaffastraße, die von der Stadtautobahn bis zum alten osmanischen Uhrturm führt – ungefähr hier verläuft die Grenze der Weißen Stadt zu ihrem Schattenschlag. Man könnte auch sagen: zu ihrem Unbewussten.

Dass Jaffa das jüdische Tel Aviv einst geboren hat und später von ihm einverleibt wurde, daran erinnern sich heute nur noch Palästinenser – und jüdische Familien, deren Vorfahren lange vor der Staatsgründung aus Nordafrika oder dem Jemen eingewandert sind.

Der Legende nach wurde Tel Aviv auf Sanddünen gebaut, also aus dem Nichts erschaffen: 1909 versammelten sich 66 Familien am Strand und losten die ersten Grundstücke mit Muscheln unter sich aus. Auf dem Foto, das die Stadtgründung dokumentiert, ist tatsächlich nicht viel mehr als eine Düne zu sehen. Hätte der Fotograf jedoch nur ein wenig nach Süden geschwenkt, der hübsche Mythos wäre kaum zu halten gewesen: Dort lag nicht nur die palästinensische Hafenfeste Jaffa – auch außerhalb ihrer Stadtmauern wurde bereits fleißig gesiedelt.

Die sephardische Siedlung Neve Tzedek und das jemenitische Kerem HaTeimanin galten der europäischstämmigen Elite jedoch als zu kleingeistig und orientalisch (Plumpsklos im Garten!), sie fanden erst über ein halbes Jahrhundert später ihren Platz im offiziellen Narrativ Tel Avivs.

Zwar wurde Neve Tzedek als putziges Gründerviertel rehabilitiert, der Rest der Altstadt von Jaffa zur Touristenattraktion aufpoliert, doch das Nord-Süd-Gefälle hat sich gehalten. Oder wie der israelische Architekt Sharon Rotbard in seinem Buch „White ­City, Black City“ schreibt: Es wurde in voller Absicht konstruiert.

Tel Avivs Geburt als Weiße Stadt fand demnach erst 1984 im Museum für moderne Kunst statt, als Retrospektive auf die architektonische Geschichte der Stadt. Zuvor wäre niemand auf die Idee gekommen, die längst verwaschenen und bröckelnden Fassaden im Bauhausstil, den Architekten aus Europa in die junge Stadt brachten, als weiß zu bezeichnen.

„Die wahre Farbe dieser Stadt war immer Grau“, schreibt Rotbard, „bestenfalls bleich, im schlimmsten Fall ein ödes Einerlei.“ Was die einen bis heute als großartige Imagekampagne feiern, kritisiert er als selektives Weißwaschen der Stadtgeschichte.

Denn alles andere bleibt im Schatten, der verlässlich schluckt, was man nicht sehen will: die einfachen Häuschen von Schapira, einst von usbekischen Juden gebaut, das armselige Arbeiterviertel HaTikva und, ja, sogar der monströse Busbahnhof von Neve Sha’a­nan, sieben Stockwerke Sichtbeton, die nicht mehr abgerissen werden können, weil Tel Aviv sonst zwei Monate lang unter einer Wolke aus Staub liegen würde.

Dieser Busbahnhof war das Erste, was viele der afrikanischen Flüchtlinge von Tel Aviv sahen. Die Grenzer hatten sie im Wüstensand an der ägyptischen Grenze eingesammelt, sie in ein Lager gesperrt, registriert und dann in einen Autobus zum Bahnhof gesetzt. Dort waren sie auf sich allein gestellt. Eine hilflose Praxis, die nicht nur die Asylsuchenden bis heute in einem rechtlichen Schwebezustand gefangen hält, sondern auch den vernachlässigten Vierteln um den Bahnhof zusetzt. Und damit den Fremdenhass schürt.

Es sind diese Viertel im Süden, die viele Israelis meiden, in denen die Gassenläufer zu Hause sind und wo Tel Aviv tatsächlich ein melting pot ist. Auch wenn die Karawane der Gentrifizierung mittlerweile selbst hier angekommen ist.

Wer heute über den bunten Levinskymarkt im alten Handwerkerviertel Florentin schlendert, vorbei an den Gewürzhändlern, die vor ihren bunten Pyramiden sitzen, hat das Gefühl, die maroden Fassaden würden von einem Geflecht aus Hundeleinen und „Man Buns“ zusammengehalten. Auch die Graffiti an den Wänden haben an Subversivität eingebüßt, seit Reiseführer Touristen zum Mitsprühen animieren.

Ein Klassiker ist das Stencil mit dem bärtigen Konterfei von Theodor Herzl. „Wenn du willst, ist es kein Märchen“, erträumte er sich in seinem utopischen Roman „Altneuland“ den jüdischen Staat. In der hebräischen Übersetzung hieß das Buch „Tel Aviv“: Frühlingshügel. Es erschien 1902. Im Jahr 2019 steht unter dem Herzl-Graffiti: „Wenn ihr nicht wollt, müsst ihr nicht.“

Man kann viel in diesen Satz hineinlesen. Zynismus statt Zionismus. Auch politische Apathie wird den Tel Avivern gern vorgeworfen, dabei war die Stadt von Beginn an der Gegenpol zu Jerusalem, eine Blase der Heiterkeit im Irrsinn. Wie ein Teenager auf der Suche nach der eigenen Identität in dieser Gesellschaft der Einwanderer. Als die Briten 1938 eine Ausgangssperre verhängten, schrieb eine Zeitung: „Das erste Mal seit vielen Jahren konnte jeder Bürger behaupten: Ich bin um halb zehn ins Bett gegangen.“

Die Cafés und der Strand sind rund um die Uhr besetzt, als ob man sich nicht die Nacht in Clubs um die Ohren geschlagen hätte – oder im Drittjob. Denn natürlich muss man ganz schön „wollen“, um sich die aktuell neunt­teuerste Stadt der Welt leisten zu können.

Rümpfte man im alten linksintellektuellen Lager der Aschkenasim im Norden einst die Nase über das „orien­ta­lische“ Tohuwabohu mit seiner rechts wählenden Unterschicht rund um Jaffa, ist es nun die Vorhut der Südpioniere, die sich lustig macht über die „Zfonbonim“, die „verwöhnten Bonbons“ aus dem Norden, die links wählen – aber schön Abstand halten zum Schattenschlag ihrer Weißen Stadt.

Agnes Fazekas ist freie Journalistin in Tel Aviv.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.04.2019, von Agnes Fazekas

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