Brief aus Porto Alegre

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Brief aus Porto Alegre

Brief aus Porto Alegre

von Daniel Galera

Heute ist mir bewusst geworden, dass ich seit zwei oder drei Jahren nicht mehr die Zeitungen der Stadt lese, in der ich lebe. Das ist bemerkenswert, denn ich beziehe meine Informationen aus unterschiedlichen Quellen, aus Zeitungen und Websites anderer brasilianischer Bundesstaaten und anderer Länder dieser Welt. Warum also lese ich die Zeitungen von Porto Ale­gre nicht?

Meine Beziehung zu dieser Stadt hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert. Das liegt zum Teil daran, dass sie sich verändert hat. Unser derzeitiger Bürgermeister ist einer dieser jungen Politiker, die sich rühmen, in erster Linie Manager zu sein. Seine Versuche, die öffentliche Verwaltung zu modernisieren und die massiven Finanzprobleme zu überwinden, bewirkten bisher nur, dass wir das Gefühl haben, nicht vom Fleck zu kommen – während sich die übrige Welt in schwindelerregendem Tempo verändert.

Die Stadt scheint von einem dieser Algorithmen regiert zu werden, die auch die populären sozialen Netzwerke beherrschen: Sie bevorzugen die Pasteurisierung der Kultur und die Unterwerfung menschlicher Erfahrungen unter Wirtschaftsmodelle, die auf Pu­bli­city, Puritanismus und unternehmerischen Moralbotschaften basieren – und solche Gruppen und Verhaltensmuster stärken, die sich aus dem speisen, was sie ohnehin schon wissen.

Den 1989 eingeführten „Bürgerhaushalt“, der Porto Alegre einen Platz auf der politischen Weltkarte verschaffte, hat der Bürgermeister auch abgeschafft. Die Partizipation bei Haushaltsentscheidungen war zwar immer problematisch, aber sie abzuschaffen hat Symbolkraft. Schließlich handelt es sich um die Stadt, die das Weltsozialforum mit der Botschaft „Eine andere Welt ist möglich“ ins Leben gerufen hat.

Ist eine andere Welt möglich? Die Frage hat in den letzten zwanzig Jahren eine andere Bedeutung bekommen. Die globale Erwärmung und die unerbittliche Beschleunigung des Kapitalismus garantieren uns, dass wir auf eine andere Welt zusteuern, aber es ist weder die von der Linken noch die von der Rechten erträumte. Porto Alegre zele­briert wie ganz Brasilien das Festhalten an der Welt, wie sie war – überzeugt, dass die Warnungen von Denkern und Wissenschaftlerinnen, unsere Welt sei so nicht überlebensfähig, nur eine Verschwörung sind.

In der Praxis merkt man das an einer Kunstszene, die erstickt wird, an geschwächten oder gleich abgeschafften kulturellen Institutionen, an Künstlerinnen, die von den Patrouillen der Sittenwächter verfolgt werden.

Es zeigt sich an öffentlichen Bauvorhaben, die von Unternehmen gesponsert werden: Am Ufer des Guaíba wurde kürzlich ein schönes Stadterneuerungsprojekt verwirklicht; nun erinnern alle zehn Meter Werbetafeln daran, dass dieser neue Stadtraum Uber und den Investoren gehört, die dort Häuser und Einkaufszentren errichten.

Porto Alegre wird leerer, an Menschen wie an Ereignissen, entsprechend seinem Ruf als Provinz der Mythomanen. Es gibt eine Abwanderungswelle von begabten, interessanten Menschen, die Arbeit, Aufregung und Abstand von dieser politisch-kulturellen Rückständigkeit suchen. Viele gehen nach São Paulo. Andere ins Ausland. Sie gehen nach Berlin, nach Lissabon, ins Silicon Valley.

Am traurigsten macht mich das Verschwinden der Straßenfeste, die es vor ein paar Jahren überall in der Stadt gab. Unter dem Motto „öffentliche Räume besetzen“ eroberte eine junge Generation Plätze, Straßen und Viadukte mit Bands und Aufführungen, selbst gebrautem Bier, Fahrrädern und Leuten, die allerlei Selbstgemachtes verkauften. Es gab zwar Konflikte mit der Polizei, aber im Großen und Ganzen schien diese Bewegung eher zu harmonisieren, den öffentlichen Raum zu erneuern und sicherer zu machen.

Und auf einmal ist das alles vorbei. Was ist passiert? Ich erinnere mich nicht an Repression. Eine Müdigkeit hat sich breitgemacht, vielleicht wegen der Wirtschaftskrise und des Anstiegs der Kriminalität, vielleicht auch weil die Stadt als Ganzes nicht verstanden hat, diese frische Energie aufzunehmen.

Das soll nicht heißen, dass ich im täglichen Leben nicht auch die Vorzüge der Stadt genießen würde. Ich nutze die Nähe des Farroupilha-Parks, um zu trainieren und mit dem Hund spazieren zu gehen. Ich kaufe Fleisch beim Metzger aus meinem Viertel, wo ich nach acht Jahren als Kunde endlich das Gefühl habe, dass man mich achtet. Ich besuche die kleinen Buchhandlungen, die trotz Amazon und Branchenkrise aufgemacht haben.

Aber in erster Linie kümmere ich mich um meine Tochter, die ein Jahr und zwei Monate alt ist. Die Vaterschaft verändert einen, aber nicht so, wie ich es erwartet habe. Neu ist für mich hauptsächlich das komplett andere Verhältnis zur Zeit: Durch den Schlafmangel verzerrt sich die Zeit. Mir fehlt einfach die Zeit, die ich früher hatte, um meine Ideen langsam niederzuschreiben und zu entwickeln. Aber ansonsten fühle ich mich nicht anders.

Porto Alegre hat sich verändert, ohne sich groß zu verändern. Ich habe mich auch verändert, ohne mich groß zu verändern. Vor fünf Jahren lebte ich in derselben Wohnung und konnte während einer furchtbaren Hitzewelle beobachten, wie die Stadt nach einer Periode relativen Wohlstands die Wirtschaftskrise, den Streik im öffentlichen Nahverkehr und einen Anstieg der Gewalt erlebte. Porto Alegre war wegen der Schulferien wie ausgestorben, und ich fühlte mich wie in einer apokalyptischen Filmlandschaft, verstrahlt von einer irreversiblen Katastrophe. Dieses Gefühl, das ein paar Tage anhielt und dann an Intensität verlor, gab den Anstoß zu meinem Roman „So enden wir“.

Brasilien hatte damals gerade die sogenannten Jornadas de Junho hinter sich, eine Reihe von Demonstrationen, die mit der Forderung der Linken nach kostenlosen öffentlichen Verkehrsmitteln begannen und als Massenproteste gegen die Korruption und das politische System mit zunehmend rechter Beteiligung endeten. Die seismischen Wellen führten später zur Amtsenthebung Dilma Rousseffs und kulminierten im Aufstieg der extremen Rechten und der Wahl Jair Bolsonaros (siehe Artikel auf Seite 17).

Als ich das Buch schrieb, konnte ich das alles nicht vorhersehen, und doch, glaube ich, erfasst es irgendwie die Frustration der brasilianischen Mittelschicht, die viele durchaus aufgeklärte Menschen dazu gebracht hat, für Bolsonaro zu stimmen. Für einen Mann, der Folter verherrlicht, Kultur und Bildung ablehnt, die Wissenschaft ignoriert und auf der Welle der postfaktischen Politik und des Neofaschismus surft.

Hier stehe ich nun, fünf Jahre später, an genau demselben Fenster derselben Wohnung. Es ist heiß, ziemlich heiß, aber kein Vergleich zu dem Inferno vor fünf Jahren. Auf den Straßen sind nur wenige Menschen unterwegs, vor allem abends sieht man fast nur noch Autos und Leute vom Online-Lieferservice. Heute rief mich der Geschäftsführer meiner Bank an und sagte, die Investoren hätten Vertrauen in Brasiliens Zukunft, es sei jetzt die richtige Zeit, Geld anzulegen.

In ihren ersten Tagen nach der Amtsübernahme hat die neue Regierung bereits die Grenzziehungen indigener Gebiete in die Hände des Agrobusiness gelegt, Lehrpläne aufgestellt, die sich gegen „Gender-Ideologie“ und „Kultur-Marxismus“ richten, der Presse den Krieg erklärt, einen Außenminister installiert, der an eine globale Verschwörung gegen Gott und die Familie glaubt, und ein Subjekt ins Umweltministerium gesetzt, das in der Erderwärmung ein „sekundäres Problem“ sieht. Ich bin nicht so optimistisch wie die Investoren.

Porto Alegre, früher Schauplatz meiner Geschichten, erstickt mich heute, fast kommt es mir vor wie ein Nicht-Ort in der Reihenfolge nationaler, globaler und kosmischer Ereignisse, die in Kaskaden bei Twitter erscheinen und die ich alle paar Minuten fast zwanghaft konsumiere. Das Lokale beschränkt sich auf das ganz Private. Alles andere passiert zeitgleich überall auf der Welt, zu schwindelerregend schnell, um mithalten zu können.

Die meisten meiner besten Freunde sind schon weggegangen. Ich habe nicht die Möglichkeit, das zu tun, nicht jetzt. Ich will wieder schreiben, aber meine persönlichen Anliegen und ästhetischen Vorlieben wurden vom Zauber und der Erschöpfung des Vaterseins verdrängt. Wird es in der Welt meiner Tochter noch Wälder geben? Wird sie das überhaupt noch interessieren?

Ich richte mich ein in der Stadt, auf dem Planeten, im Universum. Sie richten sich nicht nach mir. Aber meine Familie, meine Freunde, die Menschen um mich herum, das ist etwas anderes. Wir gehen gemeinsam durch diese und jede andere Welt, wir hängen voneinander ab, spürbar. Und darauf will ich meine Aufmerksamkeit richten: auf diese Art des Zusammenlebens, des Einander-Einschließens, der gegenseitigen Abhängigkeit. Werte einer anderen Welt, die sich vorzustellen lohnt. Für die zu kämpfen sich lohnt.

Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis

Daniel Galera ist Schriftsteller. Zuletzt erschien: „So enden wir“, aus dem Portugiesischen übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner, Berlin (Suhrkamp) 2018.

© LMd, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.02.2019, von Daniel Galera

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