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Facebooks schöne neue Welt

Facebooks schöne neue Welt

von Eric Klinenberg

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg veröffentlichte im Februar 2017 auf der Website seines Unternehmens einen offenen Brief, in dem er den rund 2 Milliarden Nutzern die rhetorische Frage stellte: „Erschaffen wir eine Welt, wie wir sie uns alle wünschen?“

Im Zentrum des Zuckerberg’schen Weltbilds steht die Überzeugung, dass die Menschheit immer dann Fortschritte macht, wenn sie soziale und geografische Grenzen überwindet. „Die Geschichte der Menschheit erzählt davon, wie wir gelernt haben, in immer größeren Gemeinschaften zusammenzuleben – in Stämmen, Städten, Na­tio­nen“, schrieb er. „Bei jedem Schritt bauten wir eine soziale Infrastruktur auf wie Gemeinden, Medien und Regierungen, die uns befähigen, Dinge zu tun, die uns alleine unmöglich wären.“

Als CEO eines Unternehmens, das zu den profitabelsten und am schnellsten wachsenden weltweit gehört, scheut sich Zuckerberg davor, ausdrücklich Partei zu ergreifen. Aber im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 verurteilte er die „ängstlichen Stimmen, die dazu aufrufen, Mauern zu bauen und Menschen auszugrenzen, die sie als anders abstempeln“. Einige Wochen vor der Veröffentlichung seines Briefs kritisierte er Donald Trumps Erlass, Zuwanderern aus bestimmten Nahoststaaten die Einreise zu verweigern. „Wir sollten unsere Türen offen lassen für Flüchtlinge und diejenigen, die Hilfe brauchen. Das ist es, was uns ausmacht.“

Zuckerbergs Brief, den er während seines öffentlichen Disputs mit Trump veröffentlichte, sollte als Facebooks neues Leitbild den Entwurf dazu liefern, wie die Gesellschaft in einem potenziell autoritären Zeitalter neu gestaltet werden kann. „In Zeiten wie diesen ist die wichtigste Sache, die wir bei Face­book tun können, eine soziale In­fra­struk­tur zu entwickeln, um den Menschen die Macht zu geben, eine globale Gemeinschaft zu errichten, die für uns alle funktioniert“, schrieb Zuckerberg.

Er behauptete, Facebook fördere die allgemeine Gesundheit und Sicherheit, weil die Menschen mehr Dinge online täten und weil künstliche Intelligenz dazu genutzt werde, „unserer Gemeinschaft zu helfen, Probleme zu identifizieren, bevor sie auftreten“. Es gehe ihm darum, die Demokratie zu stärken, schrieb Zuckerberg, und dass Facebook den Menschen weltweit helfe, ihre Stimme zu erheben und sich zu organisieren.

Politische Teilhabe, Transparenz und Engagement im Dienste des Gemeinwohls: Gegen diese grandiose rhetorische Verpackung nimmt sich Facebooks Vision einer sozialen Infrastruktur eher fadenscheinig aus. Schließlich geht es den Technologiefirmen aus dem Silicon Valley vor allem darum, Menschen vor ihre Bildschirme zu bannen, anstatt sie zu persönlichen Begegnungen zu ermuntern. Die menschlichen Beziehungen, die wir brauchen, um Vertrauen aufzubauen und unsere Gesellschaft zu erneuern, erfordern beständige und echte soziale Interaktion, keine Likes von Online-„Freunden“.

Bei all ihrer Fokussierung auf Software-Engineering schätzen Firmen wie Facebook, Google und Apple dennoch den Wert einer realen sozialen Infrastruktur: An ihren Standorten in der Bay Area in Nordkalifornien findet man grüne Gärten, Saftbars und Restaurants, Sportplätze und Fitnessstudios, Friseursalons, Kinderkrippen, Thea­ter, Büchereien und reichlich Platz für gesellige Treffen.

Allerdings haben nur leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit farb­codierten Badges Zugang zu dieser sozialen Infrastruktur für Vergnügen und Komfort. Angestellten in niedrigeren Positionen, Zeitarbeitern oder Subunternehmern, die für die Firma kochen und putzen, oder Anwohnern aus der Nachbarschaft wird der Zutritt verwehrt. Und umgekehrt gibt es dank dieser exquisiten Infrastruktur für die Top-Level-Belegschaft keinen Grund, die lokalen kleinen Dienstleister und Geschäfte aufzusuchen, die ja eigentlich von der Niederlassung eines großen Unternehmens profitieren könnten.

Und so fragen sich die Einwohner von East Menlo Park ganz zu Recht, warum die Kommune eine Ausweitung des Facebook-Betriebsgeländes genehmigen sollte, ohne sich im Gegenzug Einnahmen für die Renovierung ihrer heruntergekommenen Schulen, Parks und Sportplätze zu sichern. Welche Maßnahmen wird Facebook gegen das Verkehrsaufkommen und die Verschmutzung ergreifen, die zwangsläufig zunehmen werden, wenn weitere tausende Mitarbeiter in die Gegend kommen? Was kann die Firma tun, um sicherzustellen, dass ihre Pläne der Gemeinschaft und nicht nur dem Unternehmen dienen? Oder ist ihr das egal?

Private Infrastruktur statt öffentlichem Leben

Der größte Nachteil im Alltag der Menschen, die in der Nähe von Konzernen wie Facebook leben, sind die Staus. Man steht im zähen Verkehr oft hinter firmeneigenen Bussen, die die Arbeitnehmer zum Campus bringen und wieder abholen. Diese Busse wurden zu einem Symbol dafür, was führende Technologiekonzerne in der ganzen Bay Area tun: Sie pflanzen der dringend erneuerungsbedürftigen öffentlichen Infrastruktur eine private Infrastruktur auf, die allein ihren Firmen nützt.

Es ist nicht erstaunlich, dass die Titanen des Silicon Valley versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass ihre Aktivitäten die Welt friedlicher, gerechter und humaner machen. Manager von Ölkonzernen, Finanz­instituten oder Automobilherstellern haben seit Jahrzehnten dasselbe behauptet. Doch inzwischen ist allgemein bekannt, worum es in diesem Spiel geht. Und es ist geradezu beleidigend, gesagt zu bekommen, dass jedes neue gewinnbringende Facebook-Produkt nur geschaffen wurde, um die Gesellschaft aufblühen zu lassen.

In seinem Brief räumt Zuckerberg drängende gesellschaftliche Probleme ein – von Isolation und Polarisierung über die wachsende Kluft in der Gesundheitsversorgung und der Bildung bis zum Klimawandel. Viele davon sind in der Bay Area sichtbar. Es ist naiv zu behaupten, dass bessere Algorithmen und Facebook-Gruppen dazu beitragen würden, in diesen Bereichen konkrete Fortschritte zu erzielen. Trotz oder eben genau wegen der Tatsache, dass die Menschen so viel Zeit im Netz verbringen, brauchen wir Orte, an denen Menschen zusammenkommen, an der Zivilgesellschaft teilhaben und stärkere soziale Bindungen schaffen können.

Zuckerberg und andere CEOs des 21. Jahrhunderts tragen nicht persönlich die Verantwortung für den beklagenswerten Zustand unserer sozialen Infrastruktur. Aber sie tun auch nichts dagegen, indem sie beispielsweise einen Teil ihres Reichtums und Einflusses dazu nutzten, Einrichtungen zu schaffen, die allen Menschen zugutekämen – und die nicht zugleich ein gewinnbringendes Projekt wären.

Der Eisenbahn- und Stahlmagnat Andrew Carnegie (1835–1919) war ein „Räuberbaron“, der gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer gewaltsam unterdrückt hat. Er ging vehement gegen die Einkommensteuer und andere Versuche der Regierung vor, soziale Ungerechtigkeit zu beheben. Aber er hat auch den Bau von 2811 Büchereien finanziert, 1679 davon in den USA. Heutige Unternehmer haben gigantische Vermögen in der neuen Informationsbranche angehäuft, aber keiner hat bisher etwas Vergleichbares getan.

Die Philantropen von heute, insbesondere in der Technologiebranche, fördern leidenschaftlich Projekte wie die Besiedlung des Weltraums oder die Unsterblichkeit. Viele dieser Initiativen zeugen von Selbstüberschätzung und Narzissmus. Komischerweise haben nur wenige CEOs aus dem Informationssektor Büchereien unterstützt, obwohl hier gerade diejenigen, die sich keinen eigenen Netzanschluss leisten können, Zugang zum Internet haben.

Außerdem sind öffentliche Bibliotheken unverzichtbarer Bestandteil einer gelebten demokratischen Kultur. Doch die Politiker, die sich der Logik der Märkte verschrieben haben, behaupten seit Jahrzehnten, dass solche Einrichtungen nicht mehr funktionierten und man besser in neue Technologien investieren sollte. Folglich wurden Büchereien die Gelder gestrichen. Sie mussten Personal abbauen, die Öffnungszeiten kürzen und konnten keine neuen Bücher, Zeitschriften und Filme mehr anschaffen.

In den meisten US-Gemeinden sind Stadtteilbüchereien in heruntergekommenen Gebäuden untergebracht. In San José, in unmittelbarer Nähe von Facebook, Google und Apple, ist das Budget der öffentlichen Bibliothek so knapp bemessen, dass Nutzer, die mit ihren Gebühren mehr als 10 Dollar im Rückstand sind, keine Bücher mehr ausleihen oder Computer benutzen dürfen. Bei 50 Dollar Schulden schaltet die Bücherei ein Inkassobüro ein.

Auch Buchläden waren schon immer mehr als nur Einzelhandelsgeschäfte. Seit Jahrhunderten sind sie Orte der Begegnung, wo man sicher sein kann, auf Menschen zu treffen, die neue Ideen zu schätzen wissen. Eine gute Buchhändlerin ist nicht nur Verkäuferin einer besonderen Ware, sie berät ihre Kunden auch und muss dafür belesen und einfühlsam sein. Es gibt Buchhandlungen, die extra Programme für Kinder und Familien anbieten, Literaturkreise für Erwachsene auf die Beine stellen und regelmäßig Autorenlesungen veranstalten.

Inzwischen gibt es zwar billigere und effizientere Möglichkeiten, Bücher zu kaufen, aber je mehr Menschen online shoppen, statt in echte Geschäfte zu gehen, desto mehr Buchläden müssen dichtmachen, und die soziale In­fra­struk­tur verkümmert. Gleiches gilt für Lebensmittelläden: Amazon und ­FreshDirect liefern auf Onlinebestellung. Und zwei ehemalige Google-Mitarbeiter haben mit Bodega (inzwischen Stockwell) 2017 ein Unternehmen gegründet, das Verkaufsautomaten aufstellt, die nach dem Bedarf der Menschen vor Ort befüllt werden und so programmiert sind, dass Kunden dort per Smartphone einkaufen können.

Solche Geschäftsmodelle stoßen allerdings auch auf Widerstand. Denn die meisten Menschen leben gern in der Nähe eines kleinen Ladens, in dem man mit dem Besitzer plaudern kann, auf Nachbarn trifft oder manchmal einfach aus seinem gewohnten Trott herausgerissen wird. Viele haben keine Lust mehr auf das beschränkte Online­leben, weil die ununterbrochene Interaktion mit dem Bildschirm die kostbaren Momente echter Begegnungen aus Fleisch und Blut zu verdrängen droht.

Aus dem Englischen von Birgit Bayerlein

Eric Klinenberg ist Professor für Soziologie an der New York University. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seinem jüngsten Buch „Palaces for the People: How Social Infrastructure Can Help Fight Inequality, Polarization, and the Decline of Civic Life“, New York (Random House) 2018.

Le Monde diplomatique vom 11.04.2019, Eric Klinenberg