Ich werde Brite

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Ich werde Brite

von Daniel Zylbersztajn

Aufgegebener Grenzkontrollposten TOBY MELVILLE/reuters
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Es war ein Sonntag in Fitzrovia, London, 1992. Natürlich beschwerte ich mich später und erhielt per Post eine Entschuldigung. Auf der Straße hatten wirklich ausgeleierte alte Möbel gestanden, die konnte ich als Student gut gebrauchen. Ich schleppte gerade einen Bürostuhl und einen Tisch in meine Wohnung, als plötzlich ein Streifenwagen neben mir stoppte. Ein Beamter erkundigte sich, was ich da täte. Auf meine klare und unschuldige Antwort erwiderte er: „Möbeldiebe brauchen wir hier nicht, gehen sie in ihr verdammtes Deutschland zurück.“ Die Polizei verlangte Zutritt zu meiner Wohnung, fand dort nichts, ließ mich aber die Möbelstücke zurücktragen. Die blieben noch Tage auf der Straße stehen.

Diese Episode ging mir durch den Kopf, als ich mich um meine zweite Staatsbürgerschaft bewarb. Ich wollte Brite werden, nachdem ich schon 28 Jahre in London gelebt hatte – zur Absicherung wegen des Brexits. Wenn ich die Bewerbung vor dem März 2019 anging, würde ich keinen Sonderantrag zur Beibehaltung der deutschen Staatsbürgerschaft stellen müssen.


Geboren bin ich in München. Meine Mutter stammt aus Holland, ihr Vater war ein deutsch-jüdischer Flüchtling. Mein Vater, ein jüdischer Holocaust-Überlebender aus Polen, verweigerte sich der deutschen Staatsbürgerschaft, bis er 70 Jahre alt wurde. Als Migranten, die sich fremd fühlten, wollten aber beide, dass ich mich in das „neue Deutschland“ integriere. So besuchte ich den katholischen Kindergarten, die staatliche Grundschule und das erzkonservative Maximiliansgymnasium. Das Studentenaustauschprogramm Erasmus brachte mich schließlich auf die britische Insel.


London, das bedeutete für mich nicht nur eine gute akademische Ausbildung, die Stadt bot mir auch eine lebhafte Musikkultur, Gemeinsamkeiten mit Menschen aus aller Welt. 1995 heiratete ich hier die Frau, mit der ich bis heute zusammenlebe. Sie wuchs in Freetown, Sierra Leone, auf und ist Nachfahrin von nach Westafrika zurückgekehrten, befreiten oder entlaufenen Sklaven aus der Karibik. Über ihren englischen Stiefvater kam sie als 16-Jährige nach Großbritannien.



Sie empfand meine bayerische Heimat stets als beklemmend. Erst kürzlich wollte in München ein Idiot sie von einer Parkbank drängen, die, wie er sagte, für weiße bayerische Arbeitslose reserviert war. Und doch ist das Vereinigte Königreich der Ort, an dem wir beide mit knallhartem Rassismus konfrontiert wurden. Diejenigen, die einst die Welt beherrschten, tun sich nun schwer mit der Anwesenheit der Welt in ihrem eigenen Land. Der aus Jamaika stammende Soziologe Stuart Hall nannte Großbritannien einmal die letzte Kolonie, die entkolonialisiert werden muss. Der Brexit beweist, dass das bisher nicht gelungen ist.

Um sich den Brexit schönzureden, sprechen manche über die britische Tradition des Handels. Über die Sklaverei, die diesen Handel am Laufen hielt, sprechen sie nicht. Und denen, die dem selbstherrlichen Geschwätz der Briten in Übersee Glauben geschenkt hatten, die Christen geworden waren, der Königin huldigten, Englisch sprachen, Tee tranken, ja, die für das Land gekämpft hatten, denen machte man nach 1945 klar, dass es einen Unterschied gebe zwischen dunklerer und hellerer Hautfarbe und dass über Privilegien der Zufall der Geburt entscheide.

Für uns, meine Frau und mich, spiegelte sich dieses Denken in zwei krassen rassistischen Angriffen wider: In Brighton wurden wir 1995 als „gemischtes Paar“ verprügelt. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten so stümperhaft, dass die beiden Täter ungeschoren davonkamen. In London griffen 2001 zwei Rassisten meine Frau aus heiterem Himmel so brutal an, dass immerhin einer von ihnen dafür hinter Gitter kam.


Etwa zur gleichen Zeit, als mich die Polizei wegen der Möbel auf der Straße zur Rede stellte, wurde mir wegen des Versuchs, einen deutschsprachigen Schreibklub zu gründen, von einer ultralinken Studentengruppe erklärt, sie würde „eine Nazivereinigung an der Uni nicht unterstützen“. Ohnehin galt ich gleich zweifach als Nazi, weil ich auch „als Zionist in Israel gelebt“ hätte. Ungerechtfertigter Hass musste in London nicht immer von rechts kommen.

Nach dem Brexit-Votum weinte meine Tochter. Sie dachte, die Briten wollten ihren deutschen Papa nicht mehr. Ich dagegen glaubte nicht, dass man uns EU-Bürgern, schon aufgrund der vielen Briten in anderen EU-Staaten, unser Bleiberecht nehmen würde. Das änderte sich im April 2018 mit dem Windrush-Skandal, als Briten aus der Karibik, die sich legal im Land aufgehalten hatten, plötzlich ihre Staatsangehörigkeit nachweisen sollten. (In Großbritannien gibt es keine Personalausweise.) Wenn Menschen, die ein Leben lang auf der Insel gearbeitet hatten und deren Identität durch Kolonialismus und Sklaverei so eng mit Großbritannien verbunden war, plötzlich so schändlich als Illegale behandelt wurden – bedeutete das nicht, dass auch mein eigener Aufenthaltsstatus äußerst fragil war und ich alles daransetzen sollte, ihn zu sichern? 


Mit dem Rechtsruck in Deutschland und der AfD im Bundestag und dem, was derzeit andernorts in Europa geschieht, war mir klar, dass meine Familie – jüdisch und westafrikanisch, deutsch und britisch – nicht so selbstverständlich und ungestört in der EU leben kann wie andere. Und auf der Insel heißt es nach wie vor, dass Respekt und Toleranz britische Werte sind. In Städten wie London, Manchester und Birmingham sind Familien wie wir normal.


Im Mai 2018 bestellte ich das Begleitbuch zum britischen Einbürgerungstest. Dieser Test ist seit 2005 der erste Schritt zur Staatsbürgerschaft. Die Darstellung britischer Geschichte in dem Buch war so schlecht, dass ich begann, alle Schwachstellen zu markieren. Im Teil über den Zweiten Weltkrieg kam der Holocaust nicht vor und die Kolonialzeit wurde völlig unkritisch abgehandelt, nicht einmal die Rolle Großbritanniens als Geburtsstätte progressiver Bewegungen wurde hervorgehoben. Schwarze Menschen kamen nur als Sportler vor. Ich beschwerte mich beim Unterhausausschuss für Staatsbürgerschaft. Monate später erklärte Innenminister Sajid Javid, er werde das Buch und den Test überholen lassen, natürlich nicht meinetwegen, sondern weil ein Bericht des Ausschusses zu einem ähnlichen Schluss gekommen war.

Ich selbst benötigte nicht mehr als 15 Minuten zur Beantwortung von 24 Fragen in einem schäbigen Ostlondoner Computerzentrum. Ich bestand. Die indische Frau, die kurz vor mir dran gewesen war, brach jedoch verzweifelt in Tränen aus.
 
Ende Oktober 2018 sendete ich meine Onlinebewerbung für die britische Staatsbürgerschaft ab und verabschiedete mich von 1330 Pfund. Innerhalb einer Woche mussten auf dem Briefweg diverse Originaldokumente nachgereicht werden – inklusive meiner biometrischen Daten.

Beim Gang zur Post traf ich zwei Labour-Anhängerinnen. Sie meinten, mit Corbyn als Premier hätte ich nicht extra Brite werden müssen. Ich verwies auf dessen lauwarme Haltung zur EU und erwähnte, dass ich Jude sei – aufgrund all der antisemitischen Vorfälle in der Partei und Corbyns kurioser Nähe zu Is­rael­hassern sei er mir nicht mehr sympathisch. Ihre Entgegnung lautete, dass Israel keinerlei Existenzrecht hätte und ein Nazistaat sei.

Ich akzeptierte, dass ich mir künftig mit diesen Menschen das Recht, Brite zu sein, würde teilen müssen. Drei Wochen dauerte es, bis meine Unterlagen zurückkamen, zusammen mit einem Schreiben des Innenministeriums. Die Staatsbürgerschaft würde mir erteilt werden, sobald ich einen Treueeid auf die Königin geleistet hätte – so will es ein 2004 beschlossenes Gesetz. Ein derartiges Gelübde war in der Vergangenheit nur von speziellen Bediensteten oder Soldaten verlangt worden.

Für mich als Journalist ist das nun etwas, das im Konflikt mit der Pressefreiheit steht. Sollte ich gegen königliche Privilegien sein oder einmal etwas gegen die Royals sagen, wäre meine Naturalisierung unwirksam, da ich dann meinen Eid gebrochen hätte. Inzwischen habe ich meinen Unterhausabgeordneten gebeten, die gesetzliche Lage für mich und andere beim Innenministerium zu prüfen.

Die 160 Pfund teure Einbürgerungs­zeremonie im Londoner Bezirk Camden begann mit 24 Minuten Verspätung. Auf einem Tisch standen zwei Utensilien, die den Eindruck erweckten, als ob sie danach gleich wieder im Schrank verschwinden würden: ein Union Jack und ein Bild der Queen. Lustlos las der Beamte eine langatmige Abhandlung über die Bezirksgeschichte vor. Es folgten der Treueeid, die Nationalhymne und das Aushändigen des Naturalisierungszertifikats. Sollte etwa dies der feierliche Eintritt in die britische Staatsbürgerschaft sein?

Wieder schrieb ich eine offizielle Beschwerde – ich bin eben immer noch Deutscher. Obwohl – bei meinem letzten Besuch in München im Januar 2019 ärgerte ich mich sehr über die Unfähigkeit meiner Landsleute, geduldig in einer Warteschlange auszuharren. Wie unzivilisiert! Oops, ich bin doch auch Brite.

Daniel Zylbersztajn ist Großbritannien- Korrespondent der taz in London.



© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.03.2019, von Daniel Zylbersztajn